Sex nur mit Deutschen

16. April 2018 - 12:00 | | Gesellschaft | 0 Kommentare

Auf einigen Fotos sind Frauen zu sehen, wehrhaft inszeniert vor einem Boxsack stehend. Auf anderen haben sie kleine Kinder im Arm, sticken Muster, zeigen Trachten und pralle Ausschnitte, darüber ein Instagram- Filter. Sie sind dünn, haben makellose weiße Haut und langes, wallendes Haar. Wie Eowyn aus dem Film Herr der Ringe wollen sie sein, traditionsgebunden, aber rebellisch gegen den ‚Feind‘, fruchtbar und ‚arisch‘.

Das ist das Frauenbild, das die Facebookseite „Identitäre Frauen und Mädels“ propagiert, ein Teil der neofaschistischen Identitären Bewegung (IB). Die neuen Nazis werben nicht mehr mit Slogans wie „Deutsche Frau, halte dein Blut rein“. Ihre Fotos sprechen jedoch dieselbe Bildsprache. Immer wieder fällt das Wort „Austausch“: die weiße Bevölkerung solle gegen Menschen aus anderen Weltregionen ausgetauscht werden, heißt es. Dagegen müssen die Neofaschistinnen anvögeln – natürlich mit anderen weißen Deutschen. Hierfür vermarktet die IB sogar T-Shirts mit dem Aufdruck: „Fighting for the rebirth of Europe.“ Das kann man metaphorisch lesen oder wörtlich. In jedem Fall ist Sex zwischen verschiedenen Ethnien nicht vorgesehen, das würde schließlich die Deutschen „austauschen“. Ein harmloses Wort. „Verunreinigung des Blutes“ ist wohl zu vorbelastet. Statt „Rassentrennung“ und „arisch sein“ ist nun „Ethnopluralismus“ en vogue. Klingt auch viel schöner und wissenschaftlicher, nicht ganz so nach Hitler.

Frauenverachtung im Mantel des „Feminismus“

Das Feindbild der faschistischen Frauen ist klar: es ist der ausländische Mann, der Muslim. Wenn sich der Täter eines Übergriffs als weißer Deutscher entpuppt, verschwindet die Solidarität mit der betroffenen Frau sehr schnell. Jüngst war dies im Fall der erstochenen Keira zu beobachten. Das neurechte Sammelbecken um IB, AfD und Pegida blies zum Protestmarsch. Sie nahmen an, dass der Täter ausländisch gewesen sei. Als sich herausstellte, dass es ein deutscher Mitschüler Keiras war, sagten sie die Demo ab. Keira war ihnen schlagartig egal geworden. Ihr Tod ließ sich nicht mehr instrumentalisieren. Die Statistik des Bundeskriminalamts spricht eine deutliche Sprache. Im Jahr 2016 wurden über 133.000 Menschen Opfer von sexualisierter, partnerschaftlicher Gewalt, über 80% davon Frauen. Die sexuelle Gewalt findet meist im engen Umfeld der Betroffenen statt und nicht auf einer nächtlichen Straße im migrantisch geprägten Großstadtviertel. Das ist auch der Grund, weshalb ein Großteil der Gewalt vermutlich gar nicht angezeigt wird und im Dunkeln verbleibt. Nur deutsche Frauen sind wertvoll Für die Gewalt, die an migrantischen Frauen, an schwarzen Frauen, an Frauen mit Kopftuch verübt wird, interessieren sich die Rechten nicht. Man kann erkennen, dass sie sich lediglich für einen solchen „Feminismus“ interessieren, der ihren Rassismus tarnt. Für sie sind alle migrantischen (oder migrantisch aussehenden) Männer automatisch Gewalttäter. Die migrantischen Frauen sind ihnen schlichtweg egal. Sie fordern: „Gefährder und Gewalttäter abschieben“. Und wohin? In ihre Herkunftsländer, damit sie – so der Subtext – dann dort Gewalt an Frauen verüben, wo es keine gute Gerichtsbarkeit gibt? Es geht den IB Frauen lediglich um den Schutz ihrer eigenen Privilegien. Diese nennen sie dann „Tradition“. Ein Beispiel ist Weihnachten, welches bei ihnen nicht unbedingt christlich besetzt ist, sondern lediglich als Tradition gilt. Der Zweck der Tradition: Kontakt zu den „Ahnen“ herstellen. Hier machen sich bereits erste Versatzstücke des Neuheidentums bemerkbar, wie sie auch in der NS-Zeit verbreitet waren. Es ist gar nicht das ‚christliche‘ Europa, das die Frauen der IB verteidigen wollen, es ist das heidnische Germanien, mit dem sie sich über ihre „Ahnen“, also über Blutslinien verbunden fühlen. Hier schließt sich der Kreis inhaltlich zur Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis und auf der Bildebene zu Eowyn aus Herr der Ringe .

Neofaschistinnen und Popkultur

Der Herr der Ringe hat zwar wenig mit dem historischen Germanentum oder dem christlichen Mittelalter zu tun, die Frauen der IB haben allerdings eine popkulturell geprägte, romantische Vorstellung davon. Dass ihre „Ahnen“ in dieser Zeit vermutlich arme Bäuerinnen, Mägde oder gar Sklavinnen gewesen sind, für Spielereien mit Sticken und Tracht also keine Zeit gehabt haben mögen, ist hierbei nicht der einzige Widerspruch: Ihre „Ahnen“ werden fundamental andere Klasseninteressen gehabt haben, als die adelige Obrigkeit à la Eowyn. In der Bildwelt der IB-Frauen taucht diese popkulturell inspirierte und verzerrte Vorstellung der adeligen Obrigkeit auf, weil sie selbst gerne diese Obrigkeit wären. Auch hierin zeigt sich ihr Wunsch andere zu unterdrücken, auszugrenzen und auszubeuten, um sich selbst Vorteile zu verschaffen. Geht es gegen ausländische Männer,  entwerfen die Frauen der IB das Bild der kämpferischen Boxerin. Geht es um deutsche Männer, zeichnen sie  das Bild der liebenden Mutter, heimat- und naturverbunden. Das stellen sie dann als selbstgewählt hin und präsentieren es als Gegensatz zur Unterdrückung der Frauen in der muslimischen Welt. Die IB-Frauen sind für das Patriarchat ein dankbares Instrument, den Gehorsam und das Bild der ‚arischen‘ Mutter als frei gewählt zu präsentieren, indem sie Rebellion gegen das Fremde in bestimmtem Rahmen zulassen. Frei ist daran nichts, nicht einmal für weiße, reiche, deutsche Frauen mit Hang zum Faschismus.

Über den Autor

Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)