Warum hat die Türkei den russischen Kampfjet im syrischen Luftraum abgeschossen?

28. November 2015 - 10:36 | | Politik | 6 Kommentare

Die Vereinigten Staaten sind das unangefochtene Imperium und ihre Außenpolitik richtet global gesehen den größten Schaden für die Menschheit an. Aber nicht nur der Imperialismus der USA und ihrer NATO-Verbündeten, sondern auch der russische Imperialismus trägt momentan zur Eskalation des Konflikts im „Mittleren Osten“ bei. Die Folgen dieser aggressiven Kriegspolitik werden wiederum wie ein Bumerang zurück in den Westen und Russland fliegen.

Bei russischen Luftangriffen in Syrien sind laut Aktivisten vor Ort seit Ende September mehr als 1300 Menschen getötet worden – darunter mehr als 400 Zivilisten und 97 Kinder. Putin versucht genauso wie die NATO die Ukraine zu kontrollieren und der russische Imperialismus hat auch Zentralasien und den Kaukasus im Würgegriff.

Schon das Russische Kaiserreich hat – neben den Briten – in Regionen wie Persien großen Schaden angerichtet und die Sowjetunion hat blutige imperiale Kriege geführt. Vor allem das militärische Eingreifen der Sowjetunion in Afghanistan zwischen 1979 und 1989 war verheerend. Zwischen 850,000 und 1,5 Millionen Zivilisten starben als Folge der sowjetischen Invasion in Afghanistan und etwa 3 Millionen Menschen, darunter hauptsächlich Zivilisten, wurden verwundet oder verkrüppelt.

Es sollte jedoch klar sein, dass – vielleicht abgesehen von den Selbstverteidigungskräften in Rojava – alle beteiligten Mächte in diesem Konflikt ein schmutziges Spiel spielen.

Der „IS“ verkauft zwar das Erdöl und Gas an alle beteiligten Regionalmächte, aber das meiste Öl wird über die Türkei verkauft und die türkische Regierung gibt dem „IS“ logistische, militärische und medizinische Unterstützung. Türkische Geschäftsleute, vor allem Bilal Erdoğan – der Sohn des türkischen Präsidenten – profitieren vom Ölschmuggel. Sie importieren das schwarze Gold und verkaufen es weiter auf dem Schwarzmarkt. Da nun aber russische Kampfjets im Gegensatz zur NATO zum ersten Mal die Infrastruktur und Ölraffinerien des „IS“ ernsthaft bombardieren, sind auch die Ölexporte gefährdet. Das passt der türkischen Regierung natürlich nicht.

Hinzu kommt, dass Russland auch andere anti-Assad Gruppen wie al-Nusra, Ahrar al-Sham und „turkmenische“ Brigaden bekämpft, die wiederum von den USA, Golfstaaten und der Türkei unterstützt werden. Die Türkei hat von den USA und der NATO wahrscheinlich die Erlaubnis bekommen diesen Militärschlag durchzuführen, um die Russen zu warnen. Denn das letzte was das US-Imperium möchte, ist, dass Assad und dadurch auch Iran gestärkt aus diesem Konflikt herauskommen. Wenn Putin besonnen genug ist, dann bricht er keinen Krieg vom Zaun, weil er sonst die NATO am Hals hat und den Konflikt nur verlieren kann. Andererseits ist es nicht ausgeschlossen, dass die Türkei auf eigene Faust gehandelt hat.

Währenddessen nutzt die Bundesregierung die Gunst der Stunde und verkündet bis zu 650 Soldaten nach Mali zu schicken. Sie vereinbarte, Frankreich mit Aufklärungs- und Tankflugzeugen sowie einer Fregatte im Krieg gegen den „IS“ zu unterstützen. Diese Anbiederung an die Bündnispartner und Militärindustrie erhöhen auch in Deutschland die Terrorgefahr.

Die ökonomischen Interessen der Erdoğan-Familie und anderer türkischer Geschäftsleute, die unter anderem mit dem Ölimport aus „IS“-Gebieten über die kurdischen Peshmerga zusammenhängen und die Bombardierungen der anti-Assad Gruppen, die mit der Türkei verbündet sind, bilden natürlich nicht die einzigen Ursachen für den Abschuss des russischen Kampfjets. Es sieht mittlerweile so aus, dass nach dem Pariser Anschlägen und der zunehmenden Gefahr durch den „IS“ auch die USA nach Divide(nde)-et-Impera-Prinzip an einer vorübergehenden Schwächung von „Daesh“ interessiert sind. Die Türkei hingegen hat Angst davor in Isolation zu geraten, falls es zu einer Einigung zwischen den USA, Großbritannien und Frankreich auf der einen Seite sowie Russland, Iran, Syrien, Irak und der Hezbollah auf der anderen Seite kommen sollte. Dies birgt für die türkische Regierung vor allem die Gefahr, dass dadurch Assad wieder an Einfluss gewinnen und die verhassten Kurden in Rojava gestärkt werden würden. Dadurch könnten auch die territorialen Ansprüche der Türkei in Syrien gefährdet werden.

Wir sollten nicht vergessen, dass Teile der US-Regierung auf die ethnische „Neuordnung“ des sog. „Nahen- und Mittleren Ostens“ hinarbeiten. Durch die Auflösung von Nationalstaaten wie Irak und Syrien sollen neue Grenzen entstehen, die nach Ethnien, Stammes- und Religionszugehörigkeit gebildet werden. Seit 2006 scheint dies die vorherrschende Strategie der Neokonservativen in den USA zu sein und der Militär-Industrielle-Komplex profitiert prächtig vom Krieg und den Folgen des „konstruktiven Chaos“ (Condoleezza Rice). Ein geheimes Pentagon-Dokument aus dem Jahr 2012 hat offiziell bestätigt, dass vor allem die Unterstützung der USA, aber auch diejenige der Türkei und der Golfstaaten eine entscheidende Rolle in der Entstehung des „IS“ gespielt haben. Ein „Islamischer Staat“ sei wortwörtlich eine „strategische Chance“ für den Sturz der Assad-Regierung in Syrien und ein Mittel, um die schiitische Expansion im Irak durch Iran einzudämmen. Die Türkei ist sich also bewusst, dass die territoriale Aufteilung Syriens bevorstehen könnte und möchte natürlich nicht, dass ihre Verbündeten (Jabhat al-Nusra, Ahrar al-Sham und Teile der FSA) auf Kosten der Volksverteidigungskräfte YPG/YPJ geschwächt werden.

Interessant ist dabei auch die Rolle Israels. Zumindest seit 2013 bombardiert die israelische Armee Stellungen der syrischen Armee und Hezbollah, die gegen den „IS“ kämpfen. Denn Israel ist an einer Schwächung Assads gelegen, um die von ihm besetzen ölreichen syrischen Golanhöhen ein für alle Mal einzuverleiben. Die United Nations Disengagement Observer Force (UNDOF) behauptet, dass Israel seit 18 Monaten mit der al-Kaida nahen al-Nusra-Front und dem „IS“ zusammenarbeitet. Die Israelis haben z.B. „IS“-Kämpfer medizinisch versorgt. Somit schließt sich der Kreis und es wird deutlich, dass die NATO, die Golfmonarchien und Israel für die Stärkung militanter Islamisten eine erhebliche Mitschuld tragen.

Ein Beitrag von Kaveh.

Über den Autor

Der im Iran geborene Berliner Rapper KAVEH begann 1995 seine ersten Rap-Texte zu schreiben und ist seit mehreren Jahren auch in der Jugendarbeit (z.B. beim WannseeForum; JTB, Gangway etc.) aktiv. Er bietet Rap-Workshops an, in denen er einen Überblick über die Geschichte von Hip-Hop vermittelt, sprachliche und technische Aspekte behandelt sowie Schreibkurse anbietet.
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6 Kommentare

  • 1

    Aus meiner Sicht ist es nicht immer angebracht, Russland und die USA gleichzusetzen, da die Ziele beider Staaten auch unterschiedlich sind, ebenso die Methoden. Was den Abschuss des Kampfjets betrifft, liegen die Quick Reaction Alert-Zeiten der NATO bei 10 Minuten (Alarmstart und Kampfjets in der Luft, um fremdes Flugzeug zu stellen); hier ist aber von 17 Sekunden Luftraumverletzung die Rede. Dies sind Angaben der Türkei, die auch behauptet, der Jet habe 1,84 km zurückgelegt. Das ist aber eine Geschwindigkeit, bei der er absturzgefährdet wäre, denn selbst ein Passagierjet (der Mach 1 nicht erreicht, anders als Kampfjets) braucht nur 8 Sekunden oder ein bisschen weniger dafür, käme also in 17 Sekunden mehr als doppelt so weit, als der russische Jet zurückgelegt haben soll. Ich sehe eher einen Zusammenhang dazu, dass Frankreich EU- und nicht NATO-Beistand suchte (zu Frankreich siehe https://alexandrabader.wordpress.com/2015/11/23/strategie-der-spannung/ ) und den Versuch, Russland zur militärischen „Vergeltung“ zu provozieren, um doch noch einen Bündnisfall der NATO zu bekommen (ich gehe am Ende dieses Artikels darauf ein: https://alexandrabader.wordpress.com/2015/11/27/geheimdienstdebatte-nach-paris/ ).

  • 2
    AmiGoHome sagt:

    Moment mal, Assad hat Russland um Hilfe gebeten. Hier von Imperialismus zu sprechen, finde ich nicht richtig. Die USA dagegen führt imperialistische Eroberungskriege und besetzt die Länder bis zum Sankt Nimmerleinstag.

  • 3
    Schneeberg sagt:

    Mir ist bekannt, daß Assad Rußland um Hilfe gebeten hat. Somit ist Rußland nicht einfach mal so in dieses Land eingefallen. Wer fällt ständig in andere Länder ein und zerstört diese, falls sie nicht nach der Pfeife der „demokratischen“ Länder tanzen? Also, mal schön langsam!

  • 4
    Jo sagt:

    “ Warum hat die Türkei den russischen Kampfjet im syrischen Luftraum abgeschossen? “

    Ganz einfach, weil der nächste Abschuss ein französisches Flugzeug sein wird, das man dann den Russen zuschreiben wird. Die nächste Eskalation wäre damit erreicht, ganz im Sinne der Neocons. Es dauert nicht mehr lang, wartet ab.

  • 5
    Fritz Huber sagt:

    In der Diskussion wird das Geopolitische Ziel der Angloamerikaner + Israel vollständig ausgeblendet – die New World Order, wie von Bush sen + jun + Fr. Merkel bei passender Gelegenheit mehrfach verkündet. Nun was bedeutet die NWO für die Welt?

    Letztendlich, eine wenigen Zionistenfamilien kontrollierte, in der Weltbevölkerungsanzahl stark dezimierte Welt. Strategisch müssen dazu potentielle Widersacher aus dem Wege geräumt werden: Russland und China.

    Befasst man sich mit den strategischen Planungen der US Think Thanks, so liest man, dass beide Länder jeweils in drei Teile zerschlagen werden sollen. Einen offenen globalen dritten Weltkrieg will die US – Administration aktuell noch vermeiden – begrenzte Atomkriege auf europäischen Boden hingegen ist man bereit durchzuführen. Lt. Henry Kissinger gibt es Vereinbarungen zwischen Russland und den USA, im Falle eines militärischen Konfliktes beider Atommächte, diesen auf polnischen und deutschen Gebiet auszutragen.

    Um das Ziel der Zerschlagung beider o.g. Länder zu erreichen, werden beide Länder militärisch eingekreist, dazu braucht man die Ukraine und den Iran. Fällt Syrien, fällt auch der Iran. Die dazu überlagernde Strategie, ist die der Destabilisierung beider Länder mit farbigen Revolutionen (NGO’) und inneren Unruhen durch schüren ethnische Konflikte (hier kommt der IS ins Spiel)

    Der russische Einsatz ist also Teil der eigenen Überlebensstrategie – ja das russische Volk hat noch Überlebensinstinkt, welches man dem deutschen Volk aberzogen hat. Der Genozid am deutschen Volke, der zu Beginn des 20. Jhd begonnen hat, ab 1945 intensiviert wurde, soll jetzt durch die Migrationswaffe vollendet werden.

    Welches Spiel treibt die Türkei? Nun, die Angloamerikaner haben dem osmanischen Reich nach dem ersten Weltkrieg ebenso übel mitgespielt, wie dem dt. Reich und der Habsburger Monarchie Österreich/Ungarn. Erdogan träumt von einer Restauration und die Machtverhältnisse sind dafür so günstig wie lange nicht mehr. Hat Russland Erfolg in Syrien, dann ist Erdogans Traum geplatzt – also versucht er einen Konflikt Nato gegen Russland herbeiruführen.

  • 6
    kabardey sagt:

    Zitat:Warum hat die Türkei den russischen Kampfjet im syrischen Luftraum abgeschossen?
    Kommt denn keiner drauf???
    Das Störsystem hat ein Amiteam ausgebaut um das System zu knacken,daher der GEPLANTE abschuss.