Religionsfreiheit bedingungslos verteidigen

17. Mai 2016 - 10:58 | | Politik | 3 Kommentare
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Marxisten brauchen eine Kritik der Religion und welche Rolle diese im Kapitalismus übernimmt, dies bedeutet aber nicht, dass man gegen religiöse Menschen kämpft oder versuchen sollte die Religionsfreiheit zu bekämpfen!

Ein abstrakter Atheismus ist nicht notwendigerweise fortschrittlich. Wie Marx feststellte, lehnt der Kommunismus jede Form des philosophischen Idealismus mit dessen religiösen Ursprüngen ab, doch »der Atheismus ist zunächst noch weit entfernt, Kommunismus zu sein, wie jener Atheismus mehr noch eine Abstraktion ist«.41 Es ist notwendig, dass Marxistinnen und Marxisten eine fundierte Kritik an Religion und ihrer Funktion im Kapitalismus zu formulieren. Aber wir müssen auch die Macht antimaterialistischer Ideen anerkennen, die Menschen daran hindert, ihre eigene menschliche Macht zu erkennen, die »herzlose Welt« des Kapitalismus zu zerstören und sie durch eine Gesellschaft zu ersetzen, in der die Menschen nicht nach einem Himmelreich als Antwort auf ihre weltliche Armut suchen müssen. Bei der Kritik an Religion bedarf es einer Einschätzung der materiellen, geschichtlichen Umstände, auf der jede Religion beruht und mit denen sie sich auch ändert. Andernfalls verkommt Religionskritik zu einem dogmatischen Hindernis für unsere Opposition gegen Faschismus, Rassismus und Unterdrückung. Einige Varianten des Islams sind reaktionär, ebenso wie einige Varianten des Christentums. Der Hindu-Nationalismus hat sich in der jüngeren Vergangenheit zum Bollwerk der indischen Rechten entwickelt, während die christliche Pfingstbewegung wesentlich dazu beigetragen hat, dem US-Imperialismus und seinen Kriegen Legitimität zu verleihen. Doch die Funktion und die Stellung des Islams in Deutschland und Europa sollte nicht verwechselt werden mit der Funktion und Stellung des Islams zum Beispiel in Saudi-Arabien, wo er Staatsreligion ist. Genauso wenig sollte das »christliche Abendland« Europa als idealtypisches Modell eines säkularen Staats missverstanden werden – schon gar nicht Deutschland mit seinem System der Kirchensteuer, von Italien, Frankreich oder Polen ganz zu schweigen.

Hinsichtlich der Frage nach der sozialistischen Taktik gegenüber Religion nennt Lenin das Beispiel einer Gruppe Arbeiter unter dem Einfluss der Kirche, die eine christliche Gewerkschaft gründen und dann in den Streik treten. Was sollten Marxisten tun? Sich dem Streik anschließen und versuchen, die Arbeiter vom Atheismus zu überzeugen? Nein, denn »ein Propagandist des Atheismus würde in einem solchen Augenblick und unter solchen Umständen nur dem Pfaffen und dem Pfaffentum Vorschub leisten, die nichts sehnlicher wünschen als eine Aufspaltung der Arbeiter nach dem Glauben an Gott anstatt ihrer Scheidung nach der Streikbeteiligung«. Der Marxist, so Lenin,

muss Materialist sein, das heißt ein Feind der Religion, doch ein dialektischer Materialist, das heißt ein Materialist, der den Kampf gegen die Religion nicht abstrakt, nicht auf dem Boden einer abstrakten, rein theoretischen, sich stets gleichbleibenden Propaganda führt, sondern konkret, auf dem Boden des Klassenkampfs, wie er sich in Wirklichkeit abspielt, der die Massen am meisten und am besten erzieht. Ein Marxist muss es verstehen, die ganze konkrete Situation zu berücksichtigen.42

Alle Muslime werden unter Generalverdacht gestellt – Quelle: Karsten

Die Forderung, aktive Linke sollten davon Abstand nehmen, Seite an Seite mit Leuten gegen Nazis zu demonstrieren, deren Ideen in anderen Bereichen reaktionär sind, trägt keinen Deut dazu bei, säkulare Errungenschaften zu verteidigen. Die Aufrechterhaltung von Ungleichheit im Schulsystem wird lediglich zum Rückzug vieler Schülerinnen und Schüler in religiöse Gemeinden führen. Ein staatliches Verbot von Beschneidung würde eine Situation herbeiführen, in der ein zentrales Element der religiösen und kulturellen Identität von mehreren Millionen Angehörigen dieser Minderheiten kriminalisiert wird. Das verbissene Beharren von Linken auf einem Ideal von »Säkularismus« schwächt in diesen Fällen unsere Fähigkeit, eine Einheitsfront gegen Rassismus aufzubauen und Seite an Seite mit einer Gruppe von Menschen zu stehen, die in Europa als Staatsfeind Nummer eins angesehen wird.

Nicht die Einführung islamischen Religionsunterrichts für hessische Schülerinnen und Schüler stellt die größte Bedrohung für den säkularen deutschen Staat dar. Ebenso wenig sind es die Predigten eines Pierre Vogel, dessen Attraktivität unter muslimischen Jugendlichen wohl eher mit seinem Angebot einer Art von Gegenwehr gegen die täglichen antimuslimischen Schlagzeilen der Boulevardpresse zu erklären ist. Es ist vielmehr der Rassismus der Sarrazinisten, der die besten Rekrutierungsbedingungen für Religion schafft. Der französische Marxist Gilbert Achcar bringt diesen Zusammenhang auf den Punkt:

Islamophobie ist objektiv der beste Verbündete des islamischen Fundamentalismus: Ihr jeweiliges Wachstum bedingt einander. Je mehr die Linke den Eindruck erweckt, dass sie sich der vorherrschenden Islamfeindlichkeit unterordnet, desto weiter entfernt sie sich von der muslimischen Bevölkerung und desto mehr wird sie die Arbeit der islamischen Fundamentalisten erleichtern, die dann als die einzige Gruppe erscheinen, die in der Lage ist, dem Protest der jeweiligen Bevölkerung gegen das »wirkliche Elend« Ausdruck zu verleihen.43

Linke müssen daher die Religionsfreiheit aller bedingungslos verteidigen. Andernfalls beteiligen wir uns nicht nur an dieser Form der Unterdrückung, sondern wir schneiden uns von eben jenen Menschen ab, die wir motivieren wollen, gemeinsam mit uns für umfassende – nicht nur religiöse – Freiheit zu kämpfen.

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3 Kommentare

  • 1
    günter sagt:

    1.: wenn sich Religion immer im zusammenhang mit den materiellen Bedingungen verändern würde, würde es heutzutage im Islam nicht genauso zugehen wie vor tausend jahren. aber damals, im vermeintl. goldenen Zeitalter, wurden schon liberale Muslime hingerichtet, und heute immer noch.

    2.: es gibt nicht „vershiedene varianten des Islam“, sondern nur einen Islam, der klipp und klar die belügung, Unterwerfung, Verfolgung, Ermordung andersgläubiger und ungläubiger verlangt. die entsprechenden koran-suren waren hier an anderer stelle bereits abgedruckt (natürlih nicht von euch, sondern von kritischen lesern). damit sind nicht die Saudis oder die Iran. Mullahs die Abweichler eines zusammenphantasierten „reinen“ korans, sondern liberalere Muslime, die desw. auch prompt immer von denen die den Islam wörtlich nehmen, als häretiker ermordet werden. und deswegen lesen linke (oder „linke“) wie ihr den koran lieber nicht und vermeiden jede theologische Diskussion, die deutlich belegen würde, daß der Islam keine Religion wie jede andere ist. ein riesenunterschied z.b. zum Buddhismus, tao oder jain-ismus. auch das neue Testament , das heute nur noch für christen verbindl. ist, enthält nicht mehr gewisse grausame stellen des alten testaments.

    3. es gibt deswegen keine islamophobie, sondern nur jenen berechtigten scharfen angriff auf den Islam, den auch schon Marx &engels fuhren (generell, ohne zwischen euren „verschiedenen varianten des Islam“ zu „differenzieren“), was ihr natürlich euren lesern immer vorenthalten habt. was es z.b. an Phobie gibt, sind homophobe Muslime, die in weit größerem ausmaß als andere leute schwule tätlich angreifen oder ermorden- jetzt rede ich nicht von den Steinigungen in isl. ländern, dem aufhängen16jähriger im Iran, die noch wie 12j. buben aussehen, sondern von den angriffen und mordserien in westdt. großstädten, wo oft araber oder türken als Täter ermittelt wurden die selber sex mit männern haben, damit aber nicht klarkommen; ihren selbsthaß auf diejenigen projezieren, die „das“ offen zeigen können, also ihre Schizophrenie soweit treiben, sich selbst im anderen umzubringen. (übrigens: in isl. ländern gelten Männer, die Männer -oder jungs- penetrieren, nicht als schwul, sondern nur der andere. abgesehen davon daß es auch noch andere praktiken gibt, werden im „rest“ der welt ja beide als homo- oder zumindest bisexuell angesehen. doch manch ein muslim, den jemand wg. seiner ständigen mann-männl. sexualkontakte als schwul bezeichnete, zückte da schon ein messer (wird jetzt mal wieder jemand gelöscht? bennennung unaushaltbarer Tatsachen als angebl. unwahr? ich hatte nur selber schon so ein messer im bauch) und vielleicht auch aus angst davor sind seit einigen jahren Ärzte &wissenshaftler weltweit dazu übergegangen, begrife wie homo- und bi durch MSM (men having sex with men- Männer die sex mit männern haben) zu ersetzen; als wenn sowas auch heterosex sein könnte…. soweit ist es schon!

    da ihr euch ja angeblich auch für die rechte der schwulen einsetzt, ist es eine Beleidigung aller ermordeten, welche leute ihr gerne als Bündnispartner hättet und zu gewinnen können glaubt. mein Beispiel zeigt ganz gut, wie den islamisch geprägten nicht politisch, sondern nur mit Psychologen &Psychiatern beizukommen wäre. allein shon der archaische Ehrbegriff verhindert jede rationale Denkweise.

    4. isolieren tun sich nicht, wie ihr behauptet, die islamfeindl. linken gruppen -die sind in einigen ländern wie frankreich ungleich stärker als die radikale linke in deutschland- sondern leute wie ihr, ohne Anhänger, die niemand ernst nimmt, und die noch nichtmal bemerken wie sehr ihr euch hier shon blamiert habt. z.b. als euch die Marx-Zitate zum Islam entgegengehalten wurden oder als euer Herausgeber Julius jamal (vielleicht selbst ein muslim?) nicht in der lage war, die behaupteten „vielen arab. länder“ zu benennen, wo die Frauen angebl. frei über ihre kopfbedeckung entscheiden können.
    ihr publiziert einfach endlos denselben Unsinn immer wieder. vielleicht braucht ihr ja auch einen Psychiater?

    P.S.: ich warte noch auf eure solidaritätskampagne mit dem Iran. rapper shahin, gegen den bereits eine zweifache fatwa( =Mullah-aufruf zum mord nach religionsgutachten) vorliegt und der heute unter größten Sicherheitsvorkehrungen seine deutschland-Tournee begann.

    • 1.1
      Ollinger sagt:

      Ich stimme dem zu.
      Und ich bin der Meinung, dass ihr nicht sachlich genug seid. Der Koran ist meiner Meinung nach die Wurzel allen Übels. Er ist veraltet und voller Hass und Inakzeptanz anderen gegenüber. Der Koran muss zeitgemäß angepasst werden, sonst wird er von gehirnamputierten „Kloppis“ einfach mal falsch verstanden. Und genau das passiert bei Fanatikern! Zeiten ändern sich! Wir leben nicht mehr im Mittelalter und niemand ist schlechter oder besser nur aufgrund eines Glaubens. Es ist sowieso traurig genug, dass es Menschen gibt, die ein Buch brauchen und alles, was darin steht, leben und es für wahrhaftig halten – als hätten man kein Hirn zum Nachdenken und Hinterfragen.
      Ich bin mir sicher, dass viele junge arabische Männer und vor allem auch Frauen keine Lust mehr auf die Mullahs und die Religion mehr haben, weil es sie massiv in ihrer Freiheit einschränkt.

  • 2
    günter sagt:

    schon voltaire,nach dem viele linke clubs benannt sind, meinte: keine (religions-)Freiheit für die feinde der Freiheit:

    Bereits vor 300 Jahren hat Voltaire, im Namen der Aufklärung, den Stab über den Mohammedanismus gebrochen: „Doch daß ein Kamelhändler in seinem Nest Aufruhr entfacht, daß er (…) sich damit brüstet, in den Himmel entrückt worden zu sein und dort einen Teil jenes unverdaulichen Buches empfangen zu haben, (…) daß er, um diesem Werk Respekt zu verschaffen, sein Vaterland mit Feuer und Eisen überzieht, daß er Väter erwürgt, Töchter fortschleift, daß er den Geschlagenen die freie Wahl zwischen Tod und seinem Glauben lässt: Das ist nun mit Sicherheit etwas, daß kein Mensch entschuldigen kann, es sei denn, er ist als Türke auf die Welt gekommen, es sei denn, der Aberglaube hat bei ihm jedes natürliche Licht erstickt.“ – Weshalb erlaubt man einer Religion, die das erklärte Ziel hat, die Religionsfreiheit abzuschaffen und dies auch in allen Ländern tut, über die sie Macht gewonnen hat, von Afrika bis nach Südostasien hin, dies unter Berufung auf die Religionsfreiheit zu betreiben?