Keynes: Retter aus der Eurokrise?

17. August 2015 - 08:00 | | Politik | 2 Kommentare

Viele Linke wünschen sich eine Wirtschaftspolitik nach dem Vorbild des britischen Ökonomen John Maynard Keynes. Wir stellen seine Ideen vor. In den Diskussionen über die Ursachen der Eurokrise und mögliche Lösungsstrategien fällt unter Linken vor allem ein Name – und das ist nicht der von Karl Marx. Vielmehr sind es die Ideen eines Ökonomen, der sich selbst nie als Linker ansah, die den größten Einfluss unter Kritikern der neoliberalen Wirtschaftslehre haben. John Maynard Keynes war einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jhd. und griff Zeit seines Lebens selbst in die pol. Debatte ein. Doch erst nach Keynes’ Tod im Jahr 1946 begannen seine Ideen ihre volle Ausstrahlungskraft zu entfalten. 

Keynes kleine Renaissance

Mit dem Aufkommen des Neoliberalismus in den 1980er Jahren wurden seine Theorien und Konzepte zwar sukzessive zurückgedrängt, doch seit dem Beginn der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 erlebt seine Kritik an der klassischen liberalen Lehre eine kleine Renaissance. Mit der Regierungsübernahme von Syriza in Griechenland stellt sich die Frage nach einer alternativen Wirtschafts- und Finanzpolitik nun ganz konkret. Erstmals führt im Europa der Krise eine Partei die Regierung, welche die neoliberale Austeritätspolitik radikal ablehnt. Und tatsächlich bilden Keynes’ Ideen einen zentralen Bezugspunkt der Syriza-Führung. Insbesondere Finanzminister Yanis Varoufakis betont immer wieder den Einfluss, den Keynes’ Werk auf ihn habe. Doch woher kommt diese Bewunderung, die viele Linke für den bürgerlichen Ökonomen hegen, und was waren seine Ideen?

Die Ideen von John Maynard Keynes

John Maynard Keynes war der Meinung, dass der Markt – sich selbst überlassen – nicht funktionieren könne. Damit widersprach er der Volkswirtschaftslehre seiner Zeit – einer Lehre, die unter dem neuen Namen Neoliberalismus bis heute die Politik aller etablierten Parteien bestimmt. Keynes wurde am 5. Juni 1883 im englischen Cambridge als Sohn eines Ökonomieprofessors geboren. Er besuchte verschiedene Eliteschulen und studierte anschließend Philosophie, Geschichte, Mathematik und Ökonomie. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit war er immer auch stark politisch engagiert. So arbeitete er nicht nur als Hochschullehrer, sondern auch für die britische Regierung.
Nach dem Ersten Weltkrieg begann er, in verschiedenen Büchern und Aufsätzen der herrschenden liberalen Wirtschaftslehre in einzelnen Punkten zu widersprechen. Aber zu dieser Zeit glaubte auch er, dass dem Kapitalismus rosige Zeiten bevorstünden. Erst die große Krise der 1930er Jahre ließ unter bürgerlichen Ökonomen die Zweifel am reibungslosen Funktionieren der Marktwirtschaft wachsen.

Kritiker eines entfesselten Markts

John Maynard Keynes wurde einer der bedeutendsten Kritiker eines entfesselten Markts. Sein bekanntestes Werk, »Die allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes«, erschien 1936 – nur wenige Jahre nach Beginn der Weltwirtschaftskrise. Hier entwickelte er eine systematische Kritik der liberalen Lehre. Für viele Sozialdemokraten und Gewerkschafter, die nicht (mehr) an eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft glaubten, ersetzte zu dieser Zeit der Keynesianismus den Marxismus. Die liberalen Theoretiker gingen davon aus, dass eine »unsichtbare Hand« des Markts Angebot und Nachfrage in Einklang bringe, so dass jede produzierte Ware auch ihren Käufer finde. Die Liberalen stützten ihre Behauptung auf das sogenannte Saysche Gesetz: Das Geld, das mit jeder produzierten Ware erwirtschaftet würde, flösse in zwei Taschen – in die der Arbeiter und in die der Unternehmer. Die Arbeiter würden von ihrem Lohn das Lebensnotwendige kaufen und die Unternehmer ihren Profit in neue Produktionsanlagen investieren. So stelle sich ein ewiges Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage ein. Krisen seien unmöglich.

Keynes Argumente gegen die Liberalen

Keynes widersprach. Erstens würden die Arbeiter unter bestimmten Umständen einen Teil ihres Gelds sparen. Zweitens investierten die Unternehmer nur dann in neue Produktionsanlagen, wenn sie erwarteten, daraus neuen Profit ziehen zu können. So könne durchaus eine Situation entstehen, in denen die Firmen ihre Waren nicht verkaufen könnten. Eine Krise sei die Folge.
Auch die liberale Schule konnte das nicht ignorieren. Ihre Vertreter forderten daher für Krisenzeiten die Senkung der Löhne, damit die Unternehmen wieder investieren. Keynes stellte fest, dass ein Teufelskreislauf die Folge wäre. Denn niedrigere Löhne senkten die Nachfrage, schafften damit noch mehr Arbeitslosigkeit, was wiederum erneut die Löhne senke.
Er forderte hingegen zur Krisenüberwindung die Schaffung einer »effektiven Nachfrage«. Der Staat müsse eingreifen und die fehlende Nachfrage durch öffentliche Aufträge ersetzen. Die Ausgaben müssten dabei durch Schulden finanziert werden, nicht durch eine Umverteilung bestehender Gelder. Nur so würde ein tatsächlicher Zuwachs entstehen.

Keynes Krisenanalyse

Keynes’ Ideen beschränken sich jedoch nicht auf eine reine Nachfrageorientierung. Seine Erklärung der Krisenhaftigkeit des Systems war tiefgehender. Er erkannte, dass die Krise des Kapitalismus so schwerwiegend sein könnte, dass er sich nicht selbst daraus befreien kann. Für diesen Fall glaubte er, »dass die Aufgabe, die laufende Menge der Investitionen zu leiten, nicht ohne Gefahr in privaten Händen gelassen werden kann.« Er kam zu diesem Schluss, weil er eine »sinkende Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals« beobachtete – eine Entwicklung, die zuvor bereits Karl Marx als »tendenziellen Fall der Profitrate« beschrieben hatte. Die Unternehmen müssten immer mehr investieren, um denselben Profit erwirtschaften zu können. Dies führe dazu, dass sie den Profit nicht in neue Produktionsstätten investierten, sondern damit spekulierten. Dieser Trend verschärfe sich, je länger die kapitalistische Wirtschaftsordnung andauere.
Angesichts der unsicheren Investitionstätigkeit forderte Keynes eine »Sozialisierung der Investitionen«, um so das Ziel der Vollbeschäftigung zu erreichen. Für ihn lag »das richtige Heilmittel für den Konjunkturzyklus« darin, »dass wir die Stockungen abschaffen und uns somit dauernd in einem Quasi-Aufschwung halten.«

Keynes heute wieder aktuell?

Keynes starb 1946, aber seine Theorie und die mit ihr verbundene staatliche Planung feierten große Erfolge, als die Weltwirtschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in eine längere Wachstumsphase eintrat. Die Grundlage für dieses »Goldene Zeitalter« war der Kalte Krieg. Die Militärausgaben der USA und der Sowjetunion stiegen auf zehn bis fünfzehn Prozent des Bruttosozialprodukts. Der Staat schuf eine gigantische Nachfrage für einen bedeutenden Teil der Industrie. Zugleich bremste diese Verschwendung die Tendenz zur Überproduktion. Allerdings war der Nachkriegsaufschwung widersprüchlich. Als es 1974 erstmals wieder zu einem weltweiten Einbruch kam, stand die keynesianische Wirtschaftspolitik vor einer Bewährungsprobe. Aber nun zeigten sich ihre Grenzen. In Deutschland legte die sozialdemokratische Regierung ein Investitionsprogramm von über 16 Milliarden DM auf. Kurzfristig zeigte diese Politik Wirkung. Die Arbeitslosigkeit ging zurück. Aber eine erneute internationale Krise 1980/81 vernichtete diese Erfolge. Auch in anderen europäischen Ländern scheiterten die Regierungen damit, die Krise zu bekämpfen. Die staatlichen Ausgaben hatten die Krise nur hinausgezögert. Die Arbeitslosigkeit wuchs erneut – erstmals seit dem Krieg auf über zwei Millionen. Die Bundesregierung warf daraufhin die keynesianische Politik über Bord und ging zur Sparpolitik über. Auch in anderen Ländern begann der Neoliberalismus seinen Siegeszug.

Die Machtfrage: Eine Leerstelle bei Keynes

Wenn heute angesichts der Krise in der Eurozone Linke ein groß angelegtes staatliches Investitionsprogramm, mit dem neue Arbeitsplätze geschaffen werden können, und höhere Löhne fordern, ist das sicherlich nützlich. Aber es ist keine Gewähr für die Überwindung der Krise. Zudem bleibt die Frage, wie eine solche Politik durchzusetzen ist. Konzerne und Wirtschaftsinstitutionen haben in der Vergangenheit deutlich gemacht, dass sie gegen ihre Interessen gerichtete Maßnahmen zu verhindern gedenken: In Großbritannien ließ sich die Labour-Regierung 1976 vom Internationalen Währungsfonds zu Ausgabenkürzungen zwingen, in Frankreich gab die Sozialistische Partei Anfang der 1980er Jahre ihr Programm nach einem Boykott der Unternehmen auf, in Deutschland wurde Oskar Lafontaine 1999 von einer Kampagne des Kapitals aus dem Amt gedrängt. Keynes hat die Frage, wie Maßnahmen gegen die Macht des Kapitals durchgesetzt werden können, nicht beantwortet – im Gegensatz zu Marx, der auf die potenzielle Macht der Arbeiterklasse schaute. Die Theorie von Keynes rüttelt an den Grenzen des Kapitalismus, wenngleich er selbst kein Linker war. Vielmehr setzte er darauf, dass die Herrschenden seinem Programm zustimmen würden, und hielt am Kapitalismus fest. »Wenn es zum eigentlichen Klassenkampf kommt, so hängt mein örtlicher und persönlicher Patriotismus an meiner eigenen Umwelt. (…) ein Klassenkrieg würde mich auf der Seite der gebildeten Bourgeoisie finden.«
Dennoch spricht auch Keynes davon, dass die Investitionsentscheidungen vergesellschaftet werden müssen. Daran können Marxisten anknüpfen, denn so wird die Tür für eine sozialistische Perspektive geöffnet. Das bedeutet aber, die Herrschaft von einigen wenigen über den gesellschaftlichen Reichtum in Frage zu stellen und der Macht der Herrschenden zu trotzen.

Der Artikel von Martin Haller erschien zuerst auf Marx21.de

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2 Kommentare

  • 1
    rote_pille sagt:

    Die Krise der 30er war ein Produkt der Marktmanipulation durch die Zentralbanken, genauso wie die heutige Krise. Die staatshörigen Ökonomen, Keynesianer als auch Monetaristen („Neoliberale“) konnten nur Popularität bekommen, weil sie diese Wahrheit ignorieren und somit die wahren Machthaber nicht gestört haben. Die klassischen Liberalen haben sich nie von denen kaufen lassen.
    Die Höhe der durchschnittlichen Profitrate wird durch die Zeitpräferenz, also die Höherschätzung gegenwärtiger Güter gegenüber zukünftigen, bestimmt. Jede Produktion braucht ihre Zeit, der Wert des Produkts muss also so groß sein wie die Summe des Wertes der eingesetzten Produktionsfaktoren, + eine Differenz, die durch den zeitlichen Abstand hinzukommt. Wenn ein zentralbankgesteuertes Bankensystem existiert, das den Zinssatz durch Geldmengenausweitung nach unten manipulieren kann, dann gibt es auch einen künstlichen „Fall der Profitrate“, aber der entspricht nicht der allgemeinen Zeitpräferenz – die Investoren fangen an zu spekulieren, weil sie ihr Kapital nicht langfristig binden wollen, und das Bankensystem übernimmt mit immer neuen Geldinfusionen die Versorgung der Wirtschaft, bis es nicht eines schönen Tages alles platzt. Dann ist es natürlich „Marktversagen“ und „man konnte es nicht wissen“…
    Die „neoliberale Sparpolitik“ nach der Periode des Keynesianismus ist wahrscheinlich Satire. Vielleicht gab es eine Sparrhetorik, aber die Kurve der Staatsverschuldung ist ungebremst exponentiell gestiegen. Verschwendung ist auch heute noch gang und gäbe, wie man auf die Idee kommen kann, dass diese gut für die Wirtschaft wäre, deren oberstes Ziel es doch ist, mit dem minimalen Einsatz den maximalen Output zu generieren, erschließt sich meinem bürgerlichen Gehirn leider nicht. Die „Überproduktion“ wird im Kapitalismus ohne Staatseingriffe dadurch liquidiert, dass die Betriebe wegen Absatzschwierigkeiten pleite gehen und stattdessen andere Dinge hergestellt werden.
    Die Schlussfolgerung, dass die von Keynes vorgeschlagene Sozialisierung (=Verstaatlichung, nicht die Gesellschaft ist handlungsfähig, sondern nur Individuen und Organisationen!) zu Marx führt, ist richtig. Wie oft das marxistische Experiment jedoch scheitern muss (Russland, China, Nordkorea, Kuba, Kambodscha, Osteuropa, …) und wieviele Millionen Tote noch notwendig sind, damit auch der letzte einsieht, dass die Ursachen des Scheiterns nicht bei „faschistischen Agenten“ liegen, kann ich nicht sagen. Ich empfehle allen Marxisten ihr gesamtes Eigentum auf eine gemeinsame Organisation zu überschreiben und dieser Organisation auch gleich ihre gesamte Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen. So könnten sie sich teilweise aus dem „kapitalistischen“ Staat ausklinken und die Konsequenzen ihrer Ideen alleine genießen, bevor sie sie wieder auf die Menschheit loslassen.

    • 1.1
      ztr sagt:

      „Die Krise der 30er war ein Produkt der Marktmanipulation durch die Zentralbanken, “

      Ein eindeutiges Nein. Statt „Zentralbanken“ lieber „größte Privatbanken mit Monopolstellung“ schreiben, dann stimmt es wieder. Die Zentralbank hat dort damals eine vergleichsweise eher geringe Rolle gespielt.

      @ Artikel: sorry aber einen Kapitalismus in Europa hatten wir seither überhaupt nie, sondern nur den noch lebendigen neo-Feudalismus und komplett manipulierte Märkte, Währungen usw. Das ist KEIN Kapitalismus. Man darf es nach Gusto Feudalismus oder Wirtschaftsfaschismus nennen.