„Scheiß Muslime!“ – wenn sich Täter und Beobachter einig sind

24. Juli 2016 - 10:49 | | Politik | 1 Kommentare
Polizei gegen Spekulation Quelle: Screenshot Twitter

Nach anfänglicher Hysterie und verständlichem Entsetzen über das Blutbad in München, bei dem 9 Menschen starben, tauchen nun vermehrt Hinweise auf, die nicht auf einen islamistischen Hintergrund schließen lassen. Der 18-jährige Täter schien psychisch krank gewesen zu sein. Doch werfen die Reaktionen am fünften Jahrestag von Breiviks Terrors in Oslo erneut die Frage auf: Schließen sich psychische Krankheit und ein terroristischer, beziehungsweise politisch motivierter, Hintergrund nur bei nicht-muslimischen Tätergruppen aus?

Für viele schien der Tathintergrund bereits zu dem Zeitpunkt, als sie von Schüssen in München hörten, klar zu sein: Das kann nur ein islamistischer Terroranschlag sein, möglicherweise geht er auf das Konto des sogenannten „Islamischen Staates“. Verglichen mit der Beweisführung der bürgerlichen Medien fiel die Dynamik in sozialen Netzwerken und bei rechtsgerichteten Ausspielkanälen deutlich erschreckender aus. Diese glich eher dem Ruf nach Selbstjustiz und Hexenjagd.
Rechtspopulistische Stimmungsmacher wie Elsässer riefen bereits den nationalen „Widerstand“ aus. Es würde ein „Krieg gegen Deutschland“ durch den „organisierte[n] Islam“ geführt. Daher entwarf und veröffentlichte er in seinem Magazin COMPACT einen 5-Punkte-Plan zur „Verteidigung Deutschlands“. Dieser beinhaltet die Schließung der Grenzen – „Kein Moslem darf mehr rein oder raus“ -, die Abrieglung der Flüchtlingsunterkünfte – „Keiner darf mehr rein oder raus“ -, eine „[s]ofortige Schließung der Moscheen“, U-Haft für Muslime unter Beobachtung des Verfassungsschutzes – ansonsten müsse man „von Verrat ausgehen“ – und die Einbeziehung der Bundeswehr, da sich Deutschland im Kriegszustand befände. Auch Mitglieder und VertreterInnen der rechtspopulistischen AFD waren mit ihrer Hetze gegen MuslimInnen und Flüchtlinge vorne mit dabei.

Mittlerweile dementieren Polizei und öffentlich-rechtliche Medien sowohl einen Bezug zu IS als auch zum Thema Flüchtlinge. Die Indizien, die nun zu dem 18-jährigen mutmaßlichen Täter Ali David S., der sowohl eine deutsche als auch eine iranische Staatsbürgerschaft besitzt, ans Tageslicht kommen, sprächen eher für einen psychisch Kranken. Und tatsächlich: Videomaterial, das den vermeintlichen Täter zeigt, stützt diese Vermutung. Der junge Mann im Video erwähnt jahrelanges Mobbing und seinen Aufenthalt in stationärer Behandlung. Doch ist sowohl aus dem Videomaterial als auch aus anderen Augenzeugenberichten mehr zu entnehmen, was auf eine dritte Möglichkeit für ein Tatmotiv deuten könnte, welches jedoch kaum besprochen wird.

Der 22. Juli 2016 ist der fünfte Jahrestag des Terroranschlags in Oslo, bei dem der Rechtsradikale Anders Breivik 77 junge Menschen tötete. Wäre nicht aufgrund des Datums, das exakt auf diesen Jahrestag fällt, nicht auch ein rechtsradikaler Hintergrund eine der ersten logischen Ermittlungsrichtungen gewesen?
In dem bereits angesprochenen Videomaterial, auf dem der Täter sich auf dem Dach des Olympia Einkaufszentrums in München befindet, liefern sich er und ein bis zwei Beobachter einen kurzen Wortwechsel. Dabei ist bisher nicht eindeutig zu identifizieren, ob der mutmaßliche Täter selbst „Scheiß Türken!“ ruft oder ein Dritter, der sich bis dahin aus der Konversation rausgehalten hatte. Der andere Beobachter pflichtet demjenigen in jedem Fall mit einem „Scheiß Kanaken!“ bei. Der vermeintliche Amokläufer erwidert: „Ich bin Deutscher, lassen Sie mich zufrieden. Ich bin hier geboren worden, […] in der Hartz IV-Gegend“. Der verdächtige Facebook-Account, der Menschen aus München um 16 Uhr, kurz vor der mutmaßlichen Tatzeit, zum kostenlosen Essen im MCDonald’s-Restaurant beim OEZ einlud, trug den türkischen Namen „Selina Akim“ und zeigte das Profilbild einer attraktiven, jungen Frau mit dunklen Haaren. Wenn gemutmaßt wird, dass der Täter selbst diesen entworfen habe, warum liegt es dann so fern, dass er gezielt türkisch-migrantische Menschen damit anlocken wollte? Auch ein weiterer Augenzeuge, in dessen Laden der Schütze bewaffnet stürmte, berichtete in einem Videointerview, das über den Sender RTL ausgestrahlt worden ist: „Und angeblich, so wie es mein Kollege sagt, hat der ,Scheiß Ausländer!‘ geschrien, hatte Springerstiefel angehabt“.
Selbstverständlich wollten wiederum andere Personen aber auch „Allahu Akbar!“ gehört haben. Zwischenzeitlich wurden zwei Männer, die angeblich mit „Langwaffen“ ausgerüstet waren und mit hoher Geschwindigkeit vom Tatort flüchteten, verdächtigt. Dies stellte sich aber später als Fehlannahme heraus. Das Netz brodelte derweil. Man solle sich über die deutsche Flüchtlingspolitik und den Islam Gedanken machen. Zeitgleich öffneten Moscheen in München die ganze Nacht über ihre Türen, um BewohnerInnen Flucht- und Schutzräume zu bieten. Flüchtlinge wie Ahmad M. versuchten, auf Onlineportalen für Flüchtlinge wie „SWR News for refugees“ in gebrochenem Deutsch ihr Bedauern auszudrücken: „Als Ein Flüchtling ich verurteile Diesen terroristische. hinterhältigen feigen. brutalen. Kriminellen Anschlag in München auf das Schärfste“. Die Online-Reaktionen auf die offenen Türen der Moscheen fielen dagegen niederschmetternd aus: „Sicher die erste Adresse die ich aufsuchen würde wenn sowas passiert und ein Verrückter ,Allahu akbar‘ schreit. Wenn ich geschlachtet werden soll lauf ich bestimmt nicht zum Metzger“.

Egal, was sich letzten Endes herausstellen würde, auf Entschuldigungen dürften sich weder MuslimInnen noch Flüchtlinge einstellen können. Sollte der junge Täter nun psychisch krank oder rechtsradikal sein – beides gleichzeitig scheint schließlich unsinniger Weise überhaupt nicht erst in Einklang gebracht werden zu können -, intensive Nachforschung zu den Motiven beinhalteten auch die Beleuchtung des Radikalisierungsprozesses, die leider auch häufig bei islamistischem Hintergrund völlig ausbleiben. Vorfälle von Mobbing häufen sich deutschlandweit und sind sicher kein Einzelphänomen an Schulen. Doch über Teile der Bedingungen, die sie mitunter beeinflussen, wird medial selten diskutiert. Die ökonomische Befehlsgewalt, der das deutsche Bildungssystem untergeordnet wird, treibt dessen Akteure zu einer Steigerung des Leistungsdrucks und Konkurrenzdenkens. Dass dies das Stressempfinden und den Frustabbau in Form von Mobbing erhöht, ist anzunehmen. Sollte das jedoch beleuchtet werden, müsste man ebenso über das unterliegende Wirtschaftssystem – über Turbokapitalismus und Neoliberalismus – an sich sprechen. Die Diskussionen und Reaktionen auf diesen neuerlichen Vorfall verdeutlichen des Weiteren eines erneut: Auch antimuslimischer Rassismus muss deutlicher und flächendeckender benannt werden. Die Definition von Terrorismus darf nicht an ethnischem oder religiösem Hintergrund festgemacht werden, sondern an kollektiver Einschüchterung mit politischer Motivation. Und ja, rechtsradikaler Terrorismus ist demnach eben auch Terrorismus.

Ein Gastbeitrag von Ramsis Kiliani

Über den Autor

Ein Kommentar

  • 1
    Maria von Finnentrop sagt:

    Ein Deutsch- Iraner möglicherweise rechtsradikal ?! Hmm……Sachen gibt`s.
    Seit 9/11 jeden Tag mindestens ein Islamischer Anschlag irgendwo auf der Welt……und dann mal „zwischendurch“ ein nicht islamisch motivierter Amoklauf eines psychisch Gestörten, der von dem Nazi Breivik fasziniert war ( eher nicht von dessen ideologie, sondern von der Brutalität und dem Ausmass seines Verbrechens)…..und schon sind die Islamkritiker widerlegt ?! Die Spekulierer und Vorverurteiler, die Besserwisser und zynischen Schnellinterpreten finden sich sowohl rechts als auch links. Pietätlos und dämlich sind sie alle.