Der arbeitende Souverän: Prekarisierung destabilisiert die Arbeitswelt

Es ist die erfahrungsprägende Kraft der Arbeitswelt, die über unsere Einstellungen zum Gemeinwesen entscheidet. Gleichzeitig bekommt unser subjektives Empfinden erst durch Arbeit eine soziale Richtung. Diese Grundannahme wird zum Ausgangspunkt in dem neuen Buch von Axel Honneth.

In „Der arbeitende Souverän“ plädiert der Soziologe dafür, Demokratie nicht nur politisch zu verstehen. Er argumentiert vielmehr, dass Demokratie und soziale Arbeitsteilung in einem notwendigen Ergänzungsverhältnis zueinander stehen. Und so wie eine selbstbewusste Teilnahme an demokratischen Prozessen eine soziale Gleichstellung voraussetzt, so wirkt eine in Unordnung geratene, von Prekarisierung geprägte Arbeitswelt demokratiedestabilisierend.

Öffentliche Willensbildung

Insgesamt fünf Faktoren arbeitet Honneth heraus, die einer selbstbestimmten Beteiligung an demokratischen Prozessen entgegenstehen. Dazu gehört die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Menschen ebenso wie individuelle und kollektive Verhandlungsmacht. Wer Vertrauen in eine gesicherte und sorgenfreie Zukunft habe, wird auch Vertrauen in die Sinnhaftigkeit demokratischer Verfahren entwickeln können, argumentiert Honneth. Und umgekehrt gilt: Je weniger die eigene Stimme am Arbeitsplatz zählt, je eingeschränkter die Mitwirkung an der Gestaltung der Arbeitsabläufe ist und je schwächer die Bindungen an eine kooperierende Gruppe sind, desto geringer ist die Vertrautheit mit der gemeinsamen Willensbildung.

Einen dritten Faktor sieht Honneth in einem gewissen Quantum an arbeitsfreier Zeit. Schließlich ist die Beteiligung am demokratischen Prozess zeitintensiv. Honneth benennt zudem den Gehalt und den Umfang der Arbeitstätigkeiten als Voraussetzung für autonome Gestaltungskraft: Je eintöniger, intellektuell anspruchsloser und repetitiver die tägliche Arbeit sei, so argumentiert er, desto eingeschränkter die Möglichkeit, aus eigener Kraft Initiativen zur Veränderung der Lebenslage oder der gesellschaftlichen Umwelt zu ergreifen. Hinzu kommt als fünfter Punkt schließlich Selbstachtung. Ohne ein stabiles Vertrauen darauf, dass es die eigenen politischen Äußerungen wert sind, öffentlich gehört zu werden, mangele es dem Einzelnen am nötigen Zutrauen, sich an den demokratischen Auseinandersetzungen mit eigenen Beiträgen zu beteiligen.

Wirklichkeit gesellschaftlicher Arbeit

Weil aber die gesellschaftliche Arbeit so organisiert ist, wie wir sie derzeit erleben, stellt sie eine Art Gegenwelt zur politischen Demokratie dar. Die Erfahrung unkontrollierbarer Abhängigkeiten von individuellen Vorgesetzten oder anonymen Instanzen führe dazu, dass ausgerechnet die Fähigkeiten verlernt werden, die dort eigentlich gefordert sind: Empathie, Hilfsbereitschaft, Kooperation. Verschärft wurde dieser Umstand durch die Reformen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes: die Aufweichung des Kündigungsschutzes, die neuen Möglichkeiten zur befristeten Beschäftigung, die Vereinfachung von Leiharbeit. All das hat die Konkurrenz unter den Beschäftigten erhöht und Belegschaften diszipliniert.

In Verbindung mit der neuen Informationstechnologie bewirkte diese arbeitsrechtliche Entwicklung eine massive Veränderung der Arbeitswelt. Aufgrund der neuen Zeit- und Ortlosigkeit des Internets entstanden Jobplattformen, die Arbeitskräfte als rechtlich Selbständige damit beauftragten, die Wünschen der Kunden im Hinblick auf Personenbeförderung, Essens- und Paketzustellung oder Unterkunftsvermittlung zu erfüllen. Ein Prozess, der die Individualisierung der Beschäftigten beförderte. Lohnabhängige in diesen Bereichen haben immer weniger direkte, an physische Präsenz gebundene Kontakte mit denjenigen, die die gleichem, ähnliche oder benachbarte Tätigkeiten vollziehen. Diese atomisierende Tendenz der gesellschaftlichen Arbeitsteilung wird zudem durch die digitalen Möglichkeiten der Leistungsbemessung stark beschleunigt. Und neue kulturelle Deutungsmuster wie „individuelle Verantwortung“ oder „Selbstoptimierung“ versuchen die Beschäftigten zur Steigerung ihrer Produktivität zu motivieren.

Bedingungsloses Grundeinkommen

Mit dieser Sichtweise entwickelt Honneth auch einen besonderen Blick auf die Debatte um das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Die soziale Arbeitsteilung schaffe unter den Gesellschaftsmitgliedern ein Bewusstsein gemeinschaftlicher Verantwortung, argumentiert er. Wenn sie als Bezugspunkt verschwindet, wie das beim BGE der Fall ist, erlischt auch das Bestreben, sich um die Nöte und Sorgen anderer zu kümmern. Denn solange man nicht weiß, dass die Lasten und Bürden des politischen Gemeinwesens von allen Bürgern gemeinsam getragen werden, wird man auch keinen Grund haben, sich um die Belange anderer Gesellschaftsmitglieder zu kümmern. Eine demokratische Willensbildung ohne den Unterbau eines Systems geregelter Arbeitsteilung – wie die Idee des BGE sie vorsieht – wäre wie eine private Veranstaltung an der teilzunehmen ins Belieben des Einzelnen fiele. Jedem wäre es freigestellt, ausschließlich die eigenen Interessen zu verfolgen, weil es keinen objektiven Zwang mehr gäbe, diese untereinander zu koordinieren und aufeinander abzustimmen. Nur die Einbeziehung der sozialen Arbeitsteilung lässt ein Gefühl dafür entstehen, auf die anderen Gesellschaftsmitglieder angewiesen zu sein, weil man deren arbeitsteilig miteinander verzahnten Leistungen die Sicherung der eigenen Existenzgrundlagen verdankt.

Honneth hebt dabei vor allem den kooperativen Charakter von Arbeitsprozessen hervor. Neben der Schule sei der Arbeitsplatz der einzige Ort, an dem alle Gesellschaftsmitglieder gezwungen wären, Kontakte jenseits ihres Herkunftsmilieus zu unterhalten und selbst bei stärksten Meinungsverschiedenheiten gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Das Heraustreten aus den eigenen Zirkeln von Verwandtschaft, Nachbarschaft und freiwilligen Vereinigungen, schafft eine erfahrungsprägende Kraft. Arbeit vermittelt auf diese Weise ein Gefühl der sozialen Einbeziehung, das dem individuellen Leben einen gesellschaftlichen Halt verleiht. Das Zusammenwirken in der demokratischen Öffentlichkeit setzt daher ein funktionierendes System der sozialen Kooperation voraus – nur wer darin einbezogen ist, wird auch das Bewusstsein einer gemeinschaftlichen Verantwortlichkeit entwickeln können. Der Blick des BGE dagegen richte sich auf die subjektiven Präferenzen eines Individuums, ohne dabei eine soziale Richtung anzunehmen. „Ein System des bedingungslosen Grundeinkommens würde private Konsumenten, nicht aber dialogwillige und kompromissbereite Staatsbürger großziehen,“ argumentiert Honneth.

Demokratische Politik der Arbeit

Nach dieser Bestandsaufnahme fordert der Autor eine Neujustierung der sozialen Arbeitsteilung. Demokratische Gesellschaften seien um ihrer eigenen Stabilität Willen dazu angehalten, allen Beschäftigten eine aktive Mitwirkung an der öffentlichen Willensbildung zu ermöglichen. Die Arbeitswelt stellt eine krasse Gegenwelt zum Erfahrungsraum der demokratischen Öffentlichkeit dar. Daran etwas zu ändern, den Abstand zwischen der Sphäre der Arbeit und der demokratischen Praxis zu verringern, ist Aufgabe einer demokratischen Politik der Arbeit.

Sie muss die Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse in den Blick nehmen. Dabei muss sie die Arbeitsbedingungen so verbessern, dass deren Abstand zur Welt des demokratischen Handels erheblich verringert wird. Die Beschäftigten sollen schon am Arbeitsplatz beginnen können, sich als vollwertige Mitglieder eines demokratischen Gemeinwesens zu empfinden. Ohne eine Neu- oder Wiedereingliederung der Lohnarbeit in ein Normalarbeitsverhältnis mit entsprechenden rechtlichen Sicherungen, ist für Honneth jeder weitere Schritt hin zu einer demokratischen Reform des Arbeitsmarktes unmöglich.

Fazit

Honneth legt mit „Der arbeitende Souverän“ ein wichtiges Buch vor. Dessen Stärke besteht unweigerlich darin, die Welt der Arbeit zum Ausgangspunkt gesellschaftlicher Betrachtungen zu machen. Er arbeitet heraus, dass sowohl hohe Arbeitsbelastungen, wie sie etwa den Pflegekräften heute abverlangt werden, als auch die soziale Geringschätzung der Tätigkeiten, wie wir dies in den Auslieferungsberufen vorfinden, die Beteiligung an der demokratischen Willensbildung mit hohen Hürden versehen. Honneth fordert daher zu Recht, die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Beschäftigten durch sozialpolitische Maßnahmen und rechtliche Reformen sicherzustellen.

Doch Honneth läuft in die richtige Richtung, geht diesen Weg aber nicht konsequent genug weiter. Er verweist zwar auf die der Arbeitswelt zugrunde liegende, intrinsische Fähigkeit zur Kooperation und deren stabilisierende Wirkung für demokratische Gesellschaften. Seine Forderung nach der Bekämpfung der Unordnung auf dem Arbeitsmarkt, ist daher nur folgerichtig. Doch den Beschäftigten gesteht er dabei eine allenfalls passive Rolle zu. So richtig es ist, die arbeitsorganisatorischen Veränderungen einzuleiten, die die demokratische Partizipation beeinträchtigen – so richtig ist es auch, dass bereits der Kampf um die Verkürzung der Arbeitszeit, gegen Flexibilisierung und Entgrenzung oder die Kämpfe um Anerkennung Teil der Auseinandersetzungen um Teilhabe und Partizipation sind. In ihnen steckt das Verhältnis von Selbst- und Mitbestimmung: Weil beispielsweise Pflegekräften eine selbstbestimmte Ausübung ihrer Tätigkeit aufgrund der schlechten Rahmenbedingungen nicht mehr möglich ist, muss diese mitbestimmt werden. Honneth verweist zwar auf die verdichteten Arbeitsbedingungen, die geändert werden müssen, damit sich die Beschäftigten stärker am demokratischen Prozess beteiligen können. Doch dass es gerade diese Arbeitsbelastungen sind, die den Widerspruch der Pflegekräfte herausfordern, nimmt er merkwürdigerweise nicht zur Kenntnis.

Honneth fehlt der Blick für die Widersprüche. Zeigen doch gerade die Kämpfe der Pflegekräfte, der Beschäftigten in den Kindertagesstätten, der Busfahrer und Lokführer, der Beschäftigten bei Lieferando oder bei der Post auf beeindruckende Weise, dass fehlende Anerkennung bei einem Umschlag von Quantität in Qualität zur Herausbildung eines selbstbewussten Produzentenstolzes führen kann. Demokratische Beteiligung beginnt also nicht erst, wenn die Bedingungen stimmen, sondern bereits in dem Moment, in dem die Auseinandersetzung darum beginnt. Deshalb bleibt sein Hinweis darauf, dass die Lohnabhängigen zur Ausübung demokratischer Praktiken befähigt und ermutigt werden müssen, statisch und unbeweglich. Er weist ihnen keine subjektive Rolle zu. Kämpfende Beschäftigte und ihre Gewerkschaften werden gerade dadurch zum Demokratieträger in einer Gesellschaft, die durch eine jahrzehntelang eingeübte Sachzwanglogik demokratisch destabilisiert wurde. Dies gilt um so mehr, je mehr das Versagen des Marktes offensichtlich wird und die Beschäftigten zum Widerspruch herausfordert. Demokratische Beteiligung ist nichts, was von oben bereitgestellt wird. Sie ist vielmehr etwas, was durch den selbstbewussten Kampf von unten an Lebendigkeit gewinnt.

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