Die Vergessenen von Moria

8. April 2020 - 17:00 | | Gesellschaft | 1 Kommentare
Flüchtlingslager

Die humanitäre Krise im Geflüchtetencamp Moria auf Lesbos droht durch COVID-19 zu eskalieren. Magdalena Fackler und Lukas Geisler waren drei Wochen auf Lesbos und Samos als Freiwillige und berichten von ihren Erfahrungen.

Die Fährfahrt von Ayvalik, ein Touristenort nahe Izmir in der Türkei, nach Mytilini, der Hauptstadt von Lesbos und den Nordägäis-Inseln, dauert nur knapp eineinhalb Stunden. Die Inseln liegen nicht weit von der Küste entfernt. Schnell wird klar, warum viele Geflüchtete genau an diesem Ort versuchen, nach Europa zu gelangen. Als europäischer Staatsbürger ist diese Route sehr bequem zu bereisen – ein verbrieftes Privileg. Wir machten uns Mitte Februar dieses Jahrs von Ayvalik Richtung Lesbos auf. Zuvor hatten wir uns bei der Nichtregierungsorganisation Refugee4Refugees (R4R) beworben, um vor Ort als freiwillige humanitäre Helferinnen und Helfern zu arbeiten. R4R ist eine von über 100 NGOs auf Lesbos und wurde 2017 vom Syrer Omar Alshakal gegründet. Omar selbst kam 2014 als Geflüchteter nach Lesbos und entschloss sich nach seinem erfolgreichen Asylantrag in Deutschland, wieder auf die griechischen Inseln zurückzukehren, um anderen Geflüchteten humanitäre Hilfe zu leisten.

Genau darum geht es auch bei der Arbeit von R4R – um Nothilfe und nachhaltige Unterstützung. So nimmt die Organisation hauptsächlich Hygiene- und Kleiderspenden entgegen, sortiert diese in einem Warenhaus und verteilt sie dann an Geflüchtete in dem sogenannten Hotspot Moria – das größte Geflüchteten-Camp innerhalb der EU. In diesem Lager, das für 3.000 Menschen ausgelegt ist, leben momentan weit über 20.000 Asylsuchende. Für NGOs und deren freiwillige Helferinnen und Helfern ist es verboten, dort zu arbeiten oder das Lager auch nur zu betreten. Um das eingezäunte Hauptcamp herum erstrecken sich Zelte über Zelte, dicht aneinandergereiht zwischen Olivenbäumen. Genau dort arbeiteten wir mit R4R. Auf ausgetretenen Schlammpfaden läuft man an den Distributions-Tagen über Müll und Abwassergräben zwischen den selbstgebauten Verschlägen aus Holzpfosten und Plastikplanen umher, um vorher gepackte Plastiksäcke mit dem Nötigsten an Klamotten an Familien in ihren Notunterkünften zu verteilen. Viele sind hier schon einige Jahre, viele Frauen sind schwanger und im Camp leben ca. 6.000 Kinder, manche von ihnen unbegleitet, andere leben mit ihren Familien dort und wieder andere wurden in Moria geboren. Überall sitzen Menschen an kleinen Feuern, es gibt kleine Shops, die von Geflüchteten geführt werden, und Kinder spielen trotz kalter Temperaturen oft barfuß im Müll. Es fehlt ihnen an allem.

Brutales Grenzregime

Wir reden hier nicht von Migrantinnen und Migranten, sondern von Menschen, die Schutz suchen. Diese Menschen werden zwischen Ratten und Müll sich selbst überlassen und die EU hat dies zur Normalität werden lassen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass dies in der EU geschieht. Eine EU, die den Friedensnobelpreis gewonnen hat und sich selbst als Verteidigerin der Menschenrechte betrachtet. Der öffentliche Aufschrei durch die Folgen des EU-Türkei Deals blieb aus. Menschen, die auf den griechischen Inseln ankommen, sind oft schon seit Jahren auf der Flucht vor imperialen Kriegen, Gewalt und Armut. Menschen, die hier ankommen suchen vergeblich nach Schutz, denn in Moria müssen sie um ihr tägliches Überleben kämpfen. Die Geschichte ihrer lebensgefährlichen Flucht wiederholt sich immer wieder: prekäre Lebensbedingungen, Gewalt und Krankheiten.

Diese Lage hat sich in den letzten Wochen nur noch verschlimmert, denn viele NGOs haben ihre freiwilligen Helferinnen und Helfern evakuiert und ihre Operationen auf ein Minimum beschränkt. Anwohnerinnen und Anwohner der Insel, die als erste im Jahr 2015 den ankommenden Geflüchteten geholfen haben, protestierten gegen ein neues Camp, das in Kürze errichtet werden soll. Dabei gingen sowohl rechte als auch linke Protestierende – aus unterschiedlichen Gründen – auf die Straßen. Verschärft wurde die angespannte Lage auf der Insel, als die Türkei Ende Februar ihre Grenzen öffnete und Geflüchtete aufforderte, die Türkei zu verlassen.

Anwohnerinnen und Anwohner errichteten daraufhin Straßensperren und attackierten NGO-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, Journalisten und Journalistinnen. Währenddessen führte die griechische Küstenwache mit Unterstützung von Frontex sogenannte Push-Backs durch. Ziel war es, dass möglichst wenige Menschen die Insel erreichen. Helferinnen und Helfer, die Boote mit Decken und Nahrung willkommen hießen, wurden von der Polizei verfolgt und gewaltbereite Faschistinnen und Faschisten versuchten, die Arbeit der NGOs unmöglich zu machen. Auch wir bekamen dies zu spüren: So arbeiteten wir in zwei Cleaning-Teams am Sonntag, den 1. März, im Camp, um Müll zu sammeln, auch eine der Aufgaben der NGOs, denn der griechische Staat kommt seinen Pflichten nicht nach. Gegen Mittag erhielt unser Teamleiter die Nachricht, dass eine der zwei Zufahrtsstraßen zum Camp blockiert war und wir deswegen umgehend unsere Arbeit abbrechen und zurück in die Stadt fahren sollten. Als wir jedoch versuchten, das Camp über die andere Seite mit dem Van zu verlassen, mussten wir feststellen, dass diese ebenfalls blockiert wurde. Mit quietschenden Reifen und im Rückwärtsgang ging es zurück ins Camp und letztendlich wurden wir durch eine andere NGO über die Olivenhaine am anderen Ende des Camps evakuiert. Was für uns noch einmal gut ausgegangen war, bewegte R4R dazu, die Operationen auf Lesbos einzustellen, da nicht mehr für die Sicherheit der Freiwilligen garantiert werden konnte. Schweren Herzens verließen wir also Lesbos und fuhren mit der Fähre nach Samos, eine andere Insel mit einem weiteren sogenannten Hotspot. Dort setzten wir unsere Arbeit für zwei Wochen fort, bis wir auch Samos aufgrund der COVID-19-Krise verlassen mussten.

Drohende Gefahr

Was geschieht aktuell? Die Situation hat sich bisher nicht entspannt, die Präsidentin der EU-Kommission bezeichnet Griechenland als den Schutzschild Europas anstatt zu verlangen, dass Menschenrechte Anwendung finden. Griechenland begeht Rechtsbruch, europäische Werte erweisen sich als leere Phrasen, das Recht auf Asyl ist in Griechenland momentan ausgesetzt und alle Ankommenden werden wieder zurück in die Türkei gebracht oder auf Schiffen interniert. Gerade jetzt, wo die Nachrichtenlage auf COVID-19 gerichtet ist, hört man wenig von der Lage auf Lesbos und den anderen Inseln. Doch gerade jetzt ist es wichtiger denn je, an die zu denken, die keinen Zugriff zu ärztlicher Versorgung, ausreichenden Sanitäranlagen und den notwendigen Hygienemaßnahmen haben. Erst letzte Woche kam es wieder zu einem Brand im Lager auf Lesbos, bei dem ein sechsjähriges Mädchen starb. Während wir uns also in unsere Häuser zurückziehen und die Ausgangssperren im Kreis der Familie aussitzen können, leben Tausende dicht an dicht in Zelten ohne jeglichen Schutz.

Die noch verbliebenen NGOs bereiten sich so gut es geht auf das Covid-19-Virus vor. Doch sie können nicht ersetzen, was die EU jahrelang versäumt hat. Wenn sich das COVID-19-Virus in den Lagern auf Lesbos und den anderen Inseln ausbreitet, dann trifft es die Verwundbarsten unter uns. Es trifft die, die nach Europa kamen in der Hoffnung auf Schutz und Frieden. Doch die EU hat sie im Stich gelassen. Die humanitäre Katastrophe ist bereits in vollem Gange und droht, durch das Virus zu eskalieren. Das alles geschieht direkt vor unseren Augen. In unserer aller kollektiver Verantwortung.

Ein Artikel von Magdalena Fackler und Lukas Geisler, der gedruckt und in gekürzter Form in der Critica erschien.

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Über den Autor

Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)

Ein Kommentar

  • 1
    Nici Zarda says:

    Ihr habt Müll eingesammelt? „Der griechische Staat kommt seinen Pflichten nicht nach“? Warum können die Migranten/Migrantinnen nicht selbst ihren Müll einsammeln? Keine Frage: die EU ist schuld an diesem Desaster auf den griechischen Inseln und die Lager müssen dringend geräumt werden. Aber ehrlich gesagt nicht nur um der armen Migranten willen, sondern genauso sehr um der armen Bewohner willen!
    Es tut mir in der Seele weh zu sehen, wie diese Inseln mit ihren wenigen (und armen!) Bewohnern, unter dieser Flüchtlingslast kaputt gehen!!! Darüber wird viel zu wenig berichtet!!!!!