Der Fisch stinkt vom Kopf her

26. März 2018 - 16:35 | | Meinungsstark | 1 Kommentare

Die Deutsche-Bahn-AG leidet unter falschem Spitzenmanagement – Grubes Abgang spricht Bände! Dieser Tage stellte die Deutsche Bahn AG ihre Bilanz für das Geschäftsjahr 2017 vor. Gleichzeitig präsentierte das Bündnis „Bahn für Alle“ den 11. Alternativen Geschäftsbericht für den Staatskonzern. Die Kritik an der Führung des größten öffentlichen Unternehmens hat es in sich:

Inkompetenz im Kerngeschäft schlägt sich in der Bilanz nieder: die Schulden wachsen rekordverdächtig, die Pünktlichkeit ist miserabel (unter 80%) und bei Stürmen oder Schnee wird der Zugverkehr immer öfter komplett eingestellt. Und: Ex-Bahnchef Grube erhielt für seinen vorzeitige Ausstieg eine 2,25-Millionen schwere Abfindung.[i]

Damit ist nun übrigens in der Bahn-Spitze keiner mehr von denjenigen, die vehement und mit allen Tricks dafür gesorgt haben, dass Stuttgart21 durchgesetzt wird. Und das, obwohl das Projekt Tunnelbahnhof – sollte es jemals fertig werden – die Kapazität für den Bahnverkehr deutlich reduziert und einen Engpass schafft für den Ausbau des ÖPNV und den bundesweit vertakteten Bahnverkehr.

Dazu passt die ganz aktuelle Enthüllung, dass Rüdiger Grube kurz nach seinem Ausscheiden die Tunnelbau-Firma des Bahnprojektes Stuttgart 21 berät. Erst legt der Ex-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG mit dem Weiterbau von S21 ein höchst unwirtschaftliches und bahnschädliches Ei ins Nest, dann „haut er in den Sack“ und jetzt erweist er sich als „Doppelagent“ für den S21-Profiteur Herrenknecht.

Der Aufsichtsrat hatte dem plötzlichen Abgang des Bahnchefs übrigens einstimmig (!) seinen Segen erteilt, indem er der Bitte Grubes entsprach, mit sofortiger Wirkung seinen laufenden Vertrag durch eine Auflösungsvereinbarung zu beenden. Dieser Beschluss war die Grundlage dafür, dass Grube für seine Flucht aus der Verantwortung auch noch eine mehr als satte Abfindung erhielt. All das unter den Augen und unter Mitwirkung von Ex-Staatssekretär Odenwald, der jetzt Aufsichtsratsvorsitzender werden soll. Dieser ist vom Bundesverkehrsminister entsandt seit 2012 im Aufsichtsrat der DB-AG und sowohl im Präsidial- als auch im Personalausschuss. Die Bundesregierung war im Boot und sorgt jetzt für Kontinuität.

Eine schlimme Kontinuität auch, was den jeweiligen „Erfahrungshintergrund“ des vom Bund platzierten Spitzenpersonals betrifft:

Bild: Sabine Leidig

Immer wieder wurden Top-Personen ins Bahn-Management geholt aus Bereichen, die in Konkurrenz zur Schiene stehen, oder in Konkurrenz zum Allgemeinwohl. Das ist nicht akzeptabel, weil damit die Entwicklung der Bahn ausgebremst werden kann, zumindest aber zukunftsfähiger Schienenverkehr nicht optimal organisiert wird. Die Bahnchefs Heinz Dürr und Rüdiger Grube kamen direkt aus dem Daimler-Konzern an die Spitze der DB-AG; Hartmut Mehdorn hatte vor dem Antritt als neuer Bahnchef auf eine lange Laufbahn in der Luftfahrtbranche. Im November 2017 gab die Deutsche Bahn AG bekannt, dass künftig Alexander Doll im Vorstand die Geschäftsfelder DB Cargo und DB Schenker verantwortet. Dieser war im Zeitraum 2001 bis 2009 in führenden Positionen bei der Schweizer Bank UBS tätig und danach bei der Investmentbank Lazard. Er hatte den „Global-Player-Kurs“ der Deutsche Bahn AG eingefädelt und war maßgeblich am geplanten Börsengang beteiligt. Der neue Logistik-Vorstand der Deutschen Bahn AG ist also der alte Investmentbanker.

Wenn eine sozialökologische Verkehrswende gelingen soll, muss die Bahn mit Kompetenz und Begeisterung ausgebaut werden – und zwar als Ersatz für LKW-Kolonnen, Flugverkehr und Autoreisen. So lange Leute an die Spitze des Bahnkonzerns gesetzt werden, die solche Ziele nicht verkörpern, wird das nichts.

Im Verkehrsausschuss stimmte die GroKo gegen den Wunsch der Opposition, sich mit der Grube-Abfindung zu befassen – dabei könnten wichtige Lehren daraus gezogen werden. Und sowohl CDU/CSU/SPD argumentierten auch knallhart gegen unseren Antrag, Gutachten zu den Risiken von Stuttgart 21offen zu legen. Von Transparenz  keine Spur; alles wie gehabt.
Dabei verspricht die SPD im Koalitionsvertrag die Neuausrichtung des größten öffentlichen Konzerns. Aber die großspurigen Versprechen bleiben leer, so lange „der Fisch vom Kopf her stinkt“. Wir brauchen endlich demokratische Kontrolle und Steuerung der Bahn! mit volkswirtschaftlichen Zielen, bahnkompetenten Vorständen und demokratischer Kontrolle. Das Bündnis „Bahn für alle“ (www.bahn-fuer-alle.de) wäre dafür eine gute Adresse.“ Der ganz oben genannte, äußerst gehaltvolle und lesenswerte Alternative Geschäftsbericht ist durchaus schon ein vorbildlicher Akt demokratischer Kontrolle, wenn auch ohne den nötigen institutionellen Rang: http://www.bahn-fuer-alle.de/media/docs/2018/AltGeschBer%20201718.pdf

[i] Warum Grube ging wird wohl nie wirklich ergründet. Offiziell wurde sein Rückzug damit begründet, dass sein Vertrag nicht um drei Jahre verlängert werden sollte, sondern nur um zwei (er also „bereits“ im Alter von 68 Jahren anstelle mit 69 in den Ruhestand gehen sollte).

In dem Abschiedsbrief bittet der Ex-Bahnchef diese 300.000 „Kolleginnen und Kollegen“ um „Verständnis“ dafür, dass er Knall auf Fall den Konzern verlässt. Dies gipfelt in dem Satz: „Wie Sie wissen, komme ich vom Bauernhof. Da habe ich gelernt, was Geradlinigkeit und zu seinem Wort stehen bedeutet.“ Das ist wahrlich zynisch. Würde ein Bahnbeschäftigter, der wichtige Aufgabe hat, auf vergleichbare Art und Weise das Unternehmen verlassen, dann würde das zu Recht als verantwortungslos gebrandmarkt werden. Ein Stellwerker zum Beispiel, der in der Mittagspause ein unerfreuliches Gespräch mit dem Chef hat und sofort nach Hause geht. Oder ein Lokführer, der erfährt, dass sein Versetzungsantrag abgelehnt wurde und seinen Zug am nächsten Bahnhof stehen lässt. Würden kurzfristige Kündigungen von Beschäftigten nach dem Motto „Macht doch Euern Dreck alleene!“ Schule machen, dann würde der Eisenbahnverkehr schlicht kollabieren.

Noch eingravierender Unterschied: der Ex-Bahnchefs erhielt zuletzt über 2,4 Millionen Euro Vergütungen im Jahr (900.000 Euro feste + 522.000 Euro variable Vergütung + 15.000 geldwerte Vorteile + 997.000 „Zuführungen zu den Pensionsrückstellungen“). Die „Kolleginnen und Kollegen“, an die Grube sein Rundschreiben adressiert, sind Zugbegleiter mit rund 24.000, Lokführer mit 33.000 oder Mitarbeiter, die für 16.000 die DB-Kantinen putzen – jeweils netto und aufs Jahr hochgerechnet.

 

 

 

Über den Autor

Sabine Leidig ist Bundestagsabgeordnete der Linken und Sprecherin für soziale Bewegungen in der Linksfraktion.
Ihr findet mich auf: Twitter Facebook

Ein Kommentar