Oktoberrevolution: Sozialistische Hoffnung für die Welt

7. November 2016 - 20:03 | | Politik | 0 Kommentare
Quelle – Fotograf: Frank Weber (CC BY 2.0)

Nach der Oktoberrevolution 1917 war Russland für wenige Jahre das freieste Land der Welt. Der Sturz des Kapitalismus hatte eine neue Welt möglich gemacht. Jede Art von Bildung ist kostenlos. Alle Zugangsbeschränkungen an den Universitäten sind abgeschafft so die Situation im Sowjetrussland im Frühjahr 1919.

Man hofft, dass möglichst viele Arbeiter den Weg in die Unis finden. In Moskau hat sich die Zahl der Studenten verdoppelt.

Schulen sind in zwei Arten aufgeteilt – eine für Kinder von sieben bis zwölf Jahren und eine für Kinder von 13 bis 17 Jahren. Eine Milliarde Rubel wird für die Ernährung der Schulkinder bereitgestellt. Diejenigen, die sie am nötigsten brauchen, werden kostenlos mit Kleidung und Schuhen versorgt.

Unis und Schulen arbeiten eng zusammen. Arbeiter sollen ein umfassendes wissenschaftliches Verständnis ihrer Tätigkeit bekommen können. Niemand soll aufgrund von Unwissenheit seine Arbeit wie ein Rädchen in einer Maschine ausführen müssen. Elektriker besuchen Kurse über Elektrizität, und die besten Agrarexperten der Unis reden vor Bauern. Diese Kurse werden von tausenden Menschen besucht – trotz klirrender Kälte in den unbeheizten Hörsälen.

Brennstoff ist knapp. Die Versorgungslage ist schlecht, denn es herrscht Bürgerkrieg in Russland. Die alten Generäle, welche erbittert für die Wiederherstellung der alten Zustände kämpfen, werden in ihren Angriffen gegen die Revolution von 14 Staaten mit Soldaten und Waffen unterstützt.
Der Durst der Wissensdurst der Menschen und die Verbesserung des Bildungsangebotes leiden darunter nicht. Im Oktober 1917 gab es in Moskau 30 Büchereien. 1919 sind es 85. Überall wird gelesen. Immer mehr Menschen lesen Zeitungen, deren Auflagen trotz der Papier-Engpässe gesteigert werden.

Hunger quält die Menschen. Trotzdem steigt die Zahl der Theaterbesucher. Shakespeare wird aufgeführt, Molière, Dickens, Gorki und russische Klassiker. Das Publikum ist nicht mehr das Publikum des zaristischen Russland, in dem Bildung, Kultur und die Fähigkeit zu lesen Privilegien der Reichen waren.

Fort sind die Abendkleider und gestärkten weißen Hemdbrüste. Menschen in Alltagskleidung sitzen in den Rängen. Bäuerinnen kommen in Trachten, Soldaten in Uniform, viele Arbeiter direkt aus der Fabrik.

Alle haben Mäntel und Jacken mit, denn die Theater können nicht geheizt werden. Der Strom reicht nur für die Beleuchtung.

Im Oktober 1917 hatten Arbeiter, Bauern und Soldaten Russland zum freiesten Land der Welt gemacht.

Die revolutionäre Regierung, der „Rat der Volkskommissare“, hatte schon in den ersten Wochen den Landbesitz abgeschafft. Das Land gehörte den Bauern, die darauf arbeiten wollten. Alle Teile der Volkswirtschaft wurden unter die Kontrolle der Arbeiter selbst gestellt. Alle Menschen, die öffentliche Aufgaben erfüllten, wurden gewählt und waren auch abwählbar.

Der Rat der Volkskommissare beendete die russische Beteiligung am Ersten Weltkrieg und bot sofort Friedensverhandlungen an. Die vielen Völker, die die Zaren gewaltsam dem russischen Imperium einverleibt hatten, sollten selbst entscheiden, ob sie sich der Revolution anschließen wollten oder nicht.

Frauen erhielten das volle Wahlrecht, Männer und Frauen das Recht auf Scheidung. Eheliche und uneheliche Kinder wurden gleich behandelt. Homosexualität war nicht mehr illegal, Kirche und Staat wurden getrennt.

Der US-amerikanische Journalist John Reed, der während der Revolution in der damaligen Hauptstadt Petrograd war, beschrieb: „Am Horizont schimmerten die Lichter der Hauptstadt, als wäre die weite, kahle Ebene mit Juwelen übersät. Der alte Arbeiter am Steuer hielt das Lenkrad nur noch mit einer Hand, während er mit der anderen voll überschwänglicher Freude auf die in der Ferne leuchtende Hauptstadt wies. ‚Mein!’ rief er mit glänzenden Augen. ‚Ganz gehört es jetzt mir! Mein Petrograd!’“

Das war nur möglich, weil die Revolution vom Oktober 1917 die Regierung Kerenski gestürzt hatte.

Kerenski stand seit Juli der Provisorischen Regierung vor, die in der Februarrevolution 1917 an die Macht gekommen war. In der Februarrevolution erhoben sich die kriegsmüden Russen. Es herrschte Hunger. Die wenigen Nahrungsmittel bekam die Armee, während Menschen in den Städten starben.
Am achten März, dem internationalen Frauentag, streikten Tausende Arbeiterinnen und demonstrierten gemeinsam mit anderen Frauen.

Soldaten weigerten sich, auf die Demonstrantinnen zu schießen. Arbeiterinnen und Soldaten zogen vor das Scheinparlament und riefen „Brot“, „Nieder mit dem Zaren“ und „Stoppt den Krieg“. Hunderttausende Arbeiter schlossen sich an und streikten ebenfalls. Ganze Regimenter von Soldaten schlossen sich an.

Innerhalb von 48 Stunden wurde die Jahrhunderte alte Schreckensherrschaft der Zaren beendet. Eine Koalition aus Bürgerlichen, Sozialdemokraten, und Sozialrevolutionären, die Provisorische Regierung, übernahm die Regierungsgeschäfte.

Die streikenden Arbeiter wählten in ihren Betrieben Sowjets, Arbeiterräte zur Selbstverwaltung. Die führenden und anerkannten Aktivisten in den Betrieben waren oft Mitglieder der Bolschewiki, der revolutionären Partei, aus der später die Kommunistische Partei der Sowjetunion wurde. Auch Soldaten und Bauern begannen Sowjets zu wählen.

Mit den Sowjets und der Provisorischen Regierung entstanden zwei konkurrierende Machtzentren in Russland. Die Provisorische Regierung dachte nicht daran, die Forderungen der Februarrevolution umzusetzen. Der Krieg ging weiter. Nach wie vor herrschte Hunger. Die Landreform, die die Bauern erwarteten, blieb aus.

Unter den Bolschewiki und im Verlauf des Sommers 1917 auch in den Betrieben setzte sich die Einsicht durch, dass die Arbeiter und Bauern das Land selbst regieren mussten, um sich Land, Frieden und Brot zu sichern. Die Bolschewiki begannen, gemeinsam für den Sturz der Provisorischen Regierung zu streiten und gewannen so die Mehrheit in den Arbeiterräten.

Die Bolschewiki erwarteten, dass sich eine sozialistische Gesellschaft in Russland allein gegen die Angriffe der kapitalistischen Staaten nicht würde behaupten können. Sie waren aber sicher, dass sich auch in anderen Ländern die kriegsmüden Menschen erheben würden. Die Bolschewiki betrachteten den Umsturz in Russland immer als einen Teil einer internationalen Erhebung. Nur mit Hilfe der Arbeiter in anderen, industriell entwickelteren Ländern würde die russische Revolution überleben und beim Aufbau einer neuen Welt helfen können.

Aber die russischen Arbeiter, Bauern und Soldaten konnten nicht auf die Erhebung in anderen Ländern warten.

Lenin – Pixabay.com

Als Ende Oktober der Allrussische Kongress der Sowjets zusammentreten sollte, verhafteten die Bolschewiki mit der Mehrheit in den Sowjets im Rücken die Provisorische Regierung. Der Kongress – und damit die Arbeiter selbst – übernahm die Macht. Arbeiter, Bauern und Soldaten hatten sich Land, Frieden und Brot selbst erkämpft. Der Rat der Volkskommissare führte die Regierungsgeschäfte.

Die Oktoberrevolution war nur der Anfang einer Welle revolutionärer Erhebungen in Europa zwischen 1917 und 1919. In Deutschland streikten im Januar 1918 hunderttausende Arbeiter, um die Bolschewiki bei den Friedensverhandlungen zu unterstützen und die kaiserliche Delegation unter Druck zu setzen.

Im November 1918 bildeten Arbeiter und Soldaten in Deutschland Räte. Der britische Journalist Morgan Philips Price war anwesend, als diese Botschaft auf einem Rätekongress in Russland eintraf: „Um 2 Uhr früh erhob sich Radek und verlas ein Telegramm, in dem mitgeteilt wurde, die deutsche Flotte in Kiel habe die rote Fahne gehisst und der russischen roten Flotte ihren Gruß entboten. Sämtliche Delegierten des Kongresses sprangen auf, und das Hurragebrüll dauerte über zehn Minuten.“

Am Nachmittag des 9. November erfuhr der Kongress, dass Arbeiter und Soldaten den deutschen Kaiser gestürzt hatten. „Der folgende Tag wurde zu einem öffentlichen Feiertag erklärt und ein Glückwunschtelegramm verfasst, das an den Berliner Sowjet abgehen sollte. An diesem Abend fanden große öffentliche Versammlungen statt, auf denen Redner mit großer Zuversicht von der sozialen Revolution sprachen, die in Europa bereits auf dem Wege sei, und der russischen Sowjetrepublik die Erlösung aus ihrer Isolation prophezeiten.“

Aber die deutschen Sowjets übernahmen nicht die Macht. Die Revolution wurde von den deutschen Sozialdemokraten gemeinsam mit der Armee blutig nieder geschlagen.
Auch in anderen Ländern wie in Italien und Großbritannien erhoben sich Arbeiter. Aber bis 1923 waren die revolutionären Wellen abgeebbt.
Sowjetrussland blieb isoliert. Das Land war vom Bürgerkrieg zerstört, Millionen Tote durch Hunger und Krieg zu beklagen. Der revolutionären Arbeiterdemokratie fehlten die Arbeiter. Die Kommunisten begannen, die Selbstverwaltung zu ersetzen. Die kämpfende Partei wurde langsam zu einem Verwaltungsapparat.

Stalin entwickelte seine Theorie vom „Sozialismus in einem Land“. Dahinter verbarg sich ein Programm zur industriellen Entwicklung: „Wir liegen 50 bis 100 Jahre hinter den entwickelten Ländern. Wir müssen diese Distanz in 10 Jahren überbrücken. Entweder wir schaffen es, oder wir werden vernichtet,“ sagte er 1931. Ohne Arbeiterkontrolle bedeutete industrielle Entwicklung, dass Arbeiter und Bauern durch den Staat ausgebeutet und blutig unterdrückt wurden, um diese Mammutaufgabe zu bewerkstelligen. Stalin wurde zum Totengräber der Revolution.

Der Beitrag wurde vor einigen Jahren im Linksruck veröffentlicht

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