Müll von Nestlé kaufen oder warum Essen politisch ist?!

21. Juni 2019 - 12:00 | | Meinungsstark | 0 Kommentare
Nestle

Das große Feld der Nahrungsmittel ist mal wieder in die Schlagzeilen gekommen; dieses mal nicht wegen geschredderter Küken, lebendig kastrierter Ferkel oder Gammelfleisch; auch ging es nicht um Bauern- und Insektensterben, um Landraub oder Glyphosat.

Aufreger war ein Quasi-Werbevideo, das das BMEL in Form der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) in Umlauf brachte:  „Weniger #Zucker, Fette und #Salz in Fertigprodukten – dafür setzt sich BMin @JuliaKloeckner mit der #Reduktion|s- und #Innovationsstrategie ein. Dass dies geht, zeigt @NestleGermany, die die Strategie unterstützen. Sie haben 10% der Inhalte reduziert; weitere 5% sollen folgen.“

Kritik kam prompt und massenhaft: Klöckner lässt sich von Nestle Lobbyisten erst die Zuckersteuer und die Lebensmittelampel abverhandeln und tritt dann bei PR-Event von Nestle auf …. / Zuckerlobbyisten die Menschenrechte und Umweltschutz weltweit mit Füßen treten, schenkt man nichts … Der Konzern dagegen dürfte sich über die kostenlose Werbung gefreut haben. Nestlé will sein Image „begrünen“ und setzt auf steigende Umsätze im Wachstumsmarkt für Nahrungsmittel die (angeblich) gesünder machen. Ausgerechnet Nestlé! Hinter mehr als 2000 Fertigprodukten im Supermarktregal steckt der Schweizer Konsumgüterkonzern – mit Fug und Recht der meistgehasste der Welt. Vor allem weil Nestlé von Äthiopien bis Pakistan, von Mexico bis Michigan den Menschen das (Grund-)Wasser abgräbt und skrupellos in Profit verwandelt. [1]

Doch damit nicht genug. In derselben Woche lehnt es die Mehrheit der CDU-Justizminister in der Länderkonferenz ab, die Rettung von genießbaren Lebensmitteln aus den Müllcontainern von Supermärkten straffrei zu stellen.  Den besten Tweet dazu hat am 7.6. die „Heute Show“ abgesetzt:

#Containern bleibt verboten. Wer Müll essen will, soll sich was von #Nestlé kaufen!

Damit sind gleich zwei Skandale des Lebensmittelmarktes und der dazugehörigen Politik genannt: Die Bundesregierung will angeblich die aktuell 11 Millionen Tonnen Lebensmittel halbieren, die pro Jahr in deutschen Mülltonnen landen – bis 2030 „schon“. Ein hehres Ziel. In Frankreich, Italien und Tschechien gibt es bereits Gesetze, die es Supermärkten verbieten, genießbare Lebensmittel wegzuwerfen. Frau Klöckner aber hat weder konkrete Maßnahmen, geschweige denn ein Gesetz geplant. Sie setzt auch hier auf „freiwillige Selbstverpflichtung“ der Unternehmen und auf Verhaltensänderung der Verbraucherinnen und Verbraucher. Nichts gegen bewusste Entscheidungen beim Einkauf … allerdings liegt der (System-)Fehler vor allem auf der anderen Seite der Ladentheke! Auch Lebensmittel unterliegen dem Wachstumsdogma und der kapitalistischen Verwertungslogik. Was weggeworfen wird, bezahlen wir alle mit. Und ja: es wäre das Mindeste, unverkaufte Lebensmittel an Bedürftige zu verteilen. Aber die Produkte bleiben problematisch, schon weil bei der Herstellung natürliche Ressourcen im Übermaß vernutzt werden – von menschenverachtenden Produktionsbedingungen und irrwitzigem Transportaufwand ganz zu schweigen. Der Maßstab für Lebensmittelerzeugung ist ja nicht, was zur gesunden Versorgung einer Bevölkerung gebraucht wird; unter den herrschenden Verhältnissen geht es darum, Marktanteile und Profit zu steigern – koste es was es wolle.

Dagegen hilft auch kein Bio-Supermarkt

Die Kosten/Lasten der „Fehlernährung mit System“ tragen vor allem die Armen – als Arbeiterinnen und Arbeiter , als Landbewohnerinnen und Landbewohner und als Konsumentinnen und Konsumenten. Zucker, Salz oder Geschmacksverstärker in Lebensmitteln machen nachgewiesenermaßen süchtig und krank. Aber mit raffinierter Reklame, gewaltiger Marktmacht, Sponsoring und Täuschung werden Suchtpotentiale von Nestlé, Dr.Oetker, Coca-Cola und Co. gezielt ausgenutzt. Und Menschen, die viel damit zu tun haben, sich über Wasser zu halten, die sich wegen steigender Miete sorgen, die mit knapper Zeit und stressigen Jobs ringen, sind kaum dazu in der Lage den ausgefeilten Verkaufsstrategien zu entgehen. Die Entwicklung geht Richtung Zweiklassenernährung: Bio für Besserverdienende und billige Fertigprodukte voller Zusatzstoffe und mit wenigen Nährstoffen für die Bezieher niedriger Einkommen. Die Folgen sind höhere Krankheitsrisiken und eine geringere Lebenserwartung. Arme Menschen sterben früher. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Fettleibigkeit, Diabetes, Karies sind „Kulturkrankheiten“, die überproportional Kinder und Erwachsene aus ärmeren Schichten treffen. … Gegen diese Ernährungsungerechtigkeit helfen weder wachsende Sortimente von „Bio“-gelabelten Produkten, noch der xte Biosupermarkt. Im Gegenteil: unter dem Druck von Denn´s und Biokompanie gehen Kraut&Rüben in die Knie, und Bio-Wellness-Teekapseln von Nestlé setzen dem Kaffee(Alu-)Kapsel-Wahnsinn die Pseudo-Ökokrone auf. Bestimmt ist es gesünder und vielleicht weniger umweltschädlich, mit entsprechend gut gefüllter Haushaltskasse in einem der zahlreichen Biosupermärkten einzukaufen, die als wachsendes Marktsegment kaufkräftige Nachfrage bedienen. Aber an den systematischen Fehlern ändern wir damit nichts. Unser Essen ist eine Ware, deren Inhaltsstoffe wir genauso wenig überblicken wie die sozialen und ökologischen Bedingungen der Herstellung. Biologische Vielfalt, produktive Böden und Wasserressourcen werden knapper. Konzernmacht setzt bäuerliche Produzierende hierzulande unter Preisdruck. Im globalen Süden werden sie ihres Landes und der Kontrolle über Saatgut beraubt. (Land-)Arbeiterinnen und Arbeiter werden in globalen Lieferketten ausgeplündert.

Es ist richtig, für das Verbot von irreführender Werbung zu streiten, für Zuckergrenzen und eine klare Kennzeichnung (Ampel). Vor allem für gute Kita-und Schul-Verpflegung, am besten kostenlos für alle Kinder und mit Lebensmitteln aus regionaler Produktion. Wichtige Schritte zur Politisierung auf dem Weg zur Ernährungssouveränität. 

Essen ist politisch

Wie und was wir essen, wird oft als moralische Entscheidung oder persönliche Geschmacksfrage verhandelt. Wer keine Lust auf die individuelle Suche nach dem richtigen Essen im falschen System hat, schiebt die Frage gern beiseite, gerade als Linke. Doch wirkliche gesellschaftliche Veränderung geht nicht ohne eine Revolution unseres Essens. Die Krisen und Verwerfungen des globalen Kapitalismus sind eng mit den Umbrüchen eines von Konzernen dominierten Ernährungssystems verknüpft. Rund ein Drittel der erwerbsfähigen Weltbevölkerung ist in der Landwirtschaft beschäftigt. Die neuen Landnahmen und die Marktmacht der Lebensmittelindustrie zerstören natürliche Ressourcen und lokale Versorgungssysteme auf der ganzen Welt. In einem wunderbaren Dossier der Rosa-Luxemburg-Stiftung werden die Herausforderung und die Möglichkeit für linke Politik rund ums Essen unter der konzeptionellen Überschrift „Ernährungssouveränität“ bearbeitet[2].

Nicht zu vergessen: abgehängte ländliche Räume bieten auch autoritären populistischen Bewegungen einen Boden, die «traditionelle» Lebensweisen verteidigen wollen. In Zeiten, in denen rechtspopulistische Ansätze global auf dem Vormarsch sind, braucht es neue, emanzipatorische Politikformen für ländliche Räume als solidarische Alternative: Gute Landwirtschaft – das ist noch weit mehr als tier- und umweltfreundliche Lebensmittelproduktion. Denn eine wirklich gute Landwirtschaft hat auch mit guten Arbeitsbedingungen, angemessener Bezahlung, mit einer guten Infrastruktur, mit lebendigen Dörfern zu tun. Regionale Produktion, Verarbeitung und Vermarktung und eine faire Risiko- und Gewinnverteilung innerhalb der Erzeugerinnenkette. Gute Landwirtschaft bedeutet, dass Landwirtinnen und Landwirte von ihrer Hände Arbeit gut leben können, in Wohnortnähe arbeiten (und Steuern zahlen) und Wertschätzung in ihrer Region bekommen und geben. Dabei spielt nicht zuletzt – wie in den Städten – die Bodenfrage als Eigentumsfrage auf dem Land eine große Rolle.[3]

Dass Julia Klöckners Nestlé-Tweet so breite öffentliche Kritik hervorbrachte – obwohl das Kuschen vor Konzerninteressen in der Landwirtschafts- und Verbraucherpolitik ja wirklich nichts Neues ist – weist auf etwas Ermutigendes hin: eine Gesellschaft, die über dahinterliegende Zusammenhänge immer besser Bescheid weiß, die sich in Bewegungen organisiert, und die die Schnauze voll hat von einer antidemokratischen Politik für Konzerne und gegen die Menschen. … eine Steilvorlage für die Linke.

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[1] Ein Dossier (von 2017) über den Wasser-Raub durch Nestlé und andere Geschäftspraktiken des Konzerns findet sich zum Beispiel bei der rumänischen Wissenschaftsplattform ZME … und in deutscher Übersetzung hier „Trotz Dürre-Katastrophe – Nestlé pumpt 50.000 Liter pro Stunde Wasser aus Äthiopiens Boden und baut die Milchwirtschaft aus“ https://netzfrauen.org/2017/04/12/aethiopien-nestle/

[2] Es sind die Bewegungen von Landlosen und Kleinbäuer*innen im globalen Süden, die sich seit Jahrzehnten für «Ernährungssouveränität» stark machen. Für sie ist der Kampf gegen das Ernährungsregime der Konzerne ein Kampf um Demokratie. Auf dieser Themenseite berichten wir von den Formen der Organisierung dieser Akteure. Und wir fragen: Was sind linke politische Antworten auf Monopolisierung von Marktmacht, Finanzialisierung oder Digitalisierung in Ernährungssystemen? https://www.rosalux.de/dossiers/ernaehrungssouveraenitaet/

[3] Dazu und zu vielen anderen konkreten Politikalternativen für Landwirtschaft und Ernährung arbeiten in der Bundestagsfraktion Die LINKE Kirsten Tackmann und Amira Mohammed Ali
https://www.nachhaltig-links.de/index.php/agrar

Über den Autor

Sabine Leidig
Sabine Leidig war von 2002 bis 2009 Geschäftsführerin des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac. Seit 2009 sitzt sie für die Linke im Bundestag.
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