Religion und Feminismus: Eine unglückliche Verbindung?

3. April 2018 - 13:53 | | Gesellschaft | 0 Kommentare

Feminismus und Religion, kann das Zusammengehen? In der Regel wird den verschiedenen Religionen dieser Welt ein konservativer und rückwärtsgewandter Charakter bescheinigt. Dem gegenüber steht die aufgeklärte und emanzipierte Moderne. Doch so einfach kann man sich das Verhältnis zwischen Religion und Feminismus nicht machen. Abgesehen davon, dass Ursache und Wirkung häufig außer Acht gelassen werden, mischt man die unterschiedlichsten Ausrichtungen von Religion zusammen. Denn Religion, eine Ideologie, fußt am Ende immer auf materialistischen Bedingungen. Der Artikel soll die Debatte nicht komplett abschließen, sondern zum Einstieg in die weitere Auseinandersetzung zur Frage Religion und Feminismus dienen. 

Die unterschiedlichen Religionen dieser Welt sind in unterschiedlichen zeitlichen Epochen entstanden. In ganz bestimmten historischen Epochen. Diesen Kontext darf man bei der Entwicklung von Rechten, Pflichten und allem anderen was dem ideologischen Apparat der Religion anhängt nie außer Acht lassen. Denn wenn wir das tun, begehen wir den Fehler Errungenschaften oder Entwicklungen aus ihrem geschichtlichen Kontext zu reißen.

Kopftuch und Feminismus – geht das?

Islam

Der Islam als Religion entstand im frühen siebten Jahrhundert n.u.Z. auf der arabischen Halbinsel. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Nahost hunderte regionaler Gottheiten

 

und die unterschiedlichsten Religionen. Das Christen- und Judentum waren dabei nur zwei von vielen. So war zum Beispiel die Kaba in Mekka voller Götzen, die von unterschiedlichen Menschen der Dörfer und Städte auf der Halbinsel angebetet wurden. Als der Islam zur vorherrschenden Religion auf der arabischen Halbinsel wurde, führte er Frauenrechte ein, die zu diesem Zeitpunkt (620 n.u.Z.) undenkbar waren. Fortschritte des Korans gegenüber arabischen Religionen:

  • Frauen wurden zum Rechtssubjekt
  • Frauen durften Erben
  • Frauen hatten das Recht auf Versorgung, Scheidung und gute Behandlung
  • Frauen waren das erste Mal formal so viel Wert wie Männer
  • Sexuelle Belästigung wurde verboten
  • Wissensaneignung auch als Frau

In vielen Fällen wurden diese für damalige Zeiten fortschrittlichen Rechte schnell zurückgedreht oder schlicht ignoriert. Trotzdem kommt es auch heute darauf an, wie man den Koran liest und lesen möchte. „Nicht nur in religiösen Rechten und Pflichten sollte die Frau dem Mann gleichrangig sein.“ Ich empfehle an dieser Stell das Buch „Unter dem Schleier der Freiheit – Was der Islam zu einem wirklichen emanzipierten Frauenbild beitragen kann.“ Heute gibt es viele Muslima, die aus feministischer Überzeugung das Kopftuch tragen und religiös sind. Ihnen den Feminismus abzusprechen, ist genau das, wogegen einige dieser Frauen kämpfen: Die Bevormundung durch den Westen oder durch Männer. Wir müssen akzeptieren, dass es die Möglichkeit gibt, für sich selbst beides zu vereinen. So gibt es zum Beispiel auch die antikapitalistischen Muslime. Sie vereinen Befreiungstheologie, Marxismus und den Islam. Es gibt viele weitere Beispiele bei denen Religion auch einen progressiven Charakter annehmen kann.

Christentum

Das gleiche gilt auch für das Christentum: Nach der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments, sind Männer und Frauen gleichberechtigte Westen Gotten. Sie sind in ihrer Kombination das Abbild Gottes. Genesis 1,27: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.“ Gleich in ihren Unterschieden, ihre Würde unteilbar (Hans-Georg Zieberts: Gender in Islam und Christentum: theoretische und empirische Studien, 2010). Frauen und Männer haben in der Anfangszeit des Christentums gleichberechtigt missioniert. In Korint und Phillipi waren Frauen federführend in den Gemeinden. Die Pastorin Angela Wäffler erklärte gegenüber vielen Medien, dass es ganz darauf ankomme, wie man die Bibel lesen möchte.

Man kann sie so lesen, wie die männlich dominierte Gesellschaft es seit der Kanonisierung der Bibel vor 1.700 Jahren tut. Dies führt dazu, dass Frauen kein Rechtssubjekt sind, nicht ins Pristeramt dürften und insgesamt nicht den Männern gleichgestellt. Man kann sie jedoch auch so lesen wie in den Paulusbriefen, meint Wäffler: Ihr alle seid durch den Glauben Söhne und Töchter Gottes in Christus Jesus, es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ Im Innerreligiösen Diskurs gibt es immer wieder Christinnen und Christen die versuchen, das emanzipatorische Moment ihres Glaubens in den Mittelpunkt zu stellen. In der Realität zeigt sich dies jedoch nur bei einer kleinen Minderheit. Zumindest in der evangelischen Kirche dürfen Frauen heute die gleichen Posten bekleiden wie Männer.

Ist das Christentum nicht immer ein Instrument der Unterdrückung?

Religion und Frauenunterdrückung

Die Grundfrage: Was ist die Rolle von Religion? Kann Religion einen progressiven Charakter spielen? Meine Ausgangsthese dafür ist ja. Denn Religion kann unterschiedliche Rollen in einer Gesellschaft einnehmen. „Weil Religion zum einen ein Mittel zur Unterdrückung und zum anderen Ausdruck des Kampfs gegen Ungerechtigkeiten sein kann, konnte die Bibel eine Inspiration für Martin Luther King wie auch für rassistische Ku-Klux-Klan-Mitglieder sein. Unter Berufung auf den Koran (aber auch auf die Bibel) werden Frauen unterdrückt. Gleichzeitig ließen sich die Revolutionärinnen der arabischen Revolution aber auch vom Koran inspirieren.“ Was hat Marx zur Religion gesagt? Sein bekanntester Satz dürfte „Religion ist das Opium des Volks“ sein. Doch man muss den ganze Absatz auf „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ lesen, um ihn zu verstehen.

„Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. (…) Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist. Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks. Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks: Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.“ (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie.)

Was folgern wir daraus? Der Kampf gegen die Ideologie „Religion“ ist nie ein Kampf gegen sie selbst, sondern sollte stets den Fokus auf die gesellschaftlichen Zustände haben, aus denen sie entspringen: Not, Leid, Unterdrückung. Der Kernsatz ist daher: „Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.“

Religion und Feminismus sind miteinander verknüpfbar. Es hängt nur davon ab, wie man seine Religion ausübt. In der muslimischen, aber auch christlichen Welt, gibt es explizit Feministinnen, die sich auf Gott/Allah berufen und die Bibel bzw. der Koran neu interpretieren. Diesen Frauen in Abrede zu stellen, dass sie sich für ein progressives Weltbild einsetzen, nur weil sie gläubig sind, ist in vielen Fällen rassistisch oder sexistisch aufgeladen. Denn allzu oft sind es Männer die da sagen: „Nimm dein Kopftuch ab, ich werde dich befreien.“ Von Emanzipation hat das nichts, nur von Unterdrückung. Von Frauenunterdrückung.

Über den Autor

31 Jahre | ehemaliger Bundessprecher linksjugend [‘solid] | Wortakrobat für die Freiheitsliebe und Balkan21 | Nerd | Gutmensch | Marxist| Blogger | Youtuber in Ausbildung
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