Malcolm X: Revolutionär, Antirassist und Internationalist

21. Februar 2015 - 13:48 | | Gesellschaft | 1 Kommentare
Malcolm X  am Queens Court http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d7/Malcolm_X_NYWTS_4.jpg Autor: Davepape CC BY-SA 3.0-Lizenz
Malcolm X am Queens Court http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d7/Malcolm_X_NYWTS_4.jpg Autor: Davepape CC BY-SA 3.0-Lizenz

Heute vor 50 Jahren wurde Malcolm X ermordet, er war einer der bekanntesten Aktivisten der Black-Power-Bewegung und einer der schärfsten Kritiker der amerikanischen Innen- und Außenpolitik. Seine Kritik, die sich zuerst nur gegen die Unterdrückung der nicht-weißen Bevölkerung der USA richtete, wurde später zu einer immer grundsätzlicheren Kritik am Kapitalismus, wie dieser Beitrag von Philipp Probst zeigt, der zuerst in der Linkswende veröffentlicht wurde.

Als Malcolm X am 21. Februar 1965 während einer Rede in Harlem erschossen wurde, war das US-Establishment erleichtert. Die New York Times schrieb einen Tag später:

»Sein rücksichtsloser und fanatischer Glaube an Gewalt unterschied ihn nicht nur von den verantwortungsvollen Führern der Bürgerrechtsbewegung, sondern verurteilte ihn auch zu einem brutalen Ende. Gestern kam jemand aus der Dunkelheit, die er erzeugte und tötete ihn«.

Es ist klar warum. Malcolm X war einer der kompromisslosesten und eloquentesten Sprecher gegen Rassismus, US-Imperialismus und Kapitalismus. Er wurde zu einer Inspiration für Schwarze in ganz Amerika. Die Gefahr die Malcolm X verkörperte war, dass sich durch seinen Einfluss die reformistische Bürgerrechtsbewegung in eine radikale Befreiungsbewegung verwandeln hätte können, die sich selbst als Teil eines globalen Aufstandes sah.

Jugend

Malcolm X wurde geboren als Malcolm Little 1925 in Omaha, Nebraska. Seine Jugend war geprägt von Rassismus und Gewalt. Sein Vater, Earl Little, war Anhänger von Marcus Garvey, dem Führer der Schwarzen Nationalismus-Bewegung die für den Aufbau einer unabhängigen schwarzen Wirtschaft und die Auswanderung nach Afrika eintrat. Nachdem ihr Haus von weißen Rassisten abgefackelt wurde mussten sie umziehen. Wenig später wurde Malcolms Vater, vermutlich von Anhängern des Ku Klux Klans, umgebracht. Seine Mutter hielt dem Druck, acht Kinder allein während der Wirtschaftskrise aufzuziehen, nicht stand und kam in die Psychiatrie. Malcolm war ein guter Schüler mit ehrgeizigen Zielen, doch er brach die Schule ab als sein Lehrer seinen Wunsch Anwalt zu werden mit den Worten, das sei kein realistisches Ziel für einen Nigger kommentierte. Die nächsten Jahre schlug er sich mit schlecht bezahlten Jobs und Klein- und Drogenkriminalität durch. Dieser Teil seines Lebens endete als er 1946 bei einem Einbruchsversuch geschnappt und zu 10 Jahre Haft verurteilt wurde.

Nation of Islam

Im Gefängnis kam er durch seinen Bruder zum ersten Mal in Kontakt mit der Nation of Islam (NOI) und trat ihr Ende 1948 bei. Wie jedes Mitglied der NOI ersetzte er seinen Sklavennamen Little mit einem X als Zeichen dafür, dass sein echter afrikanischer Name verloren gegangen war. Er verbrachte die meiste Zeit seines Gefängnisaufenthalts damit sein Studium zu beenden. Als er 1952 entlassen wurde war das Leben für Schwarze in Amerika noch genauso trostlos wie zuvor. Sie hatten eine doppelt so hohe Arbeitslosigkeit, das Jahreseinkommen war etwa 40% niedriger als bei Weißen und die Kindersterblichkeit lag bei über 75%. Die NOI hatte ihre Basis in den Städten des Nordens und des Mittleren Westens. In Ghettos lebend und ohne Aussicht auf gute Ausbildung, hatte die schwarze Bevölkerung viel Leid zu ertragen aber wenig politische Aussichten.

Nachdem durch die Kommunistenjagd von McCarthy linke Organisationen und jegliche ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung zerstört wurden, und die Bürgerrechtsbewegung hauptsächlich im Süden aktiv war, gab es wenig Alternativen für schwarze ArbeiterInnen in den Ghettos im Norden. Die NOI konnte diese Lücke zum Teil füllen. Sie predigte schwarzen Nationalismus, trat für den Aufbau eines selbstständigen und unabhängigen Wirtschafts- und Sozialsystem (und letztendlich eines separaten Staates) der Schwarzen ein und vertrat offensiv das Recht auf Selbstverteidigung gegenüber rassistischer Gewalt.

Kritik der Gewaltfreiheit und Anbiederung

In Malcolms Reden wurde besonders die Bürgerrechtsbewegung mit ihrem Bestehen auf gewaltfreien Protest und Anbiedern an das weiße politische Establishment hart kritisiert. Warum sollten wir versuchen von denen geliebt zu werden, die uns nicht lieben? Malcolm wurde schnell der bekanntester Sprecher der NOI. Durch seine Ablehnung von weißem Rassismus und sein Eintreten für das Recht auf Selbstverteidigung wurde er nicht nur zur Inspiration für viele die sich mit rassistischer Gewalt konfrontiert sahen.

In den Medien wurde als umgedrehter Rassist und als gewalttätiger Fundamentalist dargestellt. Aber die Antwort auf Rassismus und die Verteidigung gegen Gewalt kann nicht als das Gleiche gesehen werden wie der Rassismus selbst. Malcolm sagte selbst: Wenn wir auf weißen Rassismus mit Gewalt antworten, ist das nicht schwarzer Rassismus. Wenn mir jemand eine Schlinge um den Hals hängt, und ich hänge ihn dafür, ist das kein Rassismus für mich. Ich bevorzuge Gewalt nicht. Wenn wir Respekt und Anerkennung für schwarze Menschen durch friedliche Mittel erreichen können, fein. Jeder will seine Ziele friedlich erreichen. Aber ich bin Realist. Die einzigen Menschen denen gesagt wird friedlich zu sein sind die Schwarzen.

Isolation der NOI

Während Malcolm immer politischer wurde und immer mehr von der Größe und der Radikalisierung von Teilen der Bürgerrechtsbewegung angezogen wurde, blieb die NOI weiter abgeschnitten von der Bewegung und nicht interessiert sich wirklich politisch zu betätigen. Malcolm erkannte später selbst, dass die NOI zwar die Radikalsten und Militantesten der schwarzen Bevölkerung durch ihre Rhetorik anzog, aber all diese Kämpfer der vordersten Front wurden in Schach gehalten von einer Organisation, die sich nicht aktiv an irgendetwas beteiligt. Malcolms wachsendes politisches Engagement und seine damit verbundene Popularität vergrößerte die Kluft zwischen ihm und der NOI. Die wachsenden Spannungen kamen zum Ausbruch als Malcolm sich trotz Anordnung seitens der NOI das Attentat nicht zu kommentieren, zu J.F.Kennedys Ermordung äußerte. Malcolm wurde suspendiert.

Revolutionär und Internationalist

Nachdem er die Nation of Islam im März 1964 verlassen hatte, reiste er nach Afrika und in den Nahen Osten, wurde orthodoxer Sunnit und nannte sich el-Hajj Malik el-Shabazz. Malcolms Erfahrungen auf diesen Reisen führten dazu seine bisherige politische Sichtweise zu hinterfragen: »Ich musste meine Definition von schwarzem Nationalismus neu überdenken und bewerten«, sagte er in einem Interview für Young Socialist .

Besonders beeinflusst durch die nationalen Befreiungs- und Unabhängigkeitsbewegungen der Dritten Welt, begann er den Kampf zur Befreiung der Schwarzen als Teil eines Kampfes weltweit zu sehen: Wir leben in einer Ära von Revolutionen, und der Aufstand der amerikanischen Schwarzen ist Teil dieser Rebellion. Er wurde zu einem der härtesten Kritiker des US-Imperialismus. In einer seiner letzten Reden beschrieb er wie der Imperialismus seine Methoden änderte, als die alten Kolonialmächte durch die USA ersetzt wurden. Sie wechselten von der alten, offen kolonialen, imperialistischen Herangehensweise zur wohlwollenden Herangehensweise. Sie dachten sich den gutmütigen, freundlichen Kolonialismus aus, den Dollarismus. Gleichzeitig entwickelte er einen immer eindeutigeren antikapitalistischen Standpunkt.

Kampf von Unterdrückten gegen die Unterdrücker

Er erkannte, dass der Kampf nicht zwischen schwarz und weiß stattfindet sondern ein Kampf von Unterdrückten gegen die Unterdrücker, den Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter war. Er erkannte, dass Kapitalismus und Rassismus miteinander verbunden sind.

»Es ist unmöglich für ein Huhn ein Enten-Ei zu legen. Es kann nur das hervorbringen wofür das bestimmte System konstruiert ist. Das System dieses Landes kann keine Freiheit für Afro-Amerikaner hervorbringen. Es ist unmöglich für dieses System, dieses ökonomische System, dieses politische System, dieses soziale System, diese System. […] Ihr könnt keinen Kapitalismus haben ohne Rassismus«.

Sozialistischen Ideen

In seinen letzten Jahren vor seiner Ermordung wandte sich Malcolm auch sozialistischen Ideen zu. Er sprach häufig auf linken Veranstaltungen, konzentrierte sich mehr auf die schwarze ArbeiterInnenklasse und sprach vom afrikanischen Sozialismus . Jedoch blieben seine Vorstellungen von Sozialismus eher vage und nicht wirklich entwickelt. Außerdem glaubte er, dass es keine Solidarität zwischen schwarzen und weißen Arbeitern geben (kann), wenn es keine Solidarität zwischen Schwarzen gibt und setzte sich dafür ein, dass zuerst eine militante schwarze Organisation gegründet wird. Die Ermordung Malcolm X verhinderte, dass er Zeuge wurde wie eine Einheit zwischen Schwarzen und Weißen während der Anti-Vietnamkriegsbewegung und den Aufständen in den Ghettos in den 60ern verwirklicht werden konnte.

Malcolm X Vermächtnis

Es ist unmöglich kurz Malcolm X Vermächtnis zusammenzufassen, aber 3 Dinge stechen hervor: Seine kompromisslose Opposition zu Rassismus und Imperialismus. Seine Entschlossenheit, die Fassade der US-Demokratie zu entlarven, und sein Engagement für die revolutionäre Umwandlung der Gesellschaft machten ihn zur Hauptinspirationsquelle für schwarze revolutionäre Organisationen – und generell den Aufschwung der radikalen Linken in den späten 60er und 70er Jahren. Die Black Panther Party for Self Defense oder die League of Revolutionary Black Workers setzten viele seiner Ideen in die Tat um. Die Lage von amerikanischen Schwarzen hat sich seit Malcolm X Tagen jedoch wenig verbessert.

Mit einer steigenden Arbeitslosigkeit, rassistischer Polizeirepression, erhöhte soziale Ungleichheit und dem Irakkrieg, ist Malcolm X Verurteilung des US-Rassismus und Imperialismus so relevant wie vor vierzig Jahren. So wie seine ständige Aufforderung zur Aktion: Meiner Meinung nach lebt ihr, die junge Generation von Weißen, Schwarzen, Braunen und was es sonst noch gibt, in einer Zeit von Revolutionen, in einer Zeit in der es Veränderung geben muss, sagte Malcolm einer Gruppe britischer Studenten 1964. Die Menschen an der Macht haben diese missbraucht, und deshalb brauchen wir Veränderung, eine bessere Welt muss aufgebaut werden, und der einzige Weg diese zu erreichen ist mit extremen Mitteln.

Ich, für meinen Teil, schließe mich jedem und jeder an – egal welcher Hautfarbe – solange ihr die schrecklichen Zustände, die auf dieser Welt existieren, verändern wollt. – By any means necessary.

Malcolm X ’ Reden gibt es im Originalton auf
www.brothermalcolm.net

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