Nord-Stream-Anschlag – Gebremster Wissensdurst bei der Tätersuche

Mit den Anschlägen auf die Erdgasleitungen Nord Stream 1 und 2 nahe der dänischen Insel Bornholm sind die direkten Lieferverbindungen aus Russland nach Deutschland nach ihrer politisch bedingten Stilllegung nun auch physisch gekappt worden. Klar ist, dass die Tat Kapazitäten voraussetzt, die lediglich staatlichen Stellen zur Verfügung stehen – U-Boote oder Marinetaucher. Dazu, wer aber die Anschläge verübt hat, bei denen am Montag wohl große Löcher in die Pipelines gesprengt wurden, ist nichts bekannt.

Ermittelt werden sollte in alle Richtungen.

Unterschiedliche Reaktionen

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Anschläge gab es einige, die zwar nichts wussten, aber sich dennoch sicher waren zu wissen, wer da dahinter steckt: Bei Markus Lanz etwa gab ein vermeintlicher Militärexperte, namens Christian Mölling zum Besten: „Alles das spricht dafür, dass wir es hier wahrscheinlich mit Russland als Täter zu tun haben.“ Ähnliche Schnellschüsse gab es in verschiedenen anderen Medien. Auffällig war allerdings, dass die Bundesregierung mit Aussagen sehr zurückhaltend war. In Berlin wurde „gewarnt, zu rasche Schlüsse zu ziehen“. Auch die schwedische und die dänische Regierung waren offenbar darauf bedacht, die Stimmung nicht durch Mutmaßungen anzuheizen.

Das gilt allerdings nicht für das politische Spitzenpersonal der EU. In den Erklärungen von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und des Außenbeauftragten Josep Borrell wurde Russland zwar nicht explizit als Täter genannt. Aus der Tonlage der Erklärungen war jedoch zu erkennen, dass für sie Russland der Hauptverdächtige war. Ursula von der Leyen erklärte, „jede vorsätzliche Störung der aktiven europäischen Energieinfrastruktur“ sei für Brüssel völlig „inakzeptabel“ und werde „zu der schärfsten möglichen Antwort führen“. Josep Borrell erklärte, jeder Eingriff in die EU-Energieversorgung werde zuverlässig „mit einer robusten und gemeinsamen Reaktion beantwortet werden“.

Schnell nachlassendes Interesse

In den zwei bis drei Tagen nach dem Anschlag wurde noch auf allen Kanälen und in allen Blättern breit darüber berichtet. Danach verschwand das Thema aus der Tagesschau und den Heute Nachrichten. Den Printmedien war das Thema allenfalls noch eine Kurzmeldung auf Seite 7 wert. Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass die Ermittlungen auf Hochtouren laufen. Daten gibt es wohl in Hülle und Fülle. Die Ostsee gehört zu den am besten überwachten Gewässern auf diesem Planeten. Nicht nur an der Oberfläche, wo sich kein Schiff bewegen dürfte, ohne jederzeit wahrgenommen zu werden. Auch unter Wasser, wo Sonar und Unterwassermikrofone dazu dienen, Bewegungen von U-Booten zu überwachen. Man kann davon ausgehen, dass in diesen Tagen kein Über- oder Unterwasserfahrzeug die Häfen von St. Petersburg oder Kaliningrad Richtung Bornholm verlassen kann, ohne dass es von den Sonar- und Unterwassermikrophonen der NATO auf Herz und Nieren geprüft wird. Jens Berger von den NachDenkSeiten bemerkte dazu: „In der Ostsee kann man – ein wenig überspitzt formuliert – schließlich ‚keinen Furz lassen‘, ohne dass dies von einer der zahlreichen militärischen und zivilen Mess- und Sensorstationen aufgezeichnet wird.“

Wir dürfen davon ausgehen, dass in den Tagen nach dem Anschlag diese Datenflut akribisch darauf hin untersucht wurde, ob da nicht ein russisches Schiff in den fraglichen Gewässern unterwegs war. Das doch recht schnell eintretende Verstummen der Medien über die Anschläge könnte ein Indiz dafür sein, dass die Auswertung aller Daten nichts für Russland Belastendes erbracht hat.

Wie wär‘ es mit „In alle Richtungen ermitteln“?

Nun, wenn es sich hier um einen „Tatort“ in der ARD handeln würde, so würde in einer Situation, in der es keinerlei Hinweise darauf gibt, wer die Täter sein könnten, natürlich nicht nur in eine, sondern in alle Richtungen ermittelt. Also auch in Richtung USA. Im Unterschied zu Russland sind im Fall der USA mittlerweile wirklich ein paar Umstände bekannt geworden, die einen „Tatort“-Kommissar veranlassen würden, hier mal genauer hinzusehen.

Da wäre zum Beispiel die Twitter-Meldung von Radek Sikorski, dem derzeitigen Europaparlamentarier und ehemaligen Verteidigungs- und Außenminister Polens. Sikorski, ein konservativer Atlantiker, kommentierte ein Foto von aufsteigendem Gas in der Ostsee mit dem Spruch „Thank you, USA“ – was unterstellt, dass die USA der Täter sei. Sikorski ist seit langem ein Gegner der Nord-Stream-Leitungen. Als Ehemann der prominenten konservativen amerikanischen Journalistin Anne Applebaum dürfte er gut über die USA informiert sein. Sikorski verweist auf ein Interview von US-Präsident Joseph Biden vom 7. Februar 2022. Damals hatte Biden während des Besuchs von Kanzler Scholz in USA geäußert: „Wenn Russland einmarschiert … dann wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben. Wir werden dem ein Ende setzen“. Auf die Frage eines Reporters „Aber wie wollen Sie das genau machen, da … das Projekt unter deutscher Kontrolle steht?“ antwortete Biden: „Ich darf ihnen versprechen, dass wir in der Lage sein werden, das zu tun.“

Was wollte die US-Marine im Seegebiet um Bornholm?

Der Verdacht von „Tatort“-Ermittlern würde auch durch den Umstand genährt, dass von Anfang bis Mitte Juni in der Ostsee das jährliche NATO-Manöver Baltops stattfand. Unter dem Kommando der 6. US-Flotte nahmen in diesem Jahr 47 Kriegsschiffe an der Übung teil, darunter der US-Flottenverband rund um den Hubschrauberträger USS Kearsarge. Von besonderer Bedeutung ist dabei ein bestimmtes Manöver, das von der Task Force 68 der 6. Flotte durchgeführt wurde – einer Spezialeinheit für Kampfmittelbeseitigung und Unterwasseroperationen der U.S. Marines, also genau die Einheit, die die erste Adresse für einen Sabotageakt an einer Unterwasserpipeline wäre.

Wie das Fachblatt „Seapower“ berichtete, war im Juni dieses Jahres genau diese Einheit vor der Insel Bornholm mit einem Manöver beschäftigt, bei dem man mit unbemannten Unterwasserfahrzeugen operierte. Wie der Zufall es will, war genau jene Einsatzgruppe rund um das Kriegsschiff USS- Kearsarge in der letzten Woche abermals im Seegebiet um Bornholm. Das letzte öffentlich verfügbare Positionssignal kam am letzten Mittwoch von einer Position, keine zehn Seemeilen von Bornholm entfernt. Seitdem haben die Schiffe des Flottenverbandes ihr automatisches Identifikationssystem AIS ausgeschaltet. Für die Seeraumüberwachung der Anrainerstaaten sind sie natürlich dennoch zu orten.

Verstörende Äußerungen eines Außenministers

Hinzu kommen jüngste Äußerungen von US-Außenminister Antony J. Blinken bei einem Treffen mit seiner kanadischen Amtskollegin Mélanie Joly in Washington. Kanadische und US-Reporter befragten Blinken nach dessen Einschätzung zu den Vorfällen rund um die Explosion der Nord-Stream-Pipelines und was die USA tun könnten, um die daraus entstandene Notlage der europäischen Verbündeten zu lindern. Blinken erklärte daraufhin freimütig: „Wir sind jetzt der führende Lieferant von Flüssigerdgas für Europa (…). Dies ist auch eine enorme Chance. Es ist eine enorme Chance, die Abhängigkeit von russischer Energie ein für alle Mal zu beseitigen und damit Wladimir Putin die Bewaffnung der Energie als Mittel zur Durchsetzung seiner imperialen Pläne zu nehmen. Das ist sehr bedeutsam und bietet eine enorme strategische Chance für die kommenden Jahre.“

Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen: Der US-Außenminister bezeichnet ganz offen die gewaltsame Zerstörung eines der zentralen europäischen Energieversorgungsnetze (also einen terroristischen Sabotageakt) als „enorme strategische Chance“. Was wäre los, wenn der russische Außenminister Lawrow solche Äußerungen tätigte.

Was würde ein „Tatort“-Kommissar tun?

Die Aussage Blinkens führt die gesamte Darstellungsweise bei ARD, ZDF, SPIEGEL & Co ad absurdum, die nicht müde werden zu betonen, dass die USA keinerlei Motiv hätten, die Nord-Stream-Pipelines zu sabotieren. Der US-Außenminister hat mit seiner Aussage all diese Bemühungen über den Haufen geworfen. Denn wie von Blinken dargelegt, bietet die mutmaßliche Zerstörung der Pipelines die einzigartige Möglichkeit, dass die USA, erstmals in der Geschichte, ein Quasi-Gasmonopol in Europa etablieren können, auf Grundlage ihrer kürzlich noch darbenden LNG-Industrie.

Es ist einerseits befremdlich, andererseits wenig überraschend, dass diese Aussagen Blinkens ebenso wie die oben genannten Fakten in der deutschen Presse kein Thema sind. Für einen ehrlichen, unbestechlichen „Tatort“-Kommissar wäre das jedenfalls ein Grund, Blinken zur Vernehmung vorzuladen und von der NATO die Herausgabe ihrer Aufzeichnungen aus dem Gebiet rund um Bornholm zu verlangen. Aber der „Tatort“ ist nun mal Fiktion. Im realen Leben laufen die Dinge anders. Wenn kein Wunder passiert, wird das Thema „Sabotage an Nordstream 1 und 2“ beerdigt und geht als mythenumwobenes Geheimnis in die Geschichte ein. Es sei denn, es gäbe in Dänemark oder Schweden couragierte investigative Journalisten und in den Reihen der NATO einen Whistleblower, der oder die den Mut hat, als „top secret“ markierte Daten durchzustechen. Aber das wäre wohl zu schön, um wahr zu sein.

Änderung: Im Teaser stand zunächst, Bornholm sei eine schwedische Insel; sie ist dänisch. Wir haben das korrigiert.

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