Was ist imperiale Lebensweise?

5. April 2019 - 10:00 | | Kultur | 0 Kommentare

Das Buch ,,Imperiale Lebensweise“ von Ulrich Brand und Markus Wissen hat Frische und Impulse in die polarisierte Debatte zur Konsum– und Produktionskritik reingebracht. Während manche glauben mit kritischem Konsum die Welt verändern zu können, kritisiert die andere Seite sehr heftig diese und stellt den Nutzen gänzlich in Frage. Das Werk ist ein Versuch zu sein zwei widersprüchliche Positionen zu vereinen. Also irgendwie Kämpfe und Ansätze zu verbinden.

Eines hat das Werk schonmal bewirkt: Es hat die Debatte geöffnet, um ins Gespräch zu kommen, die verschiedenen Positionen zu verstehen und sich damit auseinanderzusetzen. Auch markiert es eine ganze Reihe an richtigen Fakten und Darstellungen von der Entwicklung der CO2 Emissionen, wie beispielsweise dem besonderen Anstieg von Kohlenstoffdioxid in der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg, der häufig als Fordismus bezeichnet wird. Was genau scheint für die Autoren imperiale Lebensweise nun zu sein?

„Der von uns vorgeschlagene Begriff der imperialen Lebensweise verweist auf die Produktions-, Distribution- und Konsumnormen, die tief in die politischen, ökonomischen und kulturellen Alltagsstrukturen und -praxen der Bevölkerung im globalen Norden und zunehmend auch in den Schwellenländern des globalen Südens eingelassen sind.“[1]

Diese Lebensweise scheint also auf bestimmte Menschen begrenzt zu sein und wird im Alltag reproduziert. Die Frage, die sich nun hier stellt, haben die Menschen heute die Möglichkeit diese Lebensweise auszuwählen oder ist sie nicht eher Ergebnis der bestehenden Produktionsverhältnisse, die durch die frühere Industrialisierung und der imperialistischen Ausbeutung und Kolonialisierung hervorgeht?

Natürlich gibt es einen unumstrittenen starken Unterschied zwischen der Konsum- und Lebensweise im globalen Norden und Süden, der auch nur deshalb überlebt, weil es ein Außen gibt, das auch die Autoren richtig beschreiben. Jedoch können einfache Menschen aus dem globalen Norden nicht aus dem System aussteigen, sondern sind darin gefangen. Was sie natürlich tun können und sollten, ist sich zu organisieren und gegen diese strukturelle Ungleichheit basierend auf der kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu rebellieren.

Die Arbeiterklasse des globalen Nordens ist nicht nur in dieser ungleichen Struktur gefangen, sondern wird durch die Eigentumsverhältnisse auch unterdrückt, welche riesige soziale und ökologische Unterschiede mit sich bringt. Wenn das reichste Prozent der Welt durchschnittlich 175mal mehr CO2 Emissionen als die ärmsten 10% produzieren, so müssen wir von riesigen Klassenunterschieden sprechen, welche sich auch in der ökologischen Zerstörung manifestieren.

Richtig beschreiben die Autoren allerdings die stabilisierende Stärke, die eine solche ,,Imperiale Lebensweise“ auch innehaben kann.[2] Uns im globalen Norden ginge es ja, trotz der ganzen hiesigen sozialen Probleme, nicht ganz so schlimm wie den Menschen im globalen Süden. So eine Position stärkt vielmehr die strukturelle globale Ungleichheit und führt mehr zu einer Bequemlichkeit und Akzeptanz herrschender Unterdrückungsverhältnisse, statt sie herauszufordern. Ein gutes Beispiel hierzu waren die Landtagswahlen im Saarland März 2017, in der die CDU auf über 40% hochkatapultierte als Reaktion auf die unruhige Weltsituation in der zwei Monate zuvor Donald Trump in den USA als Präsident gewählt wurde, sowie dem Linksblinken von Martin Schulz damals, der eine rot-rot-grüne Koalition nicht ausschloss und dadurch die CDU als Anker der Stabilität und Sicherheit wahrgenommen wurde. Eine überordentliche Zufriedenheit mit der Demokratie (73%) und die Einschätzung einer persönlich guten wirtschaftlichen Lage (CDU Wähler 91%) bescherten der CDU eine große Mobilisierung von über 28.000 Nichtwählern.[3]

„Wenn Herrschaft die Individuen nicht einfach zwingt, diszipliniert und unterdrückt, sondern an ihren Wünschen und ihrem Begehren ansetzt, dann wird sie zum Teil der individuellen Identität, formt diese und ist dadurch umso wirksamer. […] entfaltet also ihre Wirkung gerade dadurch, dass sie nicht als Herrschaft empfunden wird.“[4]

Das Konzept der imperialen Lebensweise solle laut Autoren nicht abhebend rüberkommen, ,,sondern primär auf die gesellschaftlichen Strukturen und Ungleichheitsmuster […] verweisen‘‘[5].  Eine reflektierte Ansicht auf die besser situierte Situation vieler Millionen Menschen im globalen Norden, mit dem imperialistischen Exportieren negativer ökosozialer Effekte, wie sie im Buch auch dargestellt wird, ist wichtig für eine internationalistisch agierende Linke. Soweit stellt dieses Werk eine Bereicherung für einen Selbstreflexionsprozess dar, ohne in Moralisierung zu verenden. Allerdings wird diesem Grundsatz nicht nachgegangen, sondern es lässt sich häufig ein moralisierendes Meckern auf die Konsumweisen von Menschen aus dem globalen Norden lesen. Außerdem hängt ein starker akademischer Duktus der Schreibweise dieses Werks hinterher, welches auch Markus Wissen selbst in einer Veranstaltung zu seinem Buch angab und unterstrich es sei für den akademischen Raum angedacht. Leider werden Schriften, die etwas in der Mehrheitsgesellschaft bewirken sollen, keinen großen Einfluss ausüben, sollte die Sprache abhebend und exkludierend bleiben.

Natürlich muss auch die Art und Weise des Konsumierens drastisch sich verändern, wie z.B. das Ablehnen von Plastik, einem deutlich niedrigeren Fleischkonsum oder mehr Gebrauchhandel. Innerhalb der letzten 50 Jahre hat sich der Fleischkonsum weltweit pro Kopf um 20kg bei einem Anstieg von 4 Milliarden Menschen deutlich zugenommen, deren negative ökologische Folgen bereits bekannt sind. Allerdings erlangen wir entsprechende Schritte durch kollektive Kämpfe. Gewisse Sachen in den Supermärkten beispielsweise müssten einfach verboten sein und gar nicht erst erwerbbar sein. Ich würde sogar sagen die sogenannte imperiale Lebensweise geht zum Teil mit kritischem Konsumieren einher, wenn es darum geht, individuelle Entscheidungsfreiheit in der Konsumweise zu verteidigen.

Insgesamt leidet jenes Buch an einem unrealistischen Optimismus in die sogenannten Konsumentenmacht, sowie an seiner stark akademischen Sprache. Trotzdem lohnt es sich das Buch zu lesen, um stärker mit der strukturellen Ungleichheit auseinanderzusetzen, jedoch wohlwissend, dass Veränderung im größeren Maße nur kollektiv im Wechsel der Wirtschaftsweise ändert, als auf individueller Freiwilligkeit.


[1] Brand, Ulrich/ Wissen, Markus: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeit-en des globalen Kapitalismus, München 2017, S. 44.

[2] Vgl. ebd. S. 13. ,,Gleichzeitig trägt sie aber dort, wo sich ihr Nutzen konzentriert, zur Stabilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse bei“.

[3] 2017 Saarland. Umfragen Ansichten zur Gesellschaft, in: Tagesschau: https://wahl.tagesschau.de/wahlen/2017-03-26-LT-DE-SL/umfrage-gesellschaft.shtml.

[4] Vgl. Imperiale Lebensweise, S. 58.

[5] Vgl. ebd. S. 65.

Über den Autor

Avatar
Aktivist bei DieLinke.SDS Köln und zurzeit bedingt durch das Auslandssemester bei Anticapitalistas Granada. Meine Themenschwerpunkte liegen bei Kapitalismus vs. Klima und aktuelles über die Türkei und Spanien. Mitglied bei: DIE LINKE, DieLinke.SDS, marx21, Bewegungslinke, GEW
Ihr findet mich auf: Facebook