Christliche Nächstenliebe und Solidarität

24. Dezember 2018 - 13:13 | | Gesellschaft | 1 Kommentare

Weihnachten gilt gemeinhin als ein Fest der Liebe. Und im Selbstverständnis vieler heutiger Christen gilt das Christentum als eine Religion der Nächstenliebe.

Deshalb gibt es eine Reihe von Christinnen und Christen, die sich bewusst dafür entscheiden, sich parteipolitisch in der Partei Die Linke zu engagieren. Als Andockpunkt dafür gilt das Moment der Solidarität, die unter Linken eine ähnlich zentrale Rolle spielt wie die Nächstenliebe unter Christen – zumindest theoretisch. Dass die Praxis gelegentlich anders aussehen kann, lassen wir an dieser Stelle mal außen vor.

Da ich mich als Christ verstehe und Theologe bin, bat mich der Herausgeber dieses Blogs mit Blick auf das bevorstehende Weihnachtsfest etwas zur Vergleichbarkeit von christlicher Nächstenliebe und Solidarität zu schreiben.

Solidarität leitet sich von dem lateinischen Wort „solidus“ ab, das man mit gediegen, echt oder fest übersetzen kann. Dieser Wortbedeutung folgend definierte der Soziologe Alfred Vierkandt 1928 Solidarität als „Gesinnung einer Gemeinschaft mit starker innerer Verbundenheit“. Das entspricht einem Klassenverständnis, wie es sich in einer von Marx geprägten Arbeiterbewegung entwickelt hat.

In der politischen Praxis bedeute Solidarität also, sich im Bewusstsein, der gleichen gesellschaftlichen Klasse anzugehören, gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam für die Durchsetzung der mehr oder minder gleichen Interessen politisch zu kämpfen.

Ein solches gemeinsames Eintreten für gemeinsame Interessen im Sinne eines menschenwürdigen Lebens und Arbeitens lässt sich durchaus auch aus dem Konzept einer christlichen Nächstenliebe ableiten. Jedenfalls aus der Sicht der christlichen Sozialisten, die sich etwa Anfang des 20. Jahrhunderts herausgebildet haben, und auch aus der Sicht der Befreiungstheologie. Gerade auch aus der Weihnachtsgeschichte lässt sich eine solche Praxis herauslesen. Denn die Geburt Jesu fand nicht in einem Palast statt, sondern in einem Stall in einem Armutsquartier. Und die Verkündigung der Geburt Jesu geschah nicht gegenüber Königen, sondern gegenüber Hirten, also gegenüber Menschen aus der so genannten Unterschicht, wenn man es soziologisch beschreiben will. In der Befreiungstheologie wird daraus geschlossen, dass der Gott der Bibel auf der Seite der Armen steht und nicht auf der Seite der Reichen und Mächtigen, die sich in der Antike in der Regel ja als Statthalter Gottes verstanden oder sogar direkt als ein göttliches Wesen.

Diese klassische Konzeption der Solidarität der Linken hat aber auch eine Schattenseite. Sie muss nicht, aber sie kann sich zu einem Gruppenegoismus entwickeln, der politisch dann anschlussfähig ist für nationalistische Politikkonzepte.

Das Konzept der christlichen Nächstenliebe ist an dieser Stelle offener. Christliche Nächstenliebe kennt nicht nur die Verpflichtung gegenüber den uns Nahestehenden, sondern auch gegenüber dem Fernen – bis hin zur Feindesliebe.

Exemplarisch kann man an dem Gleich vom Barmherzigen Samaritaner verdeutlichen. Jesus wird von Schriftgelehrten in einen Dialog verwickelt über die Frage, wie man das ewige Leben erlangen könne. Jesus antwortet mit der Gegenfrage: Was steht denn in Tora dazu? Der Schriftgelehrte antwortet ihm, man solle Gott lieben und seinen nächsten wie sich selbst. Jesus bestätigt dem Diskussionspartner, dass es so in der Tora stehe. Doch der Schriftgelehrte setzt noch einmal nach und fragt, wer denn sein nächster sei. Daraufhin erzählt Jesus die Geschichte des barmherzigen Samaritaners. Es geht dabei um einen Menschen, der von Jerusalem nach Jericho unterwegs ist und von überfallen und verletzt wird. Offensichtlich handelt es sich bei dem Überfallenen aus Jerusalem kommend um ein Mitglied der jüdischen Glaubensgemeinschaft. Kurz nach dem Überfall kommen zunächst ein Priester und dann ein Levit an dem Verletzten vorbei. Beide lassen ihren Glaubensgenossen, dem gegenüber sie eigentlich zur Hilfe verpflichtet wären, liegen und gehen weiter. Als nächstes kommt ein Samaritaner vorbei, also ein Angehöriger einer sozialen Gruppe, die sich irgendwann von der jüdischen Glaubensgemeinschaft abgespalten hatte und dementsprechend ausgegrenzt war. Doch dieser Ausgegrenzte nahm sich des Verletzten an und rette ihn. Jesus beendet diese Geschichte mit der Frage an seinen Gesprächspartner: „Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war?“ Der Schriftgelehrte antwortet korrekt: „Der die Barmherzigkeit an ihm tat.“ Darauf fordert Jesus ihn auf: „So geh hin und tu desgleichen!“

Wer die Geschichte aufmerksam verfolgt merkt, dass am Ende ein Perspektivenwechsel stattfindet. Die Ausgangsfrage ist: Wer ist denn mein Nächster? Die Antwort ist: Wer ist dir der Nächste geworden? Mit anderen Worten: Lass zu, dass Menschen dir nahe kommen. Auch Menschen, die du eigentlich nicht in deiner Nähe dulden willst – lass dir helfen von einem ausgegrenzten Samaritaner und lass ihn so zu deinem Nächsten werden.

Nächstenliebe wird in dieser Geschichte beschrieben als eine Haltung, die über die Gewährung gegenseitiger Hilfe unter Gleichgesinnten hinausgeht. Es geht hier auch um die In-Frage-Stellung oder gar um die Sprengung sozialer Grenzen. Das ist weit mehr als gegenseitige Hilfe unter Gleichgesinnten. In diesem Sinne geht das Konzept der Nächstenliebe über das der Solidarität hinaus.

Das Konzept der Solidarität ist anfällig für ein antagonistisches Gegenüber von einem „Wir“ gegen „die Anderen“. Praktisch zeigt sich das – auch innerhalb der Linken – im Umgang mit Flüchtlingen. Und mehr noch zeigt es sich in der Frage des Umgangs mit Migration bzw. Arbeitsmigration. Nachweislich politisch Verfolgten Asyl zu verweigern verstößt in der Regel gegen einen gesellschaftlichen Grundkonsens. Bei anderen Formen der Migration laufen die Debatten ganz anders. Da steht schnell die Frage im Vordergrund, weshalb – je nachdem, um welches soziale Sicherungssystem es sich handelt – sollen Steuerzahler*innen oder Beitragszahler*innen für Migrant*innen zahlen, die nicht in die Systeme eingezahlt haben (völlig losgelöst von der Frage, ob das wirklich so ist oder nicht).

Solidargemeinschaft im Blick auf soziale Sicherungssystem bedeutet, dass man nach Vermögen einzahlt und nach Bedarf bekommt. Die Solidarität begrenzt sich aber auf die, die dazugehören. Das hängt – je nach System – vom Arbeitnehmerstatus oder vom Pass ab. Solidarität konstituiert hier eine strikte Ab- und Ausgrenzung, eine Unterscheidung zwischen denen, die dazugehören und den anderen. Aus diesem Denken sind im Laufe der rund letzten 100 Jahre gut kontrollierte Nationalstaatsgrenzen entstanden und der Ruf nach Grenzschließungen als Antwort auf Migration. Ganz aktuell wird diese Debatte im Blick auf die EU-Binnenmigration aus mittel- und osteuropäischen Mitgliedsländern geführt – die Migration aus Nicht-EU-Ländern einschließlich der Flüchtlingszahlen spielt zahlenmäßig auf die Gesamtbevölkerungszahl der EU bezogen keine relevante Rolle.

Statt auf Abgrenzung und Abschottung zu zielen fragt das Konzept christlicher Nächstenliebe an dieser Stelle nach den nötigen Änderungen sozialer Sicherungssysteme bzw. einer Sozialpolitik insgesamt und fordert diese ein, um soziale Sicherungssysteme und Sozialpolitik für andere Gruppen öffnen zu können.

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Solidarität und christliche Nächstenliebe haben eine große Schnittmenge, sind aber dennoch nicht deckungsgleich. Der Unterschied liegt im universalistischen Ansatz des Konzeptes christlicher Nächstenliebe. Der Universalistische Ansatz der Nächstenliebe bedingt neben der praktischen Hilfe untereinander immer auch die In-Frage-Stellung und das Aufbrechen sozialer Grenzen und Abgrenzungen. Nächstenliebe im Sinne der Erzählung vom barmherzigen Samaritaner fordert nicht allein Hilfsbereitschaft, sondern ebenso die Offenheit, konfliktbeladene und erstarrte soziale Beziehungen zu hinterfragen und zu verändern im Sinne eines guten Miteinanderlebens.

Ein Beitrag von Jürgen Klute, ehemals Mitglied des Europaparlaments und Autor beim europa.blog

Über den Autor

Ein Kommentar

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    cource says:

    die spaltung der gesellschaft ist die grundvoraussetzung für den systemerhalt—nur wenn jeder in die lage versetzt wird 100% für sich selbst zu sorgen ist an alle gedacht, deshalb müssen die gesellschatlichen rahmenbedingungen/system so gestaltet werden, dass jeder frei und unabhängig voneinander existieren kann so wie im tierreich und genau das wollen die profiteure unseres gegenwärtigen systems verhindern, denn dann könnten sie nicht mehr auf kosten anderer schmarotzen und müssten sich genau so versklaven wie die gegenwärtigen leistungserbringer