50 Jahre nach 1968 

26. Januar 2018 - 13:33 | | Meinungsstark | 1 Kommentare

Manchmal ist die Geschichte linker Bewegungen eine von Spaltung, Ohnmacht, Niederlage oder gebrochener Hoffnung. Manchmal ist es eine Geschichte, in der unterschiedliche Kämpfe nicht miteinander verbunden, sondern getrennt geführt werden. 

Immer wieder hat diese Geschichte aber auch besondere Kulminationspunkte. Jene Momente,  in denen Auseinandersetzungen einander inspirieren und ergänzen, Momente, in denen radikale Ideen die Vielen ergreifen und die Menschen selbstbewusst nach der Gestaltung ihrer eigenen Geschichte verlangen und nachhaltig die Gesellschaft beeinflussen und zum Positiven verändern.
Das Jahr 1968 steht für so einen Moment. Für eine Bewegung der gemeinsamen Hoffnung und der gesellschaftlichen Alternativen. Wir können daraus lernen. Und wir sollten jetzt im Jubiläumsjahr selbstbewusst und stolz sein politisches Erbe für die kommenden politischen Auseinandersetzungen fruchtbar machen!
Es wäre natürlich falsch, den Millionen Menschen, die in den Straßen von Paris, New York, Frankfurt, Berlin, Rio de Janeiro, Warschau und vielen anderen Städten demonstrierten, ein einheitliches, kohärentes Weltbild zu unterstellen. Die Revolte glich vielmehr einer plötzlich aufbrechenden Suchbewegung als Reaktion auf eine Krise des Kapitalismus, dessen wirtschaftlicher Dauerboom erste Risse bekommen hatte. Ihre Forderungen leiteten sich ab aus der radikalen Ablehnung der bestehenden Verhältnisse. Die Kritik an den vielfältigen Unterdrückungsformen der kapitalistischen Normalität wurde zu einer mobilisierenden, konstruktiven Kraft. Die Kritik an kapitalistischer Ausbeutung und Imperialismus, an individueller Unfreiheit und Unterdrückung oder an der ausgebliebenen Aufarbeitung der NS-Zeit wurden zu Facetten eines gemeinsamen Kampfes.
In Westdeutschland wuchs zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Generation heran, die trotz Vollbeschäftigung und der Aussicht auf moderaten Wohlstand der bundesdeutschen Gesellschaft wenig abgewinnen konnte. Dem normiert immer gleichen und reglementierten Berufsalltag ihrer Eltern setzten sie den Anspruch auf ein freies und selbstbestimmtes Leben entgegen. Vor allem junge Menschen, Lehrlinge und Studierende wollten nicht als „Fachidioten“ und als „kleines Rädchen“ im System dienen, sondern ihre Forderungen waren Autonomie und individuelle Entfaltung, und damit stellten sie ganz grundsätzlich die kapitalistischen Eigentums- und Produktionsverhältnisse in Frage.
Sie revolutionierten die Sexualität genauso, wie sie ein neues Verständnis von kritischer Bildung, Pädagogik und sozialer Arbeit etablierten. Und: sie motivierten zu jenen Kämpfen, die zur Emanzipation von Frauen, Migranten und LGBTI beitrugen.
Die „freie Welt“ delegitimierte sich in jenen Jahren genauso offensichtlich wie der vermeintlich sozialistische Ostblock: Die Bilder der von Napalm-Angriffen verwundeten Kinder in Vietnam gingen ebenso um die Welt wie die Berichte über die Unterdrückung der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA oder die Niederschlagung des demokratischen Aufbruchs in der ČSSR. Millionen weltweit politisierten sich und antworteten mit internationaler Solidarität. In jedem Land versuchten die Herrschenden, die Revolten zu unterdrücken. In Deutschland schuf die Repression der Großen Koalition flankiert von der Springer-Presse eine Stimmung, in der auf den studentischen Aktivisten Rudi Dutschke geschossen wurde. Offen trat zu Tage, dass der bürgerliche Staat, in dessen leitenden Positionen sich Tausende Altnazis tummelten, zu einer demokratischen Erneuerung weder willens noch bereit war.

Erfolge der 68er werden von rechts angegriffen

Vieles von dem, was von den ´68ern vor allem auf der ideologisch-politischen Ebene erkämpft wurde, steht heute mehr denn je unter Beschuss. Noch immer und heute verschärft durch das Erstarken der rechts-autoritären Kräfte existiert eine konservativ-reaktionäre Wut auf die ´68er Revolte. Die AfD kämpft gegen das „versiffte links-rot-grüne ´68er Deutschland“ (Jörg Meuthen, AfD), und Alexander Dobrindt (CSU) meint, „Fünfzig Jahre nach 1968 wird es Zeit für eine bürgerlich konservative Wende in Deutschland“ und beschwört gar eine „konservative Revolution“.
Das alles sollte uns Anlass sein, heute die Verdienste der ´68er Generation herauszustellen und um das politische Erbe der Revolte zu kämpfen! Und die LINKE kann – trotz all der  Widersprüchlichkeiten und gemachten Fehler – vieles aus der ´68er Bewegung lernen:
Wir können lernen, wie Kämpfe zusammengeführt werden müssen, die zusammen gehören. Wir können lernen, dass die radikale Kritik am Bestehenden mobilisieren kann, weil sie einen inspirierenden Raum für die bessere und mögliche Welt öffnet und Hoffnung geben kann. Wir können lernen, wie die internationale Solidarität Kämpfe beflügeln kann. Und wir können lernen, wie aus der Revolte Selbstbewusstsein und Emanzipation erwachsen.
Die Welt ist heute eine andere, aber Ausbeutung und Unterdrückung sind ebenso geblieben wie die ständigen Versuche, erkämpfte Errungenschaften wieder zu untergraben. Weder waren die Verhältnisse damals, noch sind die Verhältnisse heute so stabil, wie es oberflächlich manchmal den Eindruck macht. Es wäre Zeit für ein neues ´68!

Über den Autor

Nicole Gohlke ist Sprecherin für Hochschule und Wissenschaft der Linken im Bundestag. Mehr über sie findet man auf: http://www.nicole-gohlke.de/
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Ein Kommentar

  • 1
    altermann says:

    Mich freut es, wenn neue Blogs an den Start gehen, in der Hoffnung, dass mal eine Alternative für Deutschland entsteht, die nicht AfD heißt. Aber leider sehe ich in Deinem Blog – so leid es mir auch tut – nicht das Licht. Als 68er fühle ich mich dem Humanismus und der Aufklärung verbunden, gepaart mit Atheismus und Ablehnung von Religionen aller Art. Wenn hier jetzt Themen wie Migranten und LGBTI die Welt retten sollen, dann taugt das nicht für mich. Da ist mir zu viel Kipping und Pau drin. Eigentlich schade, dass hier nur wiedergekäut wird.