Politischer Rap in Deutschland – Ein Spiegel gesellschaftlicher Stimmungen

22. Februar 2015 - 14:44 | | Gesellschaft | 5 Kommentare

Im folgenden Beitrag nimmt Rapper und Aktivist KAVEH die politische Rap-Landschaft Deutschlands – vom rechten bis zum linken Spektrum – näher unter die Lupe und vergleicht sie mit einigen anderen Rap-Szenen der Welt. Wie populär sind nationalistische, patriotische oder rassistische Tendenzen im Verhältnis zu emanzipatorischen und fortschrittlichen Strömungen im deutschsprachigen Rap? Und wie sieht dies im Vergleich zu anderen Teilen der Welt aus? KAVEH stellt die These auf, dass rechte Tendenzen in keiner anderen ihm bekannten Rap-Szene so sehr vorherrschend seien wie in Deutschland. Um diese These zu belegen beschreibt er den grassierenden Rassismus, der hierzulande in den letzten Jahren zunehmend Verbreitung gefunden hat. Zugleich behauptet KAVEH, dass in Ländern wie den USA, Frankreich, Großbritannien und auch Teilen Südamerikas und Nordafrikas regierungskritische oder linksorientierte Rapper*innen sehr viel größere Bedeutung und Beliebtheit genießen als in der Bundesrepublik.

Politischer Rap in Deutschland – Ein Spiegel gesellschaftlicher Stimmungen

Der zunehmende Fremdenhass rechter Wutbürger aus der Mitte der Gesellschaft

Bevor ich zum eigentlich Thema komme, werde ich zunächst einmal das soziale Klima in Deutschland skizzieren, um die Rap-Musik in ihren gesellschaftlichen Kontext zu verorten. Die jahrelange Hetze von Mainstream-Medien, Politik und prominenten Persönlichkeiten (z.B. Broder, Buschkowsky, Elsässer, Kelek, Sarrazin) gegen Asylsuchende und die vermeintliche Gefahr des Islamismus tragen nunmehr voll und ganz ihre Blüten: Laut einer jüngsten Umfrage der Bertelsmann Stiftung sehen 57 Prozent der nicht-muslimischen Bürger der Bundesrepublik den Islam als Bedrohung und 61 Prozent sind der Meinung, der Islam „passe nicht in die westliche Welt“. Diese Befragung fand noch vor dem Anschlag auf Charlie Hebdo statt und würde heute wohl noch krasser ausfallen. Einer Studie des BIM zufolge finden 37% der Bevölkerung weiterhin, dass deutsche Vorfahren wichtig sind, um Deutsche oder Deutscher sein zu können. Und über 40% der Bevölkerung sind der Meinung, man müsse dafür akzentfrei deutsch sprechen. Fast ein Viertel der Deutschen beobachtet bei seinen Landsleuten ein ablehnendes Verhalten gegenüber Asylsuchenden. Weitere 43% haben Angst vor Spannungen durch Ausländer.1 Auch die neoliberale Politik, die durch Kürzung des Bildungs- und Kulturetats, der jahrelangen Sparpolitik sowie die Umverteilung von unten nach oben eine nicht unbedeutende Masse von hasserfüllten Wutbürgern hervorgebracht hat, die teilweise von Armut und Entfremdungsängsten geplagt sind, bilden eine wichtige Quelle für den „Rassismus der Mitte“. Die deutsche Blut- und Boden-Ideologie, d.h. die Vorstellung, dass man nur Deutscher ist, wenn man in Deutschland geboren wurde oder deutsches Blut in sich trägt und der Hass auf alles, was vermeintlich „fremd“ und angeblich nicht „deutsch“ sei, gehört heute vielleicht zu den bedrückendsten Kontinuitäten des Faschismus und Nationalsozialismus. Nichts hatte das damals deutlicher gemacht, als die Anschläge auf Asylunterkünfte in Mölln, Rostock und Solingen Anfang der 90er Jahre. Seitdem starben von 1990 bis Ende 2011 allein in Deutschland mindestens 182 Menschen an den Folgen rechtsextremer Gewalt. Vor allem in den letzten zehn Jahren, hat der Rassismus in Deutschland einen neuen Höhepunkt erreicht. Das haben besonders die Aufdeckung der NSU-Morde und die Verwicklung des Verfassungsschutzes darin, der Mord am Sierra Leoner, Oury Jalloh durch Polizisten in Dessau (2005), das Abstechen der Ägypterin Marwa el-Sherbini aus islam- und ausländerfeindlichen Motiven in einem Dresdner Gerichtssaal und das Aufstreben rechtspopulistischer Kräfte wie AfD und PEGIDA zutage getragen. Am 22.12.2014 protestierten sogar 17.500 Menschen in Dresden gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl der Übergriffe auf Asylunterkünfte mindestens verdreifacht. Für 2014 zählte die Polizei 150 Attacken. Statistisch gesehen gibt es also jede Woche drei Angriffe auf Asylunterkünfte. Angesichts dieser erschütternden Tatsachen behaupte ich, dass seit dem Ende des 2. Weltkrieges der Hass gegen Asylsuchende, Ausländer, Moslems, Sinti und Roma sowie Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland noch nie so groß war wie heute.

Wem die genannten Namen, Zahlen und Umfragen nicht greifbar genug sind, der sollte sich einmal vor Augen führen, was für unfassbar schreckliche Dinge innerhalb einer einzigen Woche in Deutschland und Österreich geschehen können und wie der Alltagsrassismus ganz konkret in Erscheinung tritt. Ich habe mir dafür die besonders ekelerregenden Vorkommnisse herausgesucht, die zwischen dem 18. und 22.12.2014 stattgefunden haben: Der rassistische Unternehmer Stöcker verbot ein Benefizkonzert für Asylsuchende im Görlitzer Kaufhaus. Der Sächsischen Zeitung sagte er in einem Interview vom 18.12, ihm seien “so viele ausländische Flüchtlinge nicht willkommen“. Die Afrikaner, die „ungebeten übers Mittelmeer zu uns gelangen“ würde er „sofort wieder nach Hause schicken…Vor zwanzig Jahren haben sich in Ruanda die Neger millionenfach abgeschlachtet. Hätten wir die alle bei uns aufnehmen sollen?“ Am selben Tag wurden in Wien 20 Kinder eines islamischen Kindergartens im Alter zwischen drei und acht Jahren bei einem Pfefferspray-Anschlag attackiert und mussten im Krankenhaus behandelt werden. In Braunschweig ist am 19.12 eine Muslima von mehreren Männern aufgrund ihres Äußeren angegriffen worden. Am 20.12 wurde in Göttingen eine Muslimin von vier unbekannten Männern verprügelt. Ein Angreifer stieß sie zu Boden, ein zweiter trat ihr mehrfach in den Rücken. Das Opfer wurde von den Männern wegen ihres Kopftuchs und ihrer Herkunft rassistisch beleidigt. Außerdem hetzten die Angreifer, sie solle „endlich deutsch werden“. Wie die Frau der Polizei mitteilte, sei sie beim Überqueren einer Straße von einem Auto angefahren worden. Gleich darauf stiegen vier Personen im Alter von 20 bis 22 Jahre aus dem Wagen und beleidigten sie. Am 20.12 ist ein 18-jähriger Asylbewerber aus Mali in einem Regionalzug in Niederbayern von drei Männern zusammengeschlagen worden. Am gleichen Tag haben zwei maskierte Männer einen Mann an seiner Wohnungstür in Berlin mit Reizgas besprüht und hinterließen dann rassistische Parolen im Treppenhaus. Wiederum am selben Wochenende fuhr in Plöwen (Neubrandenburg) ein Autofahrer gezielt auf zwei syrische Asylbewerber zu und am Neubau der Moschee in Dormagen haben Rechtsradikale Hakenkreuze hinterlassen. Nach der Demo in Dresden vom 22.12.14 haben PEGIDA-Demonstranten einige Jugendliche mit Migrationshintergrund unter dem klatschenden Beifall von Passanten in einem Shoppingcenter angegriffen. Darunter befand sich auch die 15-jährige Wahda, deren Rippen geprellt wurden. Das Mädchen hat Asthma und konnte nicht schnell genug weglaufen. Sie stürzte. Die Angreifer schlugen auf ihren Kopf und Oberkörper ein. Eine Strafanzeige wollte die Polizei jedoch nicht aufnehmen. Die Verletzungen, sollen die Bullen gesagt haben, hätte sich das Mädchen selbst zugefügt. Die PEGIDA-Anhänger schimpften „Scheißkanacken“ und riefen „Wir sind das Volk“. Die Angreifer waren mit Messern, Schlagstöcken, Pfefferspray und Tasern bewaffnet. Zwei ältere Jungs sollen von den Tasern getroffen zu Boden gegangen sein. Nach der Hetzjagd kam es vor dem Einkaufszentrum zu einem weiteren Angriff. Ein 24-jähriger Mann wurde mit einem Messer am Oberschenkel verletzt. Und das waren lediglich die Vorkommnisse, die von den Medien berichtet worden sind. Trotz dieser brutalen Vorkommnisse wollen PEGIDA-Anhänger nicht in die rechte Ecke gestellt werden und echauffieren sich über die „Lügenpresse“. Auch wenn nicht alle PEGIDA-Demonstranten und AfD-Anhänger ideologisch gefestigte Rechtsradikale sind und sich auch einige verwirrte Wutbürger oder rechtskonservative und rechtsliberale Demonstranten unter den Protestlern befinden, hat der Journalist Philip Meinhold nicht Unrecht, wenn er schreibt: „Die Nazis haben den Ruf der Nazis so versaut, dass heute nicht mal mehr Nazis Nazis sein wollen.“

Hass gegen das vermeintlich Fremde findet man natürlich überall auf der Welt, vor allem findet man diese Phänomene aber in Europa. Und das zuletzt mit deutlicher Zunahme. Das zeigen z.B. Brandanschläge auf schwedische Moscheen, die Wahlerfolge rechtsradikaler Parteien wie der Front National in Frankreich und der Goldenen Morgenröte in Griechenland, das Erstarken rechtspopulistischer Parteien in historisch eher liberalen Ländern wie England (UKIP) und Holland (PvdV) oder die Hetze gegen Sinti und Roma in Ungarn und Rumänien. Der in Deutschland vorherrschende Rassismus der Mitte bleibt vielleicht trotzdem unangefochten. Das werde ich im Folgenden versuchen anhand der deutschen Rap-Szene zu verdeutlichen.

Rassismus und rechte Tendenzen im Deutschrap

Was hat dieser grassierende Rassismus mit der deutschen Rap-Szene zu tun? Die Kunst- und Unterhaltungsindustrie kann ein guter Indikator dafür sein, was für Stimmungen in der Gesellschaft vorherrschen und reflektiert bis zum gewissen Grad auch den Geisteszustand in der sich die Mehrheitsbevölkerung befindet.

Ich stelle die These auf, dass es in keinem anderen Land des Westens eine Rap-Szene gibt, in der konservatives, nationalistisches, patriotisches oder rassistisches Gedankengut so stark im Untergrund und Mainstream verankert ist und von der Mitte der Gesellschaft gefeiert wird wie in Deutschland. Ich meine dabei sowohl rappende Neonazis wie Makss Damage, die im Underground herumschwirren, als auch bekanntere Rapper wie der Rechtspopulist Fler (z.B. Neue Deutsche Welle und Brief an Farid Bang), kleinbürgerliche „neudeutsche“ Konservative wie Harris (z.B. Nur ein Augenblick) oder eher liberal angehauchte Rapper wie Sido (z.B. Interview mit HipHop.de über Harris und Sarrazin) und Liquit Walker (z.B. Deutschrapkanakke). Selbst ein Rapper wie Afrob unterstützte zeitweilig die CDU. Von den ganzen lokalpatriotischen Berlinern und Hamburgern z.B., die zugezogene Westdeutsche oder Touristen hassen ganz zu schweigen. Seit Ende der 90er und vor allem in den letzten zehn Jahren konnte man zudem die zunehmende Bekundung einer nationalen Identität von Rapper*innen mit türkischem, kurdischen, arabischem und albanischem Hintergrund oder auch mit Wurzeln in Ex-Jugoslawien erkennen, die stolz ihre patriotischen Gefühle durch Symbole wie Fahnen, dem Hochhalten von Traditionen und einer Religiosität – die nicht einmal von den eigenen Eltern gelebt wird – zur Schau stellen. Dies ist unter anderem eine Folge des stetig anwachsenden deutschen Nationalbewusstseins und Nationalstolzes der letzten 30 Jahre, sowie der zunehmenden Diskriminierung und Ausgrenzung sog. „Migranten“ auf dem Arbeits,- Bildungs,- Wohnungs,- Unterhaltungs- und Freizeimarkt (z.B. Diskotheken).

Dass der bekennende AfD-Unterstützer Bushido 2011 den Integrationspreis angenommen hat, obwohl er in Deutschland geboren wurde und aufgewachsen ist, macht deutlich, dass man auch als Nicht-Weißer sehr wohl rassistische Stereotypen verinnerlichen und reproduzieren kann. Harris und Bushido sind bei weitem nicht die einzigen Bundesbürger mit Migrationshintergrund, die auf die vorherrschende Blut-und Boden-Ideologie reingefallen sind. Dies trägt nicht gerade dazu bei, dass die nicht-weiße Bevölkerung in Deutschland als gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft anerkannt wird, anstatt ständig als kulturell andersartig kategorisiert zu werden.

1 Diese Zahlen werden auch von einer Studie der Uni Leipzig aus dem Jahre 2014 bestätigt. Daraus geht hervor, dass etwa 80% der Deutschen sich abfällig über Asylbewerber äußern. Jeder dritte Deutsche findet, dass Muslim*innen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte und 42,7 Prozent der Befragten fühlen sich „wie Fremde im eigenen Land“.

Der zweite Teil des Beitrags erscheint am kommenden Mittwoch und wird sich mit linken Rap und einem Ausblick auf die Szene beschäftigen.

Über den Autor

5 Kommentare

  • 1
    rote_pille sagt:

    was soll man da wieder sagen… jetzt ist schon bushido für euch ein nazi… weil er ja in einem sooo deutschen milieu aufgewachsen ist… wirkte auch so richtig deutsch mit dem langen bart… LMAO 😉
    dann die beleidigung dieses kaufhausunternehmers- warum hätte der mann nicht das recht zu entscheiden, was in seinem kaufhaus passiert? verdammt noch mal, menschen haben das recht auf eine eigene meinung! das müsst ihr endlich akzeptieren!
    die straftaten sind natürlich zu verurteilen. aber daraus könnt ihr nicht ableiten, dass das demonstrations- oder das recht der freien rede abgeschafft werden soll! mit der selben logik müssten sonst nach einem terroranschlag von muslimen sofort die ausübung der religion eingeschränkt werden, was natürlich bullshit ist.
    die schmierereinen („angriffe“) auf asylunterkünfte solltet ihr vielleicht mal den straftaten gegenüberstellen, die von den asylanten selbst begangen werden, und auch mal die schäden erwähnen, die sie dort selbst verursachen. vielleicht geht euch dann endlich mal ein licht auf…

  • 2
    serrano sagt:

    statistiken haben immer zwei seiten…
    komische aussagen:
    Dies ist unter anderem eine Folge des stetig anwachsenden deutschen Nationalbewusstseins und Nationalstolzes der letzten 30 Jahre, sowie der zunehmenden Diskriminierung und Ausgrenzung sog. „Migranten“ auf dem Arbeits,- Bildungs,- Wohnungs,- Unterhaltungs- und Freizeimarkt

    von wegen das gibts nur in de…. in f sind idenditäre und rechtsrapper weit bekannter…
    https://www.youtube.com/watch?v=7lxhQZE2RBs
    https://www.youtube.com/watch?v=v-O8qlgDMkg&index=96&list=WL
    https://www.youtube.com/channel/UCjMcJr-nHEBv8L4zrkaQHfQ
    https://www.youtube.com/watch?v=rNhCHVdNo5s
    …..vm.
    viel spass beim hören und denken 🙂

  • 3

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  • 4

    […] Gastbeitrag des linken Polit-Rappers Kaveh, der sich auf unserer Seite schon häufiger geäußert […]