Statt Weihnachtsstress und Konsumrausch: Kann kritischer Konsum die Welt verändern?

23. Dezember 2017 - 16:43 | | Politik | 1 Kommentare

Weihnachten – das Fest der Liebe, oder das Fest des Konsumrausches? Unter Linken und Umweltaktivisten genießen die Feiertage einen zweifelhaften Ruf, stehen sie doch für Konsumstress, Akkordarbeit im Einzelhandel, riesige Müllberge und sinnlose Ressourcenverschwendung. Pünktlich zum Weihnachtsfest fordern regelmäßig nicht nur die Kirchen, sondern auch Konsum- und Kapitalismuskritiker Besinnung und Maß. In seinem Gastbeitrag nimmt sich der Bundestagsabgeordnete Hubertus Zdebel (DIE LINKE), Umweltpolitiker seiner Fraktion, die Festtage zum Anlass, um grundsätzlich nach dem Verhältnis von Konsumkritik zu Klassen- und Arbeitskämpfen zu fragen.

Zum üblichen Weihnachtsritual gehören heutzutage nicht nur die Heerscharen von Menschen, die mit prall gefüllten Einkaufstüten die Fußgängerzonen bevölkern, sondern ebenso die Kritik an diesem ‚Konsumrausch‘. Nicht nur Kirchen erinnern daran, dass die frohe Botschaft doch eigentlich zu Besinnung und Abstand vom kapitalistischen Alltagsgeschäft führen solle. Fragt man die am heutigen Samstag auf den letzten Drücker durch die Einkaufspassagen hastenden Menschen, werden die meisten selbst über den Weihnachtsstress klagen. Wozu also das ganze Theater? Allzu rasch könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Menschen mit Wohlstand einfach nicht umgehen können, einfach immer mehr wollen, blind konsumieren, dabei egoistisch die Not und das Elend des globalen Südens und ihrer Nächsten vor Ort außer Acht lassen und in ihrem ‚Konsumwahn‘ am Ende doch nicht glücklich sind. Dagegen ließen sich dann Werte wie Familie, Freundschaft, Gemeinsinn, Ruhe, Besinnlichkeit, Bescheidenheit und Demut ins Feld führen, die an Weihnachten wieder zur Geltung gebracht werden sollen. Ganz nach dem Lukas-Evangelium 22, 35: »So oft ich euch ausgesandt habe ohne Beutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr auch je Mangel gehabt? Sie sprachen: Niemals.«

‚Im Kleinen‘ anfangen

Die eigentümlichen Koalitionen, die sich zwischen kulturkonservativen Kreisen, zivilgesellschaftlich Engagierten und Linken bilden, wenn es darum geht den Otto Normalverbraucher für sein Konsumverhalten zu kritisieren, sollen den Anlass für die folgenden Überlegungen zum Verhältnis von Konsumkritik und Antikapitalismus geben. Wie kann Konsumkritik sinnvoll mit einem linken Antikapitalismus verknüpft werden, wo widersprechen sie sich hingegen? Angesichts einer massiv ungerechten Weltwirtschaftsordnung und des rasant voranschreitenden Klimawandels mit seinen verheerenden Folgen insbesondere für den globalen Süden ist es nur verständlich, dass die Menschen sich Gedanken machen, wie sie zu einer besseren Welt beitragen können. Die Änderung des individuellen Konsumverhaltens liegt dabei nahe, denn hierfür braucht es keinen großen Aufwand und keine Abstimmung und Koordination mit anderen. Man kann ‚im Kleinen‘ anfangen und etwas beitragen. Darin deutet sich jedoch bereits ein Problem an. Kritischer Konsum kann privat bleiben und bleibt es auch viel zu oft. Dagegen möchte ich starkmachen, dass es einen echten Wandel nur durch radikale Gesellschaftskritik und eine politische Bewegung geben kann. Altmodisch könnte man auch sagen: es geht um Klassenkampf, der in der individualisierten Konsumkritik, die an das Gewissen der Einzelnen appelliert, tendenziell ins Hintertreffen gerät.

Im Wesentlichen lassen sich aus meiner Sicht zwei Arten von Konsumkritik unterscheiden: Die erste Variante zielt auf ein bewusstes Konsumverhalten mit stärkerer Nachfrage nach ökologisch und fair produzierten Waren aus dem Bio- und Fairtrade-Segment. Die zweite Variante zielt auf das generelle Zurückschrauben der eigenen Konsumansprüche, proklamiert Verzicht und eine (teilweise) Rückkehr zur Subsistenz.

Zunächst zur ersten Variante: Durch individuelles Konsumverhalten kann man sich im Kapitalismus zwischen solchen Waren entscheiden, die unter extrem ausbeuterischen Bedingungen für Mensch und Natur und solchen, die unter etwas weniger ausbeuterischen Bedingungen für Mensch und Natur produziert wurden. Bei einigen Waren wird den Arbeiterinnen und Arbeitern etwas mehr Lohn gezahlt – Stichwort Fairtrade – oder sie werden unter ökologisch strengeren Richtlinien produziert – Stichwort Bio. Ein gewisser Handlungsspielraum ist für die Konsumentinnen und Konsumenten also vorhanden. Zum Jutebeutel zu greifen, anstatt die Plastiktüte zu nehmen, ist klimatechnisch sicher nicht verkehrt. Allein schon diese Unterscheidungen zu machen, zeugt von einem Bewusstsein über die Problematik der ungerechten Weltwirtschaft, und daher ist es zu begrüßen, dass Bio- und Fairtradeprodukte vermehrt nachgefragt werden. Dass der Markt auf geänderte Konsumansprüche der Verbraucherinnen und Verbraucher reagiert, zeigt sich daran, dass mittlerweile in fast jedem Supermarkt eine Bio-Abteilung zu finden ist.

Das Grundproblem, die kapitalistische Produktionsweise, bleibt bestehen

Illusorisch wird der Einsatz für bessere Arbeits- und Umweltbedingungen ‚an der Kasse‘ aber dann, wenn die Meinung besteht, dass der Kapitalismus ganz einfach durch geändertes Konsumverhalten aus sich heraus humanisiert werden könnte. Ganz nach dem Motto: Die Nachfrage bestimmt das Angebot, nun dürfe man eben nur noch die ‚guten‘ Waren nachfragen. Erstens können sich ein solches bewussteres Konsumverhalten nur diejenigen leisten, die auch die teureren Preise bezahlen können. Zweitens wird durch geändertes Konsumverhalten das Grundproblem, die kapitalistische Produktionsweise mit ihrem Profit- und Wachstumszwang, in keiner Weise berührt. Auch Bio- und Fairtradeprodukte tragen zur Profitmaximierung bei. So lange wir auch suchen, wir werden keine einzige Ware auf diesem Planeten finden, die nicht auf der Ausbeutung von Mensch und Natur beruht. Ausbeutung fängt nämlich nicht erst dort an, wo Hungerlöhne gezahlt werden, Menschen in Quecksilberminen verrecken oder wie Packesel behandelt werden. Wäre dies so, dann müsste man sagen, dass der ‚schlimme Kapitalismus‘ quasi nur noch im globalen Süden herrscht, in den Industrieländern aber weitgehend durch einen ‚guten regulierten Kapitalismus‘ ersetzt wäre. Zu solch einer Einschätzung müsste man kommen, wenn Ausbeutung nur ‚besonders schlimme Arbeitsverhältnisse‘ bezeichnen würde. Denn wer würde leugnen wollen, dass die Arbeitsbedingungen in Deutschland im Vergleich zu China, Indien und Bangladesch deutlich besser sind?

Ausbeutung beginnt nach Marx bereits dort, wo Menschen, die aufgrund des Privateigentums an Produktionsmitteln nichts besitzen außer ihrer Arbeitskraft, dazu gezwungen sind, ihre Arbeitskraft als Ware zu verkaufen und sich dem Kommando des Kapitals zu unterstellen. Der kapitalistische Arbeiter ist nicht selbstbestimmt, sondern fungiert in der privaten, getrennt voneinander stattfindenden Produktion als „Anhängsel der Maschinerie“ (Marx). Er ist von seinem Arbeitsprodukt, seiner Arbeit, seinem menschlichen Potential und den anderen Menschen entfremdet. Er ist atomisiert und vereinzelt, egal ob er Jutebeutel oder Plastiktüten, Öko-Pullis oder Billig-T-Shirts produziert. Entfremdung heißt bei Marx also nicht einfach nur Konsumwahn und die Vernachlässigung der ‚eigentlich‘ sinnstiftenden Tätigkeiten. Sie ergibt sich für ihn grundsätzlich aus dem Verhältnis von Lohnarbeit zu Kapital, und ist dem Einzelnen nicht persönlich anzulasten.

Nicht die Gesellschaft als Ganze, sondern der je Einzelne soll sich ändern

Während es Marx gesellschaftskritisch um die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln ging, und damit um die Abschaffung von Konkurrenz, Lohnarbeit und Kapitalverwertung, macht die Konsumkritik hier bereits erste Zugeständnisse. Sie richtet sich gegen ‚Auswüchse‘ und ‚Maßlosigkeit‘, die sie nicht aus den Notwendigkeiten des kapitalistischen Systems heraus erklärt, sondern einseitig den Konsumentinnen und Konsumenten anlastet. Es findet hier eine Verschiebung des Problems statt: Nicht mehr Ausbeutung und Mehrwertaneignung sind das Problem, sondern die Menschen selbst, die angeblich den Hals nie voll genug kriegen. Nicht die Gesellschaft als Ganze soll sich ändern, sondern der je Einzelne soll seine übertriebenen Ansprüche zurückschrauben.

Eine solche Haltung verkennt, wie im Kapitalismus gesellschaftliche Anerkennung vermittelt wird, nämlich über Waren und Konsum. Der gesellschaftliche Reichtum im Kapitalismus liegt grundsätzlich in Warenform vor. Fragt man Menschen, ob sie sich eine Welt ohne Waren vorstellen können, schütteln vermutlich die meisten ungläubig den Kopf. Die Menschen sind im Kapitalismus nicht als Menschen anerkannt, sondern als Warenbesitzer. Diejenigen, die nichts besitzen und dann zusätzlich nicht einmal ihre Ware Arbeitskraft verkaufen können, gelten in dieser Logik als ‚minderwertig‘. Sie sind als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft nicht anerkannt. Dies erklärt nebenbei bemerkt den weit verbreiteten Hass auf Arbeitslose, die als Projektionsfläche für diejenigen dienen, die unter ihrer Arbeit leiden. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen,“ (Franz Müntefering, SPD) schallt ihnen entgegen.

Die Anerkennung verläuft im Kapitalismus über Waren

Sich hingegen teure Waren leisten zu können, stellt den Mitmenschen unter Beweis, dass man selbst ‚etwas wert ist‘. Eine Verknüpfung zu machen zwischen einem dicken Mercedes-Benz und dem eigenen Selbstwertgefühl mag für bereits links sozialisierte und politisierte Menschen lächerlich erscheinen. Doch erstens kann in dieser Haltung immer auch ein gewisses Ressentiment gegen den Luxus überhaupt stecken. Nach dem Motto: Man muss als ‚echter Linker‘ bescheiden und in Tuchfühlung zu den Ärmsten leben, anstatt umgekehrt Reichtum für alle zu fordern. Und zweitens ist es ja tatsächlich so, dass der Besitz teurer Waren in einer Mischung aus Bewunderung und Neid durch die Mitmenschen honoriert wird. In einer auf universeller Konkurrenz beruhenden Gesellschaft ist Anerkennung anders kaum zu bekommen. Zur Weihnachtszeit den Menschen Kaufrausch zu unterstellen, wo viele von ihnen in der Regel lange sparen mussten, um die Geschenke bezahlen zu können, hat daher immer auch etwas Verächtliches.

Die auf Verzicht abzielende Variante der Konsumkritik blendet den Zusammenhang von Konsum und gesellschaftlicher Anerkennung tendenziell aus. Sie blendet aus, dass menschliche Bedürfnisse jederzeit gesellschaftlich vermittelt sind, die Unterscheidung in natürliche, ‚gute‘ und künstliche, ‚schlechte‘ Bedürfnisse daher selbst ideologisch ist. Sie greift die Menschen in ihren schwächsten Momenten an: in ihrer Bedürfnisstruktur, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben, sondern die ein Produkt gesellschaftlicher Prägung ist. An den Schriften von Niko Paech, einem der bekanntesten Konsumkritiker und zugleich Vordenker einer Postwachstumsökonomie, lässt sich zeigen, wohin eine Konsumkritik getrieben wird, wenn sie von der sozialen Frage und dem Klassenkampf absieht. In seinem Buch ‚Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie‘ schreibt er etwa: „Wer es sich in der wattierten Nonstop-Rundumversorgung gemütlich gemacht hat, kann nicht zugleich die Souveränität eines Individuums bewahren, das seine Ansprüche nur an jene Möglichkeiten bindet, die nötigenfalls durch eigene Leistungen reproduziert werden können.“ (S. 66) Völlig undifferenziert spricht Paech von einer Nonstop-Rundumversorgung, bei der zu fragen wäre, wer genau die überhaupt genießt? Der lohnarbeitende Teil der Bevölkerung kann damit genauso wenig gemeint sein wie die unter Hartz IV leidenden Menschen, andernfalls wäre die Aussage angesichts von Alters- und Kinderarmut, Arbeitsstress und Burnout sowie zunehmender Prekarisierung auch der Mittelschichten umso zynischer.

Konsumkritik als Verzichtsideologie

Paech thematisiert in seinen Texten im Grunde nie die Herrschafts- und Eigentumsverhältnisse, sondern behauptet, dass die westliche Zivilisation grundsätzlich durch eine „Kultur der Maßlosigkeit“ geprägt sei. Für diese höchst problematische affektgeladene Konsumkritik sprechen weitere von ihm geprägte Ausdrücke: Konsum-Burnout, Bequemokratie, Fortschrittsorgie, Konsum- und Mobilitätsballast, Konsum- und Komfortkrücken, Wohlstandsballast, Wohlstandsverwahrlosung, ungebremst wucherndes Wohlstandsmodell oder gar Konsum-Diktatur. Eine derart vorgetragene Konsumkritik vertritt buchstäblich rückwärtsgewandte Ideale: eine regional verwurzelte Selbstversorgung in der Dorfgemeinschaft im Gegensatz zur vermeintlich zerstörerischen globalen Vernetzung und Arbeitsteilung. Mit Marxscher Kapitalismuskritik hat das rein gar nichts zu tun.

Da Paech die Produktionsverhältnisse gar nicht zum Thema macht, ruft er konsequenterweise auch nicht zur Revolution, sondern zum Verzicht auf. Damit rückt er – ob gewollt oder nicht – in die Nähe von religiösen Moralpredigern und Tugendaposteln, die seit jeher den Menschen ihre Sündhaftigkeit einreden wollen, anstatt die weltliche Herrschaft zu kritisieren. Die Selbstgeißelung gehört seit jeher zum Standardrepertoire religiöser Praktiken. Zu Paechs Verteidigung kann jedoch gesagt werden, dass er sich explizit an eine sogenannte „Postwachstums-Avantgarde“ richtet, also durchaus ein Bewusstsein dafür hat, dass seine Bewegung eine des gehobenen Mittelstands ist, der sich nach Sinn und Erfüllung sehnt und aus dem vermeintlich dekadenten Konsummuster ausbrechen will. Einer prekär beschäftigten Alleinerziehenden ist es nämlich wohl kaum einsichtig zu machen, dass sie nicht mehr bei Penny, sondern nur noch im Bioladen einkaufen und sich insgesamt in ihrem Konsum mehr zügeln sollte. Die Arbeiterklasse kann nicht Adressat einer derartigen Verzichtsideologie sein.

Eine Gemeinsamkeit von Konsumkritik und Neoliberalismus

Eine Gesellschaftskritik, die einseitig die einzelnen Individuen in ihrem Konsumverhalten anklagt, ist im Grunde gar keine Gesellschaftskritik. Viel eher weist sie Gemeinsamkeiten auf mit derjenigen Ideologie, gegen die sie sich vermeintlich wendet: dem Neoliberalismus. Denn auch der kennt nur noch Individuen und keine Gesellschaft mehr. Unvergessen der Ausspruch von Margaret Thatcher, die in den 1980er Jahren den neoliberalen Umbau der britischen Gesellschaft betrieb: „There’s no such thing as society. There are individual men and women and there are families.“ Friedrich August von Hayek, österreichischer Ökonom, Vordenker des Neoliberalismus und Gründer des Lobbynetzwerks Mont-Pèlerin-Society, prägte das Dogma, dass die Gesellschaft als Ganze nicht erkennbar sei und daher Theorie jederzeit vom Individuum, und zwar nur vom Individuum ausgehen müsse. Unter dem Schlagwort „Ende der Utopien“ wandte er sich gegen die „Beschäftigung mit Gedanken an eine ‚bessere Welt‘“ (Hayek: Die Verfassung der Freiheit, S. 65ff.), da sich seiner Ansicht nach Versuche gesellschaftlicher Planung zwangsläufig zum Totalitarismus entwickeln. Staatsinterventionen lehnte er daher grundsätzlich ab, der Markt werde ohnehin alles automatisch richten. Vollkommen klar, dass ein Hayek kein Interesse an einer grundsätzlichen Gesellschaftskritik haben konnte.

Es ist in diesem Zusammenhang kein Zufall, dass die in den 1980er und 1990er Jahren erlittenen Niederlagen im Klassen- und Arbeitskampf einhergingen mit einer vermehrten Hinwendung zu nur noch konsumkritischen Ansätzen. Die angesichts der damaligen Kräfteverhältnisse erfahrene Ohnmacht sollte kompensiert werden durch individualistischen Aktionismus. Für kritisches Konsumverhalten muss sich niemand kollektiv in Gewerkschaften oder Parteien organisieren. Im Gegenteil. Es ist eine im Grunde rein private Veranstaltung. Der kritische Konsum suggeriert Handlungsmacht in einer Phase, in der der Klassenkampf seine Wirkmächtigkeit eingebüßt hat. Es darf daher bezweifelt werden, ob Konsumkritik im eigentlichen Sinne politisch ist. Politik spielt sich im Öffentlichen ab und zielt auf gesellschaftliche Veränderungen. Linke Politik adressiert die Herrschenden und nicht den Einzelnen als Privatperson und Käufer. Konsumkritik kann daher maximal der Ausgangspunkt für Linke und Sozialisten sein, etwa wenn sich in der Kritik an Großschlachtereien Konsumkritik mit Arbeitskämpfen verbindet. Bleibt das Engagement auf dieser Ebene stecken, arbeitet es der Utopielosigkeit des Neoliberalismus in die Hände, dem es gelungen ist, das Öffentliche weitgehend zu zerschlagen, die Individuen in ihre Privatheit zu drängen und sie voneinander zu isolieren. „There is no alternative“, behauptete Thatcher.

Die Linke muss der Privatisierung des Protests entgegenwirken

Richtig bleibt, dass der Klimawandel einen radikal anderen Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde erforderlich macht. Anstatt die breite Masse an Menschen auf’s Darben einzuschwören, sollte die Abschaffung des Kapitalismus wieder in den Mittelpunkt der Diskussion treten, denn Klimaschutz und Kapitalismus sind auf Dauer nicht miteinander vereinbar. Womöglich würden sich viele der hier diskutierten Probleme von selbst erledigen, etwa der gesteigerte Konsum als Kompensation für mangelnde soziale Anerkennung. In einer hierarchiefreien Gesellschaft bräuchte es viele Statussymbole nicht mehr. Es würde gesellschaftlich geplant produziert werden, sodass nicht Unmengen an Warenschrott ungenutzt auf dem Müll landen müssten. Solange keine konkrete Aussicht auf eine sozialistische Gesellschaft besteht, gilt es mit Reformschritten das kapitalistisch erzeugte Leid bestmöglich zu lindern und den Klimawandel zumindest zu begrenzen.

Als Linke haben wir die Aufgabe, der Vereinzelung und Privatisierung des Protests entgegenzuwirken, kollektive Arbeitskämpfe zu unterstützen und für gesamtgesellschaftliche Verbesserungen zu streiten. Ein bewusstes Konsumverhalten, das auf fair gehandelte und ökologisch produzierte Waren Acht gibt, kann ein Schritt in die richtige Richtung sein. Er ändert nur eben nichts am Kapitalismus im Ganzen. Die Konsumkritik wird dagegen selbst zum antiemanzipatorischen Problem, wenn sie einseitig den Verzicht und die Rückkehr in die Dorfgemeinschaft predigt und die grundsätzliche Kapitalismuskritik aufgibt. Damit bestätigt sie den Status quo – ein Großteil der Menschheit ist vom Genuss des gesellschaftlichen Reichtums ausgeschlossen – lediglich nochmal. In diesem Sinne lässt sich an Weihnachten viel über den Kapitalismus, aber auch über die verkürzte Kritik an ihm lernen. Frohes Fest!

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Ein Kommentar

  • 1
    Gerhard Kugler says:

    Der Artikel läuft aufs Entweder-Oder raus. Und macht die Menschen nicht weniger hilflos, als sie sich ohnehin schon fühlen. Entweder Konsum-Beschränkung als Individuum oder „kollektive Arbeitskämpfe“.
    Beides läuft aus meiner Sicht ins Leere. Individuelle Beschränkung nutzt tatsächtlich so gut wie nichts. Aber „kollektive Kämpfe“ sind Aufbäumaktionen, meistens im Reden-Erkennen-Reden-Reden…
    Natürlich wollen wir nicht in die alten Dorfgemeinschaften zurück. Aber wir müssen Dezentralisierung aufbauen, dazu Vernetzung, wie ich es in einem Artikel angedeutet habe: https://neue-debatte.com/2017/11/20/aus-psychologischer-perspektive-gegen-die-ratlosigkeit-in-der-demokratie/
    Dort können wir uns gegenseitig auch im Konsum in Frage stellen oder voneinander lernen. Aber wir verlassen vor allem auch unsere Individualisierung und machen uns gegenseitig fit für ein neues Engagement, das übers Protestieren und Fordern hinausgeht.
    G.K.