Bild von Ratna Fitry auf Pixabay

Mit Kind und Studium durch die Pandemie

Als Mitte März letzten Jahres aufgrund der Pandemie die Kitas und Schulen von heute auf morgen geschlossen wurden, saß Laura Höh alleine mit ihrem Kind zu Hause. Plötzlich war sie „nur“ Mutter.

Eigentlich hätte ich noch für Klausuren lernen müssen, aber wie soll das gelingen, wenn man ein Kleinkind bespaßen muss, drei mal am Tag eine vollwertige Mahlzeit zubereiten und die Bude in Ordnung halten will? Die Antwort ist ganz einfach: gar nicht. Und so stellte ich meine Bedürfnisse hinten an und war wieder vor allem eins: Mutter. Ich hasse diese Rolle, diese Rolle als alles, was mich definiert, was ich bin und mache. Das hatte ich mir nicht ausgesucht und war so auch nicht abgesprochen. Aber was gab es da auch schon groß zu bereden und vor allem mit wem? Es war natürlich klar, dass ich mich hauptsächlich um die Kinderbetreuung kümmern werde, da mein Studium im Gegensatz zur Lohnarbeit meines Partners gerade nicht überlebenswichtig für unser Familie war. Aber vielleicht hätte man mal drüber reden können, welche Tätigkeiten gerade gesellschaftlich wichtig sind und auf welche wir für ein paar Wochen und Monate verzichten können. Ja, ich hätte gerne mit meinen Mitmenschen ausgehandelt, wie wir solidarisch durch diese Krise kommen. Aber leider war die Marschrichtung vorgegeben, die Wirtschaft muss brummen, Profite müssen her. Die Entscheidung, wie bei uns zu Hause die Aufgaben verteilt werden, hat uns der Kapitalismus abgenommen.

Während ich den ganzen Tag damit zubrachte, die vielen alltäglichen Aufgaben bewältigt zu bekommen, musste ich zusehen, wie meine Kommiliton*innen in den digitalen Raum auswichen und nun dort ihr Studium weiterführen konnten. Eine Technik, die vorher dazu hätte dienen können, die Vereinbarkeit von Studium und Kind zu verbessern, führte jetzt dazu, dass alle so weitermachen konnten wie bisher – nur Menschen mit Sorgeverantwortung nicht. Eine Technik ist eben immer nur so gut wie die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie zur Anwendung kommt. So waren Eltern plötzlich völlig isoliert, alleine mit ihren Kindern in den eigenen vier Wänden, unsichtbar für große Teile der Politik. So ist es nicht verwunderlich, dass viele bis heute auf Unterstützungsangebote warten. Stattdessen sind insbesondere Alleinerziehende seit einem Jahr dazu gezwungen, jeden Tag wieder über ihre Belastungsgrenze zu gehen. Unter diesen Bedingungen kann niemand eine gute Mutter sein. Gefangen in einer Spirale aus Müdigkeit, Frustration und schlechtem Gewissen schleppt man sich bis zur nächsten Kita-Teilöffnung.

Darunter leiden nicht nur Mütter, sondern auch Kinder, deren Bedürfnisse in dieser Pandemie von der Politik immer so gedreht werden, dass sie gerade für die anstehenden politischen Entscheidung passen. Mein Sohn hat wochenlang auf gleichaltrige Kontakte verzichtet. Wir waren solidarisch und haben Kontakte reduziert. Aber so langsam frage ich mich, wofür? Es ist immer noch kein Ende der Pandemie in Sicht und die Politik schafft es auch nicht, eine Perspektive aufzuzeigen. Die Pandemie wird nicht einfach vorüber gehen, ohne weiteren 2,5 Millionen Menschen den Tod zu bringen. Wir leben in einer menschengemachten Welt und sollten endlich anfangen, uns auch so zu verhalten. Wir sollten anfangen, unsere Lebensumstände selbst zu bestimmen.

Dieser Beitrag von Laura Höh erschien in gedruckter Form in der Critica.

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