Zum Todestag: Hände weg von Luxemburg

15. Januar 2017 - 12:22 | | Politik | 0 Kommentare

Heute jährt sich zum 99. mal der Todestag der revolutionären Marxistin Rosa Luxemburg, die umgebracht wurde auf Befehl der SPD. Auch heute noch zählt sie zu den bekanntesten und beliebtesten Linken, dabei wird ihr Erbe nicht nur von revolutionären Linken beansprucht, sondern auch Sozialdemokraten, Anarchisten und Reformisten beanspruchen ihr Erbe. Zu ihrer heutigen Gedenkdemo kommen auch Anhänger Stalins, der selbst Rosa Luxemburg als Reformistin bezeichnete.

Anlässlich ihres Todestages dokumentieren wir den Text „Hände weg von Luxemburg“ des russischen Revolutionärs Leo Trotzki, in dem er sich mit Rosa Luxemburg und ihrem Wirken auseinandersetzt.

Stalins Artikel Über einige Fragen der Geschichte des Bolschewismus erhielt ich mit großer Verspätung. Als ich ihn hatte, konnte ich mich lange nicht überwinden, ihn durchzulesen, denn derlei Literatur ist unbekömmlich wie Sägespäne oder gehackte Borsten. Aber als ich ihn schließlich doch gelesen hatte, kam ich zu dem Ergebnis, daß man an dieser Arbeit allein schon deswegen nicht vorübergehen kann, weil sie eine freche und unverschämte Verleumdung Rosa Luxemburgs enthält.

Stalin versetzt die große Revolutionärin ins Lager des Zentrismus! Er zeigt – nein, er behauptet – daß der Bolschewismus von Anfang an auf die Spaltung mit dem Kautskyschen Zentrismus hingearbeitet habe, während Rosa Luxemburg Kautsky von links her gedeckt habe. Bringen wir seine eigenen Worte:

„jeder Bolschewik, der wirklich Bolschewik ist, weiß, daß Lenin schon lange vor dem Kriege, etwa seit 1903-1904, als sich in Rußland die Gruppe der Bolschewiki herausbildete und als sich die Linken in der deutschen Sozialdemokratie zum ersten Male bemerkbar machten, eine Linie verfolgt hat, die auf den Bruch, die Spaltung mit den Opportunisten sowohl bei uns, in der Sozialdemokratischen Partei Rußlands wie auch dort, in der II. Internationale, im besonderen in der deutschen Sozialdemokratie gerichtet war“. Wenn das nicht zum Erfolg führte, so lag es daran, daß „die linken Sozialdemokraten in der II. Internationale, und vor allem in der deutschen Sozialdemokratie, eine schwache und ohnmächtige, organisatorisch nicht herausgebildete, ideologisch nicht ausgerüstete Gruppe darstellten, die sich fürchtete, das Wort ‚Bruch‘, ‚Spaltung‘ auch nur auszusprechen.“

Um eine derartige Behauptung aufzustellen, muß man in Fragen der Geschichte der eigenen Partei und vor allem des ideellen Entwicklungsganges von Lenin ein völliger Ignorant sein. An den Prämissen von Stalins These ist kein Wort wahr. In den Jahren 1903-1904 war Lenin natürlich ein unversöhnlicher Gegner des Opportunismus in der deutschen Sozialdemokratie. Aber unter Opportunismus verstand er lediglich die „revisionistische„ Strömung, deren theoretischer Führer Bernstein war.

Kautsky befand sich damals im Kampf mit Bernstein. Lenin sah Kautsky als seinen Lehrer an und unterstrich dies überall, wo er konnte. In Lenins Arbeiten aus dieser Zeit und aus den folgenden Jahren finden wir keine Spur einer prinzipiellen, gegen die Richtung Bebel-Kautsky gerichteten Kritik. Dafür finden wir eine Reihe von Erklärungen, die darin übereinstimmen, daß der Bolschewismus nicht irgendeine selbständige Strömung sei, sondern nur die Übertragung der Richtung Bebel-Kautsky in die Sprache der russischen Verhältnisse.

So schrieb Lenin Mitte 1905 in seiner berühmten Broschüre Zwei Taktiken:

„Wo und wann habe ich den Revolutionarismus Bebels und Kautskys als ‚Opportunismus‘ bezeichnet? Wo und wann habe ich mir angemaßt, in der internationalen Sozialdemokratie eine besondere Richtung ins Leben gerufen zu haben, die nicht identisch wäre mit der Richtung Bebels und Kautskys? Wo und wann sind zwischen mir einerseits und Bebel und Kautsky andererseits Differenzen zutage getreten, die auch nur annähernd so ernst wären, wie z.B. die Differenzen zwischen Bebel und Kautsky in der Agrarfrage in Breslau?… Die volle Solidarität der internationalen revolutionären Sozialdemokratie in allen wichtigen Fragen des Programms und der Taktik ist eine unwiderlegbare Tatsache“

Die Worte Lenins sind so klar, präzise und kategorisch, daß sie die ganze Frage sofort erledigen. Eineinhalb Jahre später, am 7. Dezember 1906, schrieb Lenin in dem Artikel „Die Krise des Menschewismus“

„Haben wir doch von Anfang an erklärt (siehe Ein Schritt vorwärts, zwei Schritt zurück): irgendeine besondere ‚bolschewistische‘ Richtung schaffen wir nicht, wir verteidigen nur überall und stets den Standpunkt der revolutionären Sozialdemokratie. In der Sozialdemokratie aber wird es unmittelbar und bis zur sozialen Revolution unbedingt einen opportunistischen und einen revolutionären Flügel geben.“

Wenn Lenin vom Menschewismus als von einem opportunistischen Flügel der Sozialdemokratie sprach, so stellte er die Menschewisten nicht mit Kautsky, sondern mit dem Revisionismus auf eine Stufe. Der Bolschewismus aber erschien ihm als russische Form des Kautskyanismus, der in seinen Augen in jener Periode mit dem Marxismus identisch war. Das soeben angeführte Zitat beweist übrigens, daß Lenin keineswegs kategorisch für die Spaltung mit den Opportunisten eintrat. Daß Revisionisten bis zur sozialen Revolution in der Sozialdemokratie bleiben würden, gestand er nicht nur zu, sondern glaubte „unbedingt“ daran.

Zwei Wochen später, am 20. Dezember 1906, begrüßte Lenin triumphierend die Antwort Kautskys auf die Umfrage Plechanows über den Charakter der russischen Revolution:

„Was wir für uns in Anspruch nahmen – die Verteidigung der Positionen der revolutionären Sozialdemokratie gegen den Opportunismus, keineswegs die Schaffung irgendeiner ‚originellen‘ bolschewistischen Richtung –, hat Kautsky vollauf bestätigt …“

Soweit ist die Frage, wie wir hoffen, völlig klar. Stalin zufolge forderte Lenin schon seit 1903 von der deutschen Sozialdemokratie den Bruch mit den Opportunisten, nicht nur mit denen des rechten Flügels (Bernstein), sondern auch mit denen des linken (Kautsky). Lenin aber wies im Dezember 1906 Plechanow und die Menschewisten mit Stolz darauf hin, daß die Richtung Kautskys in Deutschland und die des Bolschewismus in Rußland – identisch seien. So sieht der erste Teil von Stalins Streifzug durch die Geschichte der Ideen des Bolschewismus aus. Aufrichtigkeit und Gelehrsamkeit des Forschers stehen auf gleichem Niveau!

Gleich nach seiner Behauptung bezüglich der Jahre 1903-4 macht Stalin einen Sprung ins Jahr 1916 und beruft sich auf die scharfe Kritik Lenins an der Kriegsbroschüre von Junius, das heißt von Rosa Luxemburg. In dieser Periode hatte Lenin dem Kautskyanismus schon den unversöhnlichen Krieg erklärt und aus seiner Kritik alle nötigen organisatorischen Schlüsse gezogen. Zweifellos behandelte Rosa Luxemburg die Frage des Kampfes gegen den Zentrismus nicht mit der nötigen Klarheit; hier war die Überlegenheit gänzlich auf seiten Lenins. Aber zwischen dem Oktober 1916, als Lenin über die Juniusbroschüre schrieb, und dem Jahre 1903, als der Bolschewismus entstand, liegen 13 Jahre; und während des größten Teils dieser Periode stand Rosa Luxemburg in Opposition zu Kautsky und dem Bebelschen Parteivorstand und gab ihrem Kampf gegen den formalen, pedantischen, innerlich faulen „Radikalismus“ Kautskys immer schärfere Formen.

Lenin nahm an diesem Kampf keinen Anteil und unterstützte Rosa Luxemburg nicht vor 1914. Leidenschaftlich mit den russischen Angelegenheiten befaßt, verhielt er sich in internationalen Fragen überaus vorsichtig. In Lenins Augen standen Bebel und Kautsky als Revolutionäre unvergleichlich höher als in den Augen Rosa Luxemburgs, die sie aus größerer Nähe, bei ihrer praktischen Tätigkeit beobachtete und die Atmosphäre der deutschen Politik sehr viel unmittelbarer kennenlernte.

Die Kapitulation der deutschen Sozialdemokratie vom 4. August war für Lenin eine völlige Überraschung. Es ist bekannt, daß Lenin die Nummer des Vorwärts mit der patriotischen Deklaration der sozialdemokratischen Fraktion für eine Fälschung des deutschen Generalstabs hielt. Erst als er sich endgültig von der scheußlichen Wahrheit überzeugt hatte, revidierte er seine Beurteilung der Hauptrichtungen der deutschen Sozialdemokratie, und zwar auf „leninistische“ Art, indem er sofort alle Konsequenzen daraus zog

Am 27. Oktober 1914 schrieb Lenin an A. Schljapnikow:

„Kautsky hasse und verachte ich jetzt am allermeisten: das ist dreckige, lumpige und selbstzufriedene Heuchelei … Rosa Luxemburg hatte recht, als sie bereits vor langer Zeit schrieb, Kautsky sei die ‚Servilität des Theoretikers‘ eigen, die Kriecherei, einfacher gesagt, die Kriecherei vor der Mehrheit der Partei, vor dem Opportunismus“ (Leninski sbornik II, S.200).

Selbst wenn es keine anderen Dokumente gäbe (aber es gibt hunderte), könnten schon diese wenigen Zeilen die Geschichte der Frage restlos aufhellen. Lenin hält es für nötig, Ende 1914 einem seiner (zu jener Zeit) nächsten Mitarbeiter zu erklären, daß er „jetzt“ heute, zum Unterschied von früher, Kautsky „haßt und verachtet“ Die Schärfe des Ausdrucks beweist untrüglich, in welchem Maße Kautsky die Erwartungen Lenins enttäuscht hatte. Nicht weniger klar ist die andere Aussage: „Rosa Luxemburg hatte recht, als sie bereits vor langer Zeit schrieb, Kautsky sei die ‚Servilität des Theoretikers‘ eigen.“

Lenin bemüht sich hier, anzuerkennen, was er vordem nicht gesehen oder doch nicht ganz anerkannt hatte: daß Rosa Luxemburg recht gehabt hatte.

Das sind die wichtigsten Orientierungspunkte zur Beurteilung der politischen Biographie Lenins. Natürlich ist seine ideelle Entwicklung aus einem Guß. Das bedeutet aber auch, daß Lenin nicht als Lenin geboren wurde, wie es von den Susdaler Ikonenmalern dargestellt wird, sondern sich dazu machte. Lenin erweiterte seinen Gesichtskreis, lernte bei anderen und erhob sich ständig über das schon erreichte Niveau. In dieser Beharrlichkeit der beständigen geistigen Anstrengung, über sich selbst hinauszukommen, fand seine kühne Seele ihren Ausdruck. Wenn Lenin im Jahre 1903 alles verstanden und formuliert hätte, was für künftige Zeiten erforderlich war, so hätte sein ganzes übriges Leben nur aus beständiger Wiederholung bestanden. In Wirklichkeit war es ganz anders. Stalin stalinisiert einfach Lenin, indem er ihn seinen numerierten Schablonen anpaßt. Im Kampf Rosa Luxemburgs gegen Kautsky hatten – besonders in den Jahren 1910-1914 – die Probleme des Krieges, des Militarismus und des Pazifismus hervorragende Bedeutung. Kautsky verteidigte das reformistische Programm: Rüstungsbeschränkung, internationales Schiedsgericht usw. Rosa Luxemburg bekämpfte dieses Programm mit aller Entschiedenheit, da sie es für illusorisch hielt. Lenin verhielt sich in dieser Frage schwankend, stand aber während einer gewissen Zeit Kautsky näher als Rosa Luxemburg. Aus meinen damaligen Unterhaltungen mit Lenin entsinne ich mich, daß auf ihn das folgende Argument Kautskys einen großen Eindruck machte: So wie Reformen in der Innenpolitik ein Produkt des revolutionären Klassenkampfes darstellen, so kann man auch in den internationalen Beziehungen gewisse Garantien („Reformen“ durch internationalen Klassenkampf erobern. Lenin meinte, daß man diese Position Kautskys völlig unterstützen könne, sofern er nach seiner Polemik mit Rosa Luxemburg auf die Rechten schlage (Noske u. Cie.). Ich kann jetzt nicht aus dem Gedächtnis sagen, in welchem Maß diese Überlegungen in den Artikeln Lenins zum Ausdruck gekommen sind – die Frage würde eine besondere, gründliche Analyse fordern. Ich kann auch nicht nach dem Gedächtnis feststellen, wann Lenins Schwanken in dieser Frage sich entschieden hat. Auf jeden Fall fand diese Unschlüssigkeit ihren Ausdruck nicht nur in Unterhaltungen, sondern auch im Briefwechsel. Der Besitzer eines dieser Briefe ist Karl Radek.

Ich halte es für nötig, hier eine Zeugenaussage in dieser Angelegenheit zu machen, um zu versuchen, ein für die theoretische Biographie Lenins außerordentlich wertvolles Dokument zu retten. Im Herbst 1926, während unserer gemeinsamen Arbeit an der Plattform der Linken Opposition, zeigte Radek Kamenew, Sinowjew und mir – wahrscheinlich auch anderen Genossen einen Brief, den ihm Lenin (1911?) geschickt hatte, und der eine Verteidigung Kautskys gegen die Kritik der deutschen Linken enthielt. Einem ZK-Beschluß zufolge wäre Radek wie jeder andere Genosse verpflichtet gewesen, diesen Brief dem Lenininstitut zu übergeben. Aber in Furcht, daß der Brief in der Stalinschen Fabrik der Fälschungen unterdrückt oder gar vernichtet werde, entschloß sich Radek, den Brief für bessere Zeiten aufzuheben. Dieser Überlegung Radeks konnte man keineswegs die Berechtigung absprechen. Inzwischen aber beteiligt sich Radek selber aktiv genug an der Herstellung politischer Fälschungen, mag er auch nur geringe Verantwortung dafür tragen. Es genügt, daran zu erinnern, daß Radek, der zum Unterschied von Stalin mit der Geschichte des Marxismus vertraut ist und auf jeden Fall den Brief Lenins gut kennt, es für möglich hielt, sich offen mit der schamlosen „Charakteristik“ Rosa Luxemburgs durch Stalin zu solidarisieren. Daß Radek dabei unter der Peitsche Jarowslawskis handelte, mildert seine Schuld nicht, denn nur verächtliche Sklaven können den Prinzipien des Marxismus im Namen der Prinzipien der Peitsche abschwören.

Aber es geht jetzt nicht um die persönliche Charakteristik Radeks, sondern um das Schicksal des Leninschen Briefes. Was ist mit ihm geschehen? Versteckt ihn Radek auch jetzt noch vor dem Lenin-Institut? Kaum. Wahrscheinlich übergab er ihn der zuständigen Stelle als greifbaren Beweis (neben so vielen anderen) seiner ungreifbaren Ergebenheit. Welches weitere Schicksal wurde dem Brief zuteil? Wird er im persönlichen Archiv Stalins zusammen mit den für seine nächsten Mitarbeiter kompromittierenden Dokumenten aufbewahrt? Oder wurde er vernichtet wie viele andere wertvolle Dokumente aus der Vergangenheit der Partei? jedenfalls kann es keinerlei politische Gründe für die Verheimlichung eines Briefes geben, der vor zwei Jahrzehnten geschrieben wurde und einer Frage gewidmet ist, die nurmehr historisches Interesse beansprucht. Aber gerade der historische Wert des Briefes ist überaus groß. Er zeigt Lenin, wie er in Wirklichkeit gewesen ist, nicht so, wie ihn bürokratische Dummköpfe, die Unfehlbarkeit beanspruchen, nach ihrem eigenen Bilde formen. Wir fragen: Wo ist Lenins Brief an Radek? Macht ihn der Partei und der Kommunistischen Internationale bekannt!

Wenn man die Differenzen Lenins und Rosa Luxemburgs in ihrer Gesamtheit betrachtet, so ergibt sich als historische Wahrheit, daß Lenin zweifellos recht hatte. Aber das schließt nicht aus, daß in bestimmten Perioden Rosa Luxemburg in manchen Fragen Lenin gegenüber im Recht war. Auf jeden Fall entwickelten sich die Meinungsverschiedenheiten ungeachtet ihrer Bedeutung und ihrer zeitweilig außerordentlichen Schärfe auf der ihnen beiden gemeinsamen Grundlage der revolutionären proletarischen Politik.

Als Lenin rückblickend im Oktober 1919 schrieb (Gruß den italienischen, französischen und deutschen Kommunisten): „…im entscheidenden Augenblick, als es um die Eroberung der Macht und die Schaffung der Sowjetrepublik ging, waren die Bolschewiki einig und geschlossen, zogen sie die besten Elemente der ihnen nahestehenden sozialistischen Richtungen zu sich heran …“, hatte er zweifellos auch die Richtung Rosa Luxemburgs im Sinn, deren nächste Gesinnungsgenossen, Marchlewski, Dserschinski und andere in den Reihen der Bolschewiki kämpften.

Lenin kannte die Irrtümer Rosa Luxemburgs besser als Stalin, aber es ist kein Zufall, daß er den alten russischen Zweizeiler „Wohl traf’s sich, daß des Adlers Flug ihn niedriger, als Hühner fliegen, trug, doch fliegen Hühner nie auf Adlershöh’n!“ gerade auf Rosa Luxemburg anwandte. Genau das ist es! Und darum sollte Stalin seine ressentimentgeladene Mittelmäßigkeit besser im Zaum halten, wenn er mit Menschen vom Range Rosa Luxemburgs zu tun hat.

In dem Artikel Geschichtliches zur Frage der Diktatur (vom Oktober 1920) schrieb Lenin im Hinblick auf die schon von der Revolution des Jahres 1905 aufgeworfene Frage der Rätemacht und der Diktatur des Proletariats:

„So hervorragende Vertreter des revolutionären Proletariats und des unverfälschten Marxismus, wie Rosa Luxemburg, erkannten sofort die Bedeutung dieser praktischen Erfahrung und traten sofort in Versammlungen und in der Presse mit einer kritischen Analyse auf, während … Leute vom Schlage der späteren ‚Kautskyaner‘ … sich als absolut unfähig erwiesen, die Bedeutung dieser Erfahrung zu erfassen …“

In wenigen Zeilen bestätigt Lenin die große historische Bedeutung des Kampfes Rosa Luxemburgs gegen Kautsky, dessen Tragweite er selbst bei weitem nicht sogleich erkannt hatte. Wenn für Stalin, den Verbündeten Tschiang Kai-scheks und Purcells, den Theoretiker der „Arbeiter- und Bauernpartei“ der „demokratischen Diktatur“ des „Nichtzurückstoßens der Bourgeoisie usw. Rosa Luxemburg die Repräsentantin des Zentrismus ist, so ist sie für Lenin Repräsentantin des „unverfälschten Marxismus“. Was diese Formulierung aus Lenins Feder bedeutet, ist jedem klar, der Lenin auch nur ein wenig kennt.“

Wir fügen hier noch hinzu, daß in den Anmerkungen zu den Werken Lenins über Rosa Luxemburg unter anderem Folgendes gesagt wird: „In der Blütezeit des Bernsteinschen Revisionismus, und später des Ministerialismus (Millerand) führte Luxemburg, die ihren Platz auf dem linken Flügel der deutschen Partei einnahm, gegen diese Strömungen einen entscheidenden Kampf … Im Jahre 1907 nahm sie als Delegierte der polnischen und litauischen Sozialdemokratie auf dem Londoner Parteitag der russ. soz.-dem. Arbeiterpartei teil, wobei sie in den Grundfragen der russischen Revolution die bolschewistische Fraktion unterstützte. Seit 1907 gab sich Luxemburg gänzlich der deutschen Arbeit hin, wobei sie eine linksradikale Stellung einnahm und das Zentrum und den rechten Flügel bekämpfte … Ihre Teilnahme im Januaraufstand machte ihren Namen zum Banner der proletarischen Revolution.“

Natürlich wird der Autor der Anmerkung zweifellos schon morgen seine Sünde bekennen und erklären, daß er zu Lenins Zeiten blind gewesen und erst unter Stalin zu voller Klarheit gekommen sei. Heutzutage werden solche Erklärungen – ein Gemisch von Plattheit, Kretinismus und Posse – in der Moskauer Presse jeden Tag abgegeben. Aber an der Sache ändern sie nichts: „Was mit der Feder geschrieben ist, wird mit dem Beil abgehauen.“ Jawohl, Rosa Luxemburg wurde zum Banner der proletarischen Revolution.

Wieso und warum aber befaßte sich Stalin auf einmal – und mit so großer Verspätung! – mit der Revision der alten bolschewistischen Einschätzung von Rosa Luxemburg? Ähnlich all seinen früheren unglücklichen Unternehmungen im Felde der Theorie ist auch diese letzte, skandalöseste, durch die Logik seines Kampfes gegen die Theorie der permanenten Revolution hervorgerufen. In seinem „historischen“ Artikel widmet Stalin dieser Theorie wiederum den größten Raum. Er bringt nichts Neues vor. Wir haben all seine Argumente längst in unserem Buch Die permanente Revolution beantwortet. Unter historischem Aspekt wird die Frage, wie wir hoffen, in dem in Druck befindlichen zweiten Band der Geschichte der russischen Revolution (Oktoberrevolution) zureichend aufgeklärt. Hier beschäftigt uns die Frage der permanenten Revolution nur, soweit Stalin sie mit dem Namen Rosa Luxemburg verknüpft. Wir werden sogleich sehen, wie der unglückselige Theoretiker es fertiggebracht hat, sich selbst eine tödliche Falle zu stellen.

Nachdem er an die Streitigkeiten der Menschewisten mit den Bolschewisten in der Frage der Triebkräfte der russischen Revolution erinnert und es fertiggebracht hat, in wenigen Zeilen eine Reihe von Irrtümern aufzuhäufen, die wir außer Betracht lassen müssen, schreibt Stalin:

„Wie verhielten sich zu diesen Auseinandersetzungen die Linken in der deutschen Sozialdemokratie, Parvus und Rosa Luxemburg? Sie ersannen ein utopisches und halbmenschewistisches Schema, das der permanenten Revolution … Im weiteren wurde dieses halbmenschewistische Schema der permanenten Revolution von Trotzki (teilweise von Martow) aufgegriffen und zu einer Waffe des Kampfes gegen den Leninismus gemacht.“

So sieht die überraschende Geschichte der Entstehung der Theorie der permanenten Revolution nach den letzten geschichtlichen Forschungen Stalins aus. Aber leider hat der Forscher vergessen, seine früheren gelehrten Arbeiten zu berücksichtigen. Schon 1925 hat sich der gleiche Stalin in seiner Polemik gegen Radek zu dieser Frage geäußert. Damals schrieb er:

„Es ist nicht wahr, daß die Theorie der ‚permanenten Revolution‘ … im Jahre 1905 von Rosa Luxemburg und Trotzki vorgebracht wurde. In Wirklichkeit wurde diese Theorie von Parvus und Trotzki vorgebracht.“

Diese Feststellung kann man auf Seite 185 der russischen Ausgabe der Fragen des Leninismus von 1926 finden. Es ist zu hoffen, daß sie auch in allen anderssprachigen Ausgaben enthalten ist.

Im Jahre 1925 erklärte Stalin Rosa Luxemburg also für unschuldig an der Begehung einer solchen Todsünde, wie es die Beteiligung an der Ausarbeitung der Theorie der permanenten Revolution ist. „In Wirklichkeit wurde diese Theorie von Parvus und Trotzki vorgebracht.“ Im Jahre 1931 erfahren wir von dem gleichen Stalin, daß gerade „Parvus und Rosa Luxemburg … ein utopisches und halbmenschewistisches Schema, das der permanenten Revolution … ersannen“. Trotzki aber war nicht schuld an der Ausarbeitung der Theorie, sie wurde von ihm nur „aufgegriffen“ und zugleich auch von … Martow!!!? Wiederum ist Stalin auf frischer Tat ertappt. Schreibt er über Fragen, von denen er nichts versteht? Oder stiftet er vorsätzlich in den Grundfragen des Marxismus Verwirrung? Diese Alternative ist falsch. In Wirklichkeit ist das eine wie das andere der Fall. Die Stalinschen Fälschungen sind bewußt, soweit sie in einem bestimmten Moment von wohlverstandenen persönlichen Interessen diktiert sind. Gleichzeitig sind sie nur halbbewußt, soweit seine plumpe Unwissenheit seiner theoretischen Willkür keinerlei Hemmungen entgegenstellt.

Aber die Tatsache ist festzuhalten: Im Kampfe mit der „trotzkistischen Konterbande“ stieß Stalin im Jahre 1931 auf einen neuen persönlichen Feind: Rosa Luxemburg! Er zögerte keinen Augenblick, sie zu verleumden, wobei er, bevor er in großen Dosen Grobheit und Illoyalität in Umlauf brachte, sich nicht einmal die Mühe machte, nachzuschlagen, was er selbst fünf Jahre früher zur gleichen Frage gesagt hatte.

Die neue Variante der Geschichte der Theorie der permanenten Revolution ist vor allem diktiert durch den Wunsch, ein noch gepfefferteres Gericht aufzutragen als die vorigen. Man braucht nicht erst zu sagen, daß Martow lediglich zur besseren Würze der theoretisch-historischen Speise an den Haaren herbeigezogen wird. Martow stand Theorie und Praxis der permanenten Revolution stets feindselig gegenüber und unterstrich seinerzeit mehr als einmal, daß die Anschauungen Trotzkis über die Revolution in gleicher Weise von den Bolschewisten wie von den Menschewisten abgelehnt wurden. Aber es lohnt nicht, sich dabei aufzuhalten.

Es ist in der Tat fatal, daß es keine einzige wichtige Frage der internationalen proletarischen Revolution gibt, in der Stalin nicht zweierlei einander gerade entgegengesetzte Meinungen ausgesprochen hätte. Wir wissen, daß er im April 1924 in den Fragen des Leninismus die Unmöglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem einzelnen Lande bewies. Im Herbst, in der neuen Auflage des Buches, ersetzte er diese Stelle durch den Beweis (d.h. durch die simple Behauptung), daß das Proletariat den Sozialismus in einem einzigen Land aufbauen „kann und muß“ Der gesamte übrige Text blieb unverändert. In der Frage der Arbeiter- und Bauernpartei, der Brest-Litowsker Verhandlungen, der Führung der Oktoberrevolution, in der Nationalitätenfrage usw. brachte Stalin es fertig, binnen weniger Jahre, manchmal weniger Monate, einander diametral entgegengesetzte Meinungen von sich zu geben. Es wäre falsch, all das seinem schlechten Gedächtnis zugute zu halten. Es handelt sich um einen sehr viel ernsteren Mangel. Stalin fehlt jede Methode wissenschaftlichen Denkens, und er verfügt über keinerlei prinzipielle Kriterien. Er geht an jede Frage so heran, als sei diese Frage gerade erst jetzt aufgetaucht und von allen anderen isoliert. Sein Urteil unterliegt seinem unmittelbaren Tagesinteresse. Die demütigenden Widersprüche sind der Preis für seinen vulgären Empirismus. Für ihn steht Rosa Luxemburg nicht im Kontext der deutschen, polnischen und internationalen Arbeiterbewegung des letzten halben Jahrhunderts, sondern sie erscheint ihm stets wieder als eine unbekannte, isolierte Person, vor der er sich in jeder neuen Situation fragen muß: Ist das Freund oder Feind? Ein richtiger Instinkt sagte dem Theoretiker des Sozialismus in einem einzelnen Lande für diesmal, daß Rosa Luxemburgs Schatten ihm unversöhnlich feindlich ist. Aber das hindert den großen Schatten nicht, das Banner der internationalen proletarischen Revolution zu bleiben

Rosa Luxemburg gab im Jahre 1918 aus dem Gefängnis heraus eine sehr strenge und im ganzen genommen falsche Kritik der bolschewistischen Politik. Aber selbst in dieser Arbeit – die zu ihren an Fehleinschätzungen reichsten gehört – sind die Adlerschwingen sichtbar. Hier ihre allgemeine Einschätzung des Oktoberaufstands:

„Was eine Partei in geschichtlicher Stunde an Mut, Tatkraft, revolutionärem Weitblick und Konsequenz aufzubringen vermag, das haben Lenin, Trotzki und Genossen vollauf geleistet. Die ganze revolutionäre Ehre und Aktionsfähigkeit, die der Sozialdemokratie im Westen gebrach, war in den Bolschewiki vertreten. Ihr Oktober-Aufstand war nicht nur eine tatsächliche Rettung für die russische Revolution, sondern auch eine Ehrenrettung des internationalen Sozialismus.“

Ist das die Stimme des Zentrismus?

Luxemburg unterwirft auf den folgenden Seiten die Politik der Bolschewisten in der Agrarfrage, die Losung der nationalen Selbstbestimmung und den Verzicht auf die formale Demokratie einer harten Kritik. In dieser Kritik, die gleicherweise gegen Lenin wie gegen Trotzki gerichtet ist, macht sie, nebenbei gesagt, zwischen deren Anschauungen keinerlei Unterschied, und Rosa Luxemburg verstand zu lesen, zu begreifen und Nuancen zu erkennen. Es kam ihr nicht einmal in den Sinn, mich anzuklagen, daß ich meine Anschauungen über die Bauernschaft geändert hätte, als ich mich mit Lenin in der Agrarfrage solidarisierte. Dabei kannte sie diese Anschauungen gut, denn ich hatte sie in ihrer polnischen Zeitschrift im Jahre 1909 eingehend dargelegt …

Rosa Luxemburg schließt ihre Kritik mit der Forderung, „in der Politik der Bolschewiki das Wesentliche vom Unwesentlichen, den Kern vom Zufälligen zu unterscheiden“ Das Wesentliche ist ihr „die Tatkraft der Massen, der Wille zur Macht des Sozialismus überhaupt“ „In dieser Beziehung“ schreibt sie, „waren Lenin und Trotzki mit ihren Freunden die ersten, die dem Weltproletariat mit dem Beispiel vorangegangen sind, sie sind bis jetzt noch immer die einzigen, die mit Hutten ausrufen können: Ich hab’s gewagt!“

Wahrlich, Stalin hat allen Grund, Rosa Luxemburg zu hassen. Umso größer ist unsere Verpflichtung, die Erinnerung an Rosa Luxemburg von Stalins Verleumdung rein zu halten, die von besoldeten Funktionären beider Hemisphären wiederholt wird; umso mehr ist es unsere Pflicht, diese wahrlich unvergleichliche heroisch-tragische Gestalt den jungen Generationen des Proletariats in all ihrem Glanz und ihrer großen erzieherischen Kraft zu überliefern.

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