Internationaler K(r)ampf: deutsche Presse schweigt über Uni-Proteste

20. April 2015 - 15:53 | | Gesellschaft | 10 Kommentare
Proteste der Neuen Universität – Foto: Ewout van den Berg

Weltweit besetzen Studierende und Lehrende die Hochschulen und demonstrieren massiv für eine gerechtere Universität. Mit breiter internationalen Unterstützung werden sogar unabhängige Einrichtungen gegründet. Allerdings kommt fast nichts davon in der Bundesrepublik an: die Presse schweigt. Was ist da los?

Internationaler Protest, nationale Ignoranz

Seit Wochen spitzen sich die Proteste von Lehrenden und Studierenden zu. Ein geographischer Streifzug macht deutlich, dass es sich hier um ein ernstzunehmendes, internationales Phänomen mit vielfältigen Aktionsarten handelt:

In Montreal gingen vor einigen Wochen beispielsweise locker 30.000 Studierende und akademisches Personal auf die Straße. In Chile demonstrierten vor einigen Tagen dreimal so viele. An der Universität von Kapstadt brachten schwarze Studierende nach heftigem, wochenlangem Protest die Statue des Kolonialherren Cecil Rhodes zu Fall. Besetzungen gibt es aktuell unter Anderem an der Londoner Elite-Universität LSE, sowie an den dänischen Unis in Aarhus und Kopenhagen.

In den Niederlanden gründeten Akademiker_innen sogar eigene Einrichtungen. Die University of Colour ist ein Ort, wo die bestehenden Curricula und systemischen Verhältnisse kritisiert werden. Und wo die eigenen Curricula angeboten werden. Mit großem Erfolg: akademische Größen wie Judith Butler, David Graeber, Noam Chomsky, Sandra Harding und Jacques Rancière unterstützen tatkräftig deren Vorhaben.

Es rumort gewaltig im akademischen Betrieb. Aber das kann nur wissen, wer aufmerksam soziale und ausgewählte ausländische Medien, allen voran unabhängige Blogs, verfolgt. In der deutschen Presse herrscht Funkstille – quer durch die ganze Medienlandschaft. Vergeblich such man, beispielsweise, nach den Stichworten „Amsterdam“ und „Maagdenhuis“ in den Online-Archiven, bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung genauso wie bei der Tageszeitung oder der Süddeutschen.

Das Maagdenhuis, die administrative Zentrale der Universität Amsterdam, blieb mehr als einen Monat lang besetzt und legte somit während dieser Zeit den gesamten regulären Betrieb lahm. In keinem deutschen Medium – weder groß noch klein, weder kommerziell noch gemeinnützig – findet eine ernstzunehmende Berichterstattung darüber statt.

Verengung des Sag- und Machbaren


Auf Blogs wie
Die Freiheitsliebe werden mit Recht die Besitzverhältnisse der großen Medien angeprangert. Der Artikel Stell dir vor es wird protestiert und keiner schaut hin erörtert etwa die auffällige Ignoranz der Medien über soziale Proteste im Allgemeinen.

“Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten”, zitiert Die Freitheitsliebe die geflügelten Worten eines deutschen Journalisten aus dem Jahr 1965.

Aber erklärt das auch die Stille der kleinen, gemeinnützigen oder genossenschaftlichen Medien? Warum berichtet die Junge Welt nicht über die Besetzungen? Wo bleibt Neues Deutschland? Und Jungle World? Der Freitag? Und was ist mit der Website von der Bildungsgewerkschaft GEW? Hat die überhaupt kein Interesse an erfolgreichen akademischen Protesten? Eine merkwürdige Haltung für eine Bildungsgewerkschaft.

Besitzverhältnisse erklären diese Ignoranz nicht ganz. Die Taz kann ihre Themen weitgehend unabhängig setzen, beispielsweise. Ihr Interesse für die Studierendenproteste beschränkt sich, wie auch bei Neues Deutschland, auf eine handvoll Artikel.

Wo kann diese Ignoranz also sonst noch herkommen? Ist es Provinzialismus? Vielleicht. Ist es Konservatismus? Die Angst, als zu links oder als zu politisch engagiert zu gelten, besonders wenn der Begriff des linksextremen sich immer mehr ausweitet.? Welche_r Journalist_in oder welche Zeitung will diesen Ruf schon haben? Besonders in einer Branche, die sich – zumindest ihrer Rhetorik nach – noch stark der Neutralität verpflichtet fühlt.

Der spekulative Erklärungsversuch, warum viele deutschen Medien Proteste vernachlässigen, steht dem gesicherten Endergebnis dieser Ignoranz gegenüber. Strategien des Widerstandes, die im Ausland von ganz ’normalen‘ Studierenden und respektablen Akademiker_innen mitgetragen werden, bleiben im Inland politisch dort verortet, wo sie schon immer waren: im linksextremen Spektrum.


Statt umfassenden Streiks oder dem Einnehmen öffentlichen Raums bleibt die Trillerpfeife in den Geistern vieler das legitime Instrument des Widerstandes. Müde Tarifverhandlungen mit minimalen Verbesserungen für die Betroffenen sind hier das höchst vorstellbare, während im Ausland Selbstorganisation und Dekolonisierung der Universitäten längst auf der Tagesordnung stehen.

Die Ignoranz gegenüber internationalen Protesten verengt stillschweigend das Feld der Möglichkeiten und des Sag- und Machbaren in Deutschland. Zugegeben: Berichterstattung über internationale Opposition wird kaum kurzfristige Gewinne einbringen. Deutsche Medien können die Augen aber nicht dauerhaft für soziale, internationale Bewegungen verschließen. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, wusste Michael Gorbatschow bereits. Genauso verhält es sich für die Medien hier.

 

Ein Beitrag von Johnny van Hove

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10 Kommentare

  • 1
    Michel sagt:

    Ja ja die Freiheitsliebe der Studenten. Wenn sie dann aber ausstudiert haben und Untergebene zur Arbeit antreiben um ihr Haus, ihr Boot, ihr Auto und das Weib zu finanzieren, ist,s vorbei mit der Freiheitsliebe.

  • 2
    Meh sagt:

    „Vergeblich such man, beispielsweise, nach den Stichworten “Amsterdam” und “Maagdenhuis” in den Online-Archiven, bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung genauso wie bei der Tageszeitung oder der Süddeutschen.“
    http://sz.de/1.2440057

    Die Medien werden wohl leider erst breiter darüber berichten, wenn die Proteste zu Massenbewegungen werden.
    Liegt bestimmt auch an den Lesern, die sich mehr für RoyalBaby2 interessieren, als für Studentenproteste.

  • 3
    Antitotsparer sagt:

    Ist zwar keine Massendemonstration aber berichtet in dem Zusammenhang doch auch mal hierüber: https://www.facebook.com/SparUniBonn
    Geht um die Sparpolitik bzgl. Bildung in Deutschland, die ja leider immer mehr Unis betrifft und in Zukunft wohl betreffen wird.
    Mit denen hat die jW z.B. ein Interview geführt… Warum die „junge Welt“ von den großen, internationalen Protesten bisher nichts berichtet hat kann ich mir allerdings auch nicht erklären. Vielleicht hilft ja ein kleiner „Hinweis“… ?

    • 3.1
      Meh sagt:

      Als Student bin ich immer interessiert an Entwicklungen an den Unis.
      Leider habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass meist linke Gruppen die Initiative ergreifen und realitiätsfern irgendwas fordern – oftmals ohne Ahnung und meist ohne Lösungsvorschläge.

      Viellleicht (und hoffentlich) bietest du ein anderes Beispiel! 🙂

      Kannst du z.B die Befürchtungen aus deinem FB-Post konkret belegen:
      https://scontent-fra.xx.fbcdn.net/hphotos-xfp1/v/t1.0-9/644436_739030152880563_7421400203504793616_n.jpg?oh=52aed662ed8fbd8c621ad7f244132a51&oe=55A336FB

      Das SS2015 ist ja schon da.

      Und wie sollen die Forderungen konkret realisiert werden: https://scontent-fra.xx.fbcdn.net/hphotos-xat1/v/t1.0-9/11147082_739030146213897_3541339286234522468_n.jpg?oh=d10c44511e0c64228ae485551652a762&oe=55A31E4F
      ?
      Aus welchen Bereichen sollen Mittel zur Verfügung gestellt werden?

      • 3.1.1
        Antitotsparer sagt:

        1. Um Missverständnisse zu vermeiden: Es klingt so als würdest du mich für den Urheber der Facebook-Seite halten. Ich habe jedoch weder etwas mit der Seite zu tun, noch bin ich Student der Uni Bonn. Falls ich das falsch aufgefasst habe, vergiss diesen Punkt.
        2. Es ging mir darum, die Sparpolitik bei der Bildung in Deutschland, im Bezug auf dieses Thema, ebenfalls ins Licht zurück, in der Hoffnung die Freiheitsliebe würde sich vielleicht auch einmal vermehrt diesem Thema annehmen.
        3. Für Lösungsvorschläge fragst du sicherlich den falschen. Jedoch bin ich der Meinung, dass solche Forderungen immer utopisch sein müssen. Das kennt man vom Feilschen. Denn wenn ich nur Mindestforderungen stelle, wird der letztendliche Kompromiss nicht wirklich zufriedenstellend. Außerdem: Ohne eine gewisse Utopie, kann es letztendlich nicht voran gehen.
        Desweiteren denke ich, dass es den Aktivisten der Uni wohl ersteinmal darum geht, das Thema überhaupt in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen und dafür sind kurze, plakative Forderungen natürlich am besten geeignet. Man sollte auf Grund dessen nicht gleich davon ausgehen, dass nicht mehr dahinter steht. Und mal ehrlich, es ist schon ein Armutszeugnis für die Politik, wenn Studenten Lösungsvorschläge für Finanzierungsprobleme finden sollen.
        4. Wo die Mittel dafür herkommen sollen? Ist die Frage ernst gemeint? Ein Blick ins Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler ist immer erhellend. Und ansonsten: Bildung ist meiner Meinung nach ein Bereich in dem sparen ein absolutes Nogo ist. Im schlimmsten Falle lieber Schulden aufnehmen, als an Bildung sparen.

      • „Aus welchen Bereichen sollen Mittel zur Verfügung gestellt werden?“Eine mögliche Antwort wäre: Aus dem gleichen Topf aus dem die Rektoren sich zunehmend wie CEOs bezahlen lassen. Siehe: http://www.grassrootsakademie.de/15-vor-8/while-teachers-and-students-are-struggling

      • Meh sagt:

        Du willst tatsächlich nachträglich festgestellte Fehlinvestionen und falsch kalkulierte öffenliche Ausgaben im Vorraus als Mittel für BIldung einsetzen?
        Da muss ich deine Frage zurückgegen: Ist das ernst gemeint?!
        Denn es ist einfach nur blöd.

  • 4
    ein Mensch sagt:

    vgl.
    http://www.bertelsmannkritik.de/bildung.htm

    Heute sind deutsche Unternehmer am jammern. Schlechte BA/MA Qualifikationen.
    Ihr müsst noch mehr sparen, an Zeit und Wissen 🙂 um billigste Sklaven für billige Produkte bei gröster Gewinnspanne zu haben.
    Das erklärt auch die heutige einseitige bis schweigende gleichlautende Presse.

  • 5

    […] rumort weltweit an den Universitäten, von Kanada über Ecuador bis England. An der Universität von Kapstadt […]