Warum es antimuslimischer Rassismus ist und keine Islamophobie

29. August 2019 - 13:02 | | Politik | 1 Kommentare

In Deutschland wird im Kontext von Angriffen auf Muslima und Moscheen immer wieder von Islamophobie gesprochen. Der Begriff Islamophobie suggeriert allerdings, dass es sich nicht um Rassismus handelt, sondern um Angst, mit der Realität hat das wenig zu tun.

Aufgekommen ist der Begriff Islamophobie im Laufe der 1990er Jahre mit dem Fall der Sowjetunion und der daraufhin einsetzenden Debatte über Feindbilder. Samuel Huntington, einer der neokonservativen Vordenker der Bush-Ära, schrieb in seinem in den 90er Jahren erschienen Werk „Kampf der Kulturen“ (Original: Clash of Civilizations) von einem geschichtlichen Irrtum im Bezug auf den Kampf zwischen dem Westen und der Sowjetunion. Der eigentliche Feind, so Huntingtion, niemals Osteuropa gewesen, sondern die islamische Welt. Die islamische Welt, die er als homogenen Block sieht, und der Westen, den er ebenfalls als homogenen Block sieht, seien Antipole mit unüberbrückbaren Widersprüchen, die auch nicht aufgelöst werden könnten. Im Zuge der Anschläge auf das World Trade Center ist diese Debatte auch in Deutschland angekommen.

Phobie oder Rassismus

Das häufigste Argument gegen die Annahme, dass es sich um antimuslimischen Rassismus handelt, lautet: „Muslime sind keine Rasse“. Dieses Argument führt sich selbst ad absurdum, da es aus wissenschaftlicher Sicht keine menschlichen Rassen gibt, weswegen es nach dieser Logik niemals Rassismus geben könnte.

Auch der Begriff Phobie selbst ist schwierig, denn er suggeriert, dass es sich vor allem um Angst bzw. eine psychische Störung und damit ein subjektives Problem handelt. Der Hass auf Muslime und ihr Ausschluss aus dem was als zu Deutschland gehörend dargestellt wird, verdeutlicht aber, dass es sich nicht um eine subjektive Angst handelt oder eine psychische Störung, sondern um ein gesamtgesellschaftliches Problem. Eine Phobie ist darüber hinaus an konkrete Ereignisse geknüpft, die diese Angst auslösen, dass ist beim Islam und Muslimen nicht der Fall, da sie nicht nur auftritt, wenn man Muslime sieht, sondern dauerhaft vorhanden ist und geschürt wird.

Auch ist der antimuslimische Rassismus kein neues Phänomen wie manchmal angenommen, sondern basiert auf Jahrhunderte alten tradierten Vorurteilen. Diese finden ihren Ursprung teilweise noch in den Werken Martin Luthers, dessen Antisemitismus inzwischen Gegenstand Thema vieler Werke ist. Anders als früher ist es aber nicht mehr eine Übersexualisierung, die den Muslimen vorgeworfen wird, sondern antidemokratische Tendenzen, Gewaltbefürwortung und Frauenunterdrückung. Diese werden dabei all jenen vorgeworfen, die man in der „anonymen Masse“ der Muslime verortet.

Iman Attia verdeutlicht dies, mit der ideologisch geprägten Erschaffung „einer ‚islamischen Kultur‘ werden unterschiedliche soziale Gruppen, gesellschaftliche Themen, politische Positionen, kulturelle Ausdrucksformen zusammengefasst und bedeutsame Differenzen in Klassenzugehörigkeiten, politischen Positionierungen, Migrations- und Fluchtgeschichten, Herkunftsgesellschaften außer Kraft gesetzt“ (Attia).

Durch diese Erschaffung einer vermeintlich homogenen Masse werden Muslime homogenisiert. Durch die Attribute, welche ihnen zugeschrieben werden, werden sie zum Gegensatz zur sich selbst als aufgeklärt und fortschrittlich deklarierenden westlichen Kultur.

Verbreitung des antimuslimischen Rassismus

Dass der antimuslimische Rassismus auf fruchtbaren Boden trifft, zeigen nicht nur die Angriffe auf Muslima und Muslime bzw. jene die dafür gehalten werden, sondern auch alle Befragungen. So stimmten 41,4 Prozent der Deutschen im Jahr 2016 der Aussage zu „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“, das sind fünf Prozentpunkte mehr als im Jahr 2014. Gegenüber dem Jahr 2009 hatte sich die Zahl derjenigen, die die These befürworten, von 21,4 Prozent fast verdoppelt.

Einen deutlichen Anstieg gab es auch bei der Zustimmung zur Aussage „Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“. Während dieser Aussage im Jahr 2009 etwas weniger als ein Drittel der Befragten zustimmten, waren es im Jahr 2016 exakt die Hälfte der Befragten (Decker et al. 2017: 52). Der Anstieg ist allerdings weniger stark als bei der Frage der allgemeinen Zuwanderung, liegt durch das höhere Ausgangsniveau aber immer noch höher. Der Aussage „der Islam ist eine Religion der Intoleranz“ stimmten in Deutschland 52,5 Prozent der Befragten zu. Noch deutlich höher war die Zustimmung zu der Aussage, dass „die muslimischen Ansichten über Frauen, unseren Werten widersprechen“. Dieser Aussage, die direkt dem von Stuart Hall entworfnen Konzept des Othering, zugeordnet werden kann, stimmten mehr als Dreiviertel der Befragten zu.

Noch deutlicher wird es bei der Frage, ob die muslimische Kultur gut nach Deutschland passe, diese Frage bejahten nur 16,6 Prozent. Eine etwas ältere Befragung von Allensbach nach dem Verhältnis von Muslimen zur Demokratie und anderen mit der westlichen Kultur verbundenen Werte ergab auch in diesem Bereich hohe Zustimmungen. So stimmten „83 Prozent der Befragten der Aussage zu, der Islam sei fanatisch, 62 Prozent betrachteten ihn als rückwärtsgewandt, 71 Prozent als intolerant und 60 Prozent als undemokratisch“. Die Zustimmung zu Fragen, die einen direkten Gegensatz zwischen der angenommen westlichen und der zugeordneten islamischen Kultur bescheinigen, weist dabei hohe Werte auf.

Othering und medialer Diskurs

Dies geht einher mit einer medialen Darstellung, die diesem Bild in großen Teilen entspricht. Bei einer Befragung zur Darstellung von Muslimen in Medien wurden folgende Narrative in den Berichten gesehen: „Gewalt der Hauptinhalt der Narrative war, Muslime als fünfte Kolonne, sexuelle Beutejäger oder als humorlose Wesen bezeichnet wurden“.

Die für das Konzept des Othering notwendigen Eigenschaften, wie der selbstzuschreibung von positiven Eigenschaften, und der Zuschreibung von negativen für Muslime. Geht einher mit einem medialen Diskurs, der dieses Bild bestätigt und damit die Machtverhältnisse verdeutlicht. Der antimuslimische Rassismus und die Verbreitung antimuslimischer Stereotype sind in Deutschland somit kein Randphänomen, sondern in Teilen deutlich mehrheitsfähig. Die höchste Unterstützung erhalten dabei jene Fragen, die einen Zusammenhang zwischen „dem Islam“ und Gewalt/Fanatismus, Frauenfeindlichkeit und Demokratiefeindlichkeit herstellen. Der Islam und Muslime werden somit zum Widerpart einer sich selbst als aufgeklärten westlichen Gesellschaft gemacht. Der Ausschluss von Muslimen aus der eigenen Gesellschaft der Boden bereitete und die vermeintliche Unabänderbarkeit von kulturellen Widersprüchen als Fakt akzeptiert, kurz antimuslimischer Rassismus als Ideologie von Teilen übernommen und gelebt.


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Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.
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Ein Kommentar

  • 1
    Avatar Oliver Kloss says:

    Ein kluger Artikel, aber ließe sich nicht auch sagen: Die erfolgreiche Wirkung der Ideologie des islamfeindlichen Rassismus ist Islamophobie?
    Es gibt inzwischen gebildete Menschen, die trotz des geringen Anteils von Muslimen an der Bevölkerung in Deutschland ernstlich eine Bedrohung durch den „totalitären Islam“ wähnen, aber sie sähen sich nicht als Rassisten und es wäre auch nicht fair, sie als solche zu bezeichnen.
    Dabei bleibt unreflektiert, dass sich Liberalismus und Republikanismus in Europa im Kampfe gegen das Christentum durchsetzen mussten. Heute sind die Christen (von fundamentalistischen Gruppen abgesehen) überwiegend Zeitgenossen, die mit dem Grundgesetz kein Problem haben.
    Bis zum II. Vatikanum, also bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts, lehnte die Römisch-katholische Kirche offiziell aber nicht nur Liberalismus, Naturalismus, Kommunismus etc. ab, sondern ebenso die Staatsform der Republik.
    Die vielen Muslime, die froh sind, in Deutschland in einer Republik zu leben, bestimmen nicht das mediale Bild in der Öffentlichkeit.
    Samuel Huntington war als Feindbild-Produzent erstaunlich erfolgreich. Die historische Vorlage finden wir – mutatis mutandis – bei Houston Stewart Chamberlain, wobei ihm in der Konstruktion eines explizit rassistischen Clash of Civilizations nicht die Muslime, sondern die Juden als Feindbild dienten.