The Witcher – Anti-Herr der Ringe?

17. Januar 2020 - 12:00 | | Kultur | 0 Kommentare
Bild: Netflix

Das Fantasygenre boomt seit Jahren. Düstere Serien sowieso. Kurz vor Weihnachten hat Netflix The Witcher rausgebracht und die Serie ist voll eingeschlagen. Höchste Zeit sich die Serie also mal politisch anzugucken. Wie bei fast jeder erfolgreichen größer angelegten Serie gibt es eine bekannte Buchvorlage.

Dabei kennen die meisten The Witcher wahrscheinlich eher vom gleichnamigen Computerspiel. Die Figur des Witchers, Geralt, schuf aber der polnische Autor Andrzej Sapkowski und seine 9 Bücher füllen mittlerweile einen knappen Regalmeter.* Doch der Unterschied zu Werken wie Herr der Ringe ist riesig.

Elben, Zwerge, Zauber und 08/15 Fantasy?

The Witcher sieht erstmal aus wie klassische 08/15-Fantasy: Elben, Zwerge, Zauberer. Herr der Ringe lässt grüßen. Anders als der Herr der Ringe-Macher Tolkien oder der Game of Thrones-Schöpfer Martin verzichtet Sapkowski aber auf eine stimmig entworfene eigene Fantasiewelt. Das überlässt er anderen und zitiert lieber indirekt Literatur, Geschichte und ergänzt die klassische westlich geprägte Fantasy um die polnische Sagen- und Mythenwelt. Statt tiefer Storyverästelungen beschreibt Sapkowski lieber Situationen, Szenen und Eindrücke. Die Chronologie der Ereignisse bedeutet ihm weniger als unterschiedliche Perspektiven und Eindrücke darzustellen – ohne dabei die Dramaturgie oder Spannung zu opfern. Der Hexer Geralt bewegt sich durch eine brutale spätfeudale Welt im Übergang zur Neuzeit. Die Erlebnisse der Figuren aus dem Geralt-Universum werden aus ganz unterschiedlichen Erzählperspektiven dargestellt. Das kommt in der Serie nur halb gelungen rüber. Am ehesten gelingt die Umsetzung noch in den parallel erzählten Geschichten der anderen Hauptprotagonisten, Ciri, dem Kind der Vorhersehung und der Zauberin Yennefer. Und noch etwas unterscheidet The Witcher von der Fantasie-Normalkost: Die Geralt-Bücher frönen nicht dem Eskapismus (Weltflucht) Tolkiens.

Bissige Kommentare statt Weltflucht

Das Genre Fantasy florierte in den relativ unpolitischen letzten Jahrzehnten. Der Erfolg von Herr der Ringe ist deshalb vielleicht kein Zufall. Der konservative Großmeister der Fantasy JRR Tolkien bedient in Herr der Ringe wahlweise bürgerliche Untergangsstimmung oder christliche Erlösermotive – in jedem Fall exerziert er aber eine radikale Weltflucht in der jahrzehntelangen Ausarbeitung seiner Welt Mittelerde.** The Witcher hingegen kann als mal humoriger, mal bissiger Kommentar auf das Zeitgeschehen verstanden werden. Das bringt die Serie zumindest beim Humor gut rüber. Seine Welt besteht zwar mehrheitlich aus Menschen, aber eben auch aus Elfen, Zauberern und Zwergen, die in der Minderheit sind. The Witcher lässt sich daher durchaus als Reflektion einer multikulturellen Gesellschaft lesen. Gegenseitige Vorurteile zwischen den Rassen sind wechselseitig weit verbreitet. Die Gewalt verteilt sich aber realistisch, von der Mehrheitsgesellschaft gegen die Minderheiten (auch wenn diese immer mal zurückschlagen und dafür dann doppelt büßen müssen). Sapkowski nimmt in schöner Regelmäßigkeit gesellschaftliche Doppelstandards, vorgebliche Tugendhaftigkeit und Frömmigkeit aufs Korn. Auch Geralt selbst, den Henry Cavill, in der Serie wirklich großartig spielt, ist vor dem Spott des Autors nicht sicher. Geralt ist zumindest in den Büchern auch eine Persiflage des schweigsamen amerikanischen Einzelgängers. Seine Einsilbigkeit und sein grandioser Umgang mit den Waffen wird zwar einerseits heroisiert. Anderseits fällt ihm seine (allzu männliche) kommunikative und emotionale Inkompetenz regelmäßig auf die Füße.

Krieg und feudale Herrscher

Anders als Tolkien glorifiziert Sapkowski nicht den Adel oder den heroischen Kampf. Der Krieg ist brutal und auch das Handwerk der Hexer ist keineswegs edel, sondern gesellschaftlich geächtet. Vor allem in den Büchern werden die Ereignisse sehr häufig aus der Sicht einfacher Leute dargestellt. Für sie ist der Krieg ein großes Unglück und ihre Geschichten werden vielfältig – meist beiläufig erzählt. Die großen Könige und Ritter, Geschäftsleute und Söldner bekommen genauso ihr Fett weg wie die kriegsbegeisterten hochherrlichen Jünglinge, die im Gegensatz zu den gezwungenen Bauernkindern, freiwillig mit patriotischer Begeisterung in den Kampf ziehen. Das merkt man verschiedentlich auch in der Serie (wenn auch weniger als in den Büchern). Geralt selbst bewegt sich als doppelt Ausgestoßener, als Mutant unter den einfachen Leuten, die ihn ebenso meiden. Diese Geschichtserzählung von unten zieht sich auch durch die Betrachtung der Politik in den Witcher-Büchern. Das Königreich Cintra liegt in der Mitte mehrerer Großmächte und ist Spielball der Interessen. Nicht nur hier schimmert das Schicksal Polens und Osteuropas verschiedentlich in den Büchern durch. Diese Perspektive von unten ist ein krasser Gegenpol zu Tolkien.

The Witcher als progressives Gegenbild zu Herr der Ringe?

Wenngleich die Witcher-Geschichten viel progressiver (und unterhaltsamer) als die Herr der Ringe-Bücher sind, können sie in der Qualität nicht mit dem ausgetüfteltem Fantasyoriginal mithalten. Die bissigen und kritischen Zeitkommentare in den Hexergeschichten sind unterhaltsam – auch wenn nicht jeder den einfachen schwarzen Humor teilen dürfte. Trotzdem passt The Witcher in unsere Zeit. Denn wie die heute politisch dominierenden Liberalen auch, kritisiert Sapkowski viele Mißstände hellsichtig. Hoffnung oder eine Alternative hat er nicht anzubieten. Stattdessen tauchen vielfach Elemente der Vorhersehung oder der Geschichte als Kreislauf auf, die ebenso sattsam im Arsenal konservativer Philosophien zu finden sind. Insofern ist The Witcher nicht wahnsinnig links, aber ziemlich gute Unterhaltung. Die Serie hebt sich hier und da vom Fantasydurchschnitt ab und schlägt Tolkien zumindest politisch um Längen.


* Genauer sind es drei Kurzgeschichtenbände. Die Geschichte um den Hexer Geralt startete Ende der 80er und ist mehr oder weniger chronologisch aufgebaut. Die zusammenhängende Geralt-Saga besteht aus 5 Bänden. Außerdem hat Sapkowski 2012 noch einen Prequelroman zur Geraltsaga hinzugefügt (die zeitlich zwischen Kurzgeschichtenbänden angesiedelt ist). Die Witcherserie basiert auf einigen Kurzgeschichten und dem ersten Band der Geralt-Saga.

** Das soll die Qualität seiner Texte nicht mindern, ich habe Tolkien verschlungen. Aber seine Protagonisten sind alle männlich. Die gute alte Standesgesellschaft der langen Abstammung wird ständig zelebriert. Alles wird nur schlechter und das Böse kommt aus dem Osten oder dem Süden.


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