Sarrazins Dämonen

2. Oktober 2018 - 12:00 | | Kultur | 0 Kommentare

2010 erschien Thilo Sarrazins politisch hoch umstrittener Bestseller „Deutschland schafft sich ab“, wovon – zur Überraschung des Autors und auch seines damaligen Verlegers – ca. 1,5 Millionen Exemplare verkauft wurden. Sarrazin hatte eine sich schrittweise ausbreitende, aber bis dahin eher verdeckte Fremdenfeindlichkeit und anti-islamische Grundstimmung im Alltagsbewusstsein von Teilen der deutschen Bevölkerung getroffen und trug dazu bei, diese Abwehr- und Ausgrenzungstendenzen im öffentlichen Diskurs hoffähig zu machen.

Und dies lange vor dem Einsetzen der großen Migration als der vermeintlichen „Mutter aller politischen Probleme in Deutschland“ (Bundesinnenminister Seehofer, CSU). Sarrazins neueste Veröffentlichung[1] stellt einen (vorläufigen) Höhepunkt dieser politisch-intellektuellen Radikalisierung dar. Schon vor der Veröffentlichung sorgte das neue Buch für Aufruhr. Trotz eines Vorvertrages über 100.000 Euro lehnte Sarrazins Ex-Verlag Random House die Publikation ab. Aus gutem Grund, wie zu zeigen sein wird. Der Finanzbuchverlag hatte dagegen keinerlei politische Hemmungen und veröffentlichte den Text.

Dämonisierung des Islam

„Im Verlauf des Buches spanne ich einen Bogen von den Aussagen des Korans zur mentalen Prägung der Muslime, von da weiter zu Eigenarten und Problemen muslimischer Staaten und Gesellschaften und schließlich zu den Einstellungen und Verhaltensweisen in den Einwanderungsgesellschaften des Westens.“ /22/ Schon diese methodische Vorgehensweise ist wissenschaftlich völlig inakzeptabel, da aus einer zu einem heiligen Buch gewordenen religiösen Idee im 7. Jahrhundert n. Chr. die mentale, kulturelle, religiöse und politische Vielfalt von ca. 1.6 Milliarden Muslim*innen auf dem heutigen Globus, die in den unterschiedlichsten historischen-gesellschaftlichen Kontexten leben, abgeleitet werden soll. Sarrazin gibt den islam- und geschichtskundigen Gelehrten, er benennt viele historische Fakten und Prozesse, seine gesamten Ausführungen über islamische Religion, Kultur und Politik stellen aber ein Musterbeispiel für selektive Wahrnehmung dar:

  • Sarrazin ignoriert geflissentlich, dass es „den“ Islam bzw. „das Wesen“ des Islam – ebenso wie „das“ Christentum oder „das“ Judentum – in der gesellschaftlichen Realität so gar nicht gibt.[2] Die historische Entwicklung des Islam ist schon kurz nach dem Tod von Mohammed durch das Schisma zwischen Sunniten und Schiiten charakterisiert. Diese beiden gegensätzlichen, zeitweilig auch feindlich einander gegenüber tretenden Grundströmungen berufen sich auf ein und denselben Koran.  

Neben der grundsätzlichen Trennung zwischen der sunnitischen und der schiitischen Glaubensrichtung sowie neben zahlreichen kleineren Gruppen, Reformbewegungen und nationalen Sonderwegen spielen auch die zum Teil entschieden akzentuierten theologischen wie religionskulturellen Unterschiede sowohl innerhalb des sunnitischen als auch des schiitischen Islams eine große Rolle. So herrscht im Königreich Saudi-Arabien seit seiner Gründung 1932 als Staatsreligion eine „puritanistische“ Ausprägung des sunnitischen Islam vor, demzufolge der Islam von allen modernen (vor allem westlichen) Einflüssen zu „reinigen“ ist: der Wahabismus. Dieser islamische Fundamentalismus, dessen internationale Verbreitung gezielt aus Saudi-Arabien heraus gefördert wurde, stellt aber nur eine Strömung innerhalb des Islam dar.

  • Die Jihadisierung innerhalb des Islam ist ebenfalls ein neueres historisches Phänomen, welches erst in den 1970er Jahren im Gefolge der Etablierung autoritärer Regierungen im Nahen und Mittleren Osten (zunächst vor allem in Syrien) entstand und sich mittlerweile internationalisiert hat. Befördert wurde diese Radikalisierung durch den schrittweisen Zerfall von Staaten („failing states“) im Nahen und Mittleren Osten bzw. in Teilen Afrikas, was wiederum im Kontext von geo-ökonomischen und geo-politischen Prozessen wie Kolonialismus, militärischen Interventionen von außen und einer zunehmend ungesteuerten Form kapitalistischer Globalisierung mit ihren negativen Folgen von ökonomischer und sozialer Spaltung zu sehen ist. In der Summe führte diese komplexe Entwicklung zu einer massiven Häufung sozialer Entwurzelungsprozesse und zu einer Radikalisierung im religiösen Fühlen, Denken und schließlich auch im Handeln eines Teils der Muslime.
  • Zwischen all diesen verschiedenen Strömungen innerhalb des Islam und den ihnen jeweils unterliegenden spezifischen historisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen kann und will Sarrazin nicht differenzieren. Er behauptet stock und steif, es handele sich im Kern um immer das gleiche „Wesen“ des Islam. Eine der historisch-kritischen Bibelexegese vergleichbare Verfahrensweise sei bei der Koranexegese unüblich und werde „von vielen Muslimen als ›Reformtheologie‹ abgelehnt.“ /24/ Daraus zieht er die Schlussfolgerung: „… alle (Herv. F.S.) Muslime sind zumindest in ihrer Einstellung zum Korantext im Prinzip Fundamentalisten.“ /53/ Sie alle nähmen die heiligen Quellenworte wörtlich und deuteten sie auch so. Damit sei das Grundproblem aller konkreten Probleme innerhalb und mit der muslimischen Welt bereits „aufgedeckt“.
  • Sarrazin hat keinen blassen Schimmer von der Offenheit und Widersprüchlichkeit religiöser Systeme und Deutungskulturen. Sowohl Muslime als auch islamistische Extremisten berufen sich auf ein und dieselbe Tradition aus Koran und Äußerungen sowie Taten des Propheten Mohammed. Im klassischen islamischen Recht hat der offensive Jihad, so Tilmann Seidensticker, eine merkwürdig unbestimmte Rolle: „Er war einerseits nur von einer ›hinreichenden Anzahl‹ von Kämpfern zu betreiben und somit keine Individualpflicht, und andererseits stellte er für diese ›hinreichende Anzahl‹ eine religiöse Pflicht dar. Die historische Realität zeigt indessen, dass das alte Jihad-Konzept nach Etablierung der muslimischen Herrschaftsgebiete friedlichen Beziehungen mit nichtmuslimischen Staaten nicht im Wege stand. Und auch die entsprechende Norm hat sich in den letzten hundertdreißig Jahren unübersehbar gewandelt. Der Mainstream-Islam der muslimischen Glaubens- und Rechtsgelehrten sagt heute praktisch unisono, dass der Jihad nur im Fall äußerer Aggression verpflichtend ist.“[3] Die Unbestimmtheit des Koran zum Jihad bestätigt nur das, was für das Wesen jeder Religion gilt: Religiöse Schriften sind in ihren Aussagen keineswegs eindeutig, sondern offen für verschiedene Deutungen, wobei die Deutungskulturen von den jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Bedingungen abhängen. Gerade die Deutungsoffenheit ermöglicht die Anpassung einer Religion an veränderte gesellschaftliche Situationen.[4] Wie sich die widersprüchlichen Seiten innerhalb einer Religion entwickeln und welche Formen sie annehmen, wird letztendlich durch die Gläubigen selbst entschieden, die keineswegs bloß passive, roboterartige Anhängsel ihrer religiösen Anschauungen sind, sondern soziale Akteurinnen und Akteure, die jeweils in bestimmten historisch-gesellschaftlichen Kontexten bewusst-unbewusst handeln.
  • Für Sarrazin ist der Koran auch für „die Feindseligkeit gegenüber selbständigem Denken sowie die Geringschätzung des nicht religiösen Wissens und damit für „den technisch-zivilisatorischen Rückstand der islamischen Welt“ /71; Herv. i.O./ direkt verantwortlich. Insofern kam er bei seinen Eroberungen angeblich auch nicht über „die passive Verwaltung der eroberten Wissensbestände“ /69/ hinaus. Dies entspricht eindeutig nicht der historischen Faktenlage. Im Aufschwung von Naturwissenschaften, Architektur und Bauingenieurswesen in der Renaissance spielte auch – vermittelt über Handel, Orient-Kreuzzüge, kriegerische Rückeroberungen (Reconquista) – die Wiederaneignung der nach dem Zerfall des römischen Imperiums zunächst verschollenen Wissensbestände der Antike eine zentrale Rolle. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der griechischen und römischen Antike waren mit der Ausdehnung des islamischen Reichs („Islamic Golden Age“, 750-1258 n. Chr.) in die islamischen Wissenschaften (u.a. Mathematik, Algebra, Geometrie, Trigonometrie, Physik, Optik, Astronomie, Medizin, Chemie) integriert und – auch durch Übernahmen von Erkenntnissen der persischen und indischen Wissenschaften – weiterentwickelt worden. Beispielsweise erwies sich das indisch-arabische Zahlensystem (Dezimalsystem) dem lateinischen deutlich überlegen und ermöglichte wesentlich präzisere Bauwerksberechnungen und damit überhaupt erst die Architektur christlicher Kirchen in der Renaissance.
  • „Wie das Beispiel der Türkei eindringlich zeigt, kann man in einem islamischen Land mit dem Mittel einer demokratischen Wahl sogar das westliche Demokratiemodell mit Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung durch Mehrheitsentscheidung abschaffen.“ /16/ Was Sarrazin an dieser Stelle verschweigt: Auch im christlich-abendländisch geprägten Deutschland kam es im 20. Jahrhundert zur politischen Herrschaft der Nazis durch demokratische Wahlen! Sarrazin dreht, wendet oder verschweigt die historische Faktenlage, wie er will. Gerade die Türkei ist das Musterbeispiel für die Widersprüchlichkeit der Entwicklung einer muslimischen Gesellschaft in der Moderne. Während Mustafa Kemal Atatürk die sunnitisch-muslimische Türkei, nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches auf ihr heutiges Terrain geschrumpft, modernisierte und z.B. die Scharia abschaffte, das Kalifatseigentum beschlagnahmte, den Frauen die Entschleierung erlaubte und das Bildungssystem säkularisierte, ist seit längerem wieder eine Re-Islamisierung und die Etablierung eines autokratischen Systems unter Präsident Erdogan zu konstatieren. Diese kulturelle, religiöse und politische Rückentwicklung der Türkei kann nicht auf die Religion des Islam zurückgeführt werden, sondern hängt primär mit Widersprüchen innerhalb der von Erdogan massiv forcierten kapitalistischen Modernisierungspolitik, aber auch mit mangelnder Integration der Türkei in die EU sowie mit geo-politischen Umwälzungen zusammen. Die Re-Islamisierung stellt nur die religiös-symbolische Verkleidung für diesen widersprüchlichen historischen Prozess dar.
  • Millionen Einwander*innen aus muslimisch geprägten Ländern, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge einer prosperierenden Kapitalakkumulation vom Nahen Osten (Türkei) oder von Nordafrika (Algerien) nach Europa kamen, haben die hier vorherrschende Trennung von Religion und Staat akzeptiert und sich in die europäischen Gesellschaften integriert. Wenn dies mit erheblichen Friktionen verbunden war, so sind diese primär auf politische Integrationsversäumnisse in den aufnehmenden Ländern z.B. bei der Vermittlung der deutschen Sprache, dem zentralen Schlüssel für erfolgreiche Integration, zurückzuführen. Sarrazin stellt diesen Bevölkerungsteil unter den Generalverdacht der Kriminalität und des religiösen Fundamentalismus.
  • Das aus dem Koran abgeleitete Auserwähltsein der Gläubigen und der Hass auf die Ungläubigen „verleihen dem Islam auch die expansive Eroberungskraft“ /71, Herv. i.O./. Daraus konstruiert Sarrazin ein Bedrohungsszenario für die westliche Welt: „Das hierarchische Verhältnis der Geschlechter und die niedrige Stellung der in Unbildung und Abhängigkeit gehalten Frauen sorgen für die überdurchschnittliche Fruchtbarkeit der islamischen Welt und ihre demografische Expansion.“ /ebd., Herv. i.O.)/ Über Kriege und Einwanderungsdruck werde die dem Islam innewohnende demografische Sprengkraft gleichzeitig zu einer Bedrohung für die Zukunft und die Stabilität der westlichen Welt.

Sarrazins rechtsextremistische politische Schlussfolgerungen

Sarrazin gibt den islam- und geschichtskundigen Gelehrten, seine gesamte Darstellung lässt aber nur einen Schluss zu: Es geht ihm nirgends um eine wirkliche Analyse, sondern vor allem darum, Scheinbelege für sein Vorurteil zu finden, dass der Islam in seinem Wesen nicht veränderbar sei, den Fortschritt blockiere und zur feindlichen Übernahme der westlichen Welt führe.

Seine politischen Schlussfolgerungen trägt Sarrazin zunächst in abgeschwächter Form vor: „Alle illegal Eingewanderten sowie alle Flüchtlinge und Asylbewerber, deren Aufenthaltsbegehren abgelehnt wurde, werden unverzüglich und ausnahmslos abgeschoben. Die Abschiebung erfolgt in das Herkunftsland oder in das Land des letzten Aufenthalts vor dem Übertritt in die EU… Verweigert ein Herkunftsland die Aufnahme, so werden die Betreffenden gleichwohl grundsätzlich dorthin verbracht, notfalls unter militärischen Schutz… Erst die unverzügliche und vollständige Zurückführung der abgelehnten Asylbewerber nimmt den Anreiz, überhaupt erst aufzubrechen.“ /398f./ An anderer Stelle geht Sarrazin noch einen Schritt weiter und spricht offen vom „Einsatz militärischer Mittel“ /402/. Doch damit nicht genug: Am Schluss seines Buches geht es ihm nicht mehr nur um die Verhinderung illegaler Einwanderung: Wegen der drohenden feindlichen Übernahme durch den Geburtenreichtum der muslimischen Welt müsse man „die Einwanderung von Muslimen grundsätzlich unterbinden (Herv. F.S.) und falsche Anreize im Sozialsystem beseitigen.“ /424/ Mit solchen nicht nur zutiefst inhumanen, sondern auch geo-politisch äußerst gefährlichen Vorschlägen ist die Katze aus dem Sack und der Bogen zur aufgeheizten politischen Auseinandersetzung über Migration und Asyl geschlagen.

Sarrazins Ausführungen weisen die typischen Merkmale rechtsextremer Deutungsmuster auf:

  • Vereinfachung hochkomplexer Sachverhalte,
  • verschwörungstheoretische Konstrukte,
  • stark vereinfachte Lösungen,
  • Plädoyer für den Einsatz von militärischer Gewalt zur Abwehr einer vermeintlichen feindlichen Bedrohung.

Sarrazin ist alles andere als „ein fröhlicher Dilettant“ (ZEIT online). Als bekennender Neoliberaler hat er selbst aktiv an der Entstehung von Ohnmacht und Wut in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft beigetragen, die er jetzt mit seinem rechtsextremen Opus bedient. So rechnete er als Berliner SPD-Finanzsenator in der rot-roten Koalition 2008 den ALG II- Empfängern mit einem Speiseplan vor, dass man sich „vom Transfereinkommen vollständig, gesund und nährstoffreich ernähren“ kann. Hintergrund seiner damaligen öffentlichen Intervention war, im Zuge einer aufkommenden Diskussion über wachsende Kinderarmut in Berlin unter allen Umständen zur Einhaltung der Spar-Ziele des Berliner Haushalts („Sparen bis es quietscht“, so die Leitparole des damaligen Regierenden Bürgermeisters Wowereit) eine Erhöhung der Regelsätze für Kinder zu verhindern. Mit dieser neoliberalen Grundgesinnung verband er zugleich eine reaktionäre Anerkennungspolitik gegenüber der Berliner Bevölkerung mit Migrationshintergrund: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung. Ich habe dazu keine Lust bei Bevölkerungsgruppen, die ihre Bringschuld zur Integration nicht akzeptieren, und auch, weil es extrem viel Geld kostet und wir in den nächsten Jahrzehnten genügend andere große Herausforderungen zu bewältigen haben.“ (aus einem Interview in der Zeitschrift Lettre International in 2009, zitiert nach FAZ vom 4.10.2009)

Diese Kombination aus neoliberaler Wirtschafts- und Finanzpolitik und reaktionärer Anerkennungspolitik, in welcher der Pyromane zugleich den Feuerwehrhauptmann spielt, waren schon früh das Erkennungszeichen des SPD-Mitglieds Sarrazin. Daran verändert hat sich nur eine fortlaufende Radikalisierung seiner reaktionären Anerkennungspolitik, entsprechend des rasanten Aufstiegs von Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus in Deutschland, Europa und in den USA.

Indem Sarrazin offen den Einsatz militärischer Gewalt als Lösungsmittel in der Migrationsfrage ins Spiel bringt, plädiert er für die Entzivilisierung von Konfliktlösungen, für kollektive Enthemmung und letztlich für Krieg. Die SPD hat mit diesem Parteimitglied ein massives Problem.

Um diesen in der Konsequenz kriegstreibenden Tendenzen wirksam entgegen zu treten, ist nicht nur innenpolitisch eine programmatische Alternative erforderlich, sondern auch außenpolitisch.

Europas Außenpolitik vor neuen Herausforderungen

Phänomene wie patriarchale Verhaltens- und Denkmuster, Homophobie, theokratische Herrschaftsformen und religiös motivierte Gewalt hängen zwar auch mit dem Islam zusammen, sind aber keineswegs charakteristisch für die islamische Religion. Sie prägten auch das Christentum vor allem vor dessen „Domestizierung“ durch die kapitalistische Produktionsweise und der darauf aufbauenden politischen Ordnung der Trennung von Religion und Politik und der damit grundsätzlich erst möglichen Religions- und Meinungsfreiheit. Ohne einen grundlegenden gesellschaftlichen Umbruch in den Ländern der Peripherie im Zusammenhang mit einer politisch bewussten Steuerung der Globalisierung, die nicht mehr primär der Logik globalisierter Kapitalinteressen und militärischer Interventionen folgt, ist eine substantielle Veränderung religiös geprägter sozial-kultureller Denkmuster und ein Voranschreiten weitergehender Individualisierungsprozesse auch in der muslimischen Welt kaum vorstellbar. Es kann daher im Rahmen einer europäischen Außenpolitik nur um Unterstützung einer umfassenden und tiefgreifenden Modernisierung von vorbürgerlichen oder Übergangsgesellschaften gehen. Sowohl der Nahe und Mittlere Osten, aber auch Afrika benötigen massenhaft neue Arbeitsplätze wegen einer rasant anwachsenden Diskrepanz zwischen der demografischen Entwicklung und einer absolut rückständigen Wirtschaft, wobei letztere und nicht das Bevölkerungswachstum das Kernproblem darstellt:

  • Das starke Bevölkerungswachstum bringt einen hohen „Überhang an Jugend“ („youth bulge“) und angesichts der maroden Wirtschaftsstrukturen auch eine hohe Jugendarbeitslosigkeit mit sich. Bis 2025 drängen gerade die geburtenstarken Jahrgänge auf die jeweiligen Arbeitsmärkte.[5]
  • 53% der gesamten arabischen Bevölkerung gelten als „verwundbar“, was bedeutet, dass sie ihre täglichen Bedürfnisse kaum oder gar nicht decken können; gleichzeitig wird ihnen die notwendige Unterstützung vorenthalten.
  • Davon zu unterscheiden sind die Lebensbedingungen der Menschen in den Rentierstaaten wie z.B. Saudi-Arabien, welches seine Gesellschaft ebenfalls dringend modernisieren muss, da Ölreichtum und Koran, die bisherigen Säulen der saudi-arabischen Gesellschaft, kein zukunftsfähiges Entwicklungskonzept darstellen. Wesentlich verschärfter stellt sich die Lage in einem Rentierstaat wie der islamischen Republik Iran dar.

Der Nahe und Mittlere Osten ist zugleich ein geopolitisches Pulverfass, in welchem ein hohes Maß nicht nur an politischem, sondern auch militärischem Sprengstoff existiert:

  • Weltweit ist keine Region derart militarisiert, wie z.B. der Nahe Osten. Die Rüstungsausgaben je Einwohner lagen in der arabischen Welt von 1988 bis 2014 um zwei Drittel über dem Durchschnitt, Tendenz steigend.
  • 2015 lebten 143 Millionen Araber in Ländern, in denen Krieg war oder die besetzt waren. Auf die arabische Welt fallen fünf Prozent der Weltbevölkerung, aber 47% aller Binnen-Flüchtlinge und 57,5% der Flüchtlinge, die ins Ausland flohen. Die Vereinten Nationen erwarten, dass 2050 drei von vier Arabern in Ländern mit hohem Konfliktrisiko leben.

Insofern geht es zuallererst um eine Befriedung von Konflikten und Krisen im Rahmen eines ausgebauten internationalen zivilen Konflikt- und Krisenmanagements sowie um einen Wiederaufbau kriegszerstörter Länder wie Syrien, Jemen und Irak und um die Wiederansiedlung von Millionen Geflüchteter in ihren Ländern. Voraussetzung dafür ist ein absoluter Stopp von Rüstungslieferungen in den Nahen und Mittleren Osten. Die Vereinigten Staaten und europäische Staaten (darunter Deutschland und Frankreich, die neben den USA, China und Russland zu den fünf größten Waffenexporteuren zählen), sind, so das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI (FAZ, 12.3.2018), die Hauptexporteure für diese Region, die beispielsweise mehr als 98% aller von Saudi-Arabien importierten Waffen liefern. Zumindest Europa muss für eine entschieden andere Außenpolitik eintreten. Vertrauensbildend ist Europa aber nur, wenn es seine Rüstungslieferungen in die Region konsequent stoppt.

Eines muss ganz klar sein: Eine Einigelung Europas und eine rigorose, notfalls auch gewaltsame Rückführung von Migrant*innen selbst gegen den Willen der Herkunftsländer wird letztendlich nur mit militärischer Gewalt gehen, worunter nicht nur die Länder der Peripherie, sondern auch die entwickelten kapitalistischen Staaten massiv leiden würden. Wer für den Einsatz von militärischer Gewalt im Zusammenhang mit den gigantischen Migrations- und Fluchtbewegungen auf dem Globus plädiert, muss mit massiver Gegengewalt rechnen, wobei die Komplexität und Unübersichtlichkeit allein der Konfliktlagen im Nahen und Mittleren Osten massive Risiken für geopolitische und geo-militärische Konflikte beinhaltet.

Friedrich Steinfeld ist Diplom-Psychologe, tätig im Bereich Berufspsychologie, Weiterbildungen in Supervision, Coaching und Mediation. In Sozialismus 1-2018 schrieb er über „Trump und die Destabilisierung des Nahen Ostens“.

Dieser Artikel von Friedrich Steinfeld erschien in gedruckter Variante in der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift „Sozialismus“ erschienen. Die Zeitschrift ist ein monatlich erscheinendes Forum für die Debatte der gewerkschaftlichen und politischen Linken in Deutschland. (Probe-)Abos können auf www.sozialismus.de bestellt werden.



[1] Thilo Sarrazin, Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht, München 2018; die // beziehen sich auf diesen Text.

[2] Allein innerhalb des Christentums existieren ca. 33.000 rechtlich eigenständige Religionsgemeinschaften.

[3] Tilman Seidensticker, Pauschalisierungen helfen nicht weiter. Über Kritik am Islam und an seinen Auslegungen und – über ›Islamophobie‹, in: NZZ vom 30.6.2016.

[4] Siehe hierzu Friedrich Steinfeld, Religiöser und politischer Fundamentalismus im Aufwind. Die Sehnsucht nach Identität, Hamburg 2016; insbesondere die ausführlichen Erläuterungen zur Mehrdeutigkeit religiöser Deutungssysteme ab S. 34ff.

[5] Die folgenden Zahlen stammen von Rainer Hermann, Arabisches Beben. Die wahren Gründe der Krise im Nahen Osten, Stuttgart 2018; siehe ebenso: ders., Die Zeitbombe tickt, in: FAZ vom 9.4.2018.

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