Der Clan-Begriff macht Rassismus auch für Linksliberale akzeptabel – Im Gespräch mit Mohammed Ali Charour

29. März 2020 - 12:00 | | Politik | 5 Kommentare

Neukölln gilt in Deutschland als Synonym für einen Bezirk am Rande des Bürgerkriegs, in dem kriminelle „Clans“ das Sagen hätten und aus Shisha-Bars heraus den Ton angeben. Mit der Realität hat das wenig zu tun, real ist aber die Kriminalisierung und Stigmatisierung von arabisch-, türkisch- oder kurdischstämmigen Menschen und Shisha-Bars. Wir haben mit Mohammed Ali Charour von der Initiative „Kein Generalverdacht“ über die Situation gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Du bist aktiv bei der Initiative „Kein Generalverdacht“. Was hat es damit auf sich?

Mohammed Ali Charour: Die Initiative „Kein Generalverdacht“ ist von vielen verschiedenen Neuköllnerinnen und Neuköllnern gegründet worden, die sich dagegen wehren, dass Neukölln und die arabischen, türkischen und kurdischen Menschen pauschal verurteilt und stigmatisiert werden, wie es gerade durch die Politik geschieht. Das ist so ein bisschen der Hintergrund. Wir stellen uns gegen eine Darstellung, die Menschen aus dem arabischen, türkischen oder kurdischen Raum per se zu Kriminellen macht, und Kriminalität damit zu einem ethnischen und kulturellen Problem statt einem sozialen.

Die Freiheitsliebe: Wenn man sich die mediale Berichterstattung, insbesondere vor Hanau, anschaut, dann wurde ein Bild von Neukölln als Hort der Kriminalität gezeichnet und Shisha-Bars als Orte der Integrationsunwilligkeit, die von arabischen Mackern besucht werden. Wie kommt es zu einem solchen Bild?

Mohammed Ali Charour: Diese Thematik ist schon alt, obwohl die große Mehrheit integriert und auch Teil dieses Landes ist. Es gab und gibt soziale Probleme in Neukölln und früher war Neukölln ein sozialer Brennpunkt, wobei auch das sich wandelt, obwohl darüber kaum berichtet wird. Natürlich gibt es die Problematik der 80er und 90er, als viele Menschen nach Deutschland geflüchtet sind und die Menschen wegen ihrer Statuslosigkeit nur geduldet wurden und kein Asyl erhielten. Wodurch sich Kettenduldung ergeben hat, die Kinder keine Schulpflicht hatten, das heißt niemand hat sich gemeldet und gesagt, dass die Kinder zur Schule dürfen, kein Gesundheitsamt hat sich gemeldet und die Menschen wussten nichts von ihren Möglichkeiten. Dadurch entstehen soziale Probleme. Es ist auch nicht zu leugnen, dass dies auch zu Kriminalität führen kann. Es sind aber die sozialen Verfehlungen eines Deutschlands, das eine äußerst rassistische Haltung hatte. Dies sieht man auch in Debatten um das Einwanderungsland, die erst in den 2000ern begann, als die sogenannten Gastarbeiter schon in der dritten Generation hier waren.

Dann haben wir in Neukölln das konkrete Problem, dass ein SPD-Bürgermeister, Heinz Buschkowsky, sich medial sehr gut profiliert und die sozialen Probleme medial ausgeschlachtet hat. Er hat die Menschen als Sündenböcke hingestellt, um vom eigenen Versagen abzulenken, wie den Verfehlungen im Asylsystem und der Integration, wo Menschen nur mit Gutscheinen überleben konnten. Diese Probleme werden dann einseitig ethnisch und kulturell erklärt, statt die Ursachen zu betrachten. Buschkowsky war ein Jahrzehnt Bürgermeister und hat es in der Zeit geschafft, zwei Bücher zu schreiben, in denen er Neukölln zum Kriegs- und Krisengebiet erklärt hat, statt sich der Probleme anzunehmen. Aus dem sozialen Problem wurde so die Darstellung als Kampf der Kulturen.

Die Freiheitsliebe: Du hast angesprochen, dass viele kein Asyl, sondern nur Duldungen erhielten, teilweise nur für ein oder drei Monate. Das betraf vor allem Menschen aus dem Libanon und Palästina. Daraus wurde das Narrativ der arabischen kriminellen Clans. Was sollen denn diese Clans sein und hinterfragt die Politik ihre Rolle inzwischen?

Mohammed Ali Charour: Diese Clans sind ein unglaublich deutsches Phänomen, denn der deutsche Staat hat versagt, diesen Menschen Perspektiven zu bieten, viel mehr wird ihnen Partizipation sogar verwehrt, dadurch hat der Familienbund an Einfluss gewonnen. Damit gehen auch sehr viele traurige Einzelschicksale einher.

Mit Sicherheit sind nicht alle Träger eines gewissen Nachnamens kriminell, aber der Familienname wird dann zum Merkmal von Kriminalität erklärt. Es kann auch niemand erklären, was der Unterschied von Clan und Familie ist. Der Begriff steht dabei als Äquivalent für kriminelle Südländer und er macht es wieder möglich, Rassismus auszuleben, ohne dass es direkt so wirkt. Er kaschiert aber auch ganz geschickt die eigenen Verfehlungen.

Die Freiheitsliebe: Clan ist somit ein Ersatz für den „kriminellen Araber“?

Mohammed Ali Charour: Es ist ein anderer Begriff für kriminelle Kanaken oder Südländer, das kann man aber heute nicht mehr sagen. Das schickt sich nicht mehr, insbesondere in vermeintlich liberalen Milieus. Aber wenn die Leute Clan sagen, dann haben sie das Gefühl, sie können alles sagen. Klar gibt es irgendwie Familienstrukturen, in denen es Kriminalität gibt, aber nur bei sogenannten Clans wird die ganze Familie haftbar gemacht.

Die Freiheitsliebe: Du sprichst an, dass man insbesondere in vermeintlich liberalen Strukturen sowas nicht mehr sagen kann. Unabhängig davon, ob man die Neuköllner SPD dazu zählen kann, gibt sich die rot-rot-grüne Berliner Landesregierung schon ein solches Image.

Mohammed Ali Charour: Die SPD in Neukölln, der ich auch angehöre, ist auch vielfältiger. Viele sagen, sie sei ein rechter Kreis, das kann man heute nicht mehr so sagen, unter Buschkowsky war sie das aber. Ich kenne heute viele Menschen in der SPD-Neukölln, die die Probleme nicht ethnisieren.

Die Landesregierung und der Innensenator Geisel haben einen unglaublich großen Anteil daran, dass der mediale Diskurs abgedriftet ist. Ich möchte keinen direkten Zusammenhang zu Hanau herstellen, aber man kann nicht verleugnen, dass die unzähligen Razzien in Shisha-Bars und die mediale Ausschlachtung von Ordnungswidrigkeiten und die Darstellung dessen als Kampf gegen Clans zu einem Feindbild beigetragen haben. Dadurch wurde sozusagen das Wohnzimmer von vielen jungen Menschen, die Shisha-Bar, zum Synonym für Kriminalität. Die migrantischen jungen Menschen, die sich an diesen Orten treffen können und die sich an diesen Orten wohlfühlen, weil sie sein können, wie sie sind und weil sie reingelassen werden, anders als bei Clubs, werden kriminalisiert.

Nach Hanau wurde dabei deutlich, dass Shisha-Bars auch eine Art Schutzraum sind oder waren. Durch die mediale Darstellung von Shisha-Bars, die auch die ganzen rechten Idioten tagtäglich sehen, werden sie meinen, dass in Shisha-Bars nur Kriminelle sind und dann marschiert halt einer dieser Rechten in so eine Bar und tötet junge Menschen. Der Täter von Hanau wurde gefüttert durch ein politisch inszeniertes Bild und inzwischen wird auch nicht mehr hinterfragt, was dieses rassistische Bild bedeutet.

Die Freiheitsliebe: Du hast den SPD-Innensenator angesprochen, wie verhält sich die Koalition insgesamt?

Mohammed Ali Charour: Was man leider ehrlich sagen muss, dass alle linken Parteien da nichts tun und dieses Bild von Clans in Berlin akzeptiert wird. Auch bei uns in Neukölln ist das so, zumindest wenn man bei der Linken ihre Fraktion anschaut. Aber natürlich gibt es in allen linken Parteien auch ganz viele andere Menschen, die das anders sehen.

Als Initiative versuchen wir, dieses Bild von kriminellen Clans und Arabern zu dekonstruieren. Ich bringe dieses Beispiel gerne an: Als Bruder eines Neonazis in Neukölln, ein Phänomen, was vollkommen unterbelichtet ist im Verhältnis zu dem „Clan-Phänomen“, ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch er ein Nazi wird.

Wir könnten also auch über die deutschen Clans und Nazis in Südneukölln reden, also wenn man diesen rassistischen Sprachgebrauch verwenden will.

Die Freiheitsliebe: Ihr habt gegen diesen Zustand eure Initiative gegründet, was sind eure Forderungen und wie wollt ihr gegen die Stigmatisierung vorgehen?

Mohammed Ali Charour: Die Initiative hat vor allem das Ziel, die Menschen für die Thematik zu sensibilisieren, weil die Menschen das einfach aus Medien und Politik übernehmen. Wir versuchen, dieses Stammtischwissen zu durchbrechen. Wir fordern auch Verhältnismäßigkeit, denn Gewerbekontrollen oder Kohlenstoffmonoxidkontrollen brauchen keine drei Dutzend schwer bewaffneter Polizisten mit Maschinengewehren. Ich habe in der Sonnenallee mit Geflüchteten gesprochen, die sagen, wir sind aus dem Krieg geflohen und werden jeden Freitag- oder Samstagabend mit Maschinengewehren begrüßt. Also das ist der Stand der Dinge.

Der Applaus, der von rechts kommt, ist es, was die Politik dazu verleitet. Die Ergebnisse der Ermittlungen stehen aber in keinem Verhältnis zu den Einsatzkosten. Das wird auch deutlich, wenn tausende Polizisten verwendet werden, um Kohlenstoffmonoxid zu kontrollieren.

Die Freiheitsliebe: In verschiedenen Städten gibt es Versuche, den Duldungszeitraum zu begrenzen, wie seht ihr das?

Mohammed Ali Charour: Dieses neue Migrationspaket, was beschlossen wurde, hat die Idee eines Spurwechsels völlig ad acta gelegt, das heißt Menschen, die arbeiten, können einen legalen Aufenthaltstitel erhalten, dabei wäre das sehr wichtig. Wir sehen dabei, dass das deutsche Asylsystem vollkommen versagt und es wäre daher absolut hilfreich, dass solche Möglichkeiten kommen. Wir sehen ja auch immer wieder, dass Menschen, die hier eigentlich voll integriert sind, abgeschoben werden, auch im Pflegebereich, der, wie Corona zeigt, vollkommen überlastet ist.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Gespräch.

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Über den Autor

Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.
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5 Kommentare

  • 1
    Florian G. says:

    Geht es im Leben nicht immer um Vorurteile? In den Shisha Bars sind immer nur Asylanten. Araber haben immer eine Großfamilie und sind kriminell. Und genau diese Stigmatisierung ist das Benzin im Feuer von Linken und Rechten Gruppierungen..

  • 2
    Frank Baumeister says:

    Fast alles richtig. Die Aufgeregtheiten in den sozialen Medien haben dazu beigetragen, dass fast jedes Thema heute verzerrt und hochgejazzt wird, eben auch von den sog. seriösen Medien.

    Dass der politisch überzogene Reflex auf das Problem eines stark auf Familienstrukturen bauenden Abschottungs- und Ablehnungsverhaltens problematisch ist, ist keine Frage. Dass es aber eben solches Verhalten bis hinzu organisierter quasi berufsmäßig ausgeübter Kriminalität in unverhältnismäßig hoher Zahl in bestimmbaren Gruppen gibt, auch nicht.

    Ich lebe in Essen in einem Stadtteil, in dem ich das jeden Tag erleben konnte. Dass viele Menschen um mich herum aus ihren Erfahrungen auch falsche Schlüsse gezogen haben, wird nicht dadurch korrigiert, dass inakzeptables asoziales Verhalten mit dem Hinweis auf Versagen von Staat und deutscher Gesellschaft erklärt wird.

    Das ist auch einseitig und wenig hilfreich wie das Gegenteil.

  • 3

    […] Ali Charour von der Neuköllner Initiative „Kein Generalverdacht“ macht in einem Interview aber vor allem die regierenden Parteien verantwortlich: „Diese Clans sind ein unglaublich […]

  • 4
    murtad says:

    ach ja immer dieses geseiere. wer altberliner ist der weiß ganz genau das diese ganzen reihe an problemen früher gänzlich unbekannt waren die uns jetzt dieser „diversity“import gebracht hat. und wer aus dem osten der stadt kommt, dem fällt der nachholende umbruch umso deutlicher auf.

    nur weil man jahrelang wiederholt wie schlimm „deutschland“ die orientalische migranten behandelt hat, in dem er sie nicht so gefördert hat wie sie für sich beanspruchten, wird das entschuldigende scheinargument von der angeblichen zwansläufigkeit der kriminalität nicht richtig. niemand lud sie ein und niemand wünschte sich oder forderte das sie hier ewig leben. als gäste waren sie geduldet, das war klar und offen gesagt. man hätte also freien stückes auch wieder in irgendein andere land gehen können. viele andere migrantengruppen hatten auch keine privilegien und hatten und haben sich dennoch nicht so verhalten. sie beschweren sich auch nicht. wie liberal,offen und solidarisch hätte wohl die türkische gesellschaft auf eine deutsche riesige diaspora mitten in ihrem istanbuler zentrum reagiert?

    letztens wurde eine zierliche deutsche freundin in einem nahegelegenden spätverkauf am hermannplatz von dem besitzern und seinem freund das maul blutig geschlagen, weil sie sein kommentar das sie schnell verheiratet werden müsse, konterte. anzeige hat sie als vollblut-linke nicht erstattet, denn das wäre ja rassistisch(!). so gehirngewaschen sind die deutschen mittlerweile. solche persönlichen geschichten kenn ich einige, egal ob es sich um vergewaltigercliquen oder arabische heroindealer handelt. aber wenn irgendwo eine vollverschleierte wegen ihres apartheidsfetzen angerotzt wird, wenn einer ne alberne zeichnung malt, wenn türkische faschisten mal wieder langeweile haben dann brennt die luft. das ist die realität, die ihr nie erwähnt (bewusst?) und die dann zu euren verzerrten wahrnehmungen führt, das ihr nicht versteht warum man für diese kultur in seiner stadt noch soviel jahren keine toleranz mehr aufbringen kann.

    lügt euch und uns nicht andauernd in die tasche. wer mit offenen auge durch berlin geht und weiß wie schön es früher war der lacht über diese weitere variantion peinlichen geheules, und muss deswegen trotzdem noch kein afdler sein.