Sarrazin ein Vorkämpfer der Islamisierung?

21. Mai 2016 - 20:02 | | Gesellschaft | 1 Kommentare

Der Mensch sucht von Natur aus nach Erklärungen für Phänomene, mit denen er konfrontiert wird. Nicht immer stimmt die subjektive Interpretation mit den objektiven Gegebenheiten überein. Die Islamisierung sozialer Probleme ist ein Paradebeispiel hierfür. Doch was heißt das eigentlich?

Jemand liegt mit einer Magen-Darm-Infektion angeschlagen im Bett und grübelt über den Grund seiner Erkrankung. Er lässt die letzten Tage revue passieren, bis ihm einfällt, dass er einen Tag zuvor Fisch gegessen hat. Das muss es gewesen sein, sagt ihm sein gesunder Menschenverstand. Er weiß jedoch nicht, dass laut der Weltgesundheitsorganisation WHO, etwa 80 Prozent aller Infektionskrankheiten direkt über die Hände übertragen werden, gefolgt von der Türklinke.

Wer letztere Information nicht kennt, zieht bei einer Infektion, mit hoher Wahrscheinlichkeit die falschen Schlüsse. Das ist keine Schande. Schließlich sind die meißten Menschen Laien im Bereich der Medizin. Die vermutete Ursache ist nicht die tatsächliche. Daraus resultiert zwangsläufig ein verzerrter Blick auf die Realität.

Rassismus im wissenschaftlichen Gewand

Ein anderes Beispiel ist die Islamisierung sozialer Probleme. Dabei werden Probleme von denen Muslime betroffen sind, implizit oder direkt mit dem Islam zu erklären versucht. Die Religion gilt als Ursache oder entscheidendes Handlungsmotiv. Andere Einflussfaktoren werden meist nicht in Erwägung gezogen.

Beispiele für die Islamisierung sozialer Probleme sind Erwerbslosigkeit, Bildungsdefizite, sogenannte Ehrenmorde oder andere strafrechtlich relevante Tatbestände. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ist die Islamisierung sozialer Probleme der Super-GAU schlechthin. Im Prinzip handelt es sich um blanken Rassismus im wissenschaftlichen Gewand. Ein willkürlich ausgewähltes Merkmal dient der Erklärung eines bestimmten Verhaltens, einer künstlich konstruierten Gruppe.

Vergangenheit und Gegenwart

In der Vergangenheit bedienten sich rassistische Denker meist der Hautfarbe, Schädelgröße oder der Gene. In der Gegenwart erfüllt zuweilen die kulturelle Zugehörigkeit oder die Religion den Zweck von Zuschreibungen. Thilo Sarrazin ist wohl einer der bekanntesten Vertreter dieser Zunft. In seinem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ schreibt er:

„Besorgniserregend ist, dass die (…) Probleme der muslimischen Migranten auch bei der zweiten und dritten Generation auftreten, sich also quasi vererben, wie der Vergleich der Bildungsabschlüsse (…) zeigt“

Ähnliche Worte verwendet Sarrazin in seinem aktuellen Buch „Wunschdenken“.

„Bei den Flüchtlingen handelt es sich zum allergrößten Teil um Menschen muslimischen Glaubens aus Afrika und dem Nahen Osten. Sie stammen zumeist aus Ländern mit niedriger Bildungsleistung. Ihr kulturelles und kognitives Profil ähnelt dem der muslimischen Zuwanderer aus diesen Herkunftsländern, die bereits in Europa sind. Es ist daher anzunehmen, dass sie sich hinsichtlich Bildungsleistung, Arbeitsmarktintegration, Sozialleistungsbezug, Kriminalität und Anfälligkeit für fundamentalistisches Gedankengut ähnlich entwickeln.“

Medien und Politik in der Pflicht

Sarrazin steigert die Islamisierung sozialer Probleme, indem er sogar von Vererbung spricht. Eine wissenschaftlich nicht belegbare Behauptung, wie aus meiner Publikation „Integration trotz Islam?“ hervorgeht. Darin widerlege ich Sarrazins These, der vermeintlich vererbten Bildungsdefizite der Muslime. Mehr noch: Ich stelle auf Grundlage repräsentativer Ergebnisse, einen generationsübergreifenden Bildungsaufstieg, der in Deutschland lebenden Muslime fest.

Die Untersuchungsergebnisse belegen, dass das Bildungsniveau aller Bürger in der Bundesrepublik, stark mit der Sozialschichtzugehörigkeit korreliert; ob es sich dabei um Muslime oder Nicht Muslime handelt, ist unerheblich. Bei den Bildungsungleichheiten handelt es sich um ein gesamtgesellschaftliches, schichtspezifisches Problem.

Medien und Politik sind vor diesem Hintergrund und ihrer Funktion als Vermittler sowie Volksvertreter aufgefordert, die zweifelsohne vorhandene wissenschaftliche Expertise zum Themenkomplex Integration zur Kenntnis zu nehmen, um diese zum einen im medialen Bereich angemessen zu kommunizieren, zum anderen im Regierungshandeln angemessen zu implementieren.

Ein Gastbeitrag des Politikwissenschaftlers Said Rezek

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