Game of Thrones: capitalism is coming?

17. April 2019 - 12:00 | | Kultur | 1 Kommentare

In der Welt von Game of Thrones sind Magie, Drachen, Religionen, Sex, Gewalt und mehr Zuhause. Aber was sind die gesellschaftlichen Verhältnisse? Welche Klassen gibt es und welche Entwicklungsstufe haben die Produktivkräfte? Wir begeben uns auf eine Reise, um eine Frage zu beantworten: kann es Kapitalismus in Game of Thrones geben? Welche Schranken gibt es, die er nehmen müsste oder ist das kapitalistische Wirtschaftssystem bereits in entfernten Ecken vorhanden?

Um die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse von Westeros und Essos zu analysieren bedienen wir uns des historischen Materialismus. Die materialistische Geschichtsauffassung besagt im Kern, dass „Veränderung von Gesellschaft” durch “ökonomische Prozesse bestimmt“ wird. Die wohl berühmtesten Vertreter der materialistischen Philosophie sind Karl Marx und Friedrich Engels.

Daher ist die Geschichte nicht die Tat großer Männer und Frauen, sondern ergibt sich maßgeblich aus der Entwicklung der Produktivkräfte, also wie Produktiv eine Gesellschaft wirtschaftet. Zusammenfassen kann man dies mit einem Zitat von Karl Marx aus „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“:

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“

Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte

Welche Gesellschaftsformationen gibt es?

Grob vereinfacht gibt es vier bzw. fünf verschiedene Produktionsweisen: stammes-, asiatische-, antike-, feudale- und bürgerliche Produktionsweise. Marx fasst es wie folgt zusammen:

„In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.“

Karl Marx , Zur Kritik der politischen Ökonomie, S. 6f. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 2898f (vgl. MEW Bd. 13, S. 9f.)

Daraus folgt, dass sogenannte Unter- und Überbau-Modell. Die Basis besteht aus der Ökonomie und der Überbau aus Staat, Religion usw. und ergibt sich aus der Basis. Jedoch stehen sowohl Basis, als auch Überbau in einem dialektischen Verhältnis, beeinflussen sich also gegenseitig.

Frei nach Marx gibt es meiner Meinung nach fünf Produktionsweisen in Westeros und Essos: Die nomadische-, die antike-, die feudalistische-, die stammes- und die frühkapitalistische Produktionsweise.

Die freien Stadtstaaten

Die antike Produktionsweise finden wir in Teilen von Essos wieder, besonders in vielen der freien Städte des Westens sowie den Stadtstaaten der Sklavenbucht. Die historischen Vorbilder für diese Staaten sind das antike Griechenland bzw. im Falle des untergegangenen Valyrischen Reiches, das Römische Reich. Die Sklaverei ist für all diese Stadtstaaten von zentraler Bedeutung. Die Sklaven erhalten von ihren „Herren“ nur das mindeste, um ihre eigene Reproduktion aufrechtzuerhalten: Unterkunft, Nahrung und minimale Auszeit.

In der freien „Stadt Volantis“ zum Beispiel, kommen auf einen Einwohner fünf Sklavinnen und Sklaven. Die Sklavenhaltung verschlingt so viel Ressourcen zur Kontrolle und Akquise, dass die Entwicklung zu einer kapitalistischen Produktionsweise in diesen Städten in näherer Zukunft sehr unwahrscheinlich ist. Doch unter den Stadtstaaten gibt es zwei Ausnahmen: Braavos und Pentos, dazu später mehr.

Die Dothraki

Die nomadische Produktionsweise finden wir ebenfalls in Essos, bei den Dothraki. Das historische Vorbild der Dothraki sind die mongolischen Stämme des 12. und 13. Jahrhundert. Hierbei konzentriert sich die Produktionsweise auf das Pferd. Es ist zugleich Nahrung, Reittier und allgemein anerkanntes Tauschäquivalent, also der Fixpunkt der Wirtschaft.

Die Dothraki kennen keinen Ackerbau oder Viehzucht. Sie halten Sklavinnen und Sklaven und stoßen schnell an die Grenzen ihrer wirtschaftlichen Kapazitäten. Diese werden Wiederum mit mythologischen Elementen aufgeladen.

Da ihre wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Kapazitäten nicht ausreichen, um Schifffahrt zu betreiben, wird das Meer bzw. die Meerenge zwischen Essos und Westeros zum „giftigen Salzwasser“ verklärt, das man nie überwinden könne. Die ökonomische Basis hat damit direkte Auswirkung auf die Mythologie des Pferdevolks.

Die Stammesgesellschaft der Wildlinge

Die sogenannten Wildling bzw. freien Menschen sind an die historische Stammesdemokratie bzw. Stammesgesellschaft der Nordgermanen angelehnt. Sie kennen aufgrund der klimatischen Verhältnisse keinen Ackerbau und betreiben zumeist auch keine Viehzucht. Sie sind weder dauerhaft sesshaft, noch schmieden sie Waffen aus Metallen, da sie keinen Bergbau kennen.

Daraus ergibt sich, dass sich keine dauerhaft herrschende Klasse etablieren kann. Die Führer der freien Menschen sind gewählt und haben die gleichen Pflichte und Rechte wie alle übrigen Mitglieder ihres Stammes. Die vorhandenen Produktionsmittel gehören allen und Frauen genießen eine deutlich größere Gleichberechtigung, als im südlichen Teil von Westeros.

Die sieben Königslande

Die am weitesten verbreitete Produktionsweise in den Büchern von George R.R. Martin ist der Feudalismus. Dieser herrscht in unterschiedlich ausgeprägten Formen in ganz Westeros südlich der Mauer.

Was ist die Grundlage des Feudalismus? Das Mehrprodukt wird durch die Masse an unfreien Arbeiterinnen und Arbeitern, den Bauern, produziert. Im Gegensatz zum Kapitalismus wird dieser Mehrwert jedoch nicht reinvestiert, sondern durch den Adel, die herrschende Klasse, als Lebensgrundlage konsumiert. Der hier erwirtschaftete Mehrwert dient zur Aufrechterhaltung von Armeen, Luxus und Burgen. Das Ziel der Akkumulation ist also die Konsumtion. So lässt sich kaum ein ausreichender Gewinn erwirtschaften.

Braavos und Pentos – capitalism is coming?

Braavos und Pentos unterscheiden sich von den übrigen Stadtstaaten im Westen von Essos um einiges. So ist die Sklaverei in beiden Städten, im Gegensatz zu allen Anderen freien Städten, verboten.

„Weil sie im Namen der Freiheit ihr Leben riskiert hatten, schworen die Mütter und Väter der neuen Stadt, dass kein Mann, keine Frau und kein Kind in Braavos jemals Sklave, Leibeigener oder Schulddiener sein sollte. Dies ist das Erste Gesetz von Braavos, das in den Stein des Großen Bogens gemeißelt wurde, der den Langen Kanal überspannt. Von jenem Tag an wandten sich die Seeherren von Braavos gegen jede Form der Sklaverei und führten (und führen) viele Kriege gegen Sklavenhändler und ihre Verbündeten.“

Dies ist eine wichtige Voraussetzung, um in eine nicht antike- bzw. nicht feudalistische Produktionsweise überzugehen. Neben der Nichtexistenz von Sklaverei ist das Vorhandensein eines ausgeprägten Bankenwesens ein Fingerzeig, dass in Braavos so etwas wie ein „Frühkapitalismus“ herrscht.

Denn die Eisener Bank demonstriert tadellos, dass ihr Gold nicht nur ein Tauschäquivalent ist, sondern ein Wert an sich. Sie vermehrt Geld, um des Geldes willen. Und um schließlich aus einer starken wirtschaftlichen Macht, politische Macht zu beziehen.

Die Banken der zwei Städte stehen zudem in Konkurrenz zu anderen Banken. Sie sind daher auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, profitabler zu agieren, als ihre Konkurrenten. Damit entsteht ein systemischer Druck Geld zu vermehren. Geld wird akkumuliert, um es zu reinvestieren. Aus Geld wird Kapital.

Gleichzeitig gibt es in Bravos neben Arbeiterinnen und Arbeitern ein Bürgertum, dass die beiden Städte regiert. Nicht unähnlich den freien Städten des Mittelalters.

Weitere Entwicklung in Game of Thrones

Egal wer am Ende den Eisernen Thron besteigen wird oder, ob die Weißen Wanderer besiegt (oder auch nicht) werden: der Kapitalismus wird wohl nicht all zu schnell in Westeros einziehen.

Es gibt einige gute Voraussetzungen, die die Entwicklung zum Kapitalismus beschleunigen könnten wie z.B. eine gemeinsame Sprache, Zollfreiheit, eine einheitliche Währung und ein schnelles Kommunikationswesen (Raben), aber dieses reicht (wahrscheinlich) nicht aus, um die zurückgebliebene technische Entwicklung aufzuholen. Es fehlen die Dampfmaschine, der Buchdruck, das Spinnrad.

Zudem gibt es keine freien Städte, wie sie im europäischen Mittelalter existierten, in dem sich eine neue Klasse entwickeln könnte, die der Klasse der Adeligen ihre Position streitig machen könnte. Denn die großen Städte wie Lannisport, Oldtwon oder Kingslanding sind allesamt Sitze von Adelshäusern und keine freien Reichsstädte.

Natürlich reden wir hier nur von einer Fantasy-Serie und einer Bücherreihe, aber wir lieben sie. Und warum sollte man das Handwerkszeug der materialistischen Geschichtesauflassung nicht in Game of Thrones ausprobieren. Liebe Leserinnen und Leser, capitalism is not coming to Westeros – noch nicht.


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