Der Westen und „der Orient“

15. Juni 2015 - 15:30 | | Kultur | 4 Kommentare
Der arabische Frühling (Cover: Carlsen Verlag)

Die Türkei drängt mit Wasserwerfern syrische Flüchtlinge von seiner eigenen Grenze zurück, während der ägyptische Diktator Abdelfattah al-Sisi hunderte Menschen hinrichten lässt. Im Irak und Syrien toben Bürgerkriege und Libyen ist nach der Intervention der USA und Frankreichs ein Failed State. Gleichzeitig hofiert der Westen weiterhin Saudi-Arabien, während sich dort Diktatoren verstecken und saudische Truppen in benachbarten Staaten gegen die Zivilbevölkerung vorgehen (Bahrain/Jemen).

Der Arabische Frühling war ein Aufschrei des Nahen Ostens und Nordafrikas nach einer freien und solidarischen Gesellschaft gegen alte Machtinhaber und oxidierte und verkrustete Institutionen. Egal ob Tunesien und das Verlangen nach Demokratie oder die Jugendlichen Gazas, die sich gegen die Besatzung wehren: Frieden, Solidarität und Freiheit standen fast überall im Mittelpunkt. Doch die EU, Russland und die USA haben viel zu lange verschimmelnde Diktatoren unterstützt, um so ihre eigene Machtbasis aufrechtzuerhalten. Der Arabische Frühling ist ein Graphic Novel von Jean-Pierre Filiu und Cyrille Pomes, der den Arabischen Frühling vom Frühjahr 2011 bis zum Spätsommer 2012 nachzeichnet. Von Ereignis zu Ereignis, Land zu Land zeichnet es den Aufstand der Unterdrückten wieder, die sich nach einer anderen Gesellschaft sehnten.

Die Bilder sind leicht verschwommen gezeichnet, als ob sich alles in ständiger Bewegung und Veränderung befinden würde; und dieser Zeichenstil trifft es genau. Denn es befand sich alles im Aufbruch und Umbruch. Das Erste Kapitel beginnt dramatisch mit der Selbstverbrennung des Mohamed Bouazizi, dem die Polizei seinen gesamten Gemüsestand am Markt beschlagnahmte und nicht wieder freigab. „Sein Opfer entflammte die gesamte arabische Welt“ schreibt Filiu und recht hat er. Kurz darauf fliegt der tunesische Präsident Ben Ali aus Tunesien nach Saudi-Arabien, einem engen Verbündeten der USA. Von nun an beginnt eine Umwälzung, die sich durch den gesamten arabischen Raum zieht: Ägypten, Lybien, Yemen, Syrien. Doch nicht überall läuft es ohne ausländische Interventionen ab.

Überall, wo Saudi-Arabien verbündete hat, kommt es zu massiven Konterrevolutionen und fürchterlichen Verbrechen gegen Protestierende.So auch in Bahrain, dem kleinen shiitischen Inselkönigreich vor der Küste Saudi-Arabiens. Dort intervenierten die Saudis auf ein Hilfegesuch des dortigen Königshauses und setzten Panzer gegen die eigene Bevölkerung ein. Teilweise waren es Panzer, die in Deutschland hergestellt wurden.

Fuck Hamas, Fuck Israel, Fuck Fatah

„Die israelischen Luftschläge und die Raketenangriffe der Palästinenser bestimmen weiterhin den Rythmus im trostlosen Alltag der Bevölkerung in Gaza.“ Auch der Gazastreifen wird vom arabischen Frühling erfasst: Die Jugendlichen, die das kleine Küstengebiet fast alle noch nie verlassen haben, sehnen sich nach einem Ende der Besatzung & Blockade durch Israel sowie der Unterdrückung durch die Hamas. Doch gegen die Besatzung und inneren Strukturen gleichzeitig zu kämpfen, bringt sie an den Rand des Möglichen.

Nicht religiöser, sondern wirtschaftlicher Natur

Der Graphic Novel schafft es spielerisch, die gepolitischen Interessen des arabischen Raumes aufzuzeigen und die Behauptung, es würde sich stets um religiöse Konflikte handeln, als Lüge zu entlarven. Auch der Einfluss imperialistischer Länder wie Russlands, der USA oder der EU kommen nicht zu kurz, wenn es darum geht, wann welcher Diktator oder König hofiert wird und wann nicht. Die Aufstände hatten alle zu Ziel, die Lebensgrundlage der Mehrheit der Menschen zu verbessern und das stellt das Buch ganz klar heraus. Das Graphic Novel endet mit einem kurzen Essay von Muriel Asseburg, in dem er noch einmal in aller Schärfe den Militärputsch gegen den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi kritisiert. Sei Nachfolger Abdelfattah al-Sisi wurde nun in Berlin von Kanzlerin Merkel empfangen, während er in Ägypten Massenhinrichtungen anordnet.

Das 112 Seiten dicke Graphic Novel erschien im Carlsen Verlag und ist auf booklooker.de ab 11 Euro erhältlich.

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Über den Autor

Bundessprecher der linksjugend ['solid] und Wortakrobat für die Freiheitsliebe, Balkan21 und andere Medien.
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