Von Chauvinismus, „Rasse“ und Klasse

18. Juni 2019 - 12:00 | | Meinungsstark | 2 Kommentare
Alle Muslime werden unter Generalverdacht gestellt – Quelle: Karsten

Rassismus ist kein neues, aber ein wachsendes Problem in Deutschland: Jeden Tag werden Menschen angegriffen, weil sie zu dunkle Haut haben, oder zu „muslimisch aussehen“. In den sozialen Netzwerken werden massenhaft erfundene Horrorgeschichten über „Ausländer“ verbreitet und Millionen wählen rassistische Parteien – darunter auch viele Menschen, die ökonomisch benachteiligt sind, also viel arbeiten für wenig Geld oder gar keine Chance bekommen, zu arbeiten und dafür per Hartz IV noch erniedrigt werden.

Dabei sind Rassismus und Klassismus, also die Abwertung von Menschen aus „niederen“ Klassen, eng verwandt. Die unteren Schichten werden oft mit denselben Unterstellungen und Vorurteilen angegriffen, wie sie auch gegen Migrant*innen gerichtet werden. Die Verwandtschaft der Hetzideologien zeigt sich sehr deutlich an einem Stichwortgeber des deutschen Rechtsrucks: Thilo Sarrazin.

In seinem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ wertet Sarrazin nicht nur arabische, türkische oder irgendwie muslimische Migrant*innen ab, sondern in ganz ähnlichem Ton Menschen, die Hartz IV beziehen. Laut Sarrazin sind es sowohl migrantische wie deutschstämmige Arme, die das Land zerstören. Hartz IV-Beziehende seien ungefestigt und sollten einem „Verhaltenstraining“ unterzogen werden.[1] Ihnen fehle es an Stolz und Antrieb und deshalb konzentrierten sie sich auf kurzfristige Befriedigung „durch Alkohol, Zigaretten, Medienkonsum und Fastfood“.[2] In seinem bekannt gewordenen Interview mit der Zeitschrift Lettre International erklärte er, dass 20 Prozent der in Berlin lebenden Menschen – mit und ohne Migrationsgeschichte – ökonomisch nicht gebraucht würden.[3] Diese lebten von Transfereinkommen und müssten sich „auswachsen“.

Fast auswechselbar sind seine Aussagen zu „Arabern und Türken“, von denen es in Berlin viele gäbe und „deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat“. Diese Menschen hätten „keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln.“ „Unterschicht“, „Türken und Araber“ beschreibt er mit fast denselben Worten. Sie seien faul, unproduktiv und wertlos. Sarrazin verkündet, er müsse „niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert“, aber er macht deutlich, dass seine Ablehnung auch jene trifft, die sein letztes Kriterium nicht erfüllen.

Musliminnen und Menschen aus der Unterschicht, behauptet Sarrazin, seien im Grunde nur stark beim Gebären von Kindern. Deutschlands Untergang, wie er ihn konstatiert, habe seine Ursache gerade darin: Die Klugen und Leistungsstarken vererbten ihre leistungsstarken Gene zu wenig weiter, während immer neue „Kopftuchmädchen“ und faule Hartz IV-Empfänger Deutschland überschwemmten.

Diese Vermischung von Klasse und „Rasse“ hat eine lange Tradition. Erst ihre Trennung und Differenzierung ist neu und setzt mit dem europäischen Kolonialismus ein. Aus Sicht der chauvinistischen Ideologen beschreiben beide Begriffe Gruppen, die aufgrund ihrer Abstammung angestammte Rechte genießen sollen – oder eben nicht. Diese Einteilung der Menschen diente schon immer dazu, Macht und Besitz auf der einen und Ohnmacht und Mittellosigkeit auf der anderen Seite als durch Gott – oder heute: durch die Gene, die Kultur oder anderes – gegeben zu rechtfertigen.

Anfangs wurde „Rasse“ gar nicht ethnisch definiert. In einem Text von 1438 lässt sich der Begriff der „Rasse“ das erste Mal finden, verwendet von einem spanischen Priester. Dieser argumentierte, dass der Sohn eines Ritters und der eines Bauern sich der jeweiligen Abstammung entsprechend verhielten, selbst wenn der Bauernsohn von Rittern und der Rittersohn von Bauern erzogen würde. Der Bauernsohn, der von der „gemeinen Rasse“ stamme, würde Lust haben, zu „ackern, graben und Holz mit dem Vieh ein[zu]sammeln“. Der Sohn des Ritters, der der „guten Rasse“ entstamme, werde, „sich nur dann erfreuen, wenn er reitend Waffen zu horten vermag und Messerstiche erteilen darf“.[4]

In Frankreich erklärte Graf von Boulainvilliers 1727, dass der Adel des Landes der alten herrschenden Rasse der Franken entstamme, während das gemeine Volk aus Nachkommen der unterworfenen Gallier bestehe. Frankreich werde deshalb von unterschiedlichen Menschenarten, also „Rassen“ bevölkert. Im 19. Jahrhundert griff Arthur de Gobineau diese Idee wieder auf und erklärte den französischen Adel zum wahren Erben der überlegenen arischen Rasse. Deren Vorrechte seien gegen die minderwertiger Kelten und Slawen zu verteidigen, aus denen sich der Rest der Bevölkerung Frankreichs, aber auch seiner Nachbarländer und Rivalen zusammensetze.

Diese Ethnisierung wurde im kolonialen 19. Jahrhundert weitergetrieben. Das lief entlang bestimmter Gegensatzpaare wie Weiß-Schwarz, Geist-Körper, Vernunft-Gefühl und Faul-Fleißig. Die höheren (weißen) Klassen zeichneten sich angeblich durch Vernunft und einen starken Willen aus, der die niederen Bedürfnisse des Körpers beherrscht. Den niederen Rassen fehlten sowohl Vernunft wie Willenskraft, und folglich müssten sie wie Kinder erzogen und durch Vernunft, Gewalt und Christus zu zivilisiertem Verhalten gezwungen werden. Die Engländer und Franzosen begriffen sich in Indien und Afrika als Teil einer modernen Aristokratie, die den „Wilden“ Zivilisation brächte. Dieser Rassismus rechtfertigte die brutalen Ausbeutungsmethoden der Kolonisatoren.

Rassismus und Ressentiments gegen Arme sind nicht dasselbe, aber beide Ideologien überlappen sich stark.  Sie behaupten, dass bestimmte Menschen für einfache und monotone Arbeit gemacht seien und von einer höherwertigen Gruppe beherrscht und gezügelt werden sollten.

Warum erklären sich Arme ohne Migrationshintergrund dann nicht geschlossen mit denen mit Migrationshintergrund solidarisch? Sie stehen schließlich oft denselben Anfeindungen und Feinden gegenüber.

Ein Grund ist, dass Misserfolg und Benachteiligung messbar dazu führen, dass Menschen langfristig ihren Mut und den Glauben an sich und ihre Durchsetzungsfähigkeit verlieren. In so einer Lage kann es leichter wirken, nach unten zu treten, als nach oben zu boxen. Wenn Muslime und Türkischstämmige die Eigenschaften von Unterklassenmenschen zugewiesen bekommen, wertet das die „Einheimischen“ automatisch auf. Das ist das Angebot der Rechten. Durch nationale Zugehörigkeit darf ich mich von diesen Zuschreibungen lösen und mich einer aristokratischen „Rasse“ mit dem Recht auf Herrschaft und Privilegien zugehörig fühlen.

Wo die rassistische Klammer greift, schafft sie ein scheinbares Bündnis zwischen Ober-, Mittel- und Unterschicht: Die Unterschichten hegen Hoffnung auf Besserstellung, wenn „ihr Volk“, „ihre Rasse“ sich Privilegien erkämpft und andere unterjocht. Die Mittelschicht erhofft sich aus der Macht und Strenge der rassistischen Bewegung und ihrer Ideologie ein Maß an Kontrolle über das Walten der herrschenden Klasse ebenso wie über die „aufmüpfige und disziplinlose“ Unterschicht. Und die ökonomisch wirklich Mächtigen gehen davon aus, dass ihre Vormachtstellung durch den Vormarsch von Rassismus und Autoritarismus eher gestärkt als geschwächt wird. Die historische Erfahrung zeigt, dass die letztgenannte Gruppe in faschistischen Diktaturen mit der größten Wahrscheinlichkeit profitiert.

Dem Rassismus – egal ob er biologisch, kulturell oder religiös begründet wird – ist immer ein Chauvinismus gegen die real Benachteiligten zu eigen.

Gegenwehr erfordert daher Solidarität auf Grundlage eines Bekenntnisses zu ihren realen Interessen, zu denen wesentlich gegenseitige Anerkennung in unserer Vielfalt und Unterschiedlichkeit gehört.    


[1] Sarrazin, Thilo 2010: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. München. S.121

[2] Vgl. Ebenda: 149.

[3] Sarrazin, Thilo 2009: Klasse statt Masse. Von der Hauptstadt der Transferleistungen zur Metropole der Eliten. Interview. In: Lettre International Nr. 86. S. 197-201.

[4]  Hering Torres, Max Sebastián: Rassismus in der Vormoderne. Die ‚Reinheit des Blutes‘ im Spanien der Frühen Neuzeit.  Frankfurt/Main 2006. S. 219.

Über den Autor

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Nicole Gohlke ist Sprecherin für Hochschule und Wissenschaft der Linken im Bundestag. Mehr über sie findet man auf: http://www.nicole-gohlke.de/
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2 Kommentare

  • 1
    Avatar Ulli Becker says:

    Sorry, Dein Statement ist zum Kotzen! Ich schäme mich mittlerweile mich als „links“ zu bezeichnen; der aktuelle pseudo-linke Duktus konterkariert so ziemlich alles, wofür wir ende 80-er gekämpft haben: Frauenrechte, Minderheitenrechte, Schwulenrechte, Tierrechte, etc. ::: KEIN AUFRECHTER LINKER GEHT MIT DEM ISLAM!!! Religion ist Opium des Volkes! Dessen ungeachtet der absurde Simplisissimus: Ausländerfeindlichkeit ?!?? Glaubst Du im Ernst – liebe Genossin – dass, wenn das alles Touristen wären, mit offener Brieftasche, kulturinteressiert, respektvoll etc., dass sich dann irgendjemand aufregen würde? Ganz sicher nicht! Die parasitäre Konnotation liegt hier schwer im Magen! Proletarier aller Länder vereinigt euch!, meint nicht: Arbeitsscheue der ganzen Welt kommt alle nach Deutschland und lasst euch hier vom Deutsch/Nazi-Malocher durchpampern bis zur Rente! Marx meinte ein Klassenbewußtsein zu implementieren, dass über eine nationnale Gruppenverortung hinausgeht – aber wem erzähl ich das? Die globalistischen Kapitalisten (Soros et al) haben das, was früher links war, unterwandert. Heute leiten Deppen den Diskurs, die keine Seite Marx gelesen (geschweige denn verstanden) haben, von Faschismustheorien noch nie was gehört, geschweige denn von Mehrwerttherien, Theorie der Produktivkräfte etc. Nee, mir reichts! Ich geh mitWagenknecht, Gysi, Lafontaine & Co. Ich muss nicht meht täglich in die TAZ schauen um mir erzählen zu lassen, wo heute links ist! Schönes Wochenende noch, Du Apologetin der „Merkeljugend“ LG Ulli

    • 1.1
      Avatar Bim says:

      Na klar, wenn sich alle „Ausländer“ schön unterordnen und reine Engel werden, gibt es auch keinen Rassismus. Ist auch überhaupt nicht rassistisch, zu glauben, alle „Ausländer“ würden nicht arbeiten. Das ist so weltfremd und offensichtlich ideologisch. Und die Behauptung, andere hätten Marx nicht gelesen ist lachhaft. Wenn man nur eine Denkrichtung liest, versteht man selbst diese eine nicht.