Weihnachtsfrieden: Als Soldaten sich weigerten, Feinde zu sein!

24. Dezember 2020 - 12:16 | | Politik | 2 Kommentare

Es war einer der wenigen positiven Momente im Ersten Weltkrieg. Während der Krieg schon beinahe fünf Monate tobte und etwa eine Million Tote gefordert hatte, schlossen die einfachen Soldaten an Weihnachten, gegen den Befehl ihrer Führung, spontan Frieden.

Am 24. Dezember 1914 kam es sowohl an der Ost- als auch an der Westfront zu Waffenstillständen zwischen einfachen Soldaten. Diese Feuerpausen wurden nicht organisiert, sondern waren spontane Rebellionen der einfachen Frontsoldaten gegen den Krieg und die Generäle. Auch wenn es nicht genau rekonstruierbar ist, fing alles wahrscheinlich bei Rue du Bois (Ortschaft in Frankreich, wo damals die Front verlief) an.

Ein britischer Leutnant hörte am 23. Dezember aus dem gegenüberliegenden deutschen Schützengraben die Aufforderung: „Schießt nicht mehr nach Mitternacht, und wir werden dasselbe tun. Wenn ihr Engländer seid, kommt raus und redet mit uns, wir werden nicht feuern.“ Der Leutnant soll dann wirklich den Schützengraben verlassen haben, um mit den Deutschen ein Waffenstillstandabkommen abzuschließen.

Solche Ereignisse gab es zwischen 23. und 26. Dezember an der ganzen Westfront und auch vereinzelt an der Ostfront. Meistens gingen die Waffenstillstandsangebote von den Deutschen aus. Der englische Offizier Laurie schrieb in einen Brief an seine Frau: „Du hast keine Idee, wie angenehm alles ist ohne Gewehr oder Kanonenschüsse.“ Der Leutnant des 134. sächsischen Regiments Kurt Zehmisch stellte fest: „ Kein einziger Schuss wurde von unserem Regiment zwischen 24. und 27. Dezember abgegeben.“

Waffenstilstand und Weihnachtslieder

Anstatt der Schüsse und des Artilleriefeuers hörte man aus den Schützengräben Weihnachtslieder, Tannenbäume wurden vor den Schützengräben aufgestellt und geschmückt. Soldaten beider Seiten verließen ihre Schützengräben und gingen auf die andere Seite, um sich mit ihren „Feinden“ zu unterhalten. Zigaretten, Fleisch, Wein, Brot, Postkarten und andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs wurden getauscht und sogar verschenkt. Es kam zu Fußballspielen zwischen englischen und deutschen Truppen.

Der Offizier Hans-Georg Reinhardt beschrieb die Situation so: „Überall in den Schützengräben brannten oben auf dem Grabenrand die Lichter der kleinen Christbäumchen … Auch die englischen Gräben uns dicht gegenüber waren überall durch Lichter gekennzeichnet. Kein Schuss fiel, durch die Nacht klangen von der vordersten Front her die herrlichen Weihnachtslieder. Ein unvergesslicher Eindruck für jeden, der dieses Weihnachten miterlebt hat.“

Historiker schätzen, dass an der Westfront um die 100.000 Soldaten direkt am Weihnachtsfrieden beteiligt waren. Mit ganz wenigen Ausnahmen gab es in den Frontabschnitten, wo sich englische und deutsche Truppen gegenüberstanden, zwischen 24. und 26. Dezember keine Schusswechsel. An vereinzelten Frontabschnitten hielt der Weihnachtsfrieden sogar bis nach Neujahr. Von der Ostfront (Deutschland, Russland) gibt es kaum Quellen. Es gilt aber als gesichert, dass es auch dort vereinzelt zu spontanen Waffenstillständen kam, auch wenn es oft nur darum ging, die Toten zu bestatten.

Armeeführung antwortet mit Repression

Den politischen und militärischen Eliten der kriegführenden Nationen jagte der Weihnachtsfrieden eine Heidenangst ein. Zu Verbrüderungen solchen Ausmaßes zwischen verfeindeten Heeren war es davor noch nie gekommen. Es entsetzte die großen Generäle und Politiker, dass sich die einfachen Leute über ihre Befehle hinwegsetzten. Dementsprechend gingen sie mit Repression gegen die Soldaten vor und führten wieder eiserne Disziplin in der Armee ein.

Der Weihnachtsfriede wurde kleingeredet beziehungsweise überhaupt geleugnet. Weder in deutschen noch österreichischen Zeitungen finden sich irgendwelche Berichte über den Weihnachtsfrieden. Aus England – wo die Presse etwas freier war – gab es vereinzelte kleine Berichte.

Als die Heerführungen von den Verbrüderungen erfuhren, verboten sie jeden Kontakt mit der anderen Armee. Das britische Hauptquartier erteilte um 12:53 am Weihnachtstag den Befehl: „Kontakt jedweder Art mit dem Feind ist verboten. Es ist strengstens verboten, die Schützengräben zu verlassen, um sich mit den Feinden auszutauschen, wer sich widersetzt wird hart bestraft werden.“ Von deutscher Seite gab es ähnliche Befehle und nach dem 25. Dezember bestrafte man Soldaten, die nicht auf Befehl schossen, mit aller Härte (Prügelstrafe, Gefängnisse, usw.). Doch als auch das nicht wirklich half, löste die deutsche Heeresführung die besonders aufsässigen Regimenter auf und mischte sie mit unverbrauchten Truppen aus dem Hinterland.

Außerdem gab man der schweren Artillerie, diese war im Hinterland stationiert und hatte dementsprechend nicht viel vom Weihnachtsfrieden mitbekommen, Schießbefehle. Für die Zukunft drohten die Oberste Heeresleitung Deutschlands (OHL) mit Kriegsgerichtsverfahren und Hinrichtungen, falls es wieder zu nicht befohlenen Waffenstillständen kommen würde.

Widerstand von unten lohnt sich

Trotzdem kam es auch im Weihnachten 1915 und 1916 zu Waffenstilständen, wenn auch in deutlich kleinerem Ausmaß als 1914. Doch auch die brutalen Strafandrohungen konnten nicht verhindern, dass es nach der Februarrevolution in Russland an der Ostfront zu noch größeren Verbrüderungen zwischen „feindlichen“ Soldaten kam.

Der Weihnachtsfrieden ist in mehrfacher Hinsicht unglaublich bedeutsam. Zuerst ist interessant zu sehen, dass aus einem religiösen Fest revolutionäre Ideen entstehen können. Außerdem stellte der Weihnachtsfrieden von 1914 den Irrglauben der Liberalen und Konservativen, dass die Massen gehorsam in den Ersten Weltkrieg gezogen wären, auf eine harte Probe. Viele der Soldaten waren Arbeiter, die keine Lust auf den Krieg hatten. Doch durch den beispiellosen Verrat der sozialdemokratischen Führungen, die allesamt dem ersten Weltkrieg zustimmten, waren sie demoralisiert.

Aus dem Weihnachtsfrieden lernten sie, dass sie selbst es waren, die etwas ändern konnten. Ihnen wurde deutlich, dass die Soldaten im Schützengraben gegenüber nicht ihre Feinde waren. Der Feind waren die eigenen Herrscher, vertreten durch die Offiziere. Auch wenn der Weihnachtsfrieden nur einige Tage dauerte, so brachte er doch eine Schlüsselerfahrung für die Massen, die wenige Jahre später sowohl in Russland, in Deutschland, als auch in Österreich zu hunderttausenden gegen den Krieg meuterten und rebellierten und die alten Kaiserreiche durch Massenaufstände zum Teufel jagten.

Ein Artikel aus der Zeitung „Linkswende“ von David Reisinger

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