Rasse – eine kapitalistische Erfindung

24. Mai 2020 - 12:00 | | Politik | 0 Kommentare

Wissenschaftler haben Probleme zu verstehen, wie Covid-19 sich auf verschiedene Menschen verschieden auswirkt. Ein Essay im Socialist Worker zeigt auf, dass die soziale Konstruktion von „Rasse“ eher eine Basis in der Ausbeutung denn der Biologie hat.

Offizielle Statistiken, die zeigen, dass Angehörige der schwarzen Bevölkerung vier mal häufiger an Folgen des Corona-Virus sterben als Weiße, das hat die Debatte über „Rasse“ als Thema erneut angefacht.

Unterstützer der Idee, dass Menschen in bestimmte Gruppen unterteilt sind, fühlen sich bestätigt bei der Art und Weise mit der das Virus verschiedene gesellschaftliche Gemeinden verschieden beeinflusst hat. Das, wie sie sagen, sei Beweis, dass wir biologisch von einander getrennt sind – dass das Konzept von „Rasse“ eine wissenschaftliche Realität darstellt.

Selbst für Menschen, welche den Rassismus ablehnen, erscheint das Konzept von „Rasse“ verführerisch, da es einige ihrer Erfahrungen erklärbar zu machen scheint. Vorurteile scheinen so tief in den Köpfen zu sitzen, so hartnäckig zu sein, dass es sich anfühlt als wäre es ein essenzieller Bestandteil menschlicher Gesellschaft, etwas tief in unserem Wesen.

Folgt daraus nicht, dass die verschiedenen Arten, in denen wir unsere Umwelt wahrnehmen, aus unserer Biologie stammen, und von dort zu unserer Kultur werden? Ist das, was hinter der Langlebigkeit der Idee der „Rasse“ steckt?

Sozialisten widersprechen dem vehement. Für uns ist „Rasse“ sozial konstruktiert. Das bedeutet, dass die Begrifflichkeit erfunden ist, geschaffen von Leuten, welche eine rassische Hierarchie erbauen wollten – mit ihnen an der Spitze.

Hierbei sollte als erstes angeführt werden, dass die Idee einer „Rasse“ eine relativ neue ist. Die Antiken Gesellschaften Afrikas, Indiens, Chinas, Griechenlands oder Roms klassifizierten Menschen nicht anhand ihrer Hautfarbe, selbst wenn allerlei anderer Vorurteile zu jener Zeit vorherrschten. Erst mit dem Beginn des Kapitalismus und dem erwachsen des Sklavenhandels, von dem es abhing, änderte sich daran etwas.

Kolonien

Im 17. Jahrhundert errichteten europäische Mächte Kolonien auf den amerikanischen Kontinenten und den umliegenden Inseln, auf denen sie Plantagen errichteten.

Sie verfrachteten Arbeitskräfte aus der alten Welt dort hin, um Getreide anzubauen und enorme Gewinne zu erzielen – was das Kapital für den Bau von Fabriken und deren Infrastruktur bereitstellte. Aber als die Märkte wuchsen und sich das kapitalistische Produktionssystem ausbreitete, bedeutete der zunehmende Umfang der Plantagenbetriebe einen unstillbaren Bedarf an Arbeitskräften.

Der verzweifelte Bedarf der Siedler an Arbeitskräften trieb einen schmutzigen Handel mit afrikanischen Sklaven voran. Rund 12 Millionen Menschen wurden von der Westküste des Kontinents verschleppt, anderthalb Millionen starben auf der Reise.

Um diesen entsetzlichen Handel zu rechtfertigen, musste die Kapitalistenklasse in London und darüber Anderswo erklären, warum ihre Doktrin, dass „alle Menschen gleich sind“, nicht für Sklaven galt. Die Antwort? Die schwarze Haut des Afrikaners war ein Beweis dafür, dass sie eine andere Spezies als die Europäer waren, etwas weniger als menschlich.

Dieser Zeitpunkt markierte den Beginn der Rassenlehre. Im Laufe von 300 Jahren wurden diese frühen Vorstellungen von „Rasse“ durch Wissenschaft und Politik transformiert und kodifiziert.

Als der Kapitalismus wuchs und sich Imperien auf der ganzen Welt ausbreiteten, wurden alle Arten von willkürlichen physischen Unterscheidungen, die mit Menschen aus bestimmten Teilen der Welt verbunden wurden, als „Rassenmerkmale“ angesehen.

Die Größe der Nasen, die Form ihrer Augen und die Textur ihrer Haare wurden dann mit anderen Eigenschaften in Verbindung gebracht – wie Unterwürfigkeit, Faulheit, Dummheit, Aggression und so weiter. Phrenologen aus London bereisten die Welt, um die Schädel der Menschen zu messen und die Geschwüre und Beulen auf ihren Köpfen als Teil der Kartierung der „Rassen“ zu zählen.

Sicherlich müssen Afrikaner und Asiaten kleinere Köpfe haben, um ihrem kleineren Gehirn gerecht zu werden, argumentierten sie. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts versuchten Eugeniker, Charles Darwins Evolutionstheorien falsch anzuwenden. Sie mussten eine Erklärung dafür erfinden, wie sich diese „Rassen“ gebildet haben und wie sich die „überlegene Intelligenz“ der europäischen Bevölkerung durch einen Prozess der „natürlichen Auslese“ durchgesetzt hat.

In jeder Phase wurde die „Wissenschaft der Rasse“ durch die Bedürfnisse der Imperien weiter verzerrt. Aber so wie unsere Herrscher Afrikaner als „Negros“ und indigene Amerikaner als „Indianer“ bezeichneten, musste eine ähnliche Erfindung der „Weißen“ stattfinden.

In seinem Buch „Die Erfindung der weißen Rasse“ stellt Theodore Allen fest: „Als die ersten Afrikaner 1619 in Virginia ankamen, gab es dort keine „weißen“ Menschen. Und nach kolonialen Aufzeichnungen würde es auch weiteren sechzig Jahre keine geben. “ Der Prozess der Entwicklung einer weißen Rassenidentität half den Herrschern, die armen Europäer, die das Land als eine Form von Zwangsarbeit bebauten, um ihre Schulden zu begleichen, von schwarzen oder indigenen Sklaven zu trennen.

Die Angst vor einer einheitlichen Rebellion – und vor Beziehungen zwischen Sklaven und Nicht-Sklaven – hatte die Plantagenklasse seit Bacons Rebellion im Jahr 1676, in der sich arme Schwarze und Weiße vereinigt hatten, furcht eingeflößt. Die Schaffung von „Rassen“ zielte darauf ab, einen Keil zwischen denen zu treiben, die möglicherweise gegen die Kolonialisten gerichtet waren. „Rasse“ trennte sie aber nicht nur, es schloss sie auch zusammen.

Jetzt wurde den weißen Arbeitern, egal wie niedrig ihr Status war, gesagt, sie hätten etwas mit denen gemeinsam, die über ihnen standen – und ihre gemeinsame weiße Haut war der Schlüssel. Diese Methode der sozialen Kontrolle wurde mit dem belohnt, was der schwarze radikale Denker WEB DuBois als „psychologischen Lohn“ bezeichnete.

Ausgeschlossen

Armen Weißen wurden bestimmte Rechte gewährt, von denen alle Schwarzen ausgeschlossen wurden, um die Weißen davon zu überzeugen, Mitglieder eines exklusiven Clubs zu sein. In Wirklichkeit waren diese Vorteile im Vergleich zu den großen Privilegien, die die Reichen hatten, verschwindend gering; zu dem hatten diese nun eine untereinander getrennte Arbeiterschicht.

Als sich der neue Rassenkodex von den Plantagen auf der ganzen Welt ausbreitete, wurden die darin enthaltenen Widersprüche immer deutlicher. Im kolonialen hispanischen Amerika war es möglich, dass eine POC durch den Kauf eines königlichen Weißheitszertifikats „weiß“ wurde.

Allen weist darauf hin, dass „1890 ein portugiesischer Auswanderer, der sich in Britisch-Guayana niederließ, gesagt worden würde, dass er/sie nicht „weiß “war. Aber ein Geschwister derselben Person, die im selben Jahr in die USA kam, würde erfahren, dass sie durch die bloße Seefahrt „weiß“ geworden wäre. “

Viele Jahrzehnte später, in der Apartheid in Südafrika, erhielten Japaner den Status eines „Ehrenweiß“, was ihnen den gleichen rechtlichen Status wie den Weißen verlieh, während die Chinesen im Allgemeinen als „Farbige“ eingestuft wurden. Wir haben uns weit von den groben Rassendefinitionen entfernt, die die Ära der Sklaverei und Segregation definiert haben.

Das Prinzip des Versuchs, Menschen anhand genetischer Muster in Gruppen einzuteilen, wird jedoch fortgesetzt. Angela Saini untersucht in ihrem Buch „Superior – die Rückkehr der Rassenwissenschaft“,  wie die Medizin heute noch auf rassistischen Annahmen beruht. Sie diskutiert das Problem mit Bluthochdruck, das in den USA bei Afroamerikanern fast doppelt so häufig auftritt wie in anderen Gruppen.

Saini merkt an, dass Pharmaunternehmen und das medizinische Establishment daran festhalten, dass der Grund dafür „rassisch“ ist. Sogar der NHS in Großbritannien beschreibt afrikanische oder karibische Abstammung als Risikofaktor. Saini beschreibt jedoch, dass, als Bevölkerungsstudien durchgeführt wurden, sich herausstellte, dass: „… in Afrika lebende Menschen, insbesondere ländliche Afrikaner, den niedrigsten Bluthochdruck der Welt haben.“

Stress

Die wirklichen Risikofaktoren für Bluthochdruck sind nicht rassisch – es sind Ernährung, Stress und Lebensstil. Und all dies ist stark von Rassismus und der damit verbundenen Armut betroffen. Das heißt nicht, dass unser genetisches Erbe keinen Einfluss auf unsere Gesundheit hat.

Aus diesem Grund fragen Ärzte Patienten regelmäßig, ob beispielsweise in der Familienanamnese Herzkrankheiten oder Krebs aufgetreten sind. Zum Beispiel ist die Sichelzellenkrankheit bei Menschen mit einer Abstammung in Westafrika häufiger. Es resultiert aus einem fehlerhaften Gen – einem Gen, das auch eine gewisse Resistenz gegen Malaria bietet.

Dies konnte als Beweis für eine Verbindung zwischen Genen und Rasse erscheinen, bis festgestellt wurde, dass Sichelzellen auch bei Menschen in Saudi-Arabien und Indien vorkommen. Der Link hier ist nicht Rasse, sondern Lebensgebiete mit einer Malaria-Prävalenz.

Durch die Suche nach einem „schwarzen Gen“ lenken selbst wohlmeinende Angehörige der Gesundheitsberufe unsere Aufmerksamkeit von den wahren Ursachen der gesundheitlichen Ungleichheit ab. Man kann eben auch ähnliche Probleme bei der Art und Weise sehen, wie heute die Auswirkungen des Coronavirus auf BME-Personen diskutiert werden. Der Ausdruck „zugrunde liegende Gesundheitszustände“ ist zu einem Codewort geworden, der besagt, dass die Lebensentscheidungen einer kranken Person schuld an den Folgen gewesen wären.

Gesellschaft durch das Prisma der Rasse zu betrachten hilft uns nicht, Rassismus zu bekämpfen. Anstatt die verschieden Arten und Weisen zu beleuchten, in der Menschen die Welt betrachten, macht es exakt das Gegenteil.

Rassismus ist real. Rasse ist Fiktion.

Der Artikel erschien zuerst im Socialist Worker und wurde von Manuel Bühlmaier übersetzt

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