Antimuslimischer Rassismus wird nicht ernst genommen – Im Gespräch mit Ozan Zakariya Keskinkılıç

19. April 2019 - 12:00 | | Politik | 1 Kommentare
Ozan Zakariya Keskinkilic

Der Anschlag von Christchurch hat die dramatische Dimension des antimuslimischen Rassismus verdeutlicht und trotzdem wird antimuslimischer Rassismus immer noch nicht als wirkliches Problem gesehen. Wir haben mit dem Politikwissenschaftler und Dozenten der Alice Salomon Hochschule Berlin, Ozan Zakariya Keskinkılıç, gesprochen.

Die Freiheitsliebe: In Christchurch fand vor wenigen Wochen ein antimuslimischer Terroranschlag statt. Wie kam es dazu?

Ozan Zakariya Keskinkılıç: Es ist immer nur eine Frage der Zeit bis sich das Sagbare über eine Minderheit in das Machbare mit einer Minderheit übersetzt. Hatespeech geht Gewalttaten voraus. Wenn die Sprache verroht und die Herabwürdigung von Schwarzen, Muslimas und Muslimen, Jüdinnen und Juden, Geflüchteten sowie Sintizza und Sintis und Romnja und Roma salonfähig wird, wen wundert es da, dass Bürgerinnen und Bürger zu eigenen Mitteln und Waffen greifen, um ‚das Problem‘ selbst zu beseitigen?

Die Freiheitsliebe: Der Täter positioniert sich in seinem Manifest ganz klar islamfeindlich und antimuslimisch, handelt es sich dabei um einen Einzeltäter oder steht er in einem größeren Zusammenhang?

Ozan Zakariya Keskinkılıç: Die Tat steht eindeutig in einem größeren Zusammenhang. Das zeigt die Hassschrift, die der Attentäter unter dem Titel „der große Austausch“ im Internet veröffentlichte nur zu gut. Darin warnt er vor Invasoren aus Afrika und dem Nahen Osten. Er fantasiert von einem „Volksaustausch“ und prophezeit einen „Genozid an den Weißen“. Das ist kein ‚Christchurch-Phänomen‘. Die Rede vom Bevölkerungsaustausch genauso wie der Vorwurf, die Eliten und die Presse würden das ‚wahre Volk‘ täuschen, mit ‚den Fremden‘ unter einer Decke stecken und das Land durch Migration, Islam und Asyl zerstören wollen, begegnet uns auch in Europa und Deutschland. Genauso wie die Gewalt, die unter diesen Argumenten ihren Lauf nimmt. Antimuslimischer Rassismus tötet nicht nur in Neuseeland. Daran sollte uns der 1.Juli, der Tag gegen antimuslimischen Rassismus erinnern. Vor zehn Jahren wurde Marwa El Sherbini aus rassistischer Motivation im Dresdener Landgericht während einer Gerichtsverhandlung ermordet. Wo bleibt da der gesellschaftliche Aufschrei, wenn nicht-weiße Menschen getötet oder auf offener Straße gedemütigt und angegriffen werden, wenn ihre Unterkünfte brennen und Anschläge auf muslimische Einrichtungen verübt werden?

Die Freiheitsliebe: Ist die Einordnung als antimuslimischer Terroranschlag ein Anzeichen dafür, dass dieser inzwischen ernst genommen wird?

Ozan Zakariya Keskinkılıç: Das wäre mir neu. Warum schaffen Christchurch und andere rechtsterroristische Anschläge und der grassierende antimuslimische Rassismus in Deutschland es noch immer nicht ins Programm von Anne Will, Maischberger & Co? Die Sache wird nicht ernst genug genommen. Das hat auch die NSU-Mordserie und die mangelnde Bereitschaft, sich diesem Terror anzunehmen, wieder aufs Schmerzlichste deutlich gemacht. Den Mord an Sherbini habe ich erwähnt, wirklich bekannt ist ihr Name nur wenigen. Man begegnet einer strukturellen Ignoranz, wenn es um rassistische Gewalt geht. Musliminnen und Muslimen erlangen nur dann Aufmerksamkeit, wenn es um sie als Täter geht, nicht als Opfer. Sie müssen ‚ein Problem‘ bleiben, um von ‚unseren‘ Problemen abzulenken. Antimuslimischer Rassismus hat also auch eine Tarnfunktion, er depolitisiert soziale Konflikte und verlagert sie auf die Minderheit, um ‚uns‘ reinzuwaschen. Ihn ernst zu nehmen würde bedeuten, sich mit der eigenen Komplizenschaft auseinanderzusetzen und die gesellschaftlichen Debatten und Ausschlüsse zu hinterfragen. Das Risiko ist vielen zu groß, dass das idealisierte Selbstbild einer aufgeklärten, modernen Gesellschaft Risse bekommt.

Die Freiheitsliebe: Welche Rollen spielen antimuslimische Parteien und Organisationen bei der Zunahme des antimuslimischen Rassismus?

Ozan Zakariya Keskinkılıç: Die Extreme Rechte oder rechtspopulistische Parteien haben antimuslimischen Rassismus weder erfunden, noch halten sie ein Monopol. Im Gegenteil. Sie greifen auf etwas zurück, das ohnehin Teil der gesellschaftlichen Wissensbestände ist. Das macht sie erfolgreich. Viele der AfD-Motive sind lediglich Ausdruck von Debatten, die ohnehin existieren. Rechtspopulistinnen und Rechtspopulisten bündeln diese Erzählungen über ‚den Islam‘ in eine apokalyptische Gesamtgeschichte und schließen damit eine Lücke. Interessant ist, wie Rechtspopulistinnen und Rechtspopulisten selektiv auf ‚linke Werte‘ zurückgreifen und sich als ‚wahre Demokraten‘ inszenieren, und dasin Abgrenzung zu Musliminnen und Muslimen als Sinnbild für Gewalt, Frauenhass und Integrationsunwilligkeit. Indem Musliminnen und Muslimen kollektiv als wahre und ewige Täterinnen und Täterkonstruiert werden, können Rassismusvorwürfe abgewiesen und ‚wir‘ zu den eigentlichen Opfern erfunden werden. Das heißt antimuslimischer Rassismus fußt auf einem strategischen Dualismus: Die Dämonisierung der Anderen spiegelt ‚unsere‘ Selbstviktimisierung wieder. Antimuslimischer Rassismus präsentiert sich plötzlich als Selbstverteidigung und fordert ein Recht zur Diskriminierung der Anderen ein, um ‚unsere‘ Privilegien zu sichern.

Die Freiheitsliebe:Unterscheidet sich antimuslimischer Rassismus von anderen Formen des Rassismus in den Stereotypen die er bedient und seiner Trägerschaft?

Ozan Zakariya Keskinkılıç: Jeder Rassismus hat seine eigene Entstehungsgeschichte und ist spezifisch. Im antimuslimischen Rassismus spielen Religion und Kultur im Zusammenspiel mit Sexualität, Geschlecht und Sicherheit genauso wie das Erbe des europäischen Orientalismus eine wesentliche Rolle. Trotzdem existiert er nicht losgelöst von anderen Rassismen. In meinem Buch „Die Islamdebatte gehört zu Deutschland“ beschäftigen mich zum Beispiel das Verhältnis deutscher Islam- und Kolonialpolitik in ‚Deutsch-Ostafrika‘ und die Frage, wie antischwarze und antimuslimische Rhetoriken zusammenspielen. Aber auch welche Überschneidungen es zum Antisemitismus gibt. Schon im 15.Jahrhundert sahen sich Jüdinnen und Juden und Musliminnen und Muslimen auf der iberischen Halbinsel mit ähnlichen Stereotypen, Anfeindungen und Angriffen konfrontiert. Im Zuge der sogenannten reconquista wurde Religion mit Vorstellungen von ‚Rasse‘ verknüpft. Jüdinnen und Juden und Musliminnen und Muslimen bzw. als solche Markierte wurden ihrer vermeintlichen Abstammung nach der Illoyalität und Lüge bezichtigt. Ihnen wurde vorgeworfen, die christliche Nation zu unterwandern und zu überfremden. Motive der Übermacht und Parallelgesellschaft genauso wie Prozesse der Dämonisierung begleiten die Geschichte des Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus bis in die Gegenwart. Beide Phänomene waren und sind eng miteinander verwoben, auch wenn diese Tatsache einigen Kritikerinnen und Kritiker nicht gefallen mag. Daran ändert auch der Versuch nichts, den Antisemitismus als einzigartige Erscheinungsform von anderen zu isolieren oder den antimuslimischen Rassismus als Ausdruck einer vermeintlichen Kritik an ‚muslimischen‘ Zuständen zu relativieren. Dabei ist kein Rassismus legitim, keiner empirisch plausibel oder nachvollziehbar. Ein jeder Rassismus erfindet sein Objekt und findet Strategien, die Diskriminierung als Notwendigkeit oder Normalität zu rechtfertigen. Diese Wahrheit über die Anderen zu hinterfragen gehört zum Grundkurs des Antirassismus. Auch Deutschland muss noch seine Hausaufgaben machen.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Gespräch.

Ozan Zakariya Keskinkılıç ist Politikwissenschaftler und Dozent an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Kürzlich erschien sein Buch „Die Islamdebatte gehört zu Deutschland“.

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Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.
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