Juden und Muslime haben gemeinsame Interessen – Im Gespräch mit Armin Langer und Amin Tligui (Salaam-Schalom Initiative)

24. Mai 2016 - 12:56 | | Gesellschaft | 1 Kommentare
salam

In der deutschen Öffentlichkeit wird viel über eine vermeintliche Feindschaft zwischen Juden und Muslimen diskutiert und teilweise auch versucht beide Gruppen gegeneinander auszuspielen. Wir haben mit Armin Langer und Amin Tligui von der jüdisch-muslimischen Salaam-Schalom-Initiative über das Zusammenleben, gemeinsamen Kampf gegen antimuslimischen Rassismus und Antisemitismus und das sogenannte christlich-jüdische Abendland gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Was ist die Salaam-Schalom-Initiative?

Amin: Die Salaam-Schalom-Iniative ist ein Zusammenschluss von Menschen, die das verbindene von Juden und Muslimen suchen und das in der Nachbarschaft leben wollen.
Armin: Ich würde hinzufügen, dass es eher eine politische Gruppe ist als eine religiöse Gruppe, wir arbeiten ganz stark an einem politischen Bündnis der Angehörigen von Minderheiten.

Die Freiheitsliebe: Die Iniative entstand in Folge der 2013 getätigten Behauptung das Neukölln eine No-go-Area sei für Juden, wegen der dort lebenden Muslime. Könnt ihr den Kontext dieser Aussage darstellen?

Armin: Derjenige, der das gesagt hat, wurde 2012 antisemitisch angegriffen, später wurde er Antisemitismusbeauftragter der jüdischen Gemeinde Berlin. In dieser Funktion hat er die Aussage getätigt. Es gab allerdings keinen besonderen Anlass, also keine antisemitischen Straftaten in Neukölln. Er sagt allerdings, dass die Angreifer aus Neukölln stammten, was man nicht nachweisen kann, da die Täter nicht gefunden wurden. Wir fanden die Aussagen problematisch, nicht nur, weil sie unseren eigenen Aussagen widersprochen haben, sondern auch, weil sie unsere muslimischen Nachbarn stigmatisieren.

Die Freiheitsliebe: Ihr habt euch daraufhin gegründet, dass die Behauptung der No-go-Area nich zutrifft. Was war euer erstes Projekt?

Armin: Wir haben Juden in Neukölln die Frage gestellt, ob die Aussage stimmt, das Neukölln eine solche Area sei. Die überwiegende Mehrheit hat ihr widersprochen und sowas nur die angebliche Feindschaft, die in der Öffentlichkeit vertreten wird, stärkt und man stattdessen eine Zusammenarbeit braucht. Diese Videoaussagen haben wir dann auf youtube veröffentlicht und in kurzer Zeit Hundertausende erreicht und viele Menschen haben sich uns angeschlossen.

Die Freiheitsliebe: Auf eurer Homepage steht, dass unter Zielen, dass ihr Berlin zu einer No-Go-Area für Rassismus und Xenophobie machen wollt. Warum ist das ein Ziel von Juden und Muslimen?

Amin: Muslime und Juden haben, weil sie gemeinsam Minderheiten sind und gemeinsam Ziel von Rassismus sind, ein gemeinsames Interesse dieses zu bekämpfen. Wenn man dieses gemeinsame Ziel betont können beide Gruppen gemeinsam gegen Rassisten mobil machen.

Die Freiheitsliebe: In der aktuellen Debatte wirkt es so als würde es ohne Muslime und Migranten aus muslimischen Ländern keinen Antisemitismus geben, allerdings werden mehr als 95 Prozent der antisemtischen Straftaten nicht von Muslimen begangen. Woher kommt dann das in der Öffentlichkeit vorherrschende Bild?

Amin: Ich denke, dass es vielen Menschen leichter fällt ein Problem einer anderen Gruppen zuzuschieben, als es als Problem der eigenen Gruppen zu analysieren und auch zu thematisieren und problematisieren.
Ein gutes Beispiel darauf was wie die deutsche Öffentlichkeit auf die antisemitischen Ausschreitungen bei einigen Pro-Gaza-Demos im Sommer 2014 reagiert hat. Die Bild-Zeitung sprach von einem importierten Antisemitismus, als ob unter nicht-muslimischen Deutschen der Antisemitismus nicht existierte. Gleichzeitig wissen wir dank dem Antisemitismusbericht des Bundestages aus dem Jahr 2010, dass ein Fünftel der Bevölkerung offen für antisemitische Vorurteile ist.

Die Freiheitsliebe: Antisemitismus unter Migranten wird in den Medien häufig mit dem Nahostkonflikt in Verbindung gebracht. Wie geht ihr mit dem Thema um?

Amin: Wir haben in der Gruppe unterschiedliche Positionen zum Nahostkonflikt. Wenn ich mit Schülern über das Thema diskutiert habe, habe ich immer deutlich gemacht, dass es einen Unterschied zwischen der Politik der Staaten und Menschen gibt und man den anderen als Menschen und nicht als politische Partei sehen muss. Die meisten sehen das ähnlich.

Armin: Wir befassen uns nicht direkt mit dem Nahostkonflikt, weil wir der Auffassung sind, dass wir zuerst die Probleme hier lösen müssen, weil das unsere direkte Umgebung ist. Wenn wir die gelöst haben, können wir die Probleme des Nahen Ostens lösen. Wir haben uns aber schon häufiger mit dem Thema Antisemitismus und Antizionismus beschäftigt, da in der deutschen Öffentlichkeit da ganz selten differenziert wird. Natürlich gibt es da teilweise Überlappungen, aber beide Begriffe sind keine Synonyme.
2014 als es den Konflikt in Gaza gab haben wir einen Flashmob organisiert gegen antisemitischen Parolen auf einigen Demos und gegen antimuslimische Stimmungmache in rechten Zeitungen. Den Flashmob haben wir beim Sommerfest der palälstinensischen Gemeinde organisiert und Juden und Muslime und ihre Freunde haben gemeinsam ein Zeichen gesetzt, gegen Antisemitismus und antimuslmischen Rassismus.

Die Freiheitsliebe: Wenn man die aktuelle Debatte anschaut, grade im Kontext der AfD, gibt es wieder Forderungen nach einem Beschneidungs- oder Schächtvebot, was allerdings als gegen Islam gerichtet dargestellt wird, obwohl es Juden und Muslime betrifft. Wie kommt es, dass man heute solche Maßnahmen nur noch im Kontext des Islam sieht?

Amin: Muslime stellen heute ein viel einfacheres Feindbild dar, gegen welches man einfach hetzen darf, während es in der Gesellschaft bei Juden nicht akzeptiert wäre. Grade beim Schächten oder der Debatte um Beschneidungen wird aber wieder deutlich, wie viele Gemeinsamkeiten Juden und Muslime haben.

Die Freiheitsliebe: Es wird auch wenn es um den Islam geht, das christlich-jüdische Abendland als Wert aufgestellt, was haltet ihr davon?

Amin: Man kann auf jedenfall sagen, dass Deutschland früher eine christlich-jüdische Gesellschaft hatte, heute ist es aber auch eine muslimische. Wenn Gauck sich nicht dazu bekennen möchte, dass der Islam zu Deutschland gehört, ist es falsch im Angesicht der Gegenwart.

Armin: Ich bin mir nicht sicher, ob es je ein christlich-jüdisches Abendland gab. Als Juden waren wir bis nach der Shoa nicht gleichberechtigt, ein Jude wurde nur wirklich akzeptiert, wenn er zum Christentum konvertierte oder säkular war. Es gibt im ganzen westlichen Kanon keine jüdischen Werke, es gibt es einige Werke, die von zum Christentum konvertierten Juden geschrieben wurden. Ich bin daher sehr skeptisch, ob es dieses christlich-jüdische Abendland gab.

Die Freiheitsliebe: Was sind eure Ziele für die kommenden Monate?

Amin: Ich werde kommenden Monat nach Kopenhagen fahren um Mitstreiter aus der ganzen Welt zu treffen.

Die Freiheitsliebe: Habt ihr noch abschließende Worte?

Amin: Ich bin erst vor kurzer Zeit nach Neukölln gezogen und bin sehr froh zu sehen, dass es hier dieses muslimisch-jüdische Zusammenleben gibt. Ich wünsche mir das Neukölln weltweit ein Beispiel wird für das Zusammenleben der Gruppen und ich sehe viele junge Menschen, die sich dafür engagieren, das gibt mir Hoffnung

Über den Autor

Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.
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Ein Kommentar

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    DieWahrheitistBitter sagt:

    „Zusammenwächst, was zusammengehört“, „birds of a feather flock together“, „gleich und gleich gesellt sich gern“, etc. pp. Ich bin trotzdem gespannt, wer von euch am Ende übrigbleibt. (Ich tippe auf die intelligenteren…)