© Sergen Canoglu

Das Buch für die Klimabewegung!

„Revolution für das Klima“. Nichts weniger als das braucht es, um die Klimakrise gerecht zu bewältigen. Christian Zeller schreibt in den Untertitel „warum wir eine ökosozialistische Alternative brauchen“ und demonstriert auf 230 Seiten umfassend seine inhaltliche Tiefe. Ein absolutes Muss für die Klimabewegung und die zeitgenössische Linke.

Liest man sich das Buch durch, merkt man, dass der Autor sich viel Mühe gegeben und an alles gedacht hat. Während viele aktuelle politische Einschätzungen zur Klimakrise naive Vorstellungen einer Zähmung des Kapitalismus postulieren, in der Wirtschaft, die Menschen und die Natur im Einklang fast nahezu so weiter machen können wie bisher, rechnet Christian Zeller mit solchen Überlegungen ab: Weder werden Emissionshandelssysteme die Klimakrise in dem notwendigen Tempo abwenden noch werden Hoffnungen in aufwändige und gefährliche technokratische Antworten auf die Klimazerstörung in Form von BECCS (Bioenergy with Carbon Capture Sequestration) gesteckt.

Die Erwärmung ist ein systemisches Problem. Ein Problem, das sich erst lösen wird, wenn die kapitalistische Wirtschaftsweise schrittweise im Jetzt überwunden wird und Konturen einer solidarischen und nachhaltigen Gesellschaftsform (Christian Zeller plädiert hierbei für den Begriff Ökosozialismus) umgesetzt werden.

Die Vielschichtigkeit des Problems

Im Gegensatz zu einigen grünliberalen Antworten reiht sich Zeller im Sinne des Konzepts der Klimagerechtigkeit ein. Verschiedene strukturelle Ungleichheiten und Machtunterschiede entlang sozialer Klassen, kolonialer und kolonisierter Staaten, Geschlechter etc. werden nicht nur in der Klimakrise mitberücksichtigt, sondern für die Bewältigung der Krise als gemeinsamer politischer Kampf begriffen.

Als Ökosozialist begreift Zeller die Wichtigkeit, dass große Teile der Lohnabhängigen gemeinsam an einem Strang ziehen müssen, um entscheidende Wirkmächtigkeit zu erlangen. Er erklärt umfassend, warum die lohnabhängige Klasse, auf die sich marxistische Theoretiker*innen traditionell berufen, im Kampf um das Klima geeint sein muss. Denn Christian Zeller sieht genau wie einige weitere sozialistische Autor*innen in der Eigentumsfrage an Produktionsmitteln den entscheidenden Hebel der Machtverschiebung. Nicht Marktmechanismen, sondern Vergesellschaftung und Demokratisierung der Produktion schaffen politischen Druck auf die herrschende Politik, um spürbar klimagerechte Forderungen umzusetzen.

Hier geht’s zu unserer dreiteiligen Reihe von Sergen Canoglu zum Grünen Kapitalismus:

Marxistische Theorie für das 21. Jahrhundert

Doch Christian Zeller liefert keine altbackene marxistische Analyse der gegenwärtigen politischen Situation, sondern schafft es, sozialistische Positionen ins 21. Jahrhundert zu befördern. So hat er selbst einen kritischen Blick auf einige sehr technologieoptimistische Sichtweisen, die in der marxistischen Linken vertreten sind. Man wird die Klimakrise nicht durch neue Technologien bekämpfen, aber weiterhin wachstumsorientierte Wirtschaftsweisen betreiben. Wiederum sagt Zeller, man solle als Klimabewegung auch keine technikfeindliche Position einnehmen, die uns zurück ins feudale Zeitalter katapultieren würde.

Weiter positioniert Zeller sich, ähnlich wie andere ökosozialistische Autoren, etwa Michael Löwy oder Daniel Tanuro, deutlich gegen autoritäre staatssozialistische Versuche im 20. Jahrhundert, die eine neue herrschende Klasse durch Parteifunktionäre etablierten. Auch wenn sie im Namen des Sozialismus undemokratisch handelten und ihre Variante der Planwirtschaft merklich scheiterte, begreift Christian Zeller das nicht als Ende sozialistischer Gesellschaftsutopien oder als eine Absage an neue Versuche planwirtschaftlicher Elemente in einer zukunftsfähigen Ökonomie.

Starke ökosozialistische Übergangsforderungen

„Der Umbau der Produktion ist zentraler Bestandteil einer ökosozialistischen Übergangsstrategie. Die Devise lautet: weniger produzieren, gerecht teilen, gemeinsam entscheiden, um besser zu leben. Einige Industrien wie die Rüstungsindustrie und weite Teile der Automobilindustrie müssen zurückgebaut werden. Dieser industrielle Um- und Rückbau ist allerdings nur durch eine gesellschaftliche Aneignung und Kontrolle auf sinnvolle Weise möglich. Unter den Bedingungen kapitalistischer Konkurrenz wären derartige Restrukturierungen mit massivem Personalabbau, der Verschwendung menschlicher Kreativität und gesellschaftlichen Einschnitten verbunden. Der industrielle Umbau hat so zu erfolgen, dass die Beschäftigten weder ihren Arbeitsplatz verlieren noch Einbußen bei den Löhnen erfahren.“ (S. 82)

In jedem Kapitel formuliert der Autor neben langfristigen nachhaltigen Forderungen, auch kurz- und mittelfristig zu erreichende realistische und effektive Klimaschutzmaßnahmen. So verliert er weder den Blick für eine solidarische postkapitalistische Gesellschaft noch den Bezug zu den realen Kämpfen und notwendigen schnellen Maßnahmen. Er verliert hierbei nicht den Blick für die unterschiedlichen strukturellen Ungleichheiten, sondern denkt diese stets mit. Abbau der Rüstungsindustrie ist eine wichtige Forderung der Friedensbewegung und für die Klimabewegung sollte dies auch wichtig sein, denn Kriege und Militarismus sind klimaschädlich, menschenfeindlich und auch eine Verschwendung finanzieller Ressourcen. Warum nicht die verschiedenen Forderungen zusammendenken, in dem die Beschäftigten aufgefangen werden und die riesigen Summen in klimapolitische Maßnahmen gesteckt werden. So verfährt Zeller im gesamten Buch.

Entscheidend für die Umsetzung der vielen Maßnahmen sind die Kräfteverhältnisse. Wie stark sind Arbeiter*innen in Gewerkschaften organisiert? Wie kämpferisch sind diese aufgestellt? Wie viele Menschen engagieren sich in der Klimabewegung? Wie sind die parlamentarischen Mehrheiten ausgerichtet? Es reicht eben nicht nur, alle vier Jahre wählen zu gehen, oder kritisch im Supermarkt zu konsumieren, sondern es bedarf einer grundsätzlichen Verschiebung der Kräfteverhältnisse zu Gunsten der vielen fortschrittlichen Kämpfe. Diese verändern sich durch das tägliche Engagement von vielen Tausenden oder Millionen Menschen, worauf es ankommt. In der Erneuerungsbewegung der Gewerkschaften wird das Konzept des Organizing, also der organisierenden und empowernden politischen Arbeit, immer mehr angewendet. Die Übertragung dieses Konzepts auf alle politischen Arbeitsfelder ist notwendig, damit sich die Gesellschaft nachhaltig verändern kann. Ein sehr richtiger Ansatz von Christian Zeller!

Lektüre für alle, die ein diffuses „System Change“ Gefühl haben

Revolution für das Klima ist ein gelungenes Buch, um gerade den neuen Aktiven in der Klimabewegung weitergehende und konkrete Maßnahmen vorzustellen. Einige werden aktiv mit dem Gefühl, dass sich sehr viel verändern muss und nicht nur ein paar Stellschrauben zu drehen sind. Genau für diese Menschen ist dieses Buch ideal geeignet. Sie werden kaum woanders eine so informierende und dezidiert realistische Einschätzung über die politische Lage, in der wir uns befinden, erhalten. Das Buch ist so ausgelegt, dass in den Basics alles Grundlegende erklärt wird, damit alle Leser*innen auf einen Stand kommen.

Das Buch enthält einen Handbuchcharakter, das Aktivist*innen der Klimabewegung zu bestimmten Themen aufschlagen und lesen können. Die vielen guten Vorschläge können kritisch in der Basisgruppe diskutiert werden. Entsprechend gut kann sie in diesem Zusammenhang verwendet werden.

Natürlich hat auch dieses Buch wie jedes andere auch Schwächen, die benannt werden müssen. Der wohl größte Kritikpunkt erscheint, dass an manchen Stellen zu viel Raum für die innermarxistische Diskussion gegeben wird. Außerhalb von belesenen langaktiven Sozialist*innen wird dieser Bereich wohl kaum Aktivist*innen interessieren. Dadurch, dass es sehr lange an manchen Stellen dauert, bis zum wichtigen Kern gelangt wird, kann es den einen oder die andere Leserin ermüden.

Meine Bitte an diese Menschen ist es: Lest weiter, es lohnt sich. Es werden noch viele gute Abschnitte folgen, die eine große Relevanz haben. Das Buch kann daher vollumfänglich empfohlen werden. Eine so gute politische Einschätzung der Klimakrise findet sich im deutschsprachigen Raum nicht so schnell wieder.

Das Buch kann man hier beim Oekom-Verlag für 22€ bestellen.

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