Einen Palästinenser-Staat wird es nicht geben – Ziyad Clot

8. April 2019 - 12:00 | | Kultur | 0 Kommentare

“Ich habe ein El-Al-Ticket gekauft. Ziel Ben-Gurion-Flughafen, Tel Aviv, Israel. Vor sechzig Jahren ist meine Mutter nur wenige Dutzend Kilometer davon entfernt geboren worden. In Haifa, in Palästina.” So lauten die ersten Zeilen in dem Buch “Einen Palästinenserstaat wird es nicht geben – Tagebuch eines Unterhändlers” von Ziyad Clot, der 1977 als Enkel palästinensischer Flüchtlinge in Frankreich geboren, wurde heute in Paris lebend, die Geschichte seiner Rückkehr nach Palästina.

Ziyad Clot dürfte manchen LeserInnen bekannt sein, denn er ist der Whistle-Blower der PLO. Sein Name ist  auf ewig verbunden mit den Palestine Papers, jenen Papieren, die die Handlungsunwilligkeit der israelischen Regierung zeigten und weltweit für Aufsehen sorgten. Ziyad Clot ist französischer Jurist mit Schwerpunkt Wirtschaftsrecht und wechselte von einer Pariser Großkanzlei an den Verhandlungstisch des arabisch-israelischen Konfliktes.

Quälende Durchsuchungen

Ziyad Clot flog 2007 nach Palästina um an der Uni von Bir-Zeit zu unterrichten, so zumindest sein Plan. Bevor er allerdings die Möglichkeit erhält in die Heimat seiner Mutter zu fliegen, muss er sich noch einem quälenden Kreuverhör der El-Al (der israelischen Fluggesellschaft stellen). Ein Verhör, das so lange dauert, dass er seinen ersten Flug nach Tel Aviv verpasst und 2 Tage später erst seine Reise antreten kann. Ein Kreuverhör, dem eine Leibesvisitation folgt, die verhindert, dass er seinen Vater nochmal umarmen kann, bevor er sich auf dem Weg zum Flugzeug macht.

Kaum in Tel Aviv angekommen, beginnt er eine Reise nach Jerusalem. In Jerusalem versucht er die Orte der Stadt zu besichtigen, ein Vorhaben, welches ihm auch gelingt, bis er sich den Felsendom anschauen möchte. Der Ort, an dem auch Touristen die Auswirkungen der zweiten Intifada betrachten können und der Ziyad zu folgendem Zitat hinreisen lässt: „Nach dem zu urteilen, was ich seit meiner Ankunft gesehen und erlebt habe, scheint die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Palästinenser eher durch das militärisch definierte Vorgehen der Israelis bestimmt zu sein. Israel ignoriert und verletzt seine internationalen Verpflichtungen und diktiert mit dieser extremen Politik zugleich die gesamten Bedingungen des palästinensischen Lebensalltags. Der neue Friedensprozess änderte daran wenig, eher im Gegenteil.“

Seine Idee an der Universität von Bir-Zeit zu unterrichten, scheint unmöglich nach einem Vorstellungsgespräch beim Dekan. Stattdessen wird er aber eine Anstellung bei der „Einheit zur Unterstützung der Verhandlungen“ („Negotiations Support Unit“ oder NSU) der PLO erhalten. Dort entscheidet er sich für die Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsfrage. Ein Thema, das ihn in den Libanon bringt, jenes Land, das die meisten palästinensischen Flüchtlinge aufgenommen hat.

Ankunft im Libanon – Sabra und Schatila

Der Libanon, jenes Land in das die Familie seiner Mutter während der Nakba flüchtet und das er schon öfters besuchte, ist die Heimat der weltweit bekanntesten Flüchtlingslager, Sabra und Schatila. Sabra und Schatila sind weltweit bekannt wegen dem Massaker, welches christliche Milizen mit Genehmigung des israelischen Militärs dort anrichteten. Schatila ist der Ort den Ziyad besucht um sich mit der Flüchtlingsfrage auseinanderzusetzen, ein Ort der ihn wegen seinem Elend entsetzt. Die Situation der Flüchtlinge hat sich dabei nicht geändert, wie Ziyad feststellt, während er den “Gerechten unter den Völkern” Folke Bernadotte zitiert, der Juden half während des Holocausts zu flüchten und sich später für das Rückkehrrecht der Palästinenser stark machte, bevor er von israelischen Soldaten erschoßen wurde.

 Rückkehr nach Ramallah Seine Rückkehr nach Ramallah stimmt ihn dabei eher negativ, denn die Folgen des Friedensvertrags von Oslo, sind unübersehbar. Die israelischen Siedlungen breiten sich aus, immer  Check-Points werden gebaut, an denen die Palästinenser stundenlang warten müssen. Immer mehr Menschen verlieren das Vertrauen, jedoch nicht die Hoffnung, wie der berühmte Dichter Mahmud Darwish beschreibt. Ziyad erinnert sich, dass die israelischen Ministerpräsidenten sich zwar rhetorisch für einen Palästinenserstaat ausgesprochen hatten, bisher aber keiner erklärt hatte, dass er die Gründung eines „unabhängigen und souveränen“ Palästinenserstaats „in den Grenzen von 1967, mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt“ unterstützen wolle. Die Autonomiebehörde sei nicht ein einziges Mal in der Lage gewesen, die Schließung einer Kontrollstelle zu erreichen. Es sei eine Autonomiebehörde ohne Autonomie, eine „Authority“ ohne jede Autorität. Für Clot scheint es unvorstellbar wie die Palästinenser immernoch Hoffnung haben, nach 63 Jahren Unterdrückung und 44 Jahren Besatzung. Die Hoffnung, die vielleicht eher einer Krankheit gleicht und zitiert den Dichter Darwish: “Hoffnung, dass unsere Dichter das schöne Rot der Rosen, und nicht mehr das Rot des Blutes besingen. Hoffnung, dass dieses Land seinem alten Namen gerecht wird: Land der Liebe und des Friedens zu sein.” Ein Hoffnung, die sowohl der Autor als auch der Dichter für vergebens halten. Der Krieg in Gaza und die verlorene Hoffnung Wenige Wochen vergehen bis zu den ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen im Gazastreifen, die der Autor nur aus den Medien mitbekommt, da niemand die Möglichkeit hat, diesen von Israel abgerielten Ort zu besuchen. Er beschreibt wie Saudi-Arabien versucht die Spaltung in der palästinensischen Regierung zu schließen und wie die Bevölkerung im Westjordanland für die Menschen in Gaza demonstriert. Die Führung der PLO zeigt sich davon wenig beeindruckt und sieht in Verhandlungen mit der israelischen Regierung die einzige Möglichkeit, die Aussetzung dieser Verhandlung war nur für die Öffentlichkeit um die Seele Palästinas zu beruhigen, wie Ziyad schreibt. Die Verhandlungen werden jedoch weitergeführt, doch die Kritik an diesen wird immer größer. So äußert selbst Yassir Abed Rabbo, der Führer der DFLP und  Freund von Abu Mazen:  “Verhandlungen um jeden Preis als einzige Strategien laufen auf politischen Selbstmord hinaus” Wegen seines Insiderwissens beginnt er Anfang 2008 mit dem Gedanken zu spielen, um seine Entlassung bei der NSU zu bitten und „dieses Schiff zu verlassen… ´Palestitanic`“. Nur ein Besuch in der Heimatstadt seiner vertriebenen Großeltern, Haifa, bewog ihn zum Bleiben. Beim Besuch des Hauses, das kraft des israelischen Rechts vor 60 Jahren als „Besitz von Abwesenden“ enteignet worden war, erhält er jedoch neuen Mut, auch wenn der Besuch gänzlich neue Gefühle auslöst. „Ich hatte plötzlich eine Gänsehaut. Tränen liefen meine Wangen herunter. Palästina, „mein“ Palästina, das meiner Mutter, war nicht tot, es war nicht an dem Tag, an dem meine Familie geflohen war, gestorben.”

Der Autor zeigt mit diesem Werk: der Friedensprozess hatte keinen Schlag erhalten, „er war beendet“. Die Gespräche mit der Olmert-Regierung zeigen, dass die Israelis die palästinensische Seite permanent ins Leere laufen ließen. Alle Gespräche endeten im Nirgendwo. Das „großzügige Angebot“ Olmerts galt nicht den Palästinensern, „sondern den Medien und der israelischen und internationalen Öffentlichkeit“. Der Ausbau der Siedlungen, die Besatzung und die fehlende Macht, lassen Ziyad zu diesem Schluss kommen.

Das Ende der Arbeit Die Arbeit für die NSU und die Verhandlungen, die einer Farce gleichen,zwingen Clpt desillusioniert aufzugeben unddie Wahrheit über die Verhandlungen in Form der „Palestine papers“ an die Öffentlichkeit zu geben.Auch wenn kein Politiker in Palästina Konsequenzen zieht, die Weltöffentlichkeit weiß, wie viel die Palästinenser opfern wollten um einen Staat zu erhalten. Selbst die Forderung nach dem Rückkehrrecht würde dem Wunsch nach einem Staat geopfert. Nach Clot wird es niemals einen Palästinenserstaat geben, er zeichnet dafür drei andere Möglichkeiten für den Nahen Osten. Für all jene, die über den Nahen Osten nachdenken hat er einen Rat: “Stattdessen lade ich jeden ein, sich selbst dorthin zu begeben. Ich plädiere sogar ausdrücklich dafür. Es ist ein Pflichtbesuch: um besser verstehen zu können. Man verspreche mir nur, auch durchs besetzte Palästina zu fahren. Vom Mittelmeer bis zum Jordan. denn Palästina und Israel teilen ein gemeinsames, tragisches Schicksal. Ich habe verstanden, dass man den einen Teil nicht vom anderen trennen kann.” Die erste Lösung wäre die Fortsetzung der aktuellen Handlungen und Politik. Die zweite wäre eine erneute Vertreibung von Palästinensern, da diese in Israel und Palästina zusammen bald die Mehrheit stellen, diese Lösung wäre ein neues schreckliches Verbrechen und müsste der Nakba gleichkommen, eine Lösung, die weder von Israel noch von Palästina gewollt ist. Die dritte ist die Ein-Staaten-Lösung, über welche sich der Autor sehr wohlwollend äußert. “Israelis und Palästinenser leben Seite an Seite im Schoß eines gemeinsamen Staates, meine Rückkehr nach Haifa: welch schöne Vorstellung” so Ziyad zum Abschluss des Werkes. Der wohl wichtigste Satz steht eine Seite vorher und lautet: “Zum Teufel mit den Grenzen.” Damit dürften nicht nur die realen Grenzen zwischen beiden Ländern gemeint sein, sondern auch die Abgrenzung von einander und die beidseitige Diskriminierung. Ziyad ist ein Mann des Friedens, einer der sich Frieden für alle Menschen wünscht, der aber bitter enttäuscht wurde durch die eigenen Erfahrungen. Sein Werk stimmt traurig, wenn man noch an die Zwei-Staaten-Lösung glaubt, es stimmt traurig, weil es die bittere Realität des Nahen Ostens so treffen beschreibt, aber grade deswegen ist es eine Empfehlung wert. Die einfache Sprache besticht, wenn auch seine Wortwahl nicht immer der unseren entspricht.

Über den Autor

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Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.
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