„Das behandle ich nicht in meinem Kurs“

24. November 2018 - 12:00 | | Gesellschaft | 0 Kommentare

Mit ihren Forderungen wollten die 68er ihre Zeit beeinflussen. Zentral war in ihrem Diskurs die Hinwendung zur Gesellschaft und die Befragung der eigenen Aktivität nach der gesellschaftlichen Relevanz. Diese Frage muss sich neben der Berufswelt auch die Wissenschaft gefallen lassen. Mit diesem Verständnis versuchten die 68er, die Wissenschaften zu reformieren. Doch warum war und ist kritische Wissenschaft so wichtig?

Kritische Universität

Am 1. November 1967 wurde an der FU Berlin das Projekt Kritische Universität mit knapp 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gegründet. Der Anspruch,Lehre selbst zu gestalten, entstand aus der Unzufriedenheit mit dem damaligen Lehrprogramm, welches das von Studierenden gewünschte Lehrangebot nicht enthielt. Zahllose Arbeitskreise zu Themen wie Ökonomiekritik, Modell Kuba,Frauenfrage, Sexualität und Befreiung, oder Arbeitsmedizin beschafften sich in Eigeninitiative Material und diskutierten in Workshops mit maximal 20 Personen.

Auch an vielen anderen Universitäten, darunter Hamburg, versuchte man ein alternatives Lehrangebot aufzubauen. Die Kritik an der Wissenschaft konnte in eigenen Veranstaltungen freier artikuliert werden.

Was ist nun kritische Wissenschaft?

Der Ursprung des Begriffs und der Praxis findet sich in Horkheimers Aufsatz „Traditionelle und kritische Theorie“, der gleichzeitig die Frankfurter Schule begründete. Kritische Wissenschaft versucht, die Verflechtung zwischen Herrschaft und Gesellschaft aufzudecken. Wissen über die gesellschaftlichen Verhältnisse, ist nichts, das durch reine Beobachtung gewonnen werden kann, sondern stets darauf geprüft werden muss, wie es zustande gekommen ist. Augenscheinlich wird dies anhand der finanziellen Abhängigkeit wissenschaftlicher Projekte von privatwirtschaftlichen Akteur*innen. Die Aufgabe von Wissenschaftler*innen muss sein, diese Verflechtung aufzudecken. Die Wissenschaft, so fordert Horkheimer, darf aber nicht dabei stehen bleiben. Wissenschaft ist keine Beschäftigung an sich, sondern hat praktische Konsequenzen. Nachdem die Verflechtungen zwischen Wissenschaft und Konzernen aufgedeckt wurden, müssen sie offen kritisiert und angegriffen werden. Auch Wissenschaft ist nur ein Werkzeug zum Formen einer selbstbestimmten Gesellschaft.

Kritische Wissenschaft heute: Geht das?

Die Kritische Universität ist ein Beispiel dafür, wieWissenschaft und Wissenschaftskritik praktisch werden kann. Anders als 1968können wir viel freier Veranstaltungen in Universitätsräumen abhalten oder inVeranstaltungen Fragen stellen, die auch Lehrende unangenehm finden. Blickt manauf die Hochschul-und Veranstaltungslandschaft, so finden sich zu wenigeVeranstaltungen, die den Zusammenhang zwischen Forschung und Investitionenuntersuchen. Die ursprüngliche Frage der kritischen Wissenschaft bietet einenAnsatzpunkt, in dem im Moment ein gesellschaftliches Vakuum herrscht. Es giltdiese Frage mit der Haltung des Sich-bilden-wollens zusammen zu bringen. Daskann uns einen Einblick darin liefern, warum wir heute keine 2000 Studierendenmehr für studentische Lehrveranstaltungen zusammenbringen können und ein erstesIndiz für eine politische Praxis liefern. Kritisch an Wissenschaft heranzugehenbedeutet heute nicht nur zu verstehen, warum bestimmte Forschungsinhaltepräsent sind und andere nicht, sondern auch, dass selbständige Aneignung vonWissensinhalten notwendig ist, um die eigene Verortung in der Wissenschaftverstehen zu können.

Über den Autor

Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)