Laurie Penny: Ein Brief an die (anti-)deutsche Linke

13. März 2016 - 12:38 | | Politik | 17 Kommentare

Laurie Penny, jüdische Feministin, Marxistin und Autorin von Werken wie „Fleischmarkt – weiblicher Körper im Kapitalismus“„, wird von Antideutschen vorgeworfen, dass sie antisemitische Positionen vertrete, weil sie sich für BDS und gegen die israelische Besatzung engagiert. Sie hat eine sehr lesenswerte Antwort auf die Vorwürfe verfasst, den wir hier ins Deutsche übersetzt dokumentieren möchten:
Heute Abend, wenige Tage bevor ich in ein Flugzeug steigen sollte, um eine Reihe von Lesungen fiktionaler Literatur in Deutschland zu halten, hat mein Verleger mich kontaktiert, um mir mitzuteilen, dass bestimmte Personen in der deutschen Linken mich als antisemitisch bezeichnen. Das geht darauf zurück, dass ich das Recht von Menschen verteidige, israelische Produkte und Dienstleistungen aus Protest gegen die andauernde Besetzung von Gaza und dem Westjordanland zu boykottieren. Es ist, würde ich sagen, eine befremdliche Erfahrung für eine Ausländerin jüdischer Abstammung, wie ich es bin, Twitter zu öffnen und festzustellen, dass Deutsche einen mit Hitler vergleichen.

Zuerst war ich zutiefst verletzt, wütend und aufgebracht. Aber statt anzufangen, mit weiteren Anschuldigungen um mich zu werfen, glaube ich dass es nützlich wäre, meine Position zu erklären und zu fragen, was in unserer jeweiligen Geschichte uns in diese auf den Kopf gestellte Situation gebracht hat.

Ich bin nicht deutsch. Ich spreche sehr wenig deutsch, und dafür kann ich mich nur entschuldigen und sagen: ich versuche zu lernen (dt. im Original). Aber ich habe das Verständnis erlangt, dass die deutsche Linke durch ihre pro-zionistische Haltung und ihr Insistieren darauf, das militärische Handeln des israelischen Staates in jedem Fall zu verteidigen, einzigartig in Europa ist. Und ich kann verstehen, warum.

Deutschland ist ein Land, dass von seiner eigenen Geschichte verfolgt wird, und ein Teil dieser Geschichte umfasst den Massenmord an Millionen Jüd*innen. Das ist sowohl eine unvermeidliche Tatsache als auch ein furchtbares Erbe, mit dem nachfolgende Generationen zurechtkommen müssen. Außerdem bleibt die aufstrebende extreme Rechte in Deutschland, so weit ich verstehe, extrem anti-Israelisch (das ist nicht der Fall in Großbritannien, in der Tat hat die inzwischen aufgelöste faschistische English Defence League erst 2011 Israelfahnen auf ihren Demonstrationen mitgeführt). Also, während die Position der deutschen Linken zum Zionismus nicht teile, unterstütze ich absolut ihr Recht, diese Position zu vertreten.
Ich kann mir vorstellen, wie nach bestem Gewissen handelnde Deutsche sich zutiefst unwohl damit fühlen würden, sich zu weigern, eine israelische Avocado zu essen, ganz gleich wie sehr man argumentieren kann, dass Israel und das Judentum nicht dasselbe sind. Es gibt einfach zu viel Geschichte dahinter, zu junge und zu blutige, als dass das eine neutrale Entscheidung wäre, die man treffen könnte. Wenn ich deutsch wäre, würde es mir sicherlich genauso gehen.

Ich habe immer die Fähigkeit der Menschen in Deutschland bewundert, ihre eigene Geschichte zu hinterfragen. Es ist sicherlich eine willkommene Abwechslung von Großbritannien, wo Schulkindern immer noch beigebracht wird, unkritisch über unsere imperiale Vergangenheit zu denken. Und manchmal frage ich mich, ob es nicht daran liegt, dass Deutschland heute so eine progressive kulturelle Hochburg ist – weil Deutsche nicht nostalgisch einem vergangenen goldenen Zeitalter nachtrauern, sie glauben mehr an die Zukunft als die Vergangenheit. Trotz des Aufstiegs rechter Gruppen wie der AfD bleibt das mein überwältigender Eindruck, den ich als Besucherin von Deutschland gewonnen habe.

Ich ärgere mich zutiefst über die Implikation, dass nur weil meine Bücher in Deutschland veröffentlicht werden, von mir zu erwarten ist, dass ich mich verhalte, als hätten meine Vorfahren am antisemitischen Genozid teilnehmen können. In Wirklichkeit waren meine Vorfahren mehrfach Opfer des anitisemitischen Genozids. Das ist eine Geschichte, die meine eigene Politik und meine Lebensentscheidungen genauso beeinflusst, wie eure Geschichte euch beeinflusst.

Es bedeutet etwas sehr anderes für eine britische Jüdin, einen friedlichen Boykott israelischer Produkte zu unterstützen, als es für einen Deutschen christlicher Abstammung bedeutet, denselben Boykott zu unterstützen. Ich verstehe dass, und ich würde mir wünschen, dass ihr versucht zu verstehen, dass wenn Israel militärische Angriffe im Namen jüdischer Menschen auf der ganzen Welt, und unserer Familien, die vor Unterdrückung geflohen sind, durchführt, mir das einen zusätzlichen Grund gibt, diese Angriffe abzulehnen.

Es wäre lächerlich zu behaupten, dass die breiter gefasste europäische Linke niemals antisemitisch sei. Als halb-jüdischer Mensch mit einem nicht-jüdischen Namen war ich gelegentlich zu den Gesprächen eingeladen, die britische Linke über Jüd*innen führen, wenn sie glauben, dass ihnen keine zuhören. Es gibt sicherlich Menschen in der pro-palästinensischen Bewegung, die eine antisemitische Sprache nutzen, und es gibt Antisemiten und Rassisten ohne Liebe für die Menschen Palästinas, die Strategien wie BDS für ihre eigenen Zwecke nutzen.

Die Sprache des Antisemitismus ist in den letzten Jahren akzeptierten geworden, da Europa und Amerika nach rechts driften. Seit Jahren werde ich online von Rassisten belästigt – selbst meine Wikipedia-Seite wird regelmäßig von Antisemiten verunstaltet. Und letzte Woche habe ich meine erste Erfahrung mit antisemitischer Belästigung im öffentlichen Nahverkehr in London gemacht. In der Tat werden Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aller Art zum mainstream, während die Migrationskrise die Landkarte der politischen Erwartungen Europas zerreißt – deswegen ist es gerade jetzt zentraler als es für Jahrzehnte gewesen ist, dass alle Progressiven und Antirassisten zusammen halten.

Ich bleibe stolz auf meine jüdische Abstammung, und ich werde weiterhin gegen Antisemitismus Position beziehen. Es ist möglich, das zu tun und zugleich kritisch über die militärischen Handlungen des israelischen Staates zu denken und für einen Waffenstillstand einzutreten, so wie es viele Jüd*innen und Israelis überall auf der Welt tun. Ich verurteile nicht die in der deutschen linken, die eine entgegengesetzte Meinung haben, so lange sie uns anderen das gleiche Verständnis entgegenbringen. Die Geschichte stellt verschiedene Anforderungen an uns alle, was nur ein weiterer Grund ist, uns in dieser schwierigen Zeit für die globale Linke aneinander anzunähern, mit Mitgefühl und Toleranz, statt mit Verurteilungen.
Meine Politik ist international, intersektional, feministisch, antirassistisch und antikapitalistisch. Je mehr ich über die Welt lerne, desto mehr verstehe ich, die die Geschichte von Gewalt unsere gegenwärtige Politik prägt, wer immer wir sind. Ich glaube, die deutsche Linke hat jedes Recht, ihre aktuelle und vergangene Haltung zum jüdischen Volk/den jüdischen Menschen zu hinterfragen. Aber es ist nicht die Aufgabe der deutschen Linken Jüd*innen auf der ganzen Welt vorzuschreiben, welche politische Meinung sie zu vertreten haben – und das wird nie ihre Aufgabe sein.

 

Der Brief wurde von Felix Pithan, Landesvorsitzender der Linken Bremen, ins Deutsche übersetzt.

Über den Autor

17 Kommentare

  • 1
    Michael Klein sagt:

    Als im September 1960 geborener Deutscher Bürger fühle ich mich in keiner Weise schuldig am HOlocaust, aber ich habe ein Gefühl der Verantwortung, alles aber auch alles, was in meinen Kräften steht dafür zu tun, dass sowas sich nicht widerholt, grade in Anbetracht des Erstarkens Rechter Parteien. Egal ob es gegen JUden, Moslems, Romas, Sintis, HOmosexuelle, Behinderte oder Flüchtlinge geht, egal woher sie kommen, denn Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!
    Und was den israelisch-palästinensichen Konflikt betrifft, so zitiere ich Heinz Galinski: „Ich habe den Holocaust nicht überlebt, um über das Unrecht anderer zu schweigen!“

  • 2
    Manfred Stiegel sagt:

    Warum nennen Sie nicht einfach Ross und Reiter (Namen)?

  • 3
    Jens sagt:

    Ich sehe die Antideutschen eher als Rechtsextreme, auch wenn einige von ihnen urspruenglich aus der Linken Ecke kommen bzw. sie heute versuchen, die Linke zu unterwandern und im Sinne westlicher Eliten nutzbar zu machen.

    Die A. kaempfen fuer die Herrschaft der westlichen Herrenmenschen und sind Back-to-Back mit Neocons, Neolibs, Terrorkriegern etc.

  • 4
    Carina Baur sagt:

    Zeugenaussage des Darlehensangebotes

    Ich bin Frau Carina Baur ich war an der Forschung des Gelddarlehens seitdem
    mehrere Monate. Aber glücklicherweise sah ich Zeugenaussagen gemacht von
    viele Personen auf Frau Visentin Paola so habe ich es kontaktiert
    um mein Darlehen eines Betrages von 70.000€ zu erhalten, um meine Schulden zu regulieren und
    mein Projekt zu verwirklichen. Es ist mit Frau Visentin Paola mein lächelt an
    neuer es ist planiert von einfachem und sehr verständnisvollem Herzen. Hier sind
    elektronische Post: visentinpaola96@gmail.com

  • 5
    Andreas Rautenberg sagt:

    Vielleicht sollte man der Frau Penny mal deutlich machen, dass „Antdeutsche“ mitnichten die „deutsche Linke“ repräsentieren.
    Eher ganz im Gegenteil.

  • 6
    Stefan sagt:

    Eines ist wichtig zu verstehen: Antideutschen ist nicht inhaltlich zu begegnen. Es ist mehr eine Strategie der (Nicht)Kommunikation. Dieselbe Strategie wurde zuvor von der Tea Party etabliert und Verbindungen waren da. Die deutsche Linke hat mit diesem Phänomen insofern zu tun, dass sie von antideutschen Strategen paralyisiert wurde. Heute sind viele ehemalige Antideutsche im Umfeld von Springer, AfD und so weiter zu finden, nachdem sie ihre Aufgabe erfolgreich beendet haben. Dass im Ausland immer noch geglaubt, wird, die Antideutschen wären Teil der Linken, ist traurig.

  • 7
    Tyler DUrden Volland sagt:

    Ach Penny…

    Es gibt keinen Grund sich zu ärgen. Die Erde wird nun mal zum grössten Teil von Idioten bewohnt, und die Unterscheidung zwischen Israel-Kritik und Anti-Semitismus scheint mehr INtelligenz zu benötigem als der Masse zur Verfügung steht.

    Aber zumindest solltest du mal drüber nachdenken, wie gross angesichts der allgemeinen Verblödung deine/eure Chance ist, politisch irgendwas zu bewirken…

    • 7.1
      Illoinen sagt:

      @Tyler DUrden Volland sagt:
      Und Sie gehören natürlich nicht zu den Idioten? Für mich ist es völlig unerheblich, ob jemand links, rechts, oder sonst was ist. Menschenrechte sind nicht teilbar.

      • 7.1.1
        Tyler Durden Volland sagt:

        @Illoinen
        Zumindest in diesem Zusammenhang bin ich kein Idiot, das haben sie schön erkannt….

        Weniger schön ist hingegen ihr völlig alberner Satz: „Menschenrechte sind nicht teilbar.“

        Kennen sie denn ein Land auf das ihr kindischer Glaube zutrifft?

        Menschenrechte werden immer dann erwähnt, wenn andere deswegen kritisiert werden können. Das ist weltweit so und war nie anders und wird nie anders sein.

        Ein Recht ist etwas das sie dann haben, wenn sie auch die Macht besitzen dieses durchzusetzen.
        Alles andere sind Phrasen. In ihrem Fall politische korrekte Gut-Menschen-Phrasen.

  • 8
    Maria von Finnentrop sagt:

    Kann nicht mal jemand dieser armen Carina Baur helfen ?!
    Gibt es keinen Administrator, der das regeln kann ?!
    So geht das noch nicht.

  • 9
    Udo sagt:

    Auch in Deutschland werden von Rechten jedweden Bräunungsgrades „Israelfahnen auf ihren Demonstrationen mitgeführt“, sogar von Pegidioten. Das sie sich deswegen mit Israel verbünden glaube ich nicht, vielmehr glaube ich daran, das es sich um einen provokativen Akt handelt und dafür spricht, das sie ebenso Deutschlandflaggen mit sich führen, und das obwohl sie das heutige Deutschland so sehr verachten, das sie nach seiner Beseitigung trachten. Vermutlich sind diese Antideutschen in der Rechten die eigentlichen Antideutschen, denn die Antideutschen als den herrschenden Staat ablehende Gruppe tun das in erster Linie, weil in ihren Augen der Staat die Rechte der nicht rechten denen der Andersdenkenden, Asylbewerber, Ausländer, und nicht zuletzt ihren eigenen Rechten vorzieht. Sie haben diesen Eindruck vermutlich auf Konfrontationskurs mit einem Staat erworben, der denen, die demokratische Strukturen bekämpfen mit polizeilichem Schutz zu Seite steht, und das obwohl die Rechten der Polizei als Vertretern des Staates genau so gern den Dolch in den Rücken schieben und ihre eigenen Sicherheitskräfte aufstellen, was ja in Form brauner Bürgerwehren gerade landauf, landab und einer zunehmenden Zahl untergetauchter, per Haftbefehl gesuchter Rechter passiert. Und da passiert nichts, ergo: Die linken Antideutschen sehen immer nur den Knüppel, und zwar sowohl von der Polizei als auch von den Rechten. Und das man solche Verhältnisse nicht gutheißt, kann ich ein kleinwenig nachvollziehen. Es bedarf in Deutschland einer die Gewaltenteilung übergreifenden, gesellschaftlichen Konsenz, das die Neue Rechte das Schlechte ist. Wenn das nicht geschieht, die sächsische Justiz beispielsweise weiter ganz klar eine Paralleljustiz gegen Linke führt, wenn verfassungswidrige Parolen der Rechten zu Achselzucken, beim selben Polizisten aber der Protest dagegen zum Schlagstockeinsatz gegen Antifaschisten führt, wenn die Kanzlerin, immerhin Regierungsoberhaupt, Grundrechte nicht ohne Widerwort aus den eigenen Reihen verteidigen kann, und sei es von Seehofer von der Schwesterpartei, dann läuft was falsch im Staate Deutschland, anno 2016. Bis wir die braunen Spuren vor unserer eigenen Haustür beseitigen steht es uns ohnehin nur bedingt zu dieselben Verhältnisse andernorts zu kritisieren, ob es uns gefällt oder nicht.

    • 9.1
      Maria von Finnentrop sagt:

      Habe mir ganz bewusst israelische Avocados gekauft, nicht nur weil die superlecker sind, sondern auch weil ich weiss, dass durch den Boykott israelischer Produkte schon zahlreiche Arbeitsplätze von Palästinensern kaputtgemacht wurden. Wer kann das ernsthaft wollen, wem nutzt das ?!

  • 10

    […] führt zu merkwürdigen Reflexen, findet auch Laurie Penny, die in einem offenen Brief an die antideutsche Linke ihre Position als Person erklärt. Habe es nicht lassen können und auch mal einen Teil der Demarkationslinie markiert, wie ich sie […]

  • 11

    […] gezeigt, wie mit einer solchen Art von „Politik“ umzugehen ist und einen mehr als lesenswerten Brief an die Antideutschen […]

  • 12

    […] gezeigt, wie mit einer solchen Art von „Politik“ umzugehen ist und einen mehr als lesenswerten Brief an die Antideutschen […]