Islamkritiker bedienen oft Vorurteile – Im Gespräch mit Tarek Bae

22. April 2020 - 13:30 | | Politik | 0 Kommentare

In Deutschland gibt es schon lange eine Kontroverse um gläubige Muslime, die sich selbst eher links oder sozialdemokratisch verorten. Häufig werden sie entweder aus der linken oder der islamischen Community angefeindet. Wir haben mit dem Journalisten Tarek Bae über diese Vorwürfe, Kritik an den Moscheeverbänden und Journalismus im Allgemeinen gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Tarek du bezeichnest dich selbst als linken Sozialdemokraten, was bedeutet das für dich?

Tarek Bae: Wenn ich mich in der politischen Landschaft Deutschlands verorten müsste, dann ja, sehe ich mich als Sozialdemokrat und allgemein eher links. Gerade in Berlin ist die Linke zum Beispiel derzeit eine sehr annehmbare Partei, das animiert mich doch sehr zum Kreuz bei der Linken bei der nächsten Wahl.

Ich denke, man kann sagen, dass wenn man als Minderheit in Deutschland aufwächst, man einen besonderen Bezug zur Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus und des Widerstands dagegen hat. Ich bin wie viele andere mit Alltagsrassismus aufgewachsen. In den einfachen Gedankengängen eines Kindes und eines jungen jugendlichen Menschen vergleicht man den gegenwärtigen Rassismus geradezu zwangsläufig mit dem Rassismus der Nazis oder etwa auch dem Rassismus in Südafrika oder den USA; je nachdem in welchen Themen man drin ist. Mandelas Kampf gegen die Apartheid war politisch betrachtet sozialdemokratisch und links. Große Teile des erwähnenswerten Widerstands gegen Hitler und die NSDAP waren sozialdemokratisch und links. Gerade der frühe Widerstand. Denken wir da an Rosa Luxemburg, Willy Brandt oder Carl von Ossietzky.

Ohne unnötigen Pathos meine ich, sagen zu können, dass man sich als Muslim, als Deutscher mit Migrationshintergrund, als Kanake, als egal, als was man sich bezeichnen möchte, als Minderheit, in einer Art Widerstand gegen den omnipräsenten Rassismus und seine verwandten Erscheinungsformen sieht. Ich habe keine überromantische Betrachtung linker Politik in Deutschland, wenn es um Minderheiten geht. Die antimuslimischen Ressentiments, die vermeintlich „flüchtlingskritischen“ Versuche, die man leider auch aus Reihen der SPD, der Linken oder der Grünen vernehmen konnte, trüben da das volle Zugehörigkeitsgefühl. Dennoch ist es linke Politik, die in der Sache am deutlichsten Verbündete ist. Davon abgesehen bin ich ohnehin kein typischer Parteigänger. Als Journalist bin ich auch ganz zufrieden damit, wenn ich überparteilich bleiben kann. So darf ich auch weiterhin meine durchaus große Sympathie für Kanzlerin Merkels politisches Profil zum Ausdruck bringen. In einem gepflegten Konservatismus liegt auch etwas Spannendes. Da die Union aber oftmals so einige Ressentiments gegenüber Muslimen beherbergt und das teilweise radikal, wie etwa in der WerteUnion, müsste schon viel passieren, bis ich mich im deutschen politischen Spektrum dem Konservatismus zuwenden könnte.

Die Freiheitsliebe: Dir wurde vorgeworfen, nicht gegen Islamismus vorzugehen, wie passt das zu sozialdemokratischen beziehungsweise linken Ideen?

Tarek Bae: Wird mir das vorgeworfen? Interessant. Ich denke, das kommt daher, dass ich Begriffe wie „Islamismus“ oder „politischen Islam“ als Kampfbegriffe ablehne. Und ja, ich denke, Ablehnung von Agitation und Denunziation ist ein linkes Erbe. Oder sollte es zumindest sein. Da betrachte man Kurt Tucholsky. Diese Begriffe sind nicht nur mangelhaft definiert, sie wurden bereits so exzessiv verwendet, dass sie eine weitere Verwendung unmöglich machen. Als Medienwissenschaftler blicke ich da speziell auch nochmal auf den Hintergrund algorithmischer Einordnung. „Islamismus“ und „politischer Islam“ wurden schon urfriedlichen Menschen vorgeworfen, die sich für die Erlaubnis des Tragens eines Kopftuchs im öffentlichen Dienst einsetzten. Ebenso verwendet wurden die Begriffe für brutalste Verbrecher, für mörderische Terroristen. Eine solche Spannweite, und sie ist nun mal leider längst Geschichte der Begriffe, ist nun wirklich nicht hinnehmbar. Sprache ist ein außerordentlich sensibles Unterfangen. Das Internetzeitalter ermahnt dahingehend nochmal besonders, weil sich über Big Data unwiderrufliche Ketten bilden.

Man muss an der Stelle aber auch verdeutlichen, dass solche Begriffe und die gesamte Maschinerie herum nicht von ungefähr kommen. Der FAZ-Autor Patrick Bahners macht in seinem Buch „Die Panikmacher“ aufmerksam auf die Industrie, die, wie er attestiert, „menschenrechtswidrig“ Angst vor Muslimen verbreitet. Insofern wirkt es unausweichlich, mit Agitatoren konfrontiert sein zu müssen, die sich in der Markierung von Muslimen zu übertreffen versuchen. Alle paar Jahre wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Noch vor meiner journalistischen Zeit war das Hauptziel die islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG). Wobei, die erlebt derzeit wieder ein Comeback der Aufmerksamkeit. Zum Beispiel, weil man die fast schon langweilig harmlose Kübra Gümüsay mit der IGMG-Assoziation anzugreifen versucht.

Dann kam DITIBs große Sternstunde. Das konnte ich dann mit Faszination für die Kreativität und Vehemenz beobachten. DITIB ist zwar noch nicht aus dem Schneider, aber der weltweit beliebteste Kassenschlager ist derzeit ganz klar die Muslimbruderschaft. In Deutschland hat Anfang des Jahres der Zentralrat der Muslime (ZMD) die Mitgliedschaft der Deutschen Muslimischen Gemeinschaft (DMG) ausgesetzt, weil dem Verband eine „Nähe zur Muslimbruderschaft“ vorgeworfen wird. Dieses Agitieren mit tendenziösen Begrifflichkeiten wie „Nähe“ ist relativ einfach. Ich betreute vor zwei Jahren eine Gruppe israelischer Politikwissenschaftler und PW-Studenten des Moshe Dayan Centers in Tel Aviv bei ihrem Berlin-Besuch und organisierte mit ihnen ein Programm mit Diskussionen über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wie Islamfeindlichkeit, Antisemitismus, Antiziganismus oder Homophobie in Deutschland. Deshalb habe ich auch schon gehört, ich hätte eine „Nähe zum Mossad“, weil das Moshe Dayan Center als Talentschmiede der Sicherheitspolitik Israels gilt. Der Mischmasch an „Nähen“, die man mir unterstellen kann, müsste eigentlich unweigerlich zu einer Diagnose von multipler Persönlichkeitsstörung meinerseits führen.

Die Freiheitsliebe: Größtenteils bewegst du dich aber im Dunstkreis der muslimischen Verbände. Willst du behaupten, da gäbe es keine berechtigte Kritik?

Tarek Bae: Nehmen wir mal, wenn wir kurz die Zeit haben, zwei Beispiele von muslimischer Selbstorganisation in Deutschland, denen bereits die Vertretung von „Islamismus“ oder „politischem Islam“ vorgeworfen wurde. Einfach, um es exemplarisch zu betrachten.

Die DMG wird als Vertretung der Muslimbruderschaft in Deutschland dargestellt. Der Verband selbst lehnt das ab. Er kann auch gar nicht anders, weil die mitschwingenden Vorwürfe so desaströs sind, dass man mit einer Assoziation mit der Muslimbruderschaft in der Öffentlichkeit komplett unmöglich gemacht wird und jedwede Teilnahme an zivilgesellschaftlichen Prozessen vergessen kann. Die DMG hat verpasst zu versuchen, die Hoheit über den Diskurs zu erlangen. Zugegeben, das ist nicht einfach. Denn das Bild davon, was „Muslimbruderschaft“ bedeut, ist außerordentlich verzerrt. Und das sage ich als jemand, der von Grund auf eine äußerst kritische Haltung gegenüber der Muslimbruderschaft hat. Nicht nur, dass ihre Idee schlichtweg als gescheitert abgehakt werden sollte, das sture Festhalten an revolutionären Gedanken in Ländern wie Syrien, Ägypten oder Libyen führte bislang zu nichts außer weiterer ziviler Restriktion und Leid. Die fehlende offene Selbstkritik, ihre lange Akzeptanz von Selbstmordattentaten als letztes Mittel – wobei erwähnenswert ist, dass die Muslimbrüderschaft da auch etwas gespalten ist und man mittlerweile solche Akte größtenteils ablehnt –, die teilweise fragwürdige theologische Haltung zum Tasawwuf [auch Sufismus, Sammelbezeichnung für mystisch-spirituelle Islamströmungen mit asketischen Tendenzen, Anm. d. Hrsg.], das damalige Techtelmechtel mit Wahhabiten und das Einspannenlassen in die Grabenkämpfe zwischen Katar und der Achse Saudi-Arabien-VAE sind nur einige Beispiele für die durchaus begründete Kritik an der Muslimbruderschaft international.

Das alles aber auf die DMG zu übertragen, ist abenteuerlich. Ja, Assoziationen zwischen Würdenträgern der DMG und dem historisch gewachsenen Denken der Muslimbrüder, sowie einigen internationalen Funktionären sind mutmaßlich vorhanden. Daraus zu schlussfolgern, die DMG oder andere Zivilisten in Deutschland, denen eine „Nähe zur Muslimbruderschaft“ nachgesagt wird, seien in Deutschland so etwas wie eine Hamas-Vertretung, entbehrt jeder Verhältnismäßigkeit. Die mitschwingenden Vorwürfe von Plänen, die Macht zu übernehmen, oder ähnlichem, sind trotz ihrer vagen Begründungen kriminalisierend und existenzbedrohend. Aber weil die Begrifflichkeiten so eingefärbt und einengend sind, ist ein konstruktiver Diskurs schon lange nicht mehr möglich. Die Einmischung sicherheitspolitischer Interessen anderer Staaten in unsere Diskurse macht das ganze nochmal schwieriger. Und so wird schnell mal aus einem eigentlich zeitlich begrenzten Vorstoß ein ganzes Narrativ.

Betrachten wir DITIB. Es ist der größte deutsche Moscheeverband. Über 900 Gemeinden werden vertreten. Wacker hält sich das Narrativ, DITIB sei so etwas wie ein Vorposten der AKP. Begriffe wie „Erdoğans verlängerter Arm“ werden benutzt, als seien sie wissenschaftliche Einordnungen. Ja, die DITIB hat eine enge Verbindung mit dem türkischen Staat. Insofern, dass die türkische Religionsbehörde Diyanet die Imame der DITIB in Deutschland bezahlt und größtenteils ausbilden lässt. Was aber taucht in der Debatte über DITIB nie als Einwurf auf? Dieses Verhältnis zur Türkei war von Deutschland gewünscht. In Helmut Kohls letzter Legislaturperiode wurde ein Vertrag zwischen Deutschland und der Türkei aufgesetzt, in dem die türkischen Einflüsse auf Moscheen in Deutschland sichergestellt werden sollten. Warum? Damit die Türken wieder in die Türkei ziehen. Also wirklich, bei dieser migrantenfeindlichen Positionierung muss doch jede linke Kammer des Herzens aufflammen.

Klar, das ist nun lange her und DITIB hätte Zeit, diese falschen Entscheidungen rückgängig zu machen. Und das geschieht ja. Es gibt immer mehr Programme und Initiativen zur Imamausbildung auf Deutsch und Ausbildung von Imamen, Seelsorgerinnen und Seelsorgern in Deutschland. Gerade der aktuelle Vorstand um Kazım Türkmen und Abdurrahman Atasoy bemüht sich da um weitgehende Fortschritte. Und man kann mir glauben, einen so großen Verband mit 900 Mitgliedsgemeinden zu koordinieren, ist nicht einfach. Leider kommt es dann vereinzelt zu Fehlern. Und die gilt es ausdrücklich zu kritisieren. Was die DITIB selbst im Übrigen auch tut. Es ist keinesfalls so, dass man dort, sei es nun im Bundesvorstand, auf Landesebene oder in den einzelnen Gemeinden, realitätsfern stur bleibt. Man kann durchaus sagen, dass der absoluten Mehrheit in Deutschland bewusst ist, dass unsere Strukturen eine allgemeine Aufarbeitung benötigen und unabhängiger von staatlichen Einflüssen werden müssen. Einfach schon, um hier souveräner und zielführender arbeiten zu können. Ich bin zuversichtlich, dass es in die richtige Richtung läuft.

Die Freiheitsliebe: Der Verfassungsschutz zog letztes Jahr in Betracht, DITIB zu beobachten. IGMG oder die DMG werden bereits beobachtet. So ganz unberechtigt kann das ja nicht sein, oder?

Tarek Bae: Der Verfassungschutz, dessen V-Männer Teil des NSU-Terrornetzwerks waren? Der Verfassungsschutz, der die Aufklärung des NSU-Komplexes verhindert? Der Verfassungsschutz, der Fragen im Fall Anis Amri offen lässt? Der Verfassungsschutz, dessen Präsident Maaßen im August 2018 die rechtsextremen Hetzjagden in Chemnitz einfach leugnete und seitdem offen rechtspopulistische Positionen vertritt? Der Verfassungsschutz, dessen Mitarbeiter teilweise wichtige Bindeglieder rechtsextremer Netzwerke wie zum Beispiel von Hannibal sind? Mit Verlaub, dem Verfassungsschutz sollte man erstmal nicht die Rolle einer qualitativ zitierbaren Quelle zukommen lassen. Die fragwürdigen Methoden von Geheimdiensten haben überhaupt erst weite Probleme in der muslimischen Community geschaffen. Denken wir da an den Neu-Ulmer V-Mann Yehia Yousif, die Sauerlandgruppe, Anis Amri, die Liste ist ellenlang. Extreme Gruppierungen rund um Bewegungen wie Hizb at-Tahrir oder radikale Ausprägungen des Wahhabismus wären in Deutschland nicht so weit gekommen, wenn Behörden sie nicht gelassen hätten. Halten wir das fest.

Dann aber stattdessen den Fokus auf die Moscheegemeinden zu setzen, die ohnehin schon genug damit zu tun haben, die Schäden durch diese extremen Randgruppen einzudämmen, ist mindestens unfair bis hin zu Schikane. Und auch wieder, ja, es gab sicher auch in muslimischen Verbandsstrukturen Ideologen, die Grund zur Sorge gaben. Wir müssen hier aber wieder betonen, dass wir von einer ganzen religiösen Minderheit sprechen. Fünf Millionen Menschen, über 2.000 Moscheen. Es ist leider Natur der Sache, dass es negative Ausreißer, Fanatiker oder Taktierer gibt. Man kann ja mal den Test machen und einen beliebigen muslimischen Verband googeln. Zu jeder repräsentativen muslimischen Selbstorganisation findet man im Internet haarsträubende Berichte. Ich meine, wollen wir uns davon treiben lassen und direkt den ganzen Laden dicht machen? Ernsthaft, den Assoziationsketten einiger „Islamkritiker“ folgend müsste die absolute Mehrheit der Moscheen geschlossen werden. Wer ein solches Rechtsverständnis und einen solchen Blick auf die muslimische Bevölkerung hat, sollte mit der Frage umgehen können, ob da schon faschistoide Ansätze vorhanden sind.

Kritik ist gut und wichtig. Kritik kennzeichnet sich durch einen konstruktiven Ansatz. Man kritisiert nur etwas, woran einem etwas liegt. Die festgefahrene Umgangsart des Staates mit deutschen Muslimen, insbesondere auch die mediale Betrachtung von Muslimen, war in den letzten Jahren eher destruktiv. Es wurden viele Fehler auf Seiten der muslimischen Zivilgesellschaft gemacht. Zum Beispiel die Eröffnungsfeier der Kölner Zentralmoschee ohne Bürgermeisterin Henriette Reker oder Kanzlerin Angela Merkel. Ironischerweise kritisierte selbst Erdoğan das. Aber das ist eine andere Geschichte. Worauf ich hinaus möchte, ist, dass es immer noch ein erheblicher Unterschied ist, ob die Zivilgesellschaft oder der Staat Fehler macht. Ich bin Journalist. Die Zivilgesellschaft dekonstruierend anzugehen, ist das leichteste. Dafür sind Journalisten aber nicht gedacht. Ihr primärer Zweck ist es, Entscheidungen des Staats kritisch zu hinterfragen. Wenn wir hier so energisch für Pressefreiheit in der Türkei einstehen, was wir definitiv weiter und zu recht tun sollten, dann sollten wir uns auch daran erinnern, der zivilen muslimischen Selbstorganisation medial eine Stimme in der kritischen Debatte mit dem Staat zu geben.

Die Freiheitsliebe: Besondere Kritik gibt es an deiner Arbeit für die SETA-Stiftung. Das ist eine politische Stiftung, die der türkischen Regierung und der AKP nahesteht. Stehst du nicht kritisch zu SETA und der Regierung?

Tarek Bae: Ich arbeite schon eine ganze Weile nicht mehr bei SETA. Es war eine einjährige Teilzeitstelle in der Forschung. Ich habe in der Funktion zu Medien geforscht und auch dazu veröffentlicht. Meine Arbeit bei SETA ist öffentlich. Man muss dementsprechend also nicht über die Natur meiner Arbeit spekulieren. Aber ganz grundsätzlich verstehe ich natürlich, dass diese Assoziation Fragen aufwirft. Wenn es bei Fragen bleibt, ist ja alles auch völlig ok. Die Fragen lassen sich nämlich entsprechend einfach beantworten. Problematisch ist, dass die so genannte Kritik nicht auf Fragen aufbaut, sondern tendenziöse Kontaktschuld herstellt. SETA ist eine politische Stiftung, die die türkische Regierung um Präsident Recep Tayyip Erdoğan und andere Institutionen in der Türkei durch wissenschaftliche Arbeit berät. Einige ihrer führenden Köpfe haben Karriere im türkischen Staat gemacht. SETA also mit dem türkischen Staat zu assoziieren, ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Das haben diese Art von Stiftungen an sich. So könnte man auch über SWP [Stiftung Wissenschaft und Politik, größter außen- und sicherheitspolitischer Thinktank Europas, der auch die Budnesregierung berät, Anm. d. Hrsg.] sprechen. Oder über die Konrad-Adenauer-Stiftung, die der CDU nahesteht, und in Deutschland im April 2015 ein „Muslimisches Forum Deutschland“ von 15 größtenteils als „Islamkritiker“ geltenden Figuren gründen ließ. Das ist ein Vorstoß, den man in entsprechendem Schema auch als staatliche Einmischung und untragbar behandeln könnte.

Sogenannten Islamkritikern liegt häufig nicht viel an sachlichen Debatten. Sie bedienen oft Vorurteile ohne Rücksicht auf die Leben anderer. Steigender Zahlen rechtsextremer Straftaten, Übergriffe auf Moscheen und andere migrantisch oder muslimisch assoziierte Orte und Verschärfung der Sprache lassen nicht nach, sondern nehmen zu. Und die „islamkritische“ Industrie erfreut sich in dieser Stimmungslage über Beststeller, Aufmacher-Interviews und Talk-Show Dauerkarten.

Aber, seien wir ehrlich, geht’s um die Türkei, haben wir andere Maßstäbe. Der Politikwissenschaftler Farid Hafez wurde ebenfalls hart angegriffen dafür, dass er seinen jährlichen Islamophobie-Report über SETA veröffentlichen lässt. An der Stelle möchte ich erwähnt haben, dass zukünftig dann doch deutsche Stiftungen solche Projekte fördern sollten, anstatt ins Leere laufende Foren und Inhouse-Veranstaltungen zu organisieren. In der taz machte Hafez dazu deutlich, dass die Kritik eben nicht inhaltlich stattfand, sondern das ganze Projekt diskreditierte, aufgrund der Assoziation mit SETA und dem türkischen Staat. Die Kritik sei von Leuten gekommen, die ganz allgemein dagegen seien, dass man über Islamophobie spreche.

Die Freiheitsliebe: Hätte dir die fragwürdige Annahme einer Stelle bei SETA nicht bewusst sein müssen? Warum hast du dort gearbeitet?

Tarek Bae: Als SETA Berlin gegründet wurde, hatte ich Hoffnungen auf positive Entwicklungen. Ironischerweise kann ich auch kurz einfügen, dass ich von mindestens zwei laustarken Kritikern SETAs in Deutschland weiß, dass sie an Stellen bei SETA interessiert waren. Ist ja auch nichts Verwerfliches dran, da möchte ich drauf hinaus. Bei SETA sind einige sehr interessante Persönlichkeiten unterwegs und der türkische Staat ist immer noch auch ein souveräner Partnerstaat Deutschlands. Man diskreditiert ja auch nicht die ganze CDU, weil eines ihrer Mitglieder auch Mitglied in der Ludwig-Erhard-Stiftung ist, deren Vorsitzender Roland Tichy als Herausgeber von „Tichys Einblick“ ein Medium betreibt, in dem sich zahlreiche rechtspopulistische Beiträge tummeln.

Ich denke, ich muss, wenn man mir erlaubt, ein bisschen ausholen, um die grundlegenden Hintergründe solcher Verbindungen zu erklären.

Ich bin Berliner. Berlin-Tempelhof ist meine Heimat und seit ich denken kann, ist die Şehitlik-Moschee am Columbiadamm ein Teil meines Lebens. Das ist die historische Moschee mit dem Friedhof, sehr berühmt. Dieses Gefühl, nach Schulschluss am Freitag hinzurennen, das begleitet einen ewig. Die schönen Feste vor der Moschee, die zu vielen Totengebete, die wir dort verrichten mussten für Freunde und Verwandte – das ist Teil der Seele geworden. Ich denke, jeder Mensch hat diese Orte für sich und wird nachvollziehen können, welches Gefühl ich beschreibe. Die Sehitlik-Moschee gehört zu DITIB. Wir wissen, es gibt an DITIB sicher viel zu kritisieren. Woran übrigens nicht?

Genauso wuchs ich auch mit Kritik an einigen Punkten auf. Damals gab es noch keine Freitagspredigt auf Deutsch, überhaupt war alles türkisch. Ich bin Araber. Das ist vielleicht wichtig zu erwähnen. Diese kritische Haltung, diese Erwartungshaltung animierte mich jedoch nie, mich querzustellen. Ganz allgemein vom Wesen her neige ich dazu, mich in Verantwortung zu sehen. Also suche ich lieber Gespräche, suche Vertrauensverhältnisse für kritischen Rat. So wie ich es mir eigentlich auch für mich wünsche. Meine „Kritiker“ haben aber noch nie das Gespräch gesucht, dabei bin ich eigentlich ganz gesellig. Und wenn man nun als Muslim in Deutschland aufwächst und viel mit den Gemeindestrukturen zu tun hat, wird man feststellen, dass die Türkei eine wichtige Rolle spielt. Wir erleben das im Negativszenario, wenn in der Türkei Wahlkampf ist. Das führte in den letzten Jahren zu Problemen, auch hier in Deutschland. Man lernt also erkennen, dass man unbedingt auch einen guten Draht in die Türkei haben muss, wenn man hier Muslime betreffende Dinge positiv verändern möchte.

Nichts anderes war auch meine Entscheidung, die Stelle bei SETA anzunehmen. Der Koordinator Zafer Meşe ist auch der geeignete Kopf für den konstruktiven Gedanken dahinter. Er ist ein kritischer, lustiger, diplomatischer Zeitgenosse. Sein erklärtes Ziel mit SETA Berlin war es, die Wogen zwischen der Türkei und Deutschland zu glätten. Eine öffentliche Kommunikation mitzuschaffen, die Problemen wie Festnahmen deutscher Journalisten, Wahlkampfchaos, reißerische Medienschlachten und ähnlichem vorbeugen.

Ich für meinen Teil habe meine Erfahrungen sammeln können und Einblicke in die türkische Gesellschaft erlangen können. Rückblickend würde ich die Stelle nicht nochmal annehmen. Der erhoffte Erfolg war nicht greifbar. Und das stelle ich selbstkritisch fest. Ich neige, das muss ich zugeben, zu einer naiven Weltsicht. Man sagt mir aber, dass diese scheinbare Naivität dazu führt, dass man mir vertraut. Ich weiß, das wirkt alles etwas weit weg für Leserinnen und Leser, die sich in der Sphäre nicht gut auskennen. Die Ironie meiner jungen Karriere ist, dass ich als Araber in türkischen Strukturen sehr gut agieren kann. Das erbitterte Schubladendenken der diversen türkischen und kurdischen Gruppierungen prallt an mir ab; ich bin immer „der Syrer“. Und in der Funktion sind Kritik und Rat von mir relativ barrierefrei. Als ich beispielsweise eine SETA-Arbeit kritisierte, in der Journalisten in der Türkei eingeordnet wurden, erfuhr ich nicht irgendwelche Vorwürfe, sondern Lob. Wenn ich den DITIB-Generalsekretär Abdurrahman Atasoy spreche, fragt er mich explizit nach Kritik und hakt auch interessiert nach. Für diese Erfahrung bürge ich.

Mir bleibt bewusst, dass für viele Menschen die Assoziation Türkei unumgänglich alarmierend ist. Vielleicht bleibt das eine elementare Kluft im Denken. Wenn mich Dinge stören wie die fatale Syrienpolitik, die von Ahmet Davutoğlu (damals AKP) eingeleitet wurde, die Situation des Journalismus in der Türkei, die Situation von Kurden, Syrerfeindlichkeit in einigen Lagern, dann will ich diese Dinge ändern, sofern ich kann. Wenn ich die Möglichkeit sehe, dann nehme ich Kritik an mir auch in Kauf. Beim besten Willen, aber den Syrern in Istanbul ist sichtlich egal, ob ich dafür in Deutschland kritisiert werde, wenn ich sie vor Abschiebung bewahren kann. Und dann verbitte ich mir auch das simplizistische Schwarzweißbild, das sich zur Türkei entwickelt hat. Die Karikatur vom bitterbösen Regime und der freiheitlichen Opposition. Bis auf die AKP und HDP machten im Wahlkampf beispielsweise alle großen Parteien systematisch von Hetze gegen Syrer Gebrauch. Selbst die völkische MHP war zurückhaltender in der Hinsicht als die als „sozialdemokratisch“ geltende CHP oder die rechtsliberale İyi-Partei. Die Türkei ist ein anderes Feld als Deutschland.

Klar, viele Menschen verbinden Emotionen mit dem Thema und haben da festere Positionen. Das kann ich nachvollziehen und nachempfinden. Als Syrer erlaube ich mir aber ein bisschen beduinisch mit Politik umzugehen. Und wenn ich kritisiert werde, offenbaren Kritiker eher mehr über sich als über mich. Denn bislang ist die Kritik selten bis nie inhaltlich, sondern nur basierend auf Assoziationsketten á la „du warst da“, „du kennst den“, „du kritisierst die und die nicht“. Wofür ich aber stehe, was ich tue, was ich leiste, das spielt keine Rolle. Es reicht „Palästina“ zu sagen, und die aggressivsten Vorwürfe werden laut. Letztens wurde ich auf Twitter wegen eines Pali-Schals gefragt, wie ich zur PLO stehe, weil ich „das Symbol einer Terrororganisation“ tragen würde. Es ehrt mich zwar, wenn Leute in mich ein beinahe agentenartig abenteuerliches Leben voller Querfronten reinfantasieren, aber am Ende bin ich einfach nur ein 26-jähriger arabischer Journalist aus Berlin, dessen Lieblingsthema die Vielfalt Syriens mit all ihren arabischen, kurdischen, türkischen, griechischen, armenischen, aramäischen, assyrischen, albanischen, jüdischen, kaukasischen, italienischen, französischen und romanesschen Einflüssen ist. Ich scheue das Gespräch und die Öffentlichkeit nicht. Ich habe in meiner dreijährigen Funktion als Redakteur der Islamischen Zeitung hunderte Beiträge veröffentlicht. Mein Medium Itidal ist eine offene Darbietung meiner Inhalte. Es kann nicht zu viel verlangt sein, anhand von Tatsachen bemessen zu werden. Vielleicht ist das aber auch ein Generationsproblem. Es gibt nur wenige Journalisten, die die Jugend mit journalistischen Inhalten erreichen, so wie ich es derzeit tue. Darüber bin ich froh. Das genügt mir. Itidal steht für gemäßigte, ausgeglichene Medienarbeit. Das könnte ich einigen Kollegen nur ans Herz legen.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Gespräch.

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