Ostern: Jesus ein Sozialist?

17. April 2017 - 12:00 | | Gesellschaft | 0 Kommentare

Am Ostermontag soll Jesus, so heißt es im Christentum, wieder auferstanden sein. Doch welche Rolle spielte Jesus, der heute von vielen Konservativen für sich vereinnahmt wird, in der Geschichte, war er gar Sozialist, wie die christliche Befreiungstheologie sagt?

Anfang November las Ármin Langer, der Rabbinerstudent am Abraham-Geiger-Kolleg in Berlin war, bei der Neuköllner LINKEN aus seinem Buch „Ein Jude in Neukölln. Mein Weg zum Miteinander der Religionen“. Er beschreibt dort eine Szene aus dem Dezember 2015: Bei einer Veranstaltung wurden verdiente Neuköllner mit der Ehrennadel des Bezirks ausgezeichnet. „Ist dieser Weihnachtsbaum nicht wunderschön?“ fragte in ihrer Rede die Neuköllner Bürgermeisterin Franziska Giffey. Es war natürlich eine rhetorische Frage, denn lächelnd machte sie den Weihnachtsbaum samt seiner Dekoration zum Aufhänger ihrer Ansprache, über Gemeinsamkeiten der Bewohnerinnen und Bewohner ihres Bezirks. Sie übersah, dass das Weihnachtsfest samt Weihnachtsbaum Symbol eines christlichen Festes ist, aber die Mehrheitsbevölkerung nicht mehr christlich, sondern eher christo-normativ säkular ist.

Weihnachten ist gerade dafür ein Ausdruck, ebenso, dass wir unser Kalenderjahr als „2016 nach Christus“ bezeichnen, statt schlicht von „unserer Zeitrechnung“ zu sprechen. Jenseits aller direkt-religiösen Bedeutungen spielt also das Christliche in unserem Leben normativ eine Rolle und wird im Alltag reproduziert. In gewissem Maße gilt das ebenso für den Christus-Mythos, der nun schon über 2000 Jahre wirkt und von den christlichen Kirchen je nach Konjunktur unterschiedlich gepflegt wird. Gegenwärtig wird mit großem Aufwand das 500. Jubiläum der Reformation vorbereitet, das mit dem Wittenberger Prediger Martin Luther verbunden ist und eine Scheidelinie zwischen Mittelalter und Neuzeit in Europa markiert. Auch das ist ein Grund, einen Blick auf Ursprünge und Entwicklung des Christentums zu werfen.

Jesus von Nazareth

Über die Person des Jesus von Nazareth ist von zeitgenössischen Geschichtsschreibern wenig übermittelt worden. Für viele Historiker ist Jesus ein Mythos. Christliche Schriftsteller, vor allem die Verfasser der Evangelien, haben die ihnen zugänglichen mündlichen Überlieferungen erst Jahrzehnte nach seinem Tod aufgeschrieben. Unsicherheiten gibt es zudem in der Quellenlage für die Anfänge der Jesusbewegung. Trotzdem hat der Ursprung des Christentums und die Spiritualität der vermittelten Gleichnisse und Lehren die menschliche Gesellschaft immer wieder zu neuer Beschäftigung herausgefordert – und das seit mehr als 2000 Jahren.

Römische Kolonie

Palästina war im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung eine römische Kolonie, in der herodianische Vasallenkönige von Gnaden Roms mit brutalen Herrschaftsmethoden regierten, zum Beispiel mit Massenkreuzigungen. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, für sich selbst und für Rom vom jüdischen Volk hohe Abgaben abzupressen. Eine Grundlage war der Zensus, die Registrierung von Personen und Besitzstand, der im Jahr 6 stattfand. Hierauf basierte die Besteuerung, die von der Bevölkerung als ungerecht empfunden wurde. Der Evangelienautor Markus berichtet von einer Schlüsselszene, in der Jesus von etablierten Juden und Anhängern des König Herodes gefragt wurde, ob es recht sei, dem Kaiser Steuern zu entrichten, oder nicht. Als „Wort Jesu“ wird der Konflikt so aufgelöst: „Reicht mir einen Denar, damit ich ihn ansehe.“ Er fragte: „Wessen Bild und Aufschrift ist das hier?“ Sie antworteten: „Des Kaisers.“ Da sagte Jesus zu ihnen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Markus 12,13-17).

Kirche und Staat

Dieser Dialog ist der wohl am meisten strapazierte Text für die Beschreibung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat im Sinne der Dienstbarmachung für staatliche Interessen. Im historischen Kontext betrachtet lässt die Jesus-Position auch anders interpretieren: Wir sind ein unterdrücktes Volk, wie der Umlauf römischer Münzen zeigt. Aber es gibt eine Grenze, ab der Widerstand zu leisten ist, wenn nämlich als Unterwerfung unter die Besatzungsmacht die Frage anderer Götter, hier der römischen Götter, ins Spiel kommt. Damit wird die Frage der religiösen Autonomie als Frage der kulturellen Identität aufgeworfen. Hinzu kommt für die Jesusbewegung die soziale Frage.

Zu jener Zeit gab es viele Großgüter, die dem König gehörten. Die Evangelien berichten von der Landbevölkerung vor allem im Zusammenhang mit Unterdrückungserfahrungen. Kleine Bauern, die von ihrem eigenen Land leben konnten, gab es in Galiläa offenbar nicht mehr. Wenn von Landwirtschaft die Rede ist, dann von Großgrundbesitzern, Sklaven, Tagelöhnern, Arbeitern und Pächtern. In diesem Zusammenhang sind Frondienst, Pfändungen, Schuldgefängnis, Folterungen, Arbeitslosigkeit, Hunger, sogar der Verkauf ganzer Familien überliefert. In diesem Spannungsfeld entstand die Jesus-Bewegung. Jesus selbst soll ein Sohn eines Zimmermanns gewesen sein, zwar nicht zur Landbevölkerung gehörend, aber aus prekären Verhältnissen stammend. Das gilt auch für seine Anhänger.

Kommt der Reiche in die Hölle?

In den Evangelien finden sich Zeugnisse eines starken Klassenhasses, besonders im Lukasevangelium, das wahrscheinlich zwischen dem 60. und 70. Jahr unserer Zeitrechnung verfasst wurde. In der Erzählung über Lazarus, die in den anderen Evangelien nicht enthalten ist, kommt der Reiche in die Hölle und der Arme in Abrahams Schoß, nicht etwa, weil jener ein Sünder und dieser ein Gerechter war – davon wird gar nichts berichtet.

Auf dem Rostocker Parteitag der LINKEN im Jahr 2010 hielt mit dem nicaraguanischen Dichter Ernesto Cardenal einer bekanntesten Vertreter der Befreiungstheologie eine weithin beachtete Rede. „Vom Kommunismus kommen wir her. Kommunistisch sind unsere Wurzeln“, rief er aus. „Ich bekenne mich als Kommunist und als Christ, doch eigentlich waren die ersten Christen die ersten Kommunisten. Bei Lukas heißt es, dass es unter ihnen keine Armen gab, und jedem wurde nach seinen Bedürfnissen gegeben (Apostelgeschichte 4, 34-35). Das ist dieselbe Art und Weise, in der viele Jahrhunderte später Marx den Kommunismus definierte.“ Ernesto Cardenal erläutert, dass in der Bibel Reichtum als durch Diebstahl, durch Raub angehäuft verstanden wird, deshalb bedeutet „reich“ „ungerecht“. „Deswegen verurteilt die Bibel den Reichen allein deshalb, weil er reich ist, ohne dass er unbedingt ein schlechter ›Reicher‹ sein muss. Deswegen ist ›reich‹ auch ganz einfach dasselbe wie ›ungerecht‹.“

Erst eine Bewegung von Unterdrückten…

Es sind diese proletarischen Wurzeln der Jesus-Bewegung, die Marxisten immer wieder angeregt haben, sich im Zusammenhang mit Gesellschaftsanalysen der Antike mit den Ursprüngen des Christentums zu beschäftigen. Karl Marx kam in „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ zu der Einschätzung: „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. (…) Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ Friedrich Engels vermittelt in seiner Artikelfolge „Zur Geschichte des Urchristentums“, die 1894/95 in der Neuen Zeit erschien, dass das Urchristentum „merkwürdige Berührungspunkte“ mit der modernen Arbeiterbewegung habe.

„Wie diese war das Christentum im Ursprung eine Bewegung Unterdrückter: Es trat zuerst auf als Religion der Sklaven und Freigelassenen, der Armen und Rechtlosen, der von Rom unterjochten oder zersprengten Völker. Beide, Christentum und Arbeitersozialismus, predigen eine bevorstehende Erlösung aus Knechtschaft und Elend; das Christentum setzt diese Erlösung in ein jenseitiges Leben nach dem Tod, in den Himmel, der Sozialismus in diese Welt, in eine Umgestaltung der Gesellschaft. Beide werden sie verfolgt, ihre Anhänger geächtet und unter Ausnahmegesetze gestellt (…).“ Von Lenin ist bekannt, dass er sich gründlich mit den Arbeiten des deutschen Sozialdemokraten Josef Dietzgen zum wissenschaftlichen Sozialismus beschäftigt hat, und dabei insbesondere mit dessen Auseinandersetzung mit dem Urchristentum. Karl Kautsky, dessen Buch „Der Ursprung des Christentums“ 1908 erschienen ist, bestimmte lange Zeit die Debatte in der deutschen Sozialdemokratie.

Neben den politischen, ökonomischen und sozialen Bedingungen, aus denen die Jesusbewegung entstanden ist, sind ihre zentralen Ziele interessant. Sie ging von einer Endzeiterwartung aus, das Ende von Armut und Unterdrückung „im kommenden Reich Gottes“. Dafür bereit zu werden, war ihr Credo. Wanderprediger verbreiteten die Botschaft von der Erlösung und bildeten Gemeinden. Um ihre Wirkungsweise zu verstehen, schreibt die Theologin Luise Schottroff, „ist es notwendig zu betrachten, wie diese Wanderprediger mit Konflikten umgingen.“ Sie trafen häufig auf Widerstand und Verfolgung.

…dann Staatsreligion

Die Verhaltensweise der Jesusanhänger war dagegen: Feindesliebe und Angstüberwindung. Im Hintergrund steht dabei die lange Tradition der Märtyrer des jüdischen Volkes. Schottroff hierzu: „Der Mut der überwundenen Angst hat ihnen geholfen, auch in Konfliktsituationen ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.“ Durch die Verfolgungen ist die Jesusbewegung nicht gescheitert. Die Ursachen liegen wesentlich in der Bewegung selbst, als neben den armen Leuten der römischen Städte auch Reiche und Wohlhabende christlich wurden. „Vom Ende des 1. Jahrhunderts an wurden die Christen als Christen von römischen Kaisern verfolgt. Aber im 4. Jahrhundert waren Christen bereits römische Kaiser, die mit demselben Herrschafts- und Unterdrückungsapparat arbeiteten wie ihre nichtchristlichen Vorgänger.“ Christentum als Staatsreligion, das war das Scheitern der Jesus-Bewegung.

Jedoch gab es eine Nachwirkung der Jesusbewegung durch die Jahrhunderte in Form staats- und kirchenkritischer Bewegungen neben den Staatskirchen. Erinnert sei beispielsweise an die Kartharer, die Waldenser, die mittelalterliche Frauenbewegung der Beginen, die Hussiten als sozialrevolutionäre Bewegung in Böhmen, Thomas Müntzer und die Bauernkriege, die Herrnhuter Brüdergemeinen, an schwarze Christen in den USA und Südafrika, an die Befreiungstheologie, die insbesondere in Südamerika zu einer Massenbewegung in der Kirche geworden ist.

Für den Vordenker der Theologie der Befreiung, Leonardo Boff, steckt das offizielle Christentum mit der Kultur der Unterdrückung unter einer Decke. Von ihm erwartet er nicht viel. Boff greift, zum Beispiel in seiner Schrift „Eine neue Erde in einer neuen Zeit“ (erschienen 1994), die Ursprünge des Christentums auf, wenn er von den Christen die Solidarität mit den Ausgegrenzten und Unterdrückten fordert. Für ihn ist der „entscheidende Punkt“, zur Schaffung einer sozialen Demokratie, einer neuen Wirtschaftsordnung und einer anderen Politik beizutragen: „Wir müssen den Weg freimachen von einer Wirtschaft des unbegrenzten Wachstums hin zu einer Wirtschaft des ausreichenden Maßes für alle.“

Keine religiöse, aber auch keine anti-religiöse Partei

Nun trommeln Pegida und die AfD für die „Rettung des christlichen Abendlands“. Mit diesem Etikett maskieren die Rechtsextremisten ihren Rassismus, der gegenwärtig vor allem als antimuslimischer Rassismus daherkommt. Mit Christentum und christlichen Werten hat ihr Treiben nichts zu tun. Ihre Funktion ist das Teilen in der kapitalistischen Gesellschaft, um das Herrschen des Kapitals abzusichern. Deshalb ist es ein richtiger Schritt, dem scheinbar religiös verbrämten Rassismus entgegenzutreten und die Vielfalt religiöser und säkularer Motive und Lebensweisen der Menschen anzuerkennen, ebenso wie die unterschiedlichen Feiertage. DIE LINKE kann das, denn sie ist keine religiöse, aber auch keine anti-religiöse Partei. Vielmehr ist sie eine Partei, in der alle Menschen Platz haben, die für soziale Gerechtigkeit und gegen Krieg streiten wollen – unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion. In der LINKEN organisieren sich Atheistinnen und Atheisten und Anhängerinnen und Anhänger unterschiedlicher Religionen gemeinsam. Darin liegt Hoffnung.

Der Beitrag erschien zu erst im Magazin „Marx21“

Zum Autor: Klaus-Dieter Heiser ist in der Partei DIE LINKE in Berlin-Neukölln aktiv. Seit vielen Jahren ist er engagiert in der Friedensbewegung und im Dialog von Marxisten und Christen.

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