Corona und die Verteilung von Arbeit und Zeit

14. April 2020 - 11:11 | | Politik | 0 Kommentare

Ostern 2020 – und ich bin nicht auf dem Ostermarsch wie eigentlich in jedem Jahr, seit ich 15 bin. Seit dem zweiten Märzwochenende ist alles anders. Zum internationalen FrauenKampf-Tag waren wir mit LISA NRW noch auf der Straße, überall wurde demonstriert auch für eine bessere Anerkennung und Absicherung von Sorgearbeit. Zehn Tage später gibt es Aufrufe, um für die „wahren Heldinnen“ unserer Gesellschaft zu klatschen.

Eine unserer Forderungen im Frauenstreik-Bündnis ist, das Leben in den Mittelpunkt all unserer Politiken zu stellen. Und wir experimentieren von Jahr zu Jahr, und zwar international, an der Frage, wie wir das bestreiken können, was eigentlich nicht zu bestreiken ist: die Sorge- und die Pflegearbeiten, ob bezahlt oder unbezahlt. Jetzt erfahren wir, dass Gesundheit und Leben plötzlich kollektive und politisch zentrale Themen sind.

Eins ist jetzt schon klar: Wir werden nicht zur Normalität zurückkehren. Die Normalität war das Problem, die Normalität war die Krise. Die Krise ist eine Krise der zusammengekürzten öffentlichen Infrastrukturen, sie ist auch eine Krise, die durch falsche Arbeitsteilungen und falsche Arbeitsbewertungen entstand.

Beim Einkaufen für meine Mutter letzte Woche traf ich auf eine Verkäuferin, die ich schon sehr lange kenne. Sie räumte gerade Milch ein, ein gefragtes Produkt in Corona-Zeiten. Drei Liter durfte ich in den Einkaufswagen packen. Sie erzählte mir – mit 1,5 Metern Abstand – von ihrem jetzigen Leben: Sie hatte vor kurzem erst ihre Arbeitszeit reduziert und freute sich auf mehr freie Zeit. Jetzt wurde dies wieder zurückgenommen. Ihr Mann ist in Kurzarbeit und die Sorge um das Familieneinkommen ist groß. Dazu kommt die Sorge vor einer möglichen Ansteckung. Die Kinder, 13 und 15 Jahre alt, sind jetzt auch schon drei Wochen zu Hause. Sie sagte: „Langsam muss aber mal gut sein. Und wir haben ja noch Glück, ich kann hier einkaufen und nach der Arbeit unseren Eltern Lebensmittel bringen. Aber alles bleibt an mir hängen: der Haushalt, das Essenkochen, die Frage an die Kinder, ob sie ihre Hausaufgaben gemacht haben. Lange geht das nicht mehr gut.“

Gesellschaftliche Notwendigkeit – tatsächliche Entlohnung?

Als ob wir es nicht schon wissen: Es sind mehrheitlich Frauen, die in plötzlich als systemrelevant anerkannten Berufen arbeiten. Sie sind damit erhöhten Gefahren für ihre Gesundheit ausgesetzt. Deutlich über 70 Prozent der Beschäftigten im Lebensmitteleinzelhandel, bei Sozialversicherungen und in Krankenhäusern sind weiblich. In KiTa-Einrichtungen und Vorschulen sind es sogar über 90 Prozent. Zudem werden zwei Drittel aller Minijobs in Deutschland von Frauen erledigt. Und auch die Situation Hunderttausender oft inoffiziell arbeitender Hausangestellten, Babysitterinnen, Kranken- und Altenpflegerinnen in Privathaushalten verschärft sich durch die Corona-Krise. Das alles ist ja bekannt und wird in diesen Zeiten oft beklagt. Und bei aller schnellen Hilfe: Insbesondere Migrantinnen verlieren durch die Corona-Krise ihre oft prekären Jobs. Und Migrantinnen und Migranten ohne Papiere trifft die Krise besonders hart: Wer in Deutschland nicht registriert ist, kann auch keine Transferleistungen beantragen. Um es kurz zu machen: In systemrelevanten Berufen sind überproportional viele Frauen sowie Migrantinnen beschäftigt, oft prekär und in vielen Fällen gerade jetzt ohne finanzielle oder gesundheitliche Sicherheiten.

In den Berufen, die gerne die „Frauenberufe“ genannt werden, sind die Löhne im Vergleich zu anderen Berufsgruppen weniger stark gestiegen oder sogar gesunken. Auch sind viele der systemrelevanten Berufe nicht durch Tarifverträge gedeckt. Pflegekräfte haben schon lange von einem Pflegenotstand gesprochen, von Überstunden und hoher körperlicher Belastung. Die Folge: Pflegekräfte stimmten mit den Füßen ab und verließen die Krankenhäuser, die Alten- und Pflegeeinrichtungen oder reduzierten ihre Arbeitszeit. Nach Angaben von ver.di fehlen aktuell 80.000 Pflegekräfte allein in den Krankenhäusern.

Trautes Heim?

Durch die Kontaktsperren, die zweifellos richtig sind, entstehen neue Belastungen und Gefahren, die insbesondere Frauen treffen. 85 Prozent der Alleinerziehenden in Deutschland waren 2018 weiblich. In NRW sind 65 Prozent der Alleinerziehenden erwerbstätig, oft in Teilzeit und prekär. Für sie sind Urlaubstage zu knapp bemessen, um Schulferien oder Schließzeiten der KiTas zu überbrücken. Unbezahlter Urlaub in Zeiten von Corona bedeutet sofort den Wegfall des Einkommens, dazu fällt ein Teil des sozialen Netzwerkes, die Großeltern, komplett aus.

Neben der Lohn-Arbeit steigt die Care-Arbeit: Es braucht gerade mehr Fürsorge um Kranke und Alte. Für Eltern und Großeltern wird eingekauft, es wird sich gesorgt um Freundinnen, Freunde, Nachbarn und Nachbarinnen. Auch hier: Drei Viertel aller pflegenden Angehörigen sind Frauen. Und wer näht eigentlich gerade die vielen Schutzmasken? Ein Blick in die sozialen Netzwerke gibt hier schnell eine Antwort.

Laut einer UN-Studie ist das eigene Zuhause für Frauen eh schon der gefährlichste Ort. Die Frauenhäuser – oft die letzte Zufluchtsstätte – sind seit Jahren überfüllt, nicht barrierefrei, die Mitarbeiterinnen überlastet und unterbezahlt. In Zeiten der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Kontaktsperre spitzt sich die Situation noch mehr zu.

Feministisch antworten…

Der Slogan der Frauenstreik-Bewegung lautet: „Wenn wir streiken, steht die Welt still“. Dies ist eine radikale, und doch so klare Botschaft: Ohne Sorgearbeit bricht unsere Gesellschaft zusammen. Und ja, wir meinen die bezahlte Sorgearbeit und die unbezahlte. Plötzlich erscheint das, was wir auf unzähligen Plakaten rund um den 8. März forderten, möglich. Deutsche Autobauer überlegen, wie sie ihre Produktion umstellen können: auf medizinische Geräte zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Alle reden über eine Neubewertung von Care-Arbeit. Viele klatschen abends für die „wahren Heldinnen“ unserer Gesellschaft, doch was folgt auf kollektive Dankbarkeit? Machen wir uns nichts vor: Die neoliberale Reaktion auf die Krise folgt derselben Logik: Sie stellen Profite über unser Leben. Und ihre Vorschläge offenbaren ihre Arroganz: Nach dem neuen Covid-19-Arbeitszeitgesetz ist eine wesentliche Verlängerung von Arbeitszeiten bei gleichzeitiger Verkürzung der Ruhepausen möglich. Nur, wer niemals in Schutzkleidung Menschen versorgt hat, kann solche Änderungen vornehmen.

Armin Laschet, NRW-Ministerpräsident fordert „eine offene, transparente Debatte über den Weg aus der Krise und einen Fahrplan in eine verantwortungsvolle Normalität“.

Wir nehmen die Herausforderung an! Ja, wir wollen eine offene, transparente Debatte führen, vor allem mit denen, die den Laden auch schon vor der Krise am Laufen gehalten haben. Mit ihnen wollen wir darüber reden, wie eine verantwortungsvolle Normalität aussehen kann.

Die Forderungen liegen auf der Hand und es sind Forderungen für das Leben.

Mehr Personal und bessere Gehälter für alle, die in den Bereichen arbeiten, die in der Krise endlich als systemrelevant erkannt wurden: Reinigung, Bildung, Pflege, ärztliche Versorgung, Sachbearbeiter in Arbeitsagenturen, Ernte, Lebensmittelverkauf, etc.

Eine repressionsfreie Grundsicherung, die die Garantien des Lebens abdeckt und barrierefrei zugänglich ist.

Verstaatlichung der Herstellung von Medizinprodukten, der Forschung, den Einrichtungen im Sozial- und Gesundheitswesen, um eine umfassende, kompetente, nachhaltige Versorgung auch in Krisen sicherzustellen. Dazu gehört gerade jetzt, dass es Frauen möglich ist, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen.

Ausbau von Schutzräumen für Frauen, Obdachlose, Geflüchtete und Kinder, deren Leben bedroht oder gefährdet ist.

Wir brauchen eine radikale Arbeitszeitverkürzung und müssen jetzt darüber reden: Wir ahnen, wer die Krise zahlen wird, wenn wir uns nicht jetzt einmischen und Politik von unten bestimmen. Dafür werden wir Zeit brauchen, um Widerstand gegen die herrschende Normalität der Sozialisierung der Krisenkosten zu organisieren und zu leisten. Wir brauchen Zeit für Politik! Wir werden Zeit brauchen, um unsere Liebsten wieder in den Arm zu nehmen, nach einer langen Zeit sozialer Distanz. Wir werden aufarbeiten müssen, was an seelischen Verletzungen während der Ausgangsbegrenzungen stattfand und weiter stattfinden wird. Wir brauchen Zeit für Fürsorge. Wir werden vieles neu lernen müssen, damit die Welt eine bessere wird. Wir werden uns verändern – noch mehr. Wir brauchen Zeit für uns! Und wir werden auch Zeit brauchen, um Lohnarbeit zu leisten. Aber nicht mehr als 20 Stunden in der Woche. Denn für mehr werden wir keine Zeit haben!

Arbeiten, Geld, politische Entscheidungsräume werden bereits jetzt neu verteilt werden müssen, wenn wir nicht wollen, dass es ein „Zurück“ gibt – wie 2008.

Jetzt ist Zeit, die Diskussion um die „Vier-in-eins-Perspektive“ von Frigga Haug wieder aufzunehmen. Sie orientiert sich auf eine Veränderung der Verteilung von Zeit und Arbeit: Es braucht eine radikale Arbeitszeitverkürzung in der Erwerbsarbeit, damit sich Türen öffnen für die Beteiligung aller an der Sorgearbeit. Die Frage, wer in unserer Gesellschaft die Sorge-Arbeit, die Pflege-Arbeit, ob bezahlt oder unbezahlt, übernimmt, war noch nie so deutlich beantwortet wie in diesen Tagen. Auch die Frage, welche Produkte es für das Leben braucht, hat sich beantwortet. Während diverse Krisenmaßnahmen für einige bedeutet, die Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeiten erheblich einzuschränken, sind bestimmte Berufsgruppen davon ausgeschlossen – die systemrelevanten nämlich.

Ganz klar wird uns gerade vor Augen geführt, dass es notwendig ist, nicht bloß von der Lohnarbeit, sondern von der gesamtgesellschaftlichen Arbeit auszugehen. Wie notwendig sind doch gerade die Tätigkeiten für Nachbarinnen, Eltern, Großeltern! Wie notwendig ist es, die Hilfetelefone für Frauen, für Kinder in Not mehr als in anderen Zeiten aufrecht zu erhalten! Wie notwendig ist es, Schutzmasken zu nähen!

Gerade erfahren wir, dass Menschsein mehr heißt als essen, trinken und in Lohnarbeit die nötigen Mittel dazu zu verdienen. Menschsein heißt: eine kurze Vollzeit für alle, eine gerechte Verteilung von Sorgearbeit, die Möglichkeit, sich in alle Bereiche politisch einzubringen. Zentral dabei ist, das Leben in den Mittelpunkt der Arbeiten und der Politik zu stellen. Dadurch ändert sich die Perspektive: Es geht um die Frage nach den notwendigen Arbeiten und ihre gerechte Verteilung.

Eine Gelegenheit, unsere Forderungen zu stellen, ist der 1. Mai, der Kampftag der Arbeiterinnen-Klasse. Wie kann das gehen? Folgt dem Link: https://heraus-zum-ersten-mai-2020.de/, beteiligt Euch, damit wir es sind, die erzählen, was verantwortungsvolle Normalität für uns bedeutet.

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Über den Autor

Nina Eumann
Nina Eumann ist stellvertretende Landesvorsitzende der Linken NRW und engagiert sich im bundesweiten Blockupy-Bündnis.