Patrice Lumumba – Die Ermordung eines antikolonialen Helden

28. Januar 2017 - 12:21 | | Politik | 1 Kommentare
Photo by Gary Soup

Vor 56 Jahren (17. Januar 1961) wurde der kongolesische Premierminister und Antikolonialist Patrice Lumumba ermordet. Patrice Lumumba war für nur sieben Monate der Premierminister des eben erst unabhängig gewordenen Kongos, bevor er vor 56 Jahren umgebracht wurde. Er wurde 36 Jahre alt.

Heutzutage ist Lumumbas kurzes politisches Wirken – ebenso wie das seiner ebenfalls kurzlebigen Zeitgenossen Thomas Sankara und Steve Biko – Ausgangspunkt für Debatten über die politischen Möglichkeiten im postkolonialen Afrika, der Rolle charismatischer Anführer und dem Glauben an fortschrittliche Politik an sich.
Die einzelnen Stationen in Lumumbas Leben waren schon endlos oft Gegenstand von Widmungen und Betrachtungen seiner Biographie: als ehemaliger Postarbeiter im kolonialen Kongo wurde er politisiert, nachdem er einer örtlichen Untergruppierung der Belgischen Liberalen Partei beigetreten war. Die Behörden nahmen auf dem Rückweg von einer parteilichen Studienreise in Belgien von seinem aufkeimenden Engagement Notiz und verhafteten ihn aufgrund Veruntreuung finanzieller Mittel des Postamtes. Er musste für zwölf Monate ins Gefängnis.

Der kongolesische Historiker Georges Nzongola-Ntalaja, der während Lumumbas Ermordung die High School besuchte, hebt hervor, dass die Tatvorwürfe erfunden waren. Sie führten lediglich zu Lumumbas Radikalsierung gegen den belgischen Rassismus, jedoch nicht Kolonialismus. Erst nach seiner Entlassung im Jahre 1957, er war inzwischen ein Spirituosenhändler, wurden seine Pläne von einem autonomen Kongo konkreter und half die Kongolesisch-Nationale Bewegung aufzubauen. Dies war die erste politische Vereinigung, die den belgischen Anspruch als Schutzmacht explizit zurückwies, die unabdingbare Unabhängigkeit forderte und Kongos Anspruch auf die eigenen Ressourcen geltend machen wollte (Euro-Amerikanische Firmen beuteten sie im großen Stile aus).

Für die belgische Öffentlichkeit, die die Konflikte der Ethnien des Kongos hervorhob, ihnen jegliche Fähigkeit zur Selbstbestimmung absprach und in den späten 1950er Jahren noch einen 30jährigen Unabhängigkeitsplan hatte, waren Lumumbas Forderungen ein Schock.
Im Dezember 1958, zwei Monate nach seiner Haftentlassung, war Lumumba auf Einladung des Präsidenten Kwame Nkrumah in Ghana, wo jener die Gesamtafrikanische Volkskonferenz einberufen hatte. Dort gab er vor anderen afrikanischen Unabhängigkeitskämpfern folgendes bekannt:

Die Winde der Freiheit, die grade in ganz Afrika wehen, haben auch die Kongolesen nicht unberührt gelassen. Politische Aufmerksamkeit, die bis vor kurzem nur latent vorhanden war, manifestiert sich nun und findet ihren äußeren Ausdruck und sie wird sich in den kommenden Monaten sicherlich noch deutlicher bemerkbar machen. Wir sind uns deshalb der Unterstützung der Massen und des Erfolgs unserer Anstrengungen sicher.

Die Belgier zogen eine Unabhängigkeit des Kongos nur ungern in Erwägung, doch zwei Jahre später, die Kongolesisch-Nationale Bewegung hatte einen entscheidenden Sieg bei den ersten demokratischen Parlamentswahlen errungen, fand sich Lumumba als erster gewählter Premierminister wieder und konnte nun eine Regierung bilden. Der eher moderate Politiker Joseph Kasavubu füllte das weitgehend zeremonielle Amt des Staatspräsidenten aus.
Am 30. Juni 1960, dem Unabhängigkeitstag, hielt Patrice Lumumba eine Rede, die heute als zeitlos betitelt wird. Belgiens König Baudouin eröffnete die Veranstaltung und preiste die grausame Herrschaft seines Ururgroßonkels Leopold II. (8 Millionen Kongolesen starben während seiner Herrschaft von 1885 bis 1908) als mildtätig und hob die Vorteile des Kolonialismus hervor. Er warnte die Kongolesen: „Belastet die Zukunft nicht mit übereilten Reformen.“ Kasavubu danke dem König wie erwartet.
Dann ergriff Lumumba außerplanmäßig das Wort. Was nun passierte war eine der bemerkenswertesten Stellungnahmen gegen Kolonialismus und für eine postkolonialistische Zukunftsvision. Der belgische Schriftsteller Joris Note sagte, die Originalfassung der Rede umfasse nur 1.167 Wörter, doch sage wesentlich mehr aus.
Die erste Hälfte der Rede spannte den Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart: die gemeinsam erfahrene Unterdrückung, das Ende der Geißel des Kolonialismus. Die zweite Hälfte entwarf eine allgemeine Vision für die Zukunft des Landes und rief die Bevölkerung im Angesicht der bevorstehenden Aufgaben zu Geschlossenheit auf.
Am wichtigsten sei, dass das Volk von den natürlichen Ressourcen seines Landes an erster Stelle profitiere „Wir werden sehen, dass das Land unserer Vorfahren seine Kinder wahrhaft begünstigt“, sagte Lumumba, doch die Aufgabe sei, „eine Volkswirtschaft aufzubauen und ihre Unabhängigkeit zu garantieren.“ Politische Rechte würden nun neu formuliert: „Wir sollten uns aller alten Gesetze entledigen und sie durch neue ersetzen, die gerecht und ehrlich sein werden.“

Die kongolesischen Abgeordneten und Radiohörer brachen in Applaus aus. Doch die Rede stieß bei den ehemaligen Kolonialherren auf Missgunst. Weder bei den westlichen Journalisten, den multinationalen Mienenbesitzern, oder den örtlichen Herrschereliten (besonders Kasavubu und die Separatisten im Osten des Landes), noch bei den USA (die ihm jegliche Hilfe gegen die Belgier verwehrten und so in die Arme der Sowjetunion trieben), oder sogar der UN, stieß Lumumbas Rede auf Begeisterung.
Ihre Interessen fanden einen willigen Vollstrecker in Lumumbas Kameraden: dem ehemaligen Journalist und nun Armeeoberhaupt Joseph Mobutu. Zusammen zettelten sie eine Rebellion in der Armee an, stifteten Unzufriedenheit, fungierten Angriffe auf Weiße und riefen eine wirtschaftliche Krise herbei, um im nächsten Schritt Lumumba zu entführen und umzubringen.

Die CIA hatte versucht ihn zu vergiften, beauftragte am Ende jedoch lokale (und belgische) Auftragsmörder mit der Ermordung des Premiers. Er wurde von Mobutus meuternder Armee gefangen genommen, in die abtrünnige Provinz Katanga verschleppt und dort gefoltert, erschossen und getötet.
Im Angesicht seiner Ermordung ergriffen einige seiner Verbündeten, besonders sein ehemaliger Bildungsminister Pierre Mulele, die Kontrolle über Teile des Landes, doch wurde ihr tapferer Kampf von amerikanischen und südafrikanischen Söldnern beendet. (Zu diesem Zeitpunkt startete Che Guevara einen Hilfseinsatz für Muleles Truppen, der jedoch schlussendlich scheiterte.)
Dies ermöglichte Mobutu unter der Maske des Antikommunismus einen repressiven und korrupten Ein-Parteien-Staat auszurufen und mit dem Wohlwollen der USA und des restlichen Westens 32 Jahre lang zu regieren.
Im Februar 2002 drückte die belgische Regierung „ihr tiefstes und ehrlichstes Bedauern und ihre Entschuldigung“ für die Ermordung Lumumbas aus und bestätigte, dass „ein paar Mitglieder der Regierung und einige belgische Akteure zu der Zeit einen unwiderlegbaren Anteil an der Verantwortung für die damaligen Ereignisse hatten.“
Eine belgische Kommission bestätigte außerdem die Aussage, dass „die Ermordung ohne die Zusammenarbeit mit belgischen Offizieren, die von der CIA gedeckt wurden, nicht hätte stattfinden können. Dies deute auf eine moralische Verantwortlichkeit Belgiens für den Mord.
Lumumba hat auch heute noch eine enorme symbolische Bedeutung: er fungiert als Avatar in sozialen Medien, als Meme auf Twitter und als Quelle für inspirierende Zitate – ein perfekter Held (wie Steve Biko), unbefleckt von jeglicher Realpolitik. Er ist im Gegensatz zu Fidel Castro und Thomas Sankara auch frei von jeglicher Kritik, die auf ihre widersprüchliche Haltung zum eigenen undemokratischen Regime abzielt.
Gerade deshalb entzweit Lumumba die Debatte über politische Strategien: er wurde oft als bloß charismatischer Anführer verspottet, ein guter Redner mit kaum strategischen Vorstellungen.

Zum Beispiel im Buch „Congo: An Epic History of a People” des berühmten historisch-fiktionalen Autors David van Reybrouck aus Belgien. Dort charakterisiert er Lumumba als wenig taktisch, nicht staatsmännisch und mehr an Rebellion und Selbstbeweihräucherung interessiert, als an einer vernünftigen Regierung. Ihm wird die Missachtung westlicher Interessen vorgeworfen.

Lumumbas Denunziation des Königs im Juni 1960 habe lediglich seinen Gegner in die Hände gespielt, argumentiert Van Reybrouck. Dass er sich nach dem Abwenden der USA in Richtung Sowjetunion orientiert hat, wird ihm ebenfalls vorgeworfen.
Der Schriftsteller Adam Shatz gibt hingegen folgendes zu bedenken: „Es ist nicht klar wie sich Lumumba in seinen zweieinhalb Monaten Amtszeit im Angesicht einer belgischen Invasion, zweier sezessionistischer Gruppen und einer versteckten Destabilisierungskampagne seitens der USA anders hätte verhalten können.“
Wesentlich unmissverständlicher ist Lumumbas Rolle als Figur des Widerstandes. Sie die Enttäuschung in den afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen (Algerien, Angola, Zimbabwe, Mosambik etc.) einsetzt und neue soziale Bewegungen (#OccupyNigeria, #WorkToWork in Uganda, #FeesMustFall in Südafrika) Gestalt annehmen, dient der Bezug auf Patrice Lumumba zum Beispiel in Form von Bildern als Aufruf zur Rebellion.
In Lumumbas Heimat Kongo wehren sich gewöhnliche Bürger gegen den Versuch des Präsidenten Joseph Kabila die Verfassung auszuhebeln. (Seine letzte verfassungsgemäße Amtszeit endete im Dezember, doch er tritt nicht ab.) Hunderte wurden von der Polizei getötet, tausende inhaftiert. Kabila, der die Regierung von seinem Vater, der Mobutu abgesetzt hatte, übertragen bekam, nutzt die Schwäche der Opposition aus, stellt sich auf die Seite einzelner Ethnien und spaltet so den Kongo politisch. In dieser Hinsicht steht er Mobutu oder den Belgiern in wenig nach.

An diesem Punkt kann Lumumbas Erbe durchaus nützlich sein. Seine Kongolesisch-Nationale Bewegung war die einzige Partei im Kongo, die den Menschen eine nationale Lösung jenseits von ethnischen Problemen anbot und so die Kongolesen um ein progressives ideal sammeln konnte. Solche Bewegungen und Parteien sind heutzutage im Kongo Mangelware.
Doch Lumumbas Geschichte ist weitaus mehr als eine Einladung sich das Potenzial früherer und heutiger Organisationen anzugucken, sie gibt uns auch die Möglichkeit von dem Fehler Abstand zu nehmen, zu viel in Führungspersonen wie Lumumba zu projizieren. Leute wie er hatten ein schwieriges politisches Leben und wurden nicht mit dem Chaos einer postkolonialen Regierung konfrontiert. Das bedeutet auch, tragische politische Anführer als Menschen zu betrachten. Um es mit den Worten des Politologen Adolph Reed Jr. hinsichtlich Malcom X zu sagen:

Er war genau wie wir – ein ganz normaler Mensch ausgestattet mit einem nicht perfekten Wissen, menschlichen Schwächen und sich teils widersprechenden Ideen, aber dennoch versuchte er den Sinn seiner persönlichen Geschichte zu finden, ihn ohne Erfolg zu überwinden und darum kämpfend es ist eine humane Richtung zu lenken.

Im Grunde gilt es Patrice Lumumbas dringendsten Wunsch zu erfüllen, den er 1960, vielleicht aus Selbstreflexion heraus, in einem Brief an seine Frau aus dem Gefängnis heraus formuliert hat:

Der Tag wird kommen, an dem die Geschichte spricht. Aber es wird nicht die Geschichte sein, die in Brüssel, Paris, Washington oder der UN gelehrt wurd. Es wird die Geschichte sein, welche in den Ländern gelehrt wird, die Freiheit gewonnen haben vom Kolonialismus und seinen Marrionetten. Afrika wird seine eigene Geschichte schreiben und sowohl im Nord als auch im Süden wird es eine Geschichte von Ruhm und Würde sein.

Erstveröffentlicht im Jacobin Mag, übersetzt von Felix Wittmeier.

Über den Autor

Ein Kommentar