Weihnachten ist Klassenkampf – denn der Friede Jesu ist noch nicht

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Weihnachten steht vor der Tür, und für viele Linke scheint klar: Mit diesem Fest des kapitalistischen Konsums und der religiösen Verblendung wollen sie nichts zu tun haben. Das linke Unbehagen an der kapitalistischen Verwertung „weihnachtlicher“ Gefühle, wie dem Bedürfnis nach Nähe und Wärme, ist dabei durchaus berechtigt. Die pauschale Verdammung des religiösen Festes verstellt allerdings mitunter auch den Blick für Versuche einer revolutionären Aneignung des Weihnachtsfestes, die es durchaus gab.

An Weihnachten tritt der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit des christlichen Glaubens in besonders krasser Weise zutage. Jedes Jahr strömen Millionen Gläubige in die Weihnachtsgottesdienste, wo ihnen verkündet wird: Nicht um Geschenke ginge es an Weihnachten, sondern um die frohe Botschaft, die Jesus verkündete, nicht um Konsum und Gewinn, sondern um Menschlichkeit und Mitgefühl. Die „Welt ist verloren“, die Stimmung allerdings ist nicht vom Kampf um ihre Rettung geprägt, sondern besinnlich. Der Rückzug in die Gemütlichkeit des weihnachtlich geschmückten Wohnzimmers steht im Widerspruch zum bedauernswerten Zustand der Welt. Die Möglichkeit ihrer konkreten Veränderung wird jedoch oft ausgeblendet, die Frage nach den konkreten Konsequenzen der christlichen Weihnachtsbotschaft für das Handeln der Menschen spielt keine Rolle. Damit wird die Weihnachtsbotschaft zur Lüge.

Ist die marxistische Verdammung der Religion als „Opium des Volkes“ also berechtigt? Nicht immer jedenfalls beschränkten sich Christinnen und Christen auf eine entpolitisierte und damit zur sinnentleerten Phrase degenerierte Interpretation christlicher Nächstenliebe. Es gibt durchaus Traditionen eines „engagierten Christentums“, die das Wirken Jesu als Aufruf zum konkreten Handeln in der Welt interpretierten.

Dorothee Sölle (links), Foto: van Smirren / Anefo – Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0 nl

Die katholischen Befreiungsbewegungen in Lateinamerika, die christliche Bürgerrechtsbewegung in den USA oder das „revolutionäre Christentum“ eines Cornel West zeigen, dass marxistische Analyse und Praxis durchaus mit dem christlichem Glauben zusammengehen können. In Deutschland ist die engagierte Bibelinterpretation eng mit dem Namen Dorothee Sölle verbunden, der Initiatorin der „politischen Nachtgebete“.

Dorothee Sölle wendete sich in den 1960er Jahren energisch gegen die herrschende christliche Lehre, die den Glauben als private Angelegenheit behandelt. Die propagierte Trennung von Politik und Religion brandmarkte sie als reaktionäres Mitmachen der herrschenden Ungerechtigkeit, und als unvereinbar mit dem christlichen Glauben. Die Botschaft Jesu ist nicht „neutral“, sondern parteiisch und es ist klar, auf wessen Seite er steht:

Ich weiß sicher, dass das Evangelium keine Neutralität, kein Sich-Heraushalten duldet. Man mag zögern, den Kampf Jesu gegen die einheimische herrschende Klasse der Sadduzäer und gegen die imperialistische Unterdrückung durch Rom als „Klassenkampf“ zu bezeichnen, aber es ist kein Zweifel darüber möglich, auf welcher Seite er stand: auf der Seite der Armen (Dorothee Sölle, in: Kreuz und Klassenkampf)

Wenn Jesus in der Bibel die Gläubigen  dazu aufruft, ihr „Kreuz“ zu tragen, wird dies oft als Ermutigung interpretiert, das je persönliche „Schicksal“ im Wissen um das Leid Jesu starken Herzens zu ertragen.  Dorotheee Sölle wendet sich strikt gegen diese „bürgerliche Interpretation“ der Kreuzesmetapher. Sie sieht in ihr vielmehr den Auftrag Jesu an alle Christinnen und Christen , seinen revolutionären Kampf fortzuführen und die Welt in einen Ort zu verwandeln, an dem die Menschen in geschwisterlicher Liebe vereint und in Frieden leben können.

Der Ruf, sein Kreuz auf sich zu nehmen, ist der Ruf, sich dem Kampf anzuschließen. Ergreife Partei, brich die Neutralität, stelle dich auf die Seite der Verdammten dieser Erde. (Dorothee Sölle, in: Kreuz und Klassenkampf)

Aus der Perspektive dieses radikal weltzugewandten Glaubens hat Dorothee Sölle sich auch mit der Bedeutung von Weihnachten beschäftigt. In ihrer Auslegung der Weihnachtsgeschichte stellt sie den „Gewaltfrieden Roms“ dem „Frieden Gottes“ gegenüber. Ihre Kritik der Pax Romana, also des römischen Gewaltfriedens, stellt sie dabei explizit in Bezug zur Verfasstheit der Welt im globalen Kapitalismus:

Man muss sich die Pax Romana vorstellen als ein in das Leben jeden Menschen eingreifenden Weltsystem, in dem die Menschen so gefangen sind wie wir heute unter der Pax Americana (Dorothee Sölle, in: Gewaltfrieden oder Gottes Frieden)

Der imperiale Gewaltfrieden ist ein Frieden der Friedhofsruhe. Er produziert materiellen Überfluss, sinnentleerten Konsum und seelische Leere für die einen, maßloses Elend und Entrechtung für die anderen. Dem auf Ausbeutung beruhenden Frieden des römischen Konsuls Pontius Pilatus steht in der Weihnachtsgeschichte das Versprechen der großen Freude gegenüber, „die bald das ganze Volk ergreifen wird“.

Die einfache Frage, was dieses Versprechen der Freude in den Kriegsregionen Syriens oder den Armutsvierteln der globalen Megacitys heute bedeutet, führt auf den Weg des christlichen Widerstands. Die Augen zu öffnen für das „Elend der Welt“, heißt zuerst einmal: die tägliche Gewalt zu sehen, der viele Menschen ausgesetzt sind. Heute wie früher ist wahr, was Sölle schrieb: „Die Bomben, die wir hier produzieren, fallen jetzt. Auf die Armen“.

Es reicht nicht, diesen Zustand in Weihnachtspredigten scheinheilig zu bedauern, um anschließend ins traute Heim zurückzukehren. Die Weihnachtsbotschaft drängt ihrem Prinzip nach zur Verallgemeinerung. Der göttliche Frieden umfasst alle zu jeder Zeit, oder er ist nicht. Die Anerkennung des Leids der Armen führt unmittelbar zum Weckruf nach einer radikalen Umkehr zu Gott und zur Liebe. Diesen revolutionären Ruf mit weihnachtlicher Besinnlichkeit zu verkleistern ist die große Sünde der etablierten Kirchen, die Sölle zurecht oft als „Grab Christi“ empfand.

Christen, die sich nicht blind machen für den Zustand der Welt, können jedoch hoffen. Denn ihnen gilt der Ruf: „Stärket die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie! Sagt zu denen, die verzagten Herzens sind: Seid getrost, fürchtet euch nicht“ (Jesaja 35, 3-4). Ihnen gelten auch Dorothee Sölles ermutigende Worte:

Auf der Seite der Armen, in dem Krieg, den unsere eigene Klasse gegen sie führt, spricht Gott zu uns. Fürchtet euch nicht! Sie werden mit Knüppeln und Gas und Hunden kommen – aber fürchtet euch nicht. Siehe da euer Gott. In der Wüste brechen Wasser hervor. (Dorothee Sölle, in: Gewaltfrieden oder Gottes Frieden)

Auch dieses Jahr wird diese „andere Botschaft“ des Christentums wieder von weihnachtlichem Kitsch und privater Häuslichkeit überlagert. Christinnen und Christen können sich jedoch entscheiden, ihre Augen für das Leid der Welt zu öffnen und den großen Versprechen Taten folgen zu lassen. Angesichts von NATO-Aufrüstung, globaler Ausbeutung und deutschen Rüstungsexporten wäre dies notwendiger denn je. Die Rüstungsausgaben in Deutschland sollen nahezu verdoppelt werden. Dem sollten sich alle, die dem Weg Jesu und dem Weg des Friedens folgen, energisch entgegenstellen. Die großen Kirchen haben im November 2017 einen christlichen Friedensappell veröffentlicht. Im Internet kann zudem der Aufruf abrüsten statt aufrüsten unterzeichnet werden. Dies wird jedoch nicht ausreichen: Alle Christinnen und Christen sind deshalb aufgerufen, sich im kommenden Jahr an den bereits in Planung befindlichen Friedensdemonstrationen zu beteiligen. Es ist an der Zeit, dass die weihnachtliche Friedensbotschaft endlich realisiert wird!

In diesem Sinne interpretiert kann die Weihnachtsbotschaft allen engagierten Christinnen und Christen eine Ermutigung zum politischen Handeln sein. Ihnen widmete Dorothee Sölle auch das folgende Weihnachtsgedicht:

 

Fürchte dich nicht!

 

Die Herrschenden können die Schrift an der Wand

Nicht mehr übersehen

Die Beherrschten kehren sich ab vom Kopfnicken

Die Waffenhändler wagen nicht mehr

Über die am Boden liegenden zu steigen

Die Bischöfe geben die schlüpfrigen Reden auf

Und sagen nein

Die Freunde Jesu blockieren die Straßen des Overkill

Die Schulkinder erfahren die Wahrheit

Woran sollen wir einen Engel erkennen

Außer dass er Mut macht wo Angst war

Freude, wo nicht mal mehr Trauer wuchs

Einspruch, wo Sachzwang herrschte

Abrüstung, wo Terror glaubwürdig drohte

Fürchte dich nicht, der Widerstand wächst.

(Gedicht, Dorothee Sölle, aus: „Spiel doch von Brot und Rosen“, Berlin 1981)

 

 

 

 

Über den Autor

Kritischer Wissenschaftler, Gewerkschafter und politischer Aktivist: zur persönlichen Homepage- Vertiefende Texte von ihm finden sich hier

Ein Kommentar

  • 1
    Günter Meisinger says:

    Der Artikel hätte noch erwähnen können, daß Dorothee Sölle auch die „Christen für den Sozialismus“ gründete. Ich hatte vor über 20 Jahren mal 2 oder 3 Briefe mit ihr gewechselt, sie hatte mich auf einen meiner Artikel hin (meine persönl. Erinnerungen an den Schrifsteller James Baldwin, der zur Zeit in den USA wieder ganz populär ist) angeschrieben und diesen für ihre kleine Zeitschrift übernommen, die den seltsam anmutenden Titel „Wider den Tod“ trug, womit allerdings jener soziale Tod gemeint war, den viele Menschen schon vor dem physischen Tod erleiden. Persönlich empfand ich sie zwar als kühler wie in ihren leidenschaftlichen Büchern, was diesen aber keinen Abbruch tut. Besonders „Mystik und Widerstand“ -das ursprünglich „Mystik und Revolution“ heißen sollte, fand ich erstaunlich. Dort geht es ja nicht nur um die nicht mehr neue These, daß rev. Aktion und Kontemplation kein Widerspruch sein müssen, beides zusammen gelebt werden kann, sondern sie arbeitete für versch. religiöse Strömungen ganz genau die jeweils progressiven Anteile heraus, die antiautoritären Elemente und wieso Spiritualität nur unter Einbeziehung der sozialen Realität möglich sei. Lediglich bei den Quäkern -die ich für Heuchler halte- hat sie sich m.E. vertan; ansonsten aber förderte sie erstaunliches zu Tage.