Leere Herzen – Ein Blick in eine Zukunft der Angst?

21. August 2018 - 12:00 | | Kultur | 0 Kommentare

Eine Welt, in der politische Aktivität nur noch etwas für Lebensmüde ist und findige Unternehmer Terrornschläge als Geschäftsmodell entdecken: In diese Dystopie lässt uns Juli Zeh in ihrem neuen Buch blicken. Doch selbst dort ist noch Veränderung möglich. Von Lisa Hofmann

Wie weit würdest du gehen, um die Demokratie, die Menschenrechte und das vereinte Europa zu schützen? Ist die Anwendung von Gewalt, die Planung von Terroranschlägen, vielleicht sogar das Anzetteln eines Putsches legitim? Und mit wem würdest du in diesem Fall zusammenarbeiten? Mit fundamentalistischen Ökokriegern, die der Meinung sind, dass es besser für die Umwelt wäre, wenn alle Menschen tot wären? Mit den Geheimdiensten, die behaupten, sie würden nicht einer Regierung, sondern nur einem Prinzip, dem der Demokratie, dienen, die in der Wahl ihrer Mittel aber nicht gerade zimperlich sind? Oder vielleicht sogar mit dem IS?

Waschmaschine statt Wahlrecht

Mit diesen Fragen ringt Britta Söldner, die Hauptperson des Romans „Leere Herzen“ von Juli Zeh. Sie lebt in einem zukünftigen Deutschland, in dem die Bewegung besorgter Bürger mit ihren ständigen »Merkel muss weg!«-Rufen Neuwahlen erzwungen haben und nun die Regierung stellen. Ihr Regierungsprogramm besteht aus immer neuen „Effizienzpaketen“, die eine Mischung aus Staatsprotektionismus und technokratischem Demokratieabbau beinhalten. Die meisten Bürgerinnen und Bürger stört das nicht mehr. Vor die Frage gestellt, ob sie lieber auf das Wahlrecht oder auf ihre Waschmaschine verzichten könnten, halten die meisten ihre Waschmaschine für unersetzlich.

Britta hat es geschafft, sich in dieser Bundesrepublik mit ihrem Ehemann, ihrer Tochter und einem Einfamilienhaus einzurichten und aus den Zuständen Kapital zu schlagen. Zusammen mit ihrem Kompagnon Babak betreibt sie eine sogenannte Heilagentur, „Die Brücke“. Dieses Unternehmen versucht vordergründig, Menschen, die an der Welt verzweifeln, von ihren Selbstmordgedanken zu befreien und ihnen einen Weg zurück ins Leben zu bieten. Das eigentliche Geschäft der „Brücke“ besteht aber darin, Selbstmordattentäterinnen und -attentäter für unterschiedliche Organisationen zu rekrutieren. Mit ihrer Dienstleistung machen Britta und Babak ein Riesengeschäft. Ihre anfänglichen moralischen Skrupel werfen sie schnell über Bord, als sie erleben, wie glücklich Dirk wird. Der kann seine pädophilen Neigungen nicht länger unterdrücken und nimmt dankbar den Vorschlag an, seinem Ende einen Sinn zu verleihen. Dirk stirbt, als er sein mit Sprengstoff beladenes Schlauchboot mit einem Wahlfangschiff kollidieren lässt.

Profite mit Angst und Anschlägen

Mit ihrem Unternehmen ermöglichen es Britta und Babak jenen Menschen, die wirklich  Selbstmord begehen wollen, ihrem Tod einen Sinn zu geben. Gleichzeitig gelingt es ihnen, durch ihre Vermittlung von Attentätern die Opferzahlen bei den Anschlägen zu verringern. Längerfristig führt dies auch zu einem Abebben der Terrorhysterie. Dennoch wird der fortgesetzte Ausbau der staatlichen Sicherheitsstrukturen weiter durch die Gefahr von Anschlägen legitimiert. Britta sieht sich auf der moralisch richtigen Seite und findet, dass sie mit ihrem Geschäftsmodell Gutes tut. Doch als sich neue Terroranschläge ereignen, die nicht von Klienten der „Brücke“ verübt werden, stehen Britta und Babak plötzlich doch noch vor der Frage, in was für einem Staat sie leben wollen und mit welchen Mitteln dieser errichtet werden soll.

Juli Zeh ist mit ihrem Roman „Leere Herzen“ ein erschütterndes Portrait der „Zeit der Monster“ gelungen. Trotz der philosophischen Fragestellung liest sich der Roman in weiten Teilen wie ein Politthriller und ist auf jeden Fall die Lektüre wert.

Der Artikel erschien zuerst auf Marx21.

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