Die kommende Bedrohung: Rassistische Zuschreibungen gegenüber Berliner Jugendlichen

29. Dezember 2017 - 12:18 | | Politik | 0 Kommentare
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Im Juli dieses Jahres bewarb das American Jewish Committee (AJC) öffentlichkeitswirksam eine Publikation zu »Salafismus und Antisemitismus an Berliner Schulen«. Auf Grundlage von 27 – ausschließlich mit Lehrenden – geführten Interviews wird darin der Anspruch formuliert, Einstellungsmuster muslimischer Jugendlicher in Berlin zu dokumentieren. Zwar sei die Studie „keine repräsentative, systematische, statistisch ausgewertete Untersuchung“, jedoch könne sie „Einblicke in das wachsende Problem“ geben und ginge dabei „weit über das bisher Dokumentierte hinaus“. (Der Artikel erschien in veränderter und gekürzter Form in der a&k im Oktober 2017 )

Tatsächlich kann die Publikation nicht beanspruchen, auch nur einen Ausschnitt der tatsächlichen Haltungen junger Musliminnen und Muslimen oder als muslimisch markierter Jugendlicher abzubilden. Während des darauffolgenden Medienechos u.a. in taz, Welt, rbb, Morgenpost und auf der Seite des staatlichen Förderprogramms »Demokratie Leben« wurde versäumt, sich kritisch mit der vorgestellten Studie auseinanderzusetzen.

Vielmehr wurden in Berufung auf die Studie Schreckensbilder von einer sich radikalisierenden und antisemitischen migrantischen Schülerschaft unhinterfragt übernommen, von ‚Intifada im Klassenraum’1,’einer Art der Parallelbildung2 und ’selbsternannten Moralwächtern‘ war da zu lesen. Wie das AJC zu seinen Ergebnissen kam, wurde dabei in keinem der Artikel zum Gegenstand, dabei gäbe es reichlich Anlass für Kritik. Zudem stehen die in der Broschüre reproduzierten alarmistischen Feststellungen und Feindbilder in einer Tradition der Diffamierung von People of Colour (nachfolgend PoC genannt. Zum Konzept siehe Ha u. a.3), die ‚dem Islam‘ zugerechnet werden. Bereits für vorhergehende Beiträge des AJC waren derartige Stereotypisierungen und Kriminalisierungen prägend.

Auf dünnem Eis gebaut: Allgemeiner Wahrheitsanspruch trotz fehlender wissenschaftlicher Methoden

Die Studie muss als qualitative Forschungsarbeit zwar nicht grundsätzlich den Anspruch erfüllen, repräsentativ oder quantifizierbar zu sein. Nach wissenschaftlichen Standards ungenügend sind sowohl die Strukturierung und Präsentation, als auch die fragwürdige Auswahl der interviewten Personen. Die Tatsache, dass ausschließlich Lehrerinnen und Lehrer befragt wurden, lässt vermuten, das Erkenntnisinteresse der Broschüre seien Einstellungsmuster von Berliner Lehrenden gegenüber ihren muslimisch markierten Schülerinnen und Schüler gewesen. Angesichts der aktuellen Debatten über Rassismus in Klassenzimmern wäre das zweifellos ein sinnvolles Unterfangen.

Stattdessen erhebt die Studie den Anspruch, durch die Auswertung der Interviews mit Lehrenden Rückschlüsse auf die Haltungen ihrer Schülerinnen und Schüler ziehen zu können. Dabei wird ausgeblendet, dass die Wahrnehmung der Lehrenden abgesehen vom System schulischer Hegemonie auch von (unbewussten) Rassismen und islamfeindlichen Bildern beeinflusst sein kann – ungeachtet jüngster Studien, die die Präsenz von antimuslimischem Rassismus unter Lehrenden empirisch belegen.4
Wie aus der Einleitung der Studie hervorgeht, fand darüber hinaus die Auswahl der befragten Lehrenden im Rahmen der bereits bestehenden Fortbildungsnetzwerke des AJC statt. Zudem nahmen Lehrende von weiteren Schulen teil, die ihre Motivation an der Befragung durch »Sorge um wachsende Probleme mit Antisemitismus und Salafismus« begründeten. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die Problemdiagnose der Studie bereits vor der eigentlichen Recherche feststand und die Belege hierfür eher kuratiert, als wissenschaftlich erhoben wurden. Die Studie attestiert muslimischen Jugendlichen außerdem eine ansteigende Intoleranz gegenüber Anders- oder Nichtgläubigen. Repräsentative Studien, die diesem düsteren Bild nicht entsprechen, kommen indes nicht zur Sprache. So zeigt die Sinus-Jugendstudie von 2016, dass die absolute Mehrheit muslimischer Jugendlicher gewaltförmige Durchsetzung religiöser oder politischer Ziele ablehnen. Darüber stellte die Studie fest, dass Religiosität bei muslimischen Jugendlichen kein zentrales Kriterium für die Wahl von Freundinnen und Freunden sei, selbst wenn der eigene Glaube für den Alltag prägend ist.

Generalverdacht Islamismus

Dass Antisemitismus auch bei Jugendlichen nach wie vor eine präsente Form der Abwertung und Entmenschlichung ist, steht außer Frage – und dass dabei teilweise auch islamisch begründete Argumentationen verwendet werden, ist auch in vielen muslimischen communities selbst ein anerkanntes Problem.6 Dabei handelt es sich jedoch in den meisten Fällen nicht um religiös begründeten Antisemitismus, sodass in der Rede vom muslimischen Antisemitismus eine Wirklichkeit konstruiert wird, die es so nicht gibt.7 Dass Antisemitismus im öffentlichen Diskurs trotz eines steigenden Rechtspopulismus, der offen antisemitische Feindbilder bedient,8zu einem in erster Linie muslimischen Problem umgedeutet wird, schafft Entlastung für die mehrheitsdeutsche Gesellschaft und legitimiert ohnehin vorhandene rassistische Stereotype. Gerade im Umfeld des AJC Berlin häufen sich in jüngerer Vergangenheit ähnliche abwertende Pauschalisierungen.

So unterstellte die Leiterin des AJC, Deidre Berger, im Juli 2016 während eines Fachgesprächs der CDU/CSU-Bundestagsfraktion muslimischen Familien »patriarchalisch dominierte Strukturen« und eine »Indoktrination« gegen den Staat Israel. Bergers populistische Forderung, Geflüchtete mit israelkritischen Positionen gleich wieder abzuschieben, brachte ihr massive Kritik von linken jüdischen und antirassistischen Organisationen ein. Im gleichen Jahr erntete außerdem AJC-Mitarbeiter Yonathan Shay Kritik für ein Video, in dem er versuchte, Geflüchteten während eines inszenierten Besuches in einer Berliner Notunterkunft Antisemitismus nachzuweisen – wohlgemerkt ohne sich mit ihnen auch nur annähernd sprachlich verständigen zu können.

Im Frühjahr 2017 bezeichnete wiederum Deidre Berger einige muslimische Gemeindevertreter, die in Reaktion auf den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz an einer Kundgebung mit verschiedenen anderen Religionsvertreterinnen und Religionsvertretern teilnahmen, als „verfassungsfeindlich“9, ungeachtet der Tatsache, dass diese teils seit Jahren in der Präventionsarbeit in Berlin aktiv sind und dafür mit Verdienstorden des Landes Berlin ausgezeichnet wurden.10 Ihre Aussage, die Teilnahme einiger Vertreterinnen und Vertreter von im Berliner Verfassungsschutzbericht erwähnten islamischen Gemeinden trivialisiere „die mörderische Ideologie der Täter“, soll eben diese Gemeinden – die wegen anderer, teils unbelegter Verbindungen zu problematisierten Gruppen im Verfassungsschutzbericht aufgeführt waren- in die Nähe des sogenannten IS/DAESH rücken.

So ist nun auch die jüngste Publikation durchdrungen von inhaltlichen Kurzschlüssen und der Zurschaustellung von eklatantem Unwissen: Unter anderem fehlt eine konkrete Salafismus-Definition und Berliner Schülerinnen und Schüler, die sich dem sogenannten IS/DAESH in Syrien anschlossen werden als »die Spitze des Eisberges« einer problematisierten »über Religionszugehörigkeit definierten Identität« bezeichnet. Der in der Publikation zu findende falsche Vergleich, dass einigen Jugendlichen die Sharia wichtiger sei als das deutsche Grundgesetz, schürt den Islamismusverdacht weiter. Dass jedoch eine Vereinbarkeit beider Regelwerke überhaupt keinen automatischen Widerspruch ergibt, ist inzwischen längst nicht mehr nur Musliminnen und Muslimen wie der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli klar, sondern wird selbst in Videos der Bundeszentrale für politische Bildung festgestellt.11 Ein solches Narrativ stellt muslimische Identität unter Generalverdacht und suggeriert einen automatisierten »Radikalisierungsverlauf« von religiöser Identität bis hin zu Gewaltbereitschaft und Terrorismus. Die in der Broschüre beklagte „Verlagerung der Selbstidentifikation vieler Schüler weg von ihrer Ethnie hin zu ihrer Religion“ wird durch anti-muslimische Diskurse angefeuert und durch Publikationen wie die des AJC erst verfestigt.12

So ermöglicht die Publikation es schlussendlich denjenigen, die ohnehin schon muslimische Parallelgesellschaften imaginieren, sich nun noch selbstgewisser über muslimische Jugendliche zu empören. Dabei liegt eine der Hauptursachen für die in der Studie von den Lehrenden geäußerten Schwierigkeiten, die Schoah mit ihren muslimischen Schülerinnen und Schülern zu behandeln gerade in der Ausblendung heterogener Bezüge, als auch in einem oft moralisch aufgeladenen Geschichtsunterricht, der ‚das richtige Geschichtsverständnis‘ erzwingen will.

Der Widerstand gegen den aufgezwungenen Modus des Erinnerns äußert sich dabei oft in der provokativen Verweigerung, Empathie für das Schicksal der Opfer der deutschen Vernichtungspolitik zu zeigen, was von Lehrenden in der AJC Publikation mit moralischer Entrüstung als Beweis für antisemitische Haltungen aufgeführt wird. Biographische Bezüge, etwa von Jugendlichen mit libanesischem und palästinensischem Hintergrund, deren Familiengeschichten eine ganz eigene Geschichte von Vertreibung und Verlust im Kontext des Nahostkonfliktes aufweisen, werden ausgeblendet. Zudem sind Jugendliche mit eigenen Marginalisierungserfahrungen meist sensibilisiert für die Inszenierungen des hegemonialen Erinnerungsdiskurses, welcher sich nicht selten auch in Klassenzimmern widerspiegelt. Die Aufarbeitung der Schoah wird in diesem Erinnerungsdiskurs vor allem zur Selbstinszenierung des nationalen Kollektivs instrumentalisiert; jedoch werden Schlüsse für den Umgang mit rassistischer Gewalt heute scheinbar kaum gezogen.

Eine pädagogische Praxis, die pro-palästinensische Positionen nicht reaktiv pauschal als antisemitisch einstuft und deswegen tabuisiert, würde es migrantischen Jugendlichen überhaupt erst ermöglichen, differenzierte Haltungen zur Schoah zu entwickeln. Fehlt jedoch in der Beschäftigung mit der deutschen Geschichte der Lebensweltbezug zu postmigrantischen Perspektiven, wird die Herstellung von Empathie – als zentralem Ziel der Thematisierung der Schoah im Unterricht – zwangsläufig verfehlt. Wenn zudem an Schulen ein Klima geschaffen wird, in dem die Übernahme pro-israelischer Positionen zur Bedingung für eine geschichtsbewusste Haltung gemacht wird, ist genau dies der Nährboden für die Konstruktion von Opferkollektiven als zentralem Motiv antisemitischer Ideologie.

Rassismus- und Antisemitismus-kritische Bildungsarbeit

Für Pädagoginnen und Pädagogen auf der Suche nach konstruktiver Hilfestellung bietet die Broschüre daher keinen Mehrwert. Denn es finden sich in der Publikation keinerlei Antworten auf die Frage, wie sich Antisemitismus und insbesondere die Schoah im Unterricht thematisieren lassen. Dabei gibt es hierzulande schon seit rund zehn Jahren Projekte von Trägern der Bildungsarbeit, die progressive Zugänge entwickeln. Zivilgesellschaftliche Initiativen wie Salam/Shalom aus Berlin zeigen hingegen seit Jahren, dass Antisemitismus durchaus entgegnet werden kann ohne Rassismen zu reproduzieren.

Ausgangspunkt sollten hierbei auch die heterogenen Zugänge nicht-weißer Jugendlicher sein, in denen häufig der Nahostkonflikt und nicht die Schoah den Kern kollektiver Erinnerungen bilden. Die eigenen Bezüge der Jugendlichen, deren Vorfahren nicht zur Tätergeneration gehörten, dürfen nicht zugunsten einer rein weiß-deutschen Erinnerungspolitik übersehen werden.

Dass sich nun Organisationen wie das AJC als ‚Expertinnen’ und ‚Experten’ für Salafismus und Antisemitismus auf diese Art in die pädagogische Praxis einbringen, ist aus Perspektive einer politischen Bildungsarbeit in der postmigrantischen Gesellschaft mehr als bedenklich. Die Konsequenzen solcher Entwicklungen zeigen sich auch in der aktuellen Debatte über das Frühwarnsystem an Schulen in Bremen, das nichts anderes als die Institutionalisierung des terroristischen Generalverdachts und die Kriminalisierung von muslimischen Jugendlichen bedeuten würde.13

Mariam Puvogel Chakib arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin zu (religiösen) Identitätskonstruktionen und Herrschaftsverhältnissen in der postmigrantischen Gesellschaft.

Sindyan Qasem ist Sprachwissenschaftler und beforscht diskursive Formationen zu Islam in Deutschland. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht eine hegemoniekritische Betrachtung von Islamismusprävention.

Dieser Beitrag erschien im aktuellen inamo-Heft gehen wir in unserem Schwerpunkt verschiedenen Formen und Aspekten dieser Diskurse in Europa und Nordamerika nach. Dabei beleuchten wir insbesondere, wie der Antisemitismus-Vorwurf als politische Waffe eingesetzt wird, um „dissidente“ politische Einstellungen an Universitäten, in der Politik und im öffentlichen Raum zu diffamieren. Ein weiterer auffälliger Diskursstrang ist der, wie Antisemitismus als gesellschaftliches Problem seit den 2000ern gezielt Muslimen zugeschrieben wird. Die Figur des Muslims dient hier als neuer Sündenbock für ein altes Problem.

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3 Ha, Kien Ngh u. a. (Hrsg, 2007): re/visionen: Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus,

Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland. Münster.

4 www.svr-migration.de/publikationen/vielfalt-im-klassenzimmer

6 Siehe zum Beispiel die Reaktion einer großen Berliner Moschee auf antisemitische Vorfälle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/offener-brief-nach-angriff-an-berliner-schule-berliner-muslime-verurteilen-antisemitismus-und-werben-fuer-toleranz/19750682.html

7 S. hierzu Müller, Jochen 2013: Zwischen Berlin und Beirut – Antisemitismus bei Jugendlichen arabischer, türkischer und / oder muslimischer Herkunft. In: Der Bürger im Staat. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

11BPB Video zur Bedeutung der Sharia im Islam: https://www.youtube.com/watch?v=xBSpEeAAjn8&list=PLGwdaKBblDzBGN36ApO8nA4jfIat0SUZl&index=9 (zuletzt gesehen 6.12.2017)

12 Siehe zu den Effekten von Zuschreibungen für Identitätskonstruktionen von als muslimisch gelesenen Jugendlichen auch Riem Spielhaus: Wer ist hier Muslim: Die Entwicklung eines islamischen Bewusstseins in Deutschland zwischen Selbstidentifikation und Fremdzuschreibung, Würzburg 2011.

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