Das Leben von Kindern vor das Profitstreben stellen

22. Februar 2018 - 13:45 | | Meinungsstark | 0 Kommentare
Kinder in Afghanistan, Foto: Pixabay.de

„Kinder sind unsere Zukunft“, nimmt man diese Binsenweisheit ernst, so sieht unsere Zukunft finster aus. Aber nicht erst die Zukunft ist finster, die Gegenwart ist es bereits in einem kaum vorstellbaren Ausmaß. Das Trauma der Gewalt, Zerstörung und Tod, das Kinder erleben müssen, ist eine klaffende Wunde unserer Zeit. Gewaltvolle Auseinandersetzungen und bewaffnete Konflikte werden für Kinder zunehmend brutaler und immer mehr von ihnen sind betroffen.

Als ich diesen Monat den Bericht von Save the Children (größte unabhängige Kinderrechtsorganisation der Welt) las, packte mich eine riesige Erschütterung. Mein Wissen um die Konsequenzen globaler sozialer Ungleichheit und Krieg bewahrte mich nicht vor erneuter Fassungslosigkeit.

Mittlerweile wächst jedes sechste Kind weltweit in Krisenregionen auf. Laut ‚Save the Children‘ sind 357 Millionen Kinder gezwungen, im Krieg aufzuwachsen. Das sind 75 Prozent mehr als noch Anfang der 1990er Jahre. Betroffen sind derzeit vor allem Kinder in Syrien, Afghanistan und Somalia, aber nun auch vermehrt im Jemen. Die Anzahl von in Kriegen getöteten oder verletzten Kindern ist seit 2010 um 300 Prozent gestiegen, die Zahl der Kinder, denen Zugang zu humanitärer Hilfe verwehrt wird, sogar um 1.500 Prozent.

Die Ergebnisse der Studie, die sich auf Daten der UNO und des Friedensforschungsinstituts Oslo stützt, sind ein absolutes Armutszeugnis auch für die deutsche Bundesregierung. Die redet viel und blumig von Kinderrechten und deren Verteidigung, weint Krokodilstränen, trägt zu der tatsächlichen Verwirklichung ihres Rechts auf eine Zukunft aber kaum etwas bei.

Im Gegenteil. Vielmehr sind deutsche Rüstungsexporte und damit diejenigen, die sie genehmigt haben, direkt mitschuldig an der Misere, in der Millionen von Kindern weltweit aufwachsen und durch die sie für den Rest ihres Lebens gezeichnet sind.

Tötungen und Verstümmelungen, Einsatz von Kindern beim Militär und bewaffneten Gruppen, sexuelle Gewalt, Entführungen, Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser und verweigerter Zugang zu humanitärer Hilfe deuten als Schlagworte hier lediglich das Ausmaß der Grausamkeit an. Der Bundesregierung fällt, über diese Grausamkeiten wohl Bescheid wissend, nichts anderes ein, als mit Ignoranz zu reagieren.

Das, was CDU, CSU und SPD im Koalitionsvertrag vereinbart haben, widerspricht nicht nur allen vollmundigen Ankündigungen, sondern ist in der Konsequenz ein Verbrechen. Wer vorgibt, Kinder und ihre Rechte zu schützen, darf sich nicht weiter an Kriegen überall auf der Welt beteiligen. Das ist die blutige Realität, wenn geopolitische Interessen über den Leben von Kindern stehen.

Die Bundesregierung darf nicht nur von den Übeltaten anderer sprechen, sie muss selbst ihre Politik grundlegend ändern. Tut sie das nicht, macht sie sich weiterhin mitschuldig am Tod und am Leid von Millionen von Kindern.
Auch deshalb ist es mehr als geboten, dass die künftige Bundesregierung einen sofortigen Rüstungsexportstopp verhängt, insbesondere in Kriegs- und Krisengebiete.

Die Weltgemeinschaft hat darüber hinaus keinerlei Fortschritte gemacht, was die Bekämpfung von Hunger als Hauptursache von Kindersterblichkeit betrifft.

Die Vereinten Nationen hatten sich zum Ziel gesetzt, die Anzahl der Hungernden weltweit bis 2015 zu halbieren – in absoluten Zahlen leiden heute aber sogar mehr Menschen an Hunger als vor 25 Jahren. Etwa 805 Millionen Menschen sind chronisch unterernährt. Es sterben mehr Menschen an Hunger als an AIDS, Malaria und Tuberkulose zusammen. Besonders betroffen sind Kinder. Unterernährung trägt jährlich zum Tod von 2,6 Millionen Kindern unter fünf Jahren bei. Das heißt, dass alle zehn Sekunden ein Kind an den Folgen von Hunger stirbt.
Bedenkt man, dass die Weltlandwirtschaft problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren könnte, ist die Aussage von Jean Ziegler, dem ehemaligen UN Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, wonach ein Kind, welches heutzutage an Hunger stirbt, ermordet wird, nicht von der Hand zu weisen.

Katastrophen wie Hunger, Dürren und Kriege sind Folgen der gegenwärtig herrschenden Weltwirtschaftsordnung, die alles dem Profitstreben unterordnet und die Lebensgrundlagen von Milliarden Menschen vernichtet. Der Welthunger-Index zeigt, dass viele der Länder, in denen sowieso schon am meisten gehungert wird, auch am stärksten von Klimakatastrophen betroffen sind. Hier wirkt sowohl unsere Lebensweise aber auch die Art, wie wir produzieren und konsumieren, insbesondere auf jene ein, die sowieso schon abgehängt sind. Den Betroffenen bleibt oft nichts anderes übrig, als ihre Heimat zu verlassen und den schweren und gefährlichen Weg der Flucht antreten.

Die Erschütterung und Fassungslosigkeit über die grausamen Verhältnisse von Kindern sind verständlich. Auch wenn ich der Meinung bin, dass Politik als grundsätzlich emotionsbezogen gedacht werden kann, handelt es sich hier nicht um einen reinen Emotionsdiskurs. Die „Emotionen“ der herrschenden Politikerinnen und Politiker machen die Instrumentalisierungszusammenhänge mehr als deutlich. Denn das Sterben von Kindern ist menschen- und politikgemacht. Das heißt im Umkehrschluss, dass es gestoppt werden kann. Hierfür ist eine Politik erforderlich, die sich konsequent mit den großen Konzernen anlegen, ob es die Rüstungsschmieden oder multinationale Konzerne wie Monsanto sind.

Über den Autor

Landessprecherin DIE LINKE Hamburg und Mitglied im deutschen Bundestag. Homepage: www.zaklin-nastic.de/
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