Die Linke kann gewinnen

Podemos-Chef Pablo Iglesias, Politikwissenschaftler und ausgewiesener Marxismus-Experte, sprach nach der Gründung seiner Partei im Jahre 2014 über radikale Politik und was es für die Schaffung von Massenbewegungen bedarf. Noch immer versucht Podemos die neoliberal-rechtsgerichtete spanische Regierungspolitik in Bedrängnis zu bringen. Drei Jahre und einige Achtungserfolge später erscheinen Iglesias Gedanken noch immer aktuell, auch wenn es seiner Partei noch nicht gelungen ist, im Madrider Regierungssitz Moncloa einzuziehen. Geschafft hat es die linksalternative Kraft, prestigeträchtige Städte wie Madrid, Barcelona oder Valencia zu erobern und dort erfolgreich zu regieren. Sicher ist, Podemos hat das Zweiparteiensystem des semi-autoritären Spaniens aufgebrochen und bietet neue Lösungen an für ein demokratisches, progressives und föderales Spanien.

Dieses Transkript ist ein Exzerpt und basiert auf einer Rede Pablo Iglesias 2014 in Valladolid. Es wurde veröffentlicht von Enrique Díaz Alvarez im Jacobin Magazine am 12. September 2014.

„Ich weiß genau, was der Schlüssel dazu ist, die vergangenen 500 Jahre Geschichte zu verstehen. Es ist die Entstehung ganz bestimmter sozialer Kategorien, „Klassen“ genannt. Ich erzähle Euch nun eine Anekdote. Als die 15-M-Bewegung (Massenbewegung auf Spaniens Straßen, Vorläufer der Podemos-Partei, Anm. d. R.) auf der Puerta del Sol begann, nahmen einige meiner Studenten meines Lehrstuhls daran teil, zum ersten Mal und zusammen mit normalen Bürgerinnen und Bürgern. Diese Studenten der politikwissenschaftlichen Fakultät, sehr politische Studenten hatten Marx, hatten Lenin gelesen. Sie waren verzweifelt: „Sie verstehen gar nichts! Wir müssen ihnen sagen, du bist ein Arbeiter, auch wenn dir das nicht bewusst ist!“. Die Menschen würden sie aber anschauen, als ob sie von einem anderen Planeten seien. Und die Studenten gingen enttäuscht nach Hause und sagten wieder: „Sie verstehen wirklich gar nichts“.

[Ich würde ihnen antworten:] „Seht ihr nicht, dass ihr das Problem seid? Dass Politik nichts mit Recht haben zu tun hat, Politik hat damit zu tun erfolgreich zu sein?“ Man kann die beste Analyse haben, die Grundlagen der politischen Entwicklungen seit dem 16. Jahrhundert durchblicken, wissen, dass historischer Materialismus der Schlüssel dazu ist, soziale Prozesse zu verstehen. Und was macht ihr – es den Leuten entgegenschreien? „Ihr seid Arbeiter und ihr wisst es nicht mal!“

Der Feind möchte nichts mehr als sich über euch lustig zu machen. Ihr könnt ein T-Shirt mit Hammer und Sichel tragen. Ihr könnt sogar eine riesige rote Fahne mit euch tragen und sie nach Hause mitnehmen, während der Feind über euch lacht. Und das weil die Menschen noch immer den Feind euch vorziehen. Sie glauben ihm. Sie verstehen, wenn er zu ihnen spricht, aber sie verstehen euch nicht. Vielleicht habt ihr völlig Recht! Vielleicht könnt ihr eure Kinder fragen, genau das auf euren Grabstein zu schreiben: „Er lag immer richtig – aber niemand wusste dies“.

Wenn ihr erfolgreiche transformative Bewegungen untersucht, werdet ihr sehen, dass der Schlüssel zum Erfolg die Schaffung einer bestimmten Identität ist. Diese liegt zwischen eurer Analyse und dem was die Mehrheit fühlt. Das ist sehr schwer, denn es beinhaltet Widersprüche auszuhalten.

Denkt ihr, ich habe irgendein ideologisches Problem mit einem wilden 48- oder 72-stündigen Streik? Nicht im Ansatz! Das Problem ist, einen Streik zu organisieren hat nichts damit zu tun, wie sehr ihr oder ich dies will. Es hat mit der Stärke einer Gewerkschaft zu tun, und sowohl ich als auch ihr sind hierbei unwichtig.

Ihr und ich wünschen uns, die Erde wäre das Paradies für die ganze Menschheit. Wir können uns wünschen, was immer wir wollen und können es auf einem T-Shirt tragen. Politik ist aber Stärke, es geht nicht um Wünsche oder was wir in Versammlungen sagen. In diesem Land gibt es nur zwei Gewerkschaften mit der Fähigkeiten, solche Generalstreiks abzuhalten: die CCOO und die UGT. Gefällt euch das? Nein. Es ist aber nun mal so und einen Generalstreik zu organisieren ist wirklich sehr schwer.

Ich habe die Streikposten an den Busdepots in Madrid besetzt. Wisst ihr, wohin die Menschen dort bei Sonnenaufgang hingingen? Zur Arbeit. Sie waren keine Streikbrecher, aber sie wären von ihren Jobs entlassen worden, weil es bei ihren Jobs keine Gewerkschaften gab, die sie verteidigt hätten. Die Arbeiter, die sich verteidigen können, wie die in den Werften und Zechen, die haben starke Gewerkschaften. Die Jungen, die als Telefonverkäufer oder in Pizzaläden arbeiten, die Mädchen, die im Verkauf arbeiten, die können sich nicht verteidigen.

Sie würden am Tag nach dem Streik entlassen werden, und dann werdet ihr nicht da sein, ich werde auch nicht da sein und keine Gewerkschaft wird da sein, um zu garantieren, dass sie sich mit dem Chef zusammensetzen und sagen: Sie sollten diese Person nicht feuern, dafür dass sie ihre Rechte einfordert, weil sie einen Preis dafür zahlen werden müssen. Das passiert aber nicht, egal wie enthusiastisch wir sein mögen.

Politik ist nicht, was ihr oder ich gerne hätten. Es ist so wie es ist und es ist furchtbar. Wirklich furchtbar. Und deshalb müssen wir über Einigkeit in der Bevölkerung sprechen und demütig sein. Manchmal muss man mit Menschen sprechen, die eure Sprache nicht mögen, wo die Konzepte, die ihr verwendet, nicht ankommen. Was sagt uns das? Dass wir viele Jahre lang besiegt waren. Die ganze Zeit zu verlieren bedeutet einfach das: Der „gesunde Menschenverstand“ der Leute ist anders [als das, was wir für richtig halten]. Das ist aber nichts Neues. Revolutionäre haben das immer gewusst. Der Schlüssel liegt darin, den „Verstand“ in die Richtung eines Wandels zu leiten.

César Rendues, ein sehr schlauer Mann, sagt, dass die meisten Menschen gegen Kapitalismus sind, sie wissen es nur nicht. Die meisten verteidigen Feminismus, aber haben noch nie Judith Butler oder Simone de Beauvoir gelesen. Wann immer ihr einen Vater seht, der das Geschirr spült oder mit seiner Tochter spielt, oder ein Großvater, der seinem Enkel beibringt, seine Spielsachen zu teilen, ist mehr soziale Transformation enthalten als all die roten Flaggen, die ihr zu einer Demo bringen könnt. Und wenn wir daran scheitern diese Dinge als die einenden Elemente zu verstehen, werden sie weiterhin über uns lachen.

So möchte uns der Feind haben. Er möchte uns klein haben, eine Sprache sprechen, die sonst keiner versteht, in einer Minderheit, und sich hinter traditionellen Symbolen verstecken. Er erfreut sich daran, denn er weiß, solange wir so sind, stellen wir keine Gefahr für ihn dar.

Wir können einen wirklich radikalen Diskurs führen, einen wilden Generalstreik ankündigen, über die Menschen mit Waffen sprechen, mit Symbolen um sich schmeißen, Portraits of großen Revolutionären zu den Demos mit sich bringen. Sie werden sich darüber freuen! Sie werden uns auslachen. Aber wenn ihr hunderte, tausende von Menschen zusammenruft, wenn ihr die Mehrheit beginnt zu überzeugen, sogar die, die für den Feind wählen. Das ist, was sie fürchten. Das nennt sich Politik. Das ist, was wir lernen müssen.

Es gab einen Typ, der über die Sowjets 1905 sprach. Da war dieser glatzköpfige Typ – ein Genie. Er verstand die konkrete Analyse einer konkreten Situation. In Zeiten von Krieg, 1917, als das Regime in Russland zusammenbrach, sagte er den Russen etwas sehr simples, ob es Soldaten, Bauern, oder Arbeiter waren. Er sagte „Brot und Frieden“.

Und als er „Brot und Frieden“ sagte, was jeder wollte- nämlich dass der Krieg vorbei ist und es genug zu essen gibt – sagten viele Russen, die nicht wussten, ob sie „links“ oder „rechts“ waren, aber wussten, dass sie Hunger leiden, dass „der Glatzkopf Recht hat“. Und der Glatzkopf hat es richtig gut geschafft. Er sprach nicht mit den Russen über dialektischen Materialismus, er sprach über „Brot und Frieden“. Und das ist eine der Hauptlektion des 20. Jahrhundert.

Der Versuch die Gesellschaft zu transformieren indem man Geschichte nachahmt, Symbole nachahmt, ist lächerlich. Es gibt keine Wiederholung der Erfahrungen bestimmter Länder, historischer Ereignisse. Es geht darum, Prozesse zu analysieren und die Lektionen der Geschichte zu verstehen. Und dies zu jedem Zeitpunkt, „Brot und Frieden“. Wenn es nicht mit dem in Verbindung steht, was die Menschen denken und fühlen, ist es eine sich wiederholende Farce, ein tragischer Sieg der Geschichte.

Über den Autor

Politikwissenschaftler // Internationale Politik // Schwerpunkte: Türkei, Kurdistan, Europa und die Europäische Union

Ein Kommentar

  • 1
    Horst says:

    Die Überschrift hätte wohl eher lauten sollen: „Die Pseudolinke kann gewinnen“.
    Der obige Text schlägt einfach nur politischen Pragmatismus vor. Mehr wird es nicht.
    Die darin enthaltenen Ideen sind belanglos und einfallslos.
    Der Witz bei der ganzen Sache ist doch: So lange die Menschen unpolitisch sind und sich mit Herrschaftsgedanken nicht beschäftigen wollen, so lange wird es auch keine Lösungen im Sinne der Unterdrückten geben.
    Natürlich kann man auch mit einem völlig verblödeten Volk zusammenarbeiten. Man wird allerdings immer wieder in den alten Denkstrukturen landen und damit zeigt sich am Ende das immerselbe:
    Der ganze Kampf war für die Katz. Man reproduziert das immerselbe System. Lediglich die Arschlöcher in der Führungspositionen wechseln.