Botschaft des Christentums ist antikapitalistisch – Im Gespräch mit Franz Segbers

1. Januar 2017 - 14:00 | | Politik | 1 Kommentare

Beim Gedanken an die Kirche kam vor Jahren kaum jemand Kritik amKapitalismus in den Sinn, seit dem neuen Papst dürfte sich dies geändert haben. Doch liegt dies nur an Papst Franziskus oder ist die Botschaft des Christentums selbst antikapitalistisch? Wir haben mit dem Professor und Theologen Franz Segbers über den aktuellen Papst, die Botschaft der Bibel und religiösen Antikapitalismus gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Vor drei Jahren hat der Papst in einem Schreiben ein Aufsehen erregenden Spruch geprägt: „Diese Wirtschaft tötet“. Was meinte er damit?

Franz Segbers: Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte hat es ein solch weltumspannendes Wirtschaftssystem wie den Kapitalismus gegeben. Und dieses System ist zwar hoch effektiv, aber genauso destruktiv. Es hat Reichtum für einige wenige und Armut und Elend für die Mehrheit gebracht. Es entfacht eine Wachstumsdynamik, die nichts anderes als ein Krieg gegen die Schwächeren ist. Um effektiv zu sein, schändet er die Mutter Erde, spaltet die Menschen zwischen arm und reich und schafft Ungleichheit. Papst Franziskus nennt dieses System „tödlich“ und schleudert ihm ein vierfaches Nein entgegen: Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung; Nein zur neuen Vergötterung des Geldes; Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen; Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt. Er sagt, was ist. Und diese schonungslos ausgesprochene Wahrheit hat die Medien aufgeschreckt.

Die Freiheitsliebe: Der Papst sprach davon, dass im Zentrum jeder Wirtschaft der Mensch stehen muss. Kann das schon als Kritik am Kapitalismus verstanden werden?

Franz Segbers: Der Kapitalismus heißt Kapitalismus, weil in ihm das Kapital und die Mehrung des Kapitals regiert. Das Kapital übt eine globale Kontrolle aus. Milliardäre übernehmen die Macht in der neuen US-Regierung, in der Ukraine oder in Argentinien. Wer sagt, dass der Mensch im Mittelpunkt zu stehen hat, greift direkt diese Machtinteressen des Kapitals an. Papst Franziskus nannte es auf dem 3. Welttreffen der Sozialen Bewegungen im letzten Oktober „terroristisch“, wenn das Geld regiert. Der Terrorismus hat den Menschen vertreiben und an seine Stelle das Geld gesetzt. Dazu Papst Franziskus: „Das System ist terroristisch.“ Nicht bloß die Auswirkungen des Kapitalismus sind tödlich. Der Kapitalismus ist von der Wurzel her ungerecht.

Die Freiheitsliebe: In dem Buch heißt es, dass aus den Worten des Papstes folgen muss, dass der Kapitalismus überwunden werden sollte. Woran machst du das fest?

Franz Segbers: Globalisierung heißt, dass der destruktive Kapitalismus weltweit herrscht. Die ersten Opfer sind die Armen und die Schöpfung. Wenn sie überleben wollen, dann muss der tödliche Kapitalismus überwunden werden. Man muss nur die Textilarbeiterin in Bangladesh, den Rentner oder den Leiharbeiter bei uns fragen: Sie alle wissen, dass es so nicht weiter gehen kann. Sie brauchen und wollen eine grundlegende Veränderung.

Die Freiheitsliebe: Schon vor dem aktuellen Papst gab es immer wieder christliche Kritik am Kapitalismus, wie unterscheidet sich diese von christlicher Soziallehre, was ist besonders am aktuellen Papst?

Franz Segbers: Die reichen Kirchen im Zentrum des Kapitalismus wollen nicht umkehren und einsehen, dass die Europäer Täter und Profiteure des Kapitalismus sind. Doch das Christentum ist weltweit mehrheitlich längst zu einer Religion der Armen geworden. Die Armen spüren die Verheerungen des Kapitalismus am eigenen Leibe. Und deshalb gibt es eine große weltweite Übereinstimmung der katholischen, anglikanischen evangelischen und orthodoxen Kirchen. Diese große Ökumene sollte auch hierzulande gerade im Jahr der Reformation bekannter werden. Der Papst in Rom ist die laut hörbare Stimme einer weltweiten Bewegung von Menschen, die gegen den Kapitalismus aufstehen. Die traditionelle katholische Soziallehre kam von oben, vom Papst. Doch jetzt ist der Papst das Sprachrohr derer da unten: der Armen, der Ausgebeuteten und arm Gemachten.

Die Freiheitsliebe: Würdest du dem Zitat „Ein Sozialist kann Christ sein, ein Christ muss Sozialist sein“ zustimmen? Wieso sollten Christen Sozialisten sein?

Franz Segbers: Die Botschaft des Christentums ist antikapitalistisch, egalitär-gleichmachend. Über die erste christliche Gemeinde in Jerusalem heißt es, dass sie ein Herz und eine Seele waren und keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum. Sie hatten alles gemeinsam. Was wir heute Solidarität nennen, heißt christlich „Nächsten- und Feindesliebe“. Ein Sozialismus, der diese Solidarität zum, Grundprinzip macht, ist ein Gesellschaftssystem, das Christen zu Sozialisten macht.

Die Freiheitsliebe: Trotz seiner progressiven Ansätze in Bezug auf Wirtschaft, scheint der Papst reaktionäre Positionen was Homosexualität und Frauenrechte angeht, beizubehalten?

Franz Segbers: Der Westen hat die Gerechtigkeitsfrage aufgespalten. Er ist – mehr oder weniger – gerecht gegenüber den Rechten von Frauen und Homosexuellen, aber verteidigt das strukturell ungerechte System des Kapitalismus. Im Westen gilt: Sexuell ist alles erlaubt; aber Kritik am Kapitalismus ist ungehörig! Der Papst muss sich gegen reaktionäre Kräfte im Apparat der Kirche behaupten. Er versucht den Apparat zu unterlaufen und fordert Barmherzigkeit, also eine Haltung der Akzeptanz. Deshalb antwortete er einem Journalisten: „Wer bin ich, dass ich Homosexuelle verurteile?“

Die Freiheitsliebe: Abschließend: Können die Kirchen ein Bündnispartner im Kampf für soziale Verbesserungen sein?

Franz Segbers: Was Fidel Castro 1971 in Chile bei einem Besuch des Präsidenten Salvador Allende sagte, gilt auch heute noch für linke Christinnen und Christen: „Wir sehen die revolutionären Christen als strategische Alliierte der Revolution, nicht einfach nur als Mitreisende.“ Sozialismus und Christentum haben ein gemeinsames Ziel, für das sie gemeinsam kämpfen sollten: eine Welt ohne Hunger, Not und Ausbeutung. Für dieses Ziel brauchen wir strategische Allianzen von Sozialisten, seien sie säkulare Menschen, Christen, Juden oder Muslime.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Gespräch

Franz Segbers, bis 2014 Prof. für Sozialethik in Marburg, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft linke Christinnen und Christen in Hessen. Mitherausgeber von: Franz Segbers und Simon Wiesgickl (Hg.) (2015): Diese Wirtschaft tötet. Kirchen gegen Kapitalismus, Hamburg / Oberursel oder zum Download.

Über den Autor

Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.
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