Rassismus: (K)ein blinder Fleck!

8. November 2020 - 13:00 | | Politik | 0 Kommentare
By Mika Baumeister.

Viele verheerende Ereignisse im Jahr 2020 haben abermals verdeutlicht, wie tief Rassismus in der Gesellschaft verankert ist. Ramsis Kilani, Maide Ișıkoğlu, Linus Schiedermair und Erna Cassarà analysieren die Gründungen von migrantischen Selbst(schutz)organisationen und die Unfähigkeit der deutschen Linken.

Für viele Menschen scheint das Jahr 2020 verflucht zu sein. Schon in der ersten Hälfte erschütterten eine Wirtschaftskrise, eine Pandemie und anhaltende Polizeigewalt ihre vermeintlich heile Welt. Viele dieser Entwicklungen sind keine Neuerscheinungen, sondern treten durch die Ausnahmesituation nur offener in Erscheinung. In der medialen Auseinandersetzung besteht der selektive Blick, es habe bis zu George Floyds Tod weder rassistische Polizeigewalt noch Rassismus allgemein gegeben. Sowohl in den USA als auch in England war die COVID-19-Todesrate von Schwarzen dreimal höher als die der weißen Bevölkerung. Vergleichbare Zahlen sind auch für Deutschland wahrscheinlich, wo migrantische Menschen im Risikoalter fast dreimal so häufig von Armut betroffen sind wie der Rest. Nicht erst seit der Pandemie sind sie in Berufsgruppen mit besonders prekären Arbeitsverhältnissen überproportional vertreten. Antirassismus war und ist also eine zentrale Klassenfrage.

Rassismus – eine reale Gefahr

Für diese von Rassismus betroffenen Teile der arbeitenden Klasse gab es einen weiteren Schicksalsmoment im Jahr 2020: Den rechten Terror in Hanau. Das rassistische Blutbad bildet für große Teile der migrantischen Gemeinden in Deutschland ein kollektives Trauma. Hanau war aber kein Einzelfall, sondern Teil einer rechten Terrorserie seit mindestens 2015. Mit dem Aufstieg der AfD und rassistischer Massenbewegungen wie PEGIDA spüren rechtsextreme Netzwerke gesellschaftlichen Rückhalt. Diese reichen bis tief in die Institutionen des deutschen Staates. In der Polizei treten regelmäßig rechte rassistische Zusammenschlüsse und Chatgruppen in Erscheinung. Ein im Januar veröffentlichter Bericht der Tagesschau bestätigt 550 Verdachtsfälle rechtsextremer Bestrebungen in der Bundeswehr. Es ist zu vermuten, dass es sich hierbei nur um die Spitze eines Eisberges aus Dunkelziffern handelt. Vor diesem Hintergrund sind aktuell veröffentlichte Fälle vom Verschwinden von 60.000 Schuss Munition, über 100 Dienstwaffen von der Polizei und Bundeswehr sowie weitere 48.000 Schuss Munition und 62 kg Sprengstoff aus den KSK-Beständen eine reale Bedrohung.

Im klaren Bewusstsein, dass vom deutschen Staat kein Schutz zu erwarten ist, entsteht der Aufbau eigener Strukturen, um antifaschistischen Selbstschutz zu gewährleisten. So gründeten von Rassismus betroffene Linke Initiativen wie Migrantifa, Black Power oder Panthifa. Außerdem sind Organisationen entstanden, die versuchen, rassistische Unterdrückung und nicht-weiße Realitäten politisch sichtbar zu machen, wie „N-Wort stoppen“ und „Palästina spricht“. All diese Gruppierungen agieren und organisieren sich bewusst außerparlamentarisch und außerparteilich.

Warum aber müssen solche Initiativen überhaupt erst neu gegründet werden, wo es doch bereits zahlreiche linke, antifaschistische Organisationen in diesem Land gibt?

Traditionelle linke Strukturen scheinen bei den meisten rassistisch Unterdrückten nicht das erforderliche Vertrauen zu genießen, den nötigen Schutz zu gewährleisten oder konsequent gegen Rassismus vorzugehen. Denn der blinde Fleck gegenüber Rassismus reicht über den deutschen Staat hinaus und herrscht auch in zahlreichen linken Zusammenschlüssen.

Rassismus ist zum einen eine rechte Ideologie und ein Spaltungsinstrument der herrschenden Klasse. Zum anderen ist es aber auch ein gesamtgesellschaftliches Phänomen mit einer Eigendynamik. Diese Seite des Rassismus wird allerdings in linken Kontexten noch zu wenig bedacht oder wahrgenommen. Das zeigt sich insbesondere, wenn Betroffene bevormundet, als Aushängeschild für die eigene Selbstdarstellung missbraucht oder auf ihre Rassismuserfahrungen reduziert werden. Auch fehlen Betroffenen in bereits etablierten linken Strukturen Safe Spaces, in denen ihre Erfahrungen ernst genommen werden und Vertrauen herrscht. Auch das Vernachlässigen und Negieren von internationalen Kämpfen und Unterdrückungsmechanismen, die das konkrete Leben von rassistisch Unterdrückten betreffen und beeinflussen, fördert das erwähnte Misstrauen gegenüber linken Strukturen. Eine nicht diverse linke Szene und Kultur birgt zudem einen weißen, deutschen Habitus, den von Rassismus Betroffene meist nicht teilen und der den Anschluss erschwert. Ein Zitat aus der Gründungsproklamation der Gruppe Panthifa bringt dies auf den Punkt: „Wir fühlen uns als Schwarze in weißen Strukturen nicht willkommen oder gehört, weshalb wir einen Raum für uns selbst schaffen müssen, in dem wir uns aktivistisch entfalten können, ohne uns mit Bildungsarbeit für weiße Genossinnen und Genossen auszubrennen.“ Da in keiner weißen, linken Struktur Antirassismus im Vordergrund steht, müssen diejenigen, die zum Überleben auf ihn angewiesen sind, eine solche Struktur selbst kreieren.

Was können wir tun?

Um zugänglicher für von Rassismus Betroffene zu werden, müssen weiße, linke Strukturen antirassistische Kämpfe nicht als Nischenthema behandeln. Menschen mit Rassismuserfahrungen muss zugehört werden. Antirassistische Kämpfe müssen intersektional und durch die Kritik an neokolonialen Strukturen international ausgerichtet sein, eigene Rassismen und Machtstrukturen reflektiert und abgebaut werden. Statt Kaffee und Kuchen könnte man außerdem einfach mal Çay und Baklava auf linken Veranstaltungen servieren.

Der Beitrag erschien in gedruckter Form in der neuen Critica.

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