Pornos & Feminismus – ein natürlicher Widerspruch?

2. April 2020 - 13:00 | | Gesellschaft | 1 Kommentare

Über die Rolle von Feminismus, das Bild der Frau und den Porno als Film, als Arbeitsplatz und als Aufklärer.

In der Schule oder Zuhause wird meistens kaum bis gar nicht über dieses Tabu-Thema gesprochen, im Alltag nur hinter vorgehaltener Hand: Sex. In der Hoffnung und auf der Suche nach Antworten, Inspirationen oder Lust landen viele Menschen auf Pornoseiten, ohne jedoch darüber nachzudenken, was der Unterschied zwischen Pornofilmen und Realität ist.

Pornos und erotische Filme haben oft ein Schmuddel-Image und die Kritik daran, dass sie unrealistisch und frauenfeindlich seien, ist in der Regel auch berechtigt. Zu Zeiten steigenden Porno-Konsums, vielem einfachen und kostenlosen Zugang dazu, Debatten über Gender, Körperbilder und Sexualität sowie einer Jugend, die als digital natives[1] aufwächst, plädiere ich als Pädagoge dafür, offener, ehrlicher und realistischer zu reden. Wir brauchen weniger Tabus und dafür mehr Bildung, Aufklärung und einen reflektierten Umgang mit den Themen Sex und Pornographie.

Daher sind die Fragen ob Pornos auch positiv, sogar feministisch und aufklärerisch sein können richtig und wichtig: Feministische Pornos? Geht das überhaupt? Ab wann können wir von feministischen Pornos sprechen? Was ist das Besondere an ihnen? Wozu sind sie gut? Wo liegt der Unterschied? Was sind positive Aspekte und Effekte?

Klick, Klick, Porno

Wenn Menschen gefragt werden, welche Assoziationen sie mit dem Begriff „Porno“ haben, kommen häufig folgende Antworten dabei rum (nur eine kleine Auswahl): Lust, Erotik, Dominanz, Sex, Nacktheit, Männlichkeit, Weiblichkeit, Schönheit, Körper, Stereotype, Sexualität, Feminismus, Rassismus, Macht, Fantasie, Realität, Ausbeutung, Tabu, Heterosexualität, Gender, Begehren, Perversität, Heteronormativität, Diversität, Obszönität, Geld, Tabu, Stigma, Befriedigung, Fleischbeschauung, Rollenspiele, Internet, Intimität, Erregung, Brutalität, Vorspiel, Geschäftsbranche, Minderwertigkeitskomplexe, Spaß, lange Suche, Missbrauch, Gewalt, Lustobjekt, unrealistisch, Prostitution, Altersbeschränkung, Aufklärung.

Warum gibt es Pornos?

Pornos dienen folgendem Zweck: Der Mensch, der sich diesen anschaut, soll durch das Dargestellte sexuell erregt werden. Idealerweise ist das Szenario dabei eine erfüllte Fantasie. Viele Menschen benutzen Pornos also unter anderem im Kontext von Selbstbefriedigung. Für die Produzentinnen, Produzenten, Darsteller, Darstellerinnen, Anbieter und Anbieterinnen von Pornos geht es in der Regel um Geld. Sie üben dies als Beruf aus und es dient ihnen als Einkommen. Auch Seiten, die ihr Material „kostenlos“ (oft nicht legal) anbieten, geht es in der Regel um Verdienst, zum Beispiel durch Werbung, und weniger um Aufklärung, Bildung und Information.

Feministische Kritik

Um zu verstehen, welche Kritik es seitens der Gegnerinnen und Gegner von Pornographie gibt, erfolgt zunächst eine kurze historische und inhaltliche Zusammenfassung und Einbettung der feministischen Strömungen:

Die erste Welle des Feminismus, beispielsweise die britischen Suffragetten im 19. Jahrhundert, konzentrierte sich auf die Frauenbewegung, die das aktive und passive Wahlrecht für Frauen erkämpfte und es ihnen so ermöglichte, echte (hier gemeint: rechtliche) politische Partizipation zu leben. Zeitgleich mit diesen Forderungen kamen auch radikalere Ideen auf, vor allem seitens sozialistischer Frauenaktivistinnen. Diese fokussierten – neben dem Wahlrecht – auch den Kampf um körperliche Selbstbestimmung sowie ein Ende der Ausbeutung für alle Menschen.

Die zweite Welle des Feminismus entstand etwa in den 1960/70er Jahren, zu deren prominenten Vertreter:innen in Deutschland zum Beispiel Alice Schwarzer gehört. Sie starteten die PorNO-Kampagne, die sich für ein Verbot von Pornografie aussprach. Ihr Hauptargument war, dass der Porno prinzipiell immer die hegemoniale Männlichkeit stärke, was in der Konsequenz auch immer die Ausbeutung der Frau bedeute.

Die dritte Welle des Feminismus (in etwa entstanden Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre) wird vertreten durch sexpositive und/oder Queer-Aktivist:innen. Die sexpositive Bewegung versteht sexuelle Freiheit und einen positiven Zugang zum Körper und zur Sexualität als Bestandteil des allgemeinen Kampfes für mehr Freiheiten. Der freie Zugang zu Informationen rund um das Thema Sex ist dabei ein signifikanter Bestandteil, da (Sach-)Wissen sexpositiv mache. Konsensuale, das heißt einvernehmliche Praktiken zwischen Erwachsenen bedürften demnach keiner Bewertung oder Regulierung von außen. (Für eine detailliertere Definition und Erklärung empfehle ich den Glossar-Artikel von Laura Méritt dazu.)

Die Queer-Theorie ist eine Anfang der 1990er-Jahre in den USA entwickelte kulturelle Theorie, die die Zusammenhänge von biologischem Geschlecht (engl. sex), sozialem Geschlecht (engl. gender) und sexuellem Begehren (engl. desire) in Verbindung mit Machtformen und Normen kritisch analysiert und dekonstruiert. Sie basiert auf der Annahme, dass geschlechtliche und sexuelle Identitäten durch Handlungen erzeugt werden (Butler: „doing gender“), das heißt, niemand wird als Mann oder Frau geboren, sondern dazu gemacht. Sprich: in der Art und Weise erzogen und sozialisiert, wie die Gesellschaft sich einen Mann oder eine Frau idealtypisch vorstellt. (Für weitere Details empfehle ich die Zusammenfassung des Wikipedia-Artikels zur Queer-Theorie.)

Der Dritte-Welle-Feminismus spricht sich also gegen ein Verbot von Pornografie aus und plädiert für eine neue und positivere Sicht auf Sexualität insgesamt, das heißt weg vom Tabu und dem erhobenen Zeigefinger. Er argumentiert damit, dass Pornografie an sich kein Machtmittel ist, dass nur patriarchale Strukturen reproduziert, sondern sich auch genauso für feministische Zwecke und zur Aufklärung nutzen lässt. Die Hauptargumente gegen ein Verbot sind die Möglichkeit der Selbstermächtigung durch feministischere Pornos, die Sichtbarkeit beziehungsweise eine mögliche Vorbildfunktion, die Entkoppelung von Sexualität und Herrschaft, sowie die Dekonstruktion von Stereotypen.

Die Kritik der beiden Strömungen findet in der Darstellung der Menschen und deren Körper im Mainstream-Porno zusammen: Pornos sind ein Machtmittel der Normierung. Die Rolle der (Hetero-)Frau wird im Mainstream-Porno reproduziert und um die sexuelle Komponente erweitert, das heißt, es wird gezeigt, was Frau im Schlafzimmer alles leisten können soll und welcher Körper dafür ideal wäre. Selbiges gilt natürlich auch für den Mann. Apropos Körper: Der weibliche Körper im Mainstream-Porno muss schlank, bis auf den Kopf komplett rasiert beziehungsweise haarlos sein, lange Beine besitzen, große Brüste, helle oder vom Urlaub gebräunte Haut, mittel bis stark geschminkt und allgemein dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Auch ihr Geschlechtsteil ist normiert: Die äußeren Schamlippen müssen einer gewissen Ästhetik entsprechen und dürfen nicht zu groß oder unförmig sein.

Der männliche Körper im Mainstream-Porno muss groß und muskulös sowie mit einem großen und dicken Penis ausgestattet sein, der beim Höhepunkt mehr als die teelöffelgroße Durchschnittsmenge an Sperma hervorbringt. Muskulöser Körper heißt in dem Fall nicht trainiert und schlank, wie der klassische Läufer oder Tennisspieler, sondern Man(n) bewegt sich auf einem Spektrum zwischen Calvin Klein-Modell und Dwayne Johnson. Der Idealtyp wäre wohl der Körper von Brad Pitt aus Fight Club, gegebenenfalls gespickt mit ein paar Tattoos.

Gender und Sexualität müssen demnach eindeutig sein, wobei letzteres flexibel scheint, wenn es sich um (pseudo)lesbische Fantasien handelt. Ihr Verhalten? Hingebend, verehrend, passiv, devot und immer verfügbar. Eine paradoxe Mischung aus keuscher Jungfrau und Nymphomanin, oft gefangen im Körper einer schlanken Sekretärin. Das Begehren der Frau bezieht sich ausschließlich auf die Lust des Mannes, das heißt, dass es oft der Fall ist, dass nach dem Orgasmus des Mannes der Akt als abgeschlossen gilt und die Szene endet.

Der Mann ist natürlich entweder aus der Arbeiterinnenschicht (oft Handwerker) oder sehr erfolgreicher Geschäftsmann. Selten auch mal Lehrer. Sicher jedenfalls ist, dass sein sozialer Status in der Hierarchie in der Regel höher ist als der der Frau. Andere Berufe scheint es nicht zu geben. Sein Verhalten? Dominant, aktiv, dauererregt, stark, nimmt sich – teils mit sanfter, oft mit harter Gewalt – die sowieso immer verfügbare Frau zur Befriedigung seiner Gelüste. Sein Begehren bezieht sich ausschließlich auf sich selbst. Ist er zum Höhepunkt gekommen, endet der Geschlechtsakt.

Summa summarum geht es immer um die Lust des Mannes. Selbst wenn es sich (nur) um zwei Frauen im gemeinsamen Akt handelt, geht es nicht um die Lust der Frau, sondern um die des Mannes. Erkennen kann man das mitunter daran, dass die Kamera-Perspektive in der Regel die des Mannes einnimmt, sei es als Teilnehmer oder Zuschauer. Das wurzelt darin, dass Männer den größeren Teil der zahlenden Kundschaft ausmachen. Allein die Tatsache, dass es eine „female-friendly“, also eine frauen-freundliche Kategorie gibt, ist eigentlich ein Offenbarungseid, denn würde das in der Konsequenz nicht bedeuten, dass die restlichen Pornos „female-unfriendly“ sind? Die Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming hat dazu und zum Thema des Artikels vor Kurzem ein Interview veröffentlicht, was ich an dieser Stelle empfehlen möchte.

Kamera und Fantasie

Denken wir alle an unseren letzten Porno oder gerne auch nur an das letzte Plakat oder den letzten Werbespot zurück. Waren das durchschnittliche Menschen von der Straße? Nein, denn wie wir alle wissen: sex sells. Wäre das ein Durchschnitts-Pärchen, welches beim Sex im heimischen Schlafzimmer gefilmt werden würde, würde das vermutlich nicht von großem Erfolg gekrönt sein. Wieso?, mag man sich jetzt fragen. Antwort: Weil sie keine Modells sind und vor allem, weil man nichts sieht. Pornos folgen einem eigenen Konzept und Ablaufplan. Dieser sieht vor, dass die Zuschauerinnen und Zuchauer möglichst detailliert und frei von irgendwelchen Dingen, die die Sicht behindern könnten, ein freies Blickfeld auf die Körper und vor allem Genitalien der Menschen haben, die gerade gefilmt werden. Der Fokus liegt hierbei auf den penetrierenden Penis des Mannes. Laura Méritt, eine feministische Kommunikationswissenschaftlerin, schrieb 2015 in der SZ zum Thema Pornos: „blasen, ficken, abspritzen, fertig?“ Tatsächlich ist das eine sehr treffende Beschreibung des Ablaufs, schaut man sich Mainstream-Pornos an. Man erkennt ein Muster, welches immer wieder angewendet wird:

  1. Der dauererregte, von der Arbeit heimkehrende Mann initiiert den Geschlechtsakt oder wird von der nymphoman-jungfräulichen Hausfrau-Sekretärin verführt.
  2. Sie küssen sich gegenseitig und ziehen sich aus.
  3. Die Frau befriedigt den Mann oral. Manchmal erwidert er das.
  4. Es folgen in der Regel die immer gleichen Positionen/Stellungen während des Sex in variierender Reihenfolge: Missionarsstellung, Reiterstellung, Doggy-Style.
  5. Nach einem schier unendlich andauernden Geschlechtsakt voller heftiger Penetration seitens des Mannes, zieht er seinen Penis raus. Die Frau geht auf die Knie und empfängt willig das Sperma des Mannes, der es ihr selbstverständlich – und für die Zuschauer:innen als Beweis – ins Gesicht spritzt.
  6. Die Kamera-Perspektive ist, in der Regel, die des Mannes.

Entwicklungen in der Pornoindustrie seit 2014

Das Unternehmen Manwin/Mindgeek ist ein international operierendes Unternehmensgeflecht mit einem Umsatz von ca. 600 Millionen US-Dollar im Jahr, generiert durch Streamingseiten wie Pornhub, RedTube, YouPorn, MyDirtyHobby oder ähnliche und der darauf geschalteten Werbung. Die aufmerksamen Leserinnen und Leser werden an dieser Stelle die Stirn runzeln und sich fragen, wie der Jahresgewinn so niedrig sein kann, wenn Streamingseiten wie Pornhub mit täglich ca. 71 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern existieren. Die Antwort ist relativ einfach: Diese – scheinbar kostenlos angebotenen Clips und Filme – werden in der Regel rechtswidrig kopiert und auf diesen Seiten hochgeladen. Immerhin ist die Nachfrage nach kostenlosen Angeboten immens. Hinzukommen aber auch die vielen Amateur-Videos, die sich großer Beliebtheit erfreuen.

Insgesamt, seit der Verbreitung des Internets und dessen Etablierung als massenzugängliches Medium, kam es zu signifikanten Veränderungen in der Branche, die sowohl negative, als auch positive Auswirkungen hatten: Neben dem Einbruch der Gewinne etablierter Studios und dem damit einhergehenden Schließen dieser stieg der Konkurrenzdruck in der Szene, denn mit dem Internet und dem Smartphone wurden Studios zunehmend überflüssig. Hinzu kommt, dass an Darstellerinnen und Darstellern immer höhere Anforderungen gestellt werden (härtere, „perversere“ Praktiken, persönliche Tabubrüche, etc.) – jedoch bei gleichzeitig sinkender Bezahlung. Warum? Das Angebot an Darstellerinnen und Darstellern, die aus den verschiedensten Gründen (freiwillige Berufswahl, steigende ökonomische Zwangslange, mangelnde Ausbildung, Arbeitsalternativen oder Migration) ist sehr groß, die Arbeitsbedingungen und der Markt weitgehend unreguliert.

Als positiv lassen sich die folgenden Aspekte verbuchen: Porno lässt sich einfacher selbst machen und vermarkten, denn alles, was man dazu braucht, ist gutes Licht, ein Smartphone und ein Internetzugang. Man brauch also kein Studio und hat kaum bis keine Produktionskosten, je nach Anspruch und Machart. Die Breite der Diversität, neue Ideen und Strömungen lassen sich so leichter und schneller in der Szene durchsetzen, dies gilt auch für feministische Porno-Projekte wie Lustery, Pink and White, Erika Lust oder a four chambered heart, als auch für Amateur-Seiten wie Onlyfans, MyDirtyHobby oder JustForFans.

„Blasen, ficken, abspritzen, fertig?“ – Es geht auch anders!

Wie bereits erwähnt, haben Pornos im 21. Jahrhundert jedoch auch positive Aspekte, wenn man die Vertreterinnen und Vertreter der 3. Welle fragt: Porno kann ein Machtmittel zur Selbstermächtigung sein, denn Macht kommt von „machen“, sagen sie. Die Menschen, die Pornos produzieren und/oder in ihnen mitspielen, bekommen also die Gelegenheit, diesen nach ihren Wünschen und Vorstellungen zu gestalten, um aufzuzeigen, dass es nicht nur den einen Mainstream-Porno gibt, sondern ein breites Spektrum an Diversität, Vorstellungen, Körper, Geschlecht, Vorlieben oder Praktiken – und das abseits von gängigen Klischees und Vorurteilen. Das fördert die Sichtbarkeit und die Etablierung solcher Alternativen.

Unter den Darstellerinnen und Darstellern besteht die Möglichkeit einer hohen Vernetzung in Bezug auf Ressourcen, Arbeit und Leben und einem solidarischen Umgang miteinander. Was kann das konkret in der freien Pornoszene heißen? Die Darstellerinnen und Darsteller müssen oft einen hohen Grad an Organisationsfähigkeit, Mobilität und Flexibilität an den Tag legen, bedingt durch ihre teils (sehr) prekäre Lebenslage. Dadurch entstehen aber auch Freiräume, in dem real gelebte Utopien zum kapitalistischen System gelebt werden können: Trampen, Containern, Leihen, Tauschen (von Arbeit, Wissen und/oder Produktionsmitteln), Couchsurfing und das alles oft ohne Geld. Die weiteren positiven Aspekte wurden bereits im Abschnitt davor erwähnt.

Wo findet man feministische(re) Pornos?

Die am häufigsten zitierten Internetseiten sind:

  1. EroticFilms.com bzw. XConfessions
  2. Four Chambers
  3. PinkLabelTV
  4. JoyBear
  5. BrightDesire

Najva Sol schrieb im August des letzten Jahres bereits einen sehr informativen Artikel darüber, warum man feministische Pornos unterstützen sollte und wo man sie finden kann. Amanda Chatel veröffentlichte in ihrem Artikel vom Mai 2018 eine Liste von Seiten auf Empfehlung der in der Szene sehr berühmten feministischen Porno-Regisseurin Erika Lust. Möchte man einen breiteren Blick und ausgezeichnete Filme sehen, begibt man sich am besten auf die Seite der Feminist Porn Awards. Dort wurden seit 2006 feministische(re) Pornofilme ausgezeichnet. Außerdem findet man dort verschiedene Kategorien, Infos darüber, was feministische Pornographie überhaupt ist, den Film des Jahres, berühmte Menschen aus der Szene, vergangene Gewinnerinnen und Gewinnern, aber auch, wo man online Filme findet.

Fazit: Sexualerziehung ist (k)eine leichte Aufgabe!

Die Zahlen des Konsums von erotischem und pornographischem Material sind steigend, vor allem bei Jugendlichen. Der unreflektierte Umgang mit Pornos ist unzureichend und gerade bei Jugendlichen kann es zur Desensibilisierung, Brutalisierung und „Pornographisierung“ der eigenen Sexualität in und außerhalb von Beziehungen kommen. Ausgelöst wird dies durch den Konflikt der Gleichsetzung von Porno und Realität. Diese stehen oft im Widerspruch und vermitteln eine surreale Vorstellung davon, ob und wie Sex funktioniert. Was wären also logische Schlussfolgerungen?

Generell müssen die Konsequenzen daraus gezogen werden, welche Bilder und Vorstellungen Pornos vermitteln. Jede*r sieht welche: Nachbarinnen, Familienmitglieder, Mit-Studierende, Arbeitskollegen, Leute auf der Straße, in Ämtern und Parlamenten. Anstatt dass die Gesellschaft sich über den Porno an sich empört, sollte sie sich über die Darstellung von Menschen, besonders Frauen, und den oft mangelhaften Arbeitsbedingungen in der Szene empören.

Die Angebote der Sexualerziehung in und außerhalb der Schule müssen modernisiert und auf den aktuellen Stand der Entwicklungen und Erkenntnisse gestellt werden. (Ein gutes Beispiel dazu ist das Projekt „The Porn Conversation“, welches sich als Ratgeber für Eltern und Lehrkräfte versteht.) Dabei geht es nicht um ein Tantra-Seminar in der Schule, sondern viel mehr um die transparente und gezielte Weitergabe von gesichertem, seriösem Wissen, damit Menschen zuverlässig, selbstbestimmt und mündig über Themen wie Geschlecht, Fortpflanzung, Sexualität, sexuelle Aktivität und Praktiken, Konsens, Risiken, Krankheiten und Behandlungsmethoden sowie über ihren Körper und ihre Psyche sprechen und bestimmen können. Ein informierter, aufgeklärter jugendlicher Mensch ist ein reflektierterer und selbstbewussterer Erwachsener, der auch gesündere Beziehungen zu sich und anderen führen kann.

Zurück zur Realität: Wie eingangs erwähnt, plädiere ich als Pädagoge dafür, offener, ehrlicher und realistischer zu reden: Wir brauchen weniger Tabus und dafür mehr Bildung, Aufklärung und einen reflektierten Umgang mit den Themen Sex und Pornographie. Es muss klar werden, dass Pornos auf Fantasien beruhen, die manchmal mehr und manchmal weniger nah an der Realität sind. Wenn sich jemand den neusten Fantasy-Film im Kino oder im Stream anschaut, ist diesem Menschen klar, dass es sich um Fiktion handelt. Das muss auch beim Porno angestrebt werden.

Porno ist Kunst. Die Arbeit der Menschen, die Pornos produzieren, muss entkriminalisiert und den Regularien der Arbeitsschutzgesetze und -standards angepasst werden. Niemand sollte Willkür oder Missbrauch ausgesetzt werden können und sollte demnach unter dem Schutz des Gesetzes stehen, wie es andere Berufe und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch tun. Das bedeutet auch, dass es keinen Sinn ergibt, Pornos komplett zu verbieten, wie man an historischen Beispielen sehen kann (beispielsweise Alkohol-Prohibition in den USA, Porn-Ban in Großbritannien). Es sollte sich diesbezüglich an das gehalten werden, was Annie Sprinkle eins sagte: Die Antwort auf schlechte Pornos ist nicht keine Pornos, sondern bessere.

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[1]Der Begriff beschreibt Menschen, die mit Computern, digitalen Medien und dem Internet aufgewachsen sind.

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