Stephan Urbach: „Natürlich habe ich mir das in meiner naiven Welt anders ausgemalt.“

21. März 2015 - 17:13 | | Gesellschaft,Politik | 0 Kommentare
Foto: Peter WenzQuelle: http://herrurbach.de/presse/
Foto: Peter Wenz Quelle: http://herrurbach.de/presse/

Stephan Urbach (35) ist Netzaktivist und war bis April 2013 Mitglied bei der Piratenpartei. Er engagierte sich stark im Arabischen Frühling. Wir sprachen mit ihm über sein Engagement in Syrien und über die teilweise enttäuschende Ergebnisse des Arabischen Frühlings.

Du warst Aktivist im Arabischen Frühling. Du hast zum Beispiel sichere Internetverbindungen für Syrien hergestellt. Wie kommt man dazu, sich so zu engagieren?

Das war eher ein Zufall. Die Aktivistengruppe, in der ich damals war (Telecomix) hatte zu Menschen auf dem Tahir-Platz Kontakt. Als Mubarak das Netz abschalten ließ, war dieser Kontakt abgebrochen. Wir suchten nach einem Weg, diesen Kontakt wiederherzustellen.

Wie genau hast du im arabischen Frühling aus Deutschland aus gewirkt?

Ich habe ja nicht alleine gearbeitet, sondern mit meinen FreundInnen von Telecomix. Und zusammen haben wir halt versucht, sichere Kommunikation bereit zu stellen. Wir haben einigen Menschen, die nicht frei sprechen durften, diese Möglichkeit zurück gegeben.

Hat man Kontakt zu anderen Aktivisten? Oder arbeitet man eher alleine?

Wir haben eher alleine gearbeitet. Telecomix hatte einen strengen Kodex, was für Aktionen wir unter diesem Namen machen würden – da sind die meisten anderen Gruppen (speziell die von Anonymous) raus gefallen.

Wer liefert die Systeme für zum Beispiel das Assad-Regime, womit das Internet der Bevölkerung überwacht wird?

Das waren Geräte der US-amerikanischen Firma Bluecoat. Die hätten gar nicht da sein dürfen, da die Lieferung wegen des Embargos gegen Syrien verboten war.

Wie kann man sich die Arbeit eines Netzaktivisten vorstellen? Kann man davon leben?

Nein (lacht). Die Arbeit spielt sich in der freien Zeit ab, die man halt entweder hat oder nicht hat. Ich hatte sie damals. Und wenig Schlaf. Der syrische Bürgerkrieg geht bis heute weiter.

Hattest du dir das vorher anders vorgestellt?

Natürlich habe ich mir das in meiner naiven Welt anders ausgemalt. Vorherige Aufstände hatten schneller zu mehr oder weniger klaren Ergebnissen geführt. Dass es jetzt ein mindestens 3-Parteien-Bürgerkrieg ist, damit war nicht zu rechnen.

In manchen Ländern des Arabischen Frühlings sind die Herrscher nicht das, was sich viele in Europa erhofft haben. In Ägypten zum Beispiel ist ein ehemaliger Militärchef gewählt worden. Ist so etwas enttäuschend für Dich? Ist so etwas das, wofür du dich so engagiert hast?

Enttäuschend nicht, eher ein abgeklärtes Wahrnehmen. Es zeigt halt ganz genau, wie strukturelle Machtverhältnisse diskriminieren. In den heutigen Zeiten ändern Wahlen nicht mehr viel, deswegen sind sie ja auch erlaubt.

Du wurdest über deine Aktivität im Arabischen Frühling depressiv. Gab es einen Moment an dem du gemerkt hast: „Jetzt brauche Hilfe“?

Ja, den gab es, aber ich mag da jetzt nicht so viel drüber sagen.

Und wie konntest du dich aus der Depression befreien?

Man befreit sich nicht aus einer Depression. Man lernt damit zu leben oder eben nicht. Ich glaube, ich habe gelernt, mit ihr besser umzugehen als vorher.  

Genauer kann man das alles in meinem Buch „.NEUSTART – aus dem Leben eines Netzaktivisten“ nachlesen, das am 01.10.2015 bei Droemer-Knaur erscheint.

Über den Autor

Themenschwerpunkt: Demos (aktuell vor allem Pegida), Gesellschaft, Antisemitismus, Flüchtlinge Ich schreibe für die Freiheitsliebe, da ich auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen will. Zum Beispiel Antisemitismus. Etwas, was eigentlich seit 70 Jahren nichtmehr existieren sollte, wird wieder salonfähig. Die vielen Anschläge auf Synagogen in Deutschland beweisen das. Außerdem geht mir der Rassismus, der vielen Flüchtlingen entgegenschlägt, ziemlich auf die Nerven. Dort will ich aufklären und zeigen, dass Leute, die Asylsuchende „Sozialschmarotzer“ nennen eindeutig rechte Parolen nachplappern. Daher mag ich so Aktionen, wo Flüchtlingen mit Blumen und dem Satz „Nice to have you here“ begrüßt werden. In ihrem Herkunftsland hatten sie schon genug Leid, das muss nicht in Deutschland weitergehen!